Entscheiden Sie oft emotional?

Wer links steht, fühlt Angst und Freude anders als Rechtsstehende.

Text: Markus Freitag 05. Dezember 2025

Markus Freitag

Nicht umsonst trommelt die Schweizerische Vereinigung für politische Wissenschaft für ihre diesjährige Jahrestagung zum Thema «Emotionale Politik» die akademische Prominenz aus nah und fern zusammen. Mit kühlem Kopf wird dann ein heisses Eisen angefasst, denn «in der Politik sind Emotionen Fakten», wie der ehemalige deutsche Politiker Heiner Geissler gerne verlauten liess.

Gefühle und Stimmungen der Bürgerinnen und Bürger haben in der Politik oft eine ebenso entscheidende Wirkung wie reine Zahlen, Statistiken oder rationale Argumente. Wenn Menschen sich emotional betroffen fühlen, beeinflusst dies ihre Überzeugungen und ihr Verhalten. Das schafft politische Realitäten und fordert politische Entscheidungen heraus. Heute wohl noch mehr denn je. Oder sehen Sie das anders? Entscheiden Sie nicht auch hin und wieder aus dem Bauch heraus?

Emotionen werden allgemein durch das Zusammenspiel persönlicher Ziele mit den Beschränkungen und Möglichkeiten der Umgebung ausgelöst. Erreichen wir unsere Vorgaben, stellen sich Freude, Hoffnung oder Stolz ein. Das Erleben dieser positiven Emotionen zementiert unsere bisherigen Ansichten und Handlungen. Sind die gesteckten Ziele hingegen in Gefahr, kriegen wir es mit der Angst zu tun. In diesem Zustand setzen wir die bisherigen Routinen aus und suchen nach neuen Informationen, um die Bedrohung und die damit einhergehende Unsicherheit zu verringern.

Bleiben unsere Erwartungen hingegen sogar unerfüllt, empfinden wir Gefühle wie Wut, Verachtung, Frustration oder Ekel. Im Gegensatz zur Angst werden diese negativen Emotionen durch Ereignisse ausgelöst, die uns zwar herausfordern, aber nicht völlig unbekannt sind. Zur Bewältigung suchen wir daher nicht nach neuen Botschaften, sondern beharren auf unseren festgefahrenen Meinungen. Gerade deshalb kann Angst auch den Weg zum Kompromiss ebnen, während Wut die Aussicht auf Verständigung oft verbaut.

Laut dem Schweizer Haushalt-Panel empfinden die Menschen häufiger Freude als Wut und Angst. Allerdings hat das Lächeln in den letzten Jahren etwas abgenommen. Im Vergleich zum rechten politischen Spektrum berichten Personen, die sich links verorten, weniger Freude und Wut, dafür aber häufiger Angstzustände.

Machen wir uns jedoch nichts vor: Obwohl den Emotionen eine diagnostische Kraft zugeschrieben wird, die dem Gehirn signalisiert, was in unserer Umgebung geschieht und wie wir darauf reagieren sollen, haben Gefühlsausbrüche einen schweren Stand. Seit den Tagen der Aufklärung wird ein sorgfältig abgewogenes Urteil einem impulsiven Votum allemal vorgezogen. Der Verstand soll das Herz stets und überall in Schach halten. Der allgegenwärtige und mit den Gefühlen des Volkes spielende Populismus verstärkt das Misstrauen gegenüber Emotionen zusätzlich.

Unsere Gefühlsregungen sind allerdings bei weitem nicht nur rohe Instinkte. Sie sind auch verdichtete Erfahrungen. Angst ist beispielsweise nicht nur eine Reaktion auf eine drohende Gefahr, sondern auch ein Sammelbecken früherer Verletzlichkeit. Freude spiegelt wiederum nicht nur Erfolg, sondern auch Hoffnung und Sinn wider. Gefühle zeigen uns zudem auch, was wichtig ist. Ohne Emotionen gäbe es keine Werte, keine Prioritäten - und keine Motivation zum Denken und Handeln.

Deshalb teilte der schottische Philosoph David Hume der Welt bereits vor ein paar Jahrhunderten seine Auffassung zur Arbeitsteilung zwischen Herz und Verstand mit. Demnach entscheiden Emotionen darüber, welche Fragen wir stellen, während die Vernunft sich dann an deren Beantwortung macht. Mit anderen Worten: Ihre Leidenschaften spuren vor, was Sie im neuen Jahr angehen werden. Und Ihre Klugheit sorgt dann dafür, dass Sie keine falschen Entscheidungen treffen. Viel Erfolg!

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.

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Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).


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