Wer Schweizer Fernsehen schaut - und wer nicht

Welche Kanäle man einschaltet, hat mehr mit Politik zu tun, als man denkt.

Text: Markus Freitag 07. Januar 2026

Markus Freitag

Netflix, Youtube oder Twitch zum Trotz: Das Fernsehen ist wieder in aller Munde. Dank der Halbierungsinitiative erlebt das herkömmliche TV-Glotzen eine regelrechte Renaissance. Und das noch vor dem Sommer, wenn die Flimmerkiste ohnehin wieder Lagerfeuerromantik entzündet und das Schweizervolk mit Identität erfüllt. Dann wird nämlich die Fussballweltmeisterschaft gefeiert, und wir schalten wochenlang den Fernseher an, um mit der Nati linear mitzufiebern.

Gleiches gilt natürlich auch für die zurzeit wilden Ritte von Camille, Wendy, Franjo und Odi. Gastgeberin ist im Übrigen jeweils die Schweizerische Rundspruchgesellschaft (SRG), die uns durch die Übertragung sportlicher Highlights zusammenschweisst. Genau dieser Institution soll es jetzt aber demnächst per Volksinitiative an den Kragen gehen. Das Budget soll halbiert werden. Schluss mit lustig. Ende Gelände. Aber Moment! Interessiert Sie das eigentlich? Schauen Sie überhaupt SRF 1, 2 oder Info? Oder haben Sie es eher mit den Privaten?

Die Befürworterinnen und Befürworter der Initiative führen ins Feld, dass die Schweizer Bevölkerung die höchsten Radio- und Fernsehgebühren weltweit berappen müsse. Dabei konsumierten hierzulande immer weniger Menschen - insbesondere junge - SRG-Formate. Zudem schnüre die SRG mit ihrem grosszügig finanzierten Service public privaten Anbietern die Luft ab. Angeprangert wird auch, dass Unternehmen für eine Leistung zahlen müssten, die sie gar nicht bezögen.

Die Gegnerinnen und Gegner argumentieren wiederum, dass es in den momentan unruhigen Zeiten, in denen Desinformationen und Fake News verbreitet würden, einen starken Journalismus brauche. Sie erinnern zusätzlich an die vielfältigen regionalen Angebote, die Brücken schlügen und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitrügen. Bei Annahme der Initiative könnten diese ebenso wie auch die Sportsendungen dem Rotstift zum Opfer fallen. Interessierte müssten sich dann anderswo ein Abo sichern, um nicht in die Röhre zu schauen.

Unbestritten wird die Mattscheibe seit jeher scharf beobachtet. Angetrieben von Nina Hagens «TV-Glotzer», bemängeln skeptische Geister bis heute, dass der Fernsehkonsum die Teilnahme am staatsbürgerlichen Leben einschränke. Zudem schürten vor allem die im Fernsehen breitgetretenen politischen Skandale ein Gefühl der Politikverdrossenheit und förderten die Abkehr von denen da oben. Umgekehrt lassen optimistischere Meinungen aber gern verlauten, dass die Berichterstattung das Interesse des Publikums und das politische Engagement steigern könne.

Selbstverständlich lassen sich nicht alle Sender und Empfänger über einen Kamm scheren. Nicht selten wird die Malaise des Fernsehens deshalb gern den kommerziellen Anbietern angelastet. Und oftmals bleibt auch weitgehend unklar, ob die Menschen ihre Überzeugungen durch den Fernsehkonsum ändern oder ob die Sendeanstalten nicht vielmehr zum Sammelbecken all derer werden, die ohnehin unzufrieden und misstrauisch sind oder dem Politikalltag einfach entfliehen möchten.

Eigene Auswertungen zeigen, dass mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit zunimmt, SRF oder RTL einzuschalten. 3+ hingegen zieht eher die Jungen an. Allerdings ist die Auswahl der Programme nicht vom Wohnort abhängig. Es spielt also keine Rolle, ob die Fernbedienung auf dem Land, in der Agglomeration oder in der Stadt betätigt wird. Aber je weiter rechts sich die Menschen im Politspektrum verorten, desto eher zappen sie zu den Privaten oder auch zu SRF Info. Für das Schauen von SRF 1 und 2 ist es hingegen unerheblich, ob die Welt vornehmlich mit dem linken oder mit dem rechten Auge wahrgenommen wird.

Dazu verraten die Zahlen: Wer die drei Kanäle des Schweizer Fernsehens wählt, ist politisch interessiert, vertraut dem Bundesrat, ist mit der Demokratie zufrieden und nimmt gern an Abstimmungen teil. Bei den Fans von RTL und 3+ finden sich dafür keine Anzeichen. Was heisst das nun für die Halbierungsinitiative?

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.

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Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).
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