Desinformation – die unterschätzte Gefahr für die Schweizer Demokratie

Der Anteil von Menschen ohne Newskonsum ist zu hoch. Gefragt sind jetzt unsere Schulen und Unternehmen. Wir alle müssen lernen, Falschmeldungen besser zu erkennen.

Eine gefälschte Kampagne behauptet, der Bund rufe zur Denunzierung «zu heiss heizender» Nachbarn auf. Wer sich auf Google informiert, ob die Schweiz neutral sei, findet einen englischsprachigen Beitrag der türkischen Staatsmedien mit dem Titel «Warum die Schweiz nach 500 Jahren ihre Neutralität aufgibt». Und das vom russischen Staat gegründete und geförderte Auslandfernsehprogramm RT hat seine Schweiz-Berichte seit Anfang 2024 verzehnfacht.

Desinformation ist so allgegenwärtig geworden, dass der Bundesrat sie zu einem Schwerpunkt der Sicherheitspolitischen Strategie 2025 machen will. Die Regierung warnt, Beeinflussungsaktivitäten aus Russland und China könnten «mittel- und langfristig die grösste Relevanz für die Sicherheit der Schweiz» gewinnen. Warum gerät ausgerechnet unser Land ins Fadenkreuz – und wie kann sich eine direkte Demokratie dagegen schützen?

Auf dem Spiel steht die Demokratie

Desinformation sind absichtlich irreführende oder erfundene Inhalte, die gezielt eingesetzt werden, um Meinungen zu formen, Institutionen zu diskreditieren und politische Prozesse zu beeinflussen. Neben Drohnenangriffen gehören solche Beeinflussungsaktivitäten zum Repertoire der hybriden Konfliktführung. Das Ziel: diffuse Sorgen verstärken, Misstrauen säen, Gesellschaften spalten. Besonders anfällig sind Demokratien, deren offene Debatten leicht unterwandert werden können.

Auch für die Schweiz steht laut Bundesrat nichts weniger auf dem Spiel als die «freie, faktenbasierte Meinungsbildung, namentlich für Wahlen und Abstimmungen». Ausgerechnet ihre Stärken machen sie verwundbar. Sie bekennt sich zu ihren «Guten Diensten», doch als Standort multilateraler Organisationen und als Gastgeberin von Friedenskonferenzen gerät sie besonders ins Visier.

Direkte Demokratie lässt uns über Sachfragen entscheiden, doch sie erhöht den Bedarf nach (manipulierbarer) Information. Föderalismus erweitert die demokratische Mitbestimmung, setzt aber jede kantonale und kommunale Wahl- und Abstimmungsbehörde einzeln Angriffen aus.

Massnahmen mit wenig Wirkung

Was also tun? Strengere Regulierung ist politisch nicht gewollt. Während die EU die russischen Sender RT und Sputnik bereits im März 2022 sperrte, übernahm die Schweiz diese Sanktionen nicht. Der Bundesrat hält es für «wirksamer […], unwahren und schädlichen Äusserungen mit Fakten zu begegnen, anstatt sie zu verbieten».

Techno-Optimisten hoffen derweil auf technische Lösungen. Tatsächlich zeigte eine im Fachmagazin «Science» publizierte Studie: Schon ein achtminütiges Gespräch mit einem KI-basierten Chatbot reduziert den Glauben an Verschwörungstheorien um rund 20 Prozent.

Allerdings ist der Gebrauch von KI-Anwendungen in der Schweiz laut IGEM-Digimonitor 2025 stark von Alter und Geschlecht abhängig – intensive Nutzung findet sich vor allem bei Jungen und bei Männern. Technologische Gegenstrategien erreichen die Bevölkerung also nur teilweise.

Das gleiche Problem betrifft die in der Forschung als besonders wirksam geltende «corrective information»: Staatliche Stellen oder beauftragte Organisationen können Gerüchte in sozialen Medien zwar richtigstellen und Falschmeldungen durch «Faktenchecks» entkräften. Doch das ist umsonst, wenn viele Menschen diese gar nicht sehen. Laut «Jahrbuch Qualität der Medien 2025» konsumieren hierzulande mittlerweile 46 Prozent keine journalistischen Medien mehr.

Von Indien lernen

Bleibt der Hebel der Bildung, den ein neues, aufsehenerregendes Feldexperiment in Indien überprüfte: In 583 Dörfern nahmen über 13’000 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren an der «Bihar Information and Media Literacy Initiative» teil. Über 14 Wochen absolvierten sie vier je 90-minütige Unterrichtseinheiten. Eine Kontrollgruppe erhielt parallel Englischunterricht, um sicherzustellen, dass die Wirkung tatsächlich auf die Inhalte des Lernprogramms zurückzuführen ist.

Das Ergebnis: Die Teilnehmenden konnten nach dem Kurs signifikant besser zwischen wahren und falschen Meldungen unterscheiden, glaubwürdigere Quellen erkennen und überlegter entscheiden, bevor sie Inhalte weiterverbreiteten. Diese Effekte hielten auch Monate später an – und sogar die Eltern der Schülerinnen und Schüler verbesserten ihre Fähigkeit, mit Falschmeldungen umzugehen.

Allgegenwärtige Desinformation und ein tendenziell sinkendes Vertrauen in Medien prägen auch die Schweiz. Umso grösser scheint das Potenzial, die vier flexibel angelegten Unterrichtseinheiten hierzulande zu adaptieren:

  • In der ersten Einheit werden die Grundlagen der Medien- und Informationskompetenz vermittelt – gestützt auf aktuelle Desinformationsbeispiele.

  • Die zweite beleuchtet Entwicklungen im Mediensystem und die Logik algorithmisch gesteuerter Plattformen.

  • Die dritte fokussiert auf alltagsnahe Verifikationspraktiken wie etwa die Rückwärtssuche zum Erkennen KI-generierter Bilder.

  • Und die vierte simuliert Gesprächssituationen, um kontroversen Behauptungen – etwa vom «berühmten Onkel am Familienfest» – wirksam zu begegnen.

Viermal 90 Minuten für die Demokratie: problemlos integrierbar in den Unterricht, da alle drei sprachregionalen Lehrpläne der obligatorischen Schule politische und digitale Bildung vorsehen. Und ebenso anschlussfähig für Weiterbildungen in den Unternehmen, die in typisch schweizerischer Problemlösungsmanier künftig auch bei der Bekämpfung von Desinformation eine wichtige Rolle spielen könnten.

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