Was Medien der Demokratie schulden und was sie (nicht) leisten können

Was früher eine gemeinsame Öffentlichkeit war, ist heute in viele Teilwelten zerfallen. Mitverantwortlich sind Medien, die nach unterschiedlichen Logiken funktionieren.

Ein gewöhnlicher Feierabend – und doch findet Öffentlichkeit hierzulande längst in völlig getrennten Räumen statt: Im Wohnzimmer älterer Menschen flimmert «Schweiz aktuell», berichtet wird über das neue Friedhofsreglement einer Kleingemeinde. 18- bis 34-Jährige konsumieren derweil bevorzugt Kurzvideos auf sozialen Plattformen, in denen junge Nationalrätinnen für Frauenschutz-Gelder mobilisieren.

Was hier sichtbar wird, ist mehr als der bekannte Generationenunterschied bei der Frage, aus welchen Quellen verschiedene Bevölkerungsgruppen ihre politischen Informationen beziehen. Es ist das Ergebnis von Medien, die nach grundverschiedenen Logiken funktionieren – ein Umstand, der selbst in den entscheidenden Wochen vor der SRG-Halbierungsinitiative kaum offen benannt wird.

Auf Maximierung von Reichweite gebaut

Private Medien und soziale Netzwerke folgen einer klaren Reichweitenlogik: Sie wollen möglichst viele Menschen erreichen, ihre Aufmerksamkeit fesseln und Interaktionen erzeugen. Deshalb setzen sie auf Themen, die besonders stark polarisieren.

Eine neue Studie aus Harvard zeigt: In den Vereinigten Staaten entdeckten private Medien den viel beschworenen «Kulturkampf» als Geschäftsmodell. Neu aufkommende Kabelsender wie Fox News (ab 1996) mobilisierten mit kulturellen «Aufregerthemen» wie Gender oder Migration Menschen, die zuvor kaum Nachrichten konsumierten.

Berichteten Kabelsender hingegen über wirtschaftliche Themen wie Probleme am Arbeitsmarkt, warben sie nur vereinzelte Zuschauerinnen und Zuschauer von Konkurrenzsendern ab. Um die Einschaltquoten zu erhöhen, forcierten sie daher «Kulturkämpfe», auf die deutlich mehr Menschen reagierten. Laut Harvard-Studie ist Kabelfernsehen deshalb für etwa ein Drittel der Zunahme an «Kulturkämpfen» verantwortlich. Auch das Aufkommen von Social-Media-Plattformen mit Facebook (ab 2004) trug nachweislich zur Polarisierung bei.

Die Folgen dieser Reichweitenlogik sind in Wahlkämpfen besonders spürbar: Kandidierende passen ihre Botschaften an die Themen an, die private und soziale Medien in den Vordergrund rücken. Besonders deutlich ist dieser Effekt in Regionen, in denen viele Menschen Kabelnachrichten verfolgen.

Das Problem der Medienkonzentration

Öffentlich-rechtliche Medien folgen hingegen einem klar definierten Leistungsauftrag. In der Schweiz legen Regierung, Parlament und Stimmberechtigte die Rahmenbedingungen für die SRG in der Bundesverfassung, im Gesetz, Verordnungen sowie in der Konzession fest.

So schreibt Art. 93 BV unter anderem vor, dass Radio und Fernsehen «die Bedürfnisse der Kantone [berücksichtigen]». Aus diesem Föderalismus-spezifischen Leistungsauftrag ergibt sich eine doppelte Aufgabe für die SRG: den Kantonsbehörden «nach unten» ein Sprachrohr bieten, damit sie ihre kantonale Politik gegenüber dem eigenen Volk erklären können. Und ihnen einen Kanal «nach oben» bieten, um gegenüber dem Bund ihre Anliegen zu vertreten.

Umgekehrt zeigen eigene Analysen: Die strukturelle Medienkonzentration ist stark ausgeprägt. Gewisse Kantone verfügen über keine eigene Korrespondentin oder keinen eigenen Korrespondenten privater Medien mehr vor Ort. Nur noch dort, wo ein vielfältiger Medienplatz erhalten geblieben ist (etwa in Schaffhausen), finden die Kantonsbehörden weiterhin private Medien, die ihr Handeln regelmässig kritisch begleiten.

Die Folgen für den Föderalismus

Die Folgen sind vielfältig: Erstens füllen die Kantone diese Lücke durch eigene «Newsrooms» – journalistisch aufbereitete Behördenkommunikation, ohne Kontrolle einer unabhängigen «vierten Gewalt».

Zweitens droht die Akzeptanz des Föderalismus weiter zu schwinden, wenn Bürgerinnen und Bürger kaum noch erfahren, was ihr Kanton eigentlich so tut und entscheidet. Schon heute kann nur noch rund ein Fünftel der Bevölkerung grob erklären, was unter «Föderalismus» zu verstehen ist, zeigen Forschende der Universitäten Lausanne und Stuttgart.

Drittens steigt gemäss einer Untersuchung das Risiko für Korruption und Regelverstösse von lokalen Unternehmen dort, wo Lokalmedien verschwinden.

Und viertens droht ein weiterer Rückgang der ohnehin oft unter 30 Prozent liegenden kommunalen Wahl- und Abstimmungsbeteiligung. Eine weitere Studie warnt: Ohne föderal verankerte Medien verliert die subnationale Demokratie an Aufmerksamkeit – und so letztlich auch an Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger.

Medienpolitische Grundsatzdebatten, aber aufrichtig

2026 ist das Jahr der medienpolitischen Grundsatzdebatten – in der Schweiz ebenso wie in den Nachbarländern, wo etwa ein französischer Milliardär und Le Pen-Unterstützer unlängst einen Fox-ähnlichen Sender geschaffen hat und AfD-Abgeordnete im Landtag Sachsen-Anhalt fordern, der angeblichen «woken, antideutschen und manipulativen» Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen «den Stecker [zu] ziehen».

Statt über Sinn und Unsinn von Landfrauenküchen oder Fussballübertragungen auf SRF zu streiten, lohnt es sich, die Grundsatzfrage zu stellen: Was können private, soziale und öffentlich-rechtliche Medien aufgrund ihrer eigenen Logik überhaupt leisten? Und erlaubt diese Logik einer Mediengattung, bei der Halbierung einer anderen die für Demokratie und Föderalismus unverzichtbaren Aufgaben zu erfüllen?

uniAKTUELL-Newsletter abonnieren

Entdecken Sie Geschichten rund um die Universität Bern und die Menschen dahinter.

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Politkolumnen von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus sowie Markus Freitag erscheinen auch im Online-Magazin der Universität Bern uniAKTUELL.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).


Weitere Informationen