Schmutz oder Ressource?
Wenn der Abfall zur Sprache kommt
Reden wir über Abfall, ist er meist ein lästiges Übel. Doch die Art und Weise, wie wir die unerwünschten Resten benennen und darüber sprechen, bestimmt auch unseren Umgang damit. Ein Projekt am Englischen Institut der Universität Bern sucht neue Wege, sich dem Schmuddelkind sprachlich zu nähern.
Hongkong ist ein Wald von Hochhäusern, ein asiatisches Finanzzentrum und geprägt von glitzernden Shopping-Malls. Was kaum jemand wahrnimmt, sind die Kolonnen von Helferinnen und Helfern, die dezent die Restaurants sauber machen, Toiletten putzen und die Überbleibsel des Konsums wegschaffen. Die Beschäftigten der Reinigungsdienste sind zwar unersetzlich, um das Konsumkarussell am Laufen zu halten. Gleichzeitig sind sie aber gesellschaftlich stigmatisiert und werden meist übersehen – auch von der Wissenschaft. Das will Charmaine Kong ändern.
Magazin uniFOKUS
Sprache
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.
Dazu schloss sich die Doktorandin am Englischen Institut der Universität Bern den Putztrupps in der asiatischen Megacity an. «Ich untersuche, wie über Abfall und Schmutz im Herzen des Systems gesprochen wird – oder wie das Ungeliebte einfach weggeschwiegen wird», so Kong. Sinnbildlich dafür ist die Tatsache, dass den Beschäftigten der Reinigungsdienste nur selten angemessene Garderoben und Pausenräume zur Verfügung gestellt werden. Damit kontrastiert, wie diese Menschen selbst über ihre Arbeit sprechen: Anders als vielleicht vermutet, hadern sie nicht etwa mit ihrem Schicksal, sondern sind im Gegenteil stolz darauf, sich beruflich etabliert zu haben und mit ihrem Verdienst die Kinder durchzubringen.
Das Alltägliche hinterfragt
Dem Zusammenhang von Abfall und Sprache ist Crispin Thurlow, Ordentlicher Professor für Sprache und Kommunikation am Englischen Institut der Universität Bern, schon länger auf der Spur. «Sprache ist zentral dafür, wie wir im Alltag über Abfall nachdenken. So werden wir in offiziellen öffentlichen Botschaften fortlaufend dazu ermutigt, uns vor allem mit Papier und Plastikflaschen zu befassen – während vieles andere übersehen oder aus dem Bewusstsein ausgeblendet wird», meint Thurlow. Anders als bei vielen anderen Forschungsprojekten höre sich «Articulating Rubbish» (vgl. Kasten) bei den Menschen hinter den Kulissen um.
Zur Person
Prof. Dr. Crispin Thurlow
ist seit 2014 Ordentlicher Professor für Language and Communication am Institut für Englische Sprachen und Literaturen der Universität Bern. Zuvor arbeitete er mehr als ein Jahrzehnt an der University of Washington in den USA, wo er 2007 den Distinguished Teaching Award für hervorragende Lehre erhalten hat.
«Zwar ist er kühl, feucht und häufig etwas gruslig, doch praktisch ist der Keller allemal. Denn hier stapeln wir alles, was wir noch nicht wegwerfen wollen, und beruhigen so unser schlechtes Gewissen, zu viel angeschafft zu haben. Für meine Dissertation habe ich Menschen gebeten, mir ihr Kellerabteil zu zeigen und mir etwas über die dort aufbewahrten Gegenstände zu erzählen. Die Dinge befinden sich in einem Zwischenstatus, den man normalerweise nicht mit Worten beschreibt, sondern stillschweigend akzeptiert. Einiges wird zuvor am Küchentisch verhandelt, etwa, ob man die Kinderkleider wirklich noch behalten will oder besser in die Altkleidersammlung oder ins Brockenhaus gibt. Indem man den Keller als Zwischenlager wählt, verleiht man dem Gegenstand einen gewissen emotionalen Wert.
Die Gespräche haben auch gezeigt, wie wichtig es uns ist, dass wir uns korrekt verhalten. Gleichzeitig neigen wir alle zum Horten. Nebenbei: Kellerabteile in Schweizer Mehrfamilienhäusern eignen sich auch als Objekt für einen unausgesprochenen Wettbewerb: Wer perfekte Ordnung hält, hat gewonnen.»
Zum Projekt
Abfall hat auch mit Sprache zu tun
Crispin Thurlow leitet das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Projekt «Articulating Rubbish», das den sprachlichen Umgang mit Abfall untersucht. Daraus könnte sich eine neue Art ergeben, wie wir über Abfall sprechen – und damit umgehen. Die Idee für das Projekt wurde zum Teil im Seminar «Language and Waste» entwickelt, das von der Förderung Nachhaltige Entwicklung durch Bildung (FNE) mitunterstützt wurde. Das FNE-Programm hat ausserdem ein spezielles Seminar gesponsert, zu dem 2025 im Rahmen der europäischen Universitätsallianz ENLIGHT Studierende aus ganz Europa nach Bern reisten.
Während Charmaine Kong in Hongkong einfaches Putzpersonal befragt, steigt die Doktorandin Laura Wohlgemuth in die Keller von Privatpersonen hinunter, wo Ungebrauchtes, aber nicht zwingend Wertloses, gelagert wird. Monate, Jahre oder auch Jahrzehnte bleiben Kinderkleider, Hundekorb und Bülacher Einmachgläser eingelagert, bis das Material entweder wieder benötigt, entsorgt oder der nächsten Nutzungsstufe zugeführt wird, sei es das «Gratis zum Mitnehmen» am Strassenrand oder das Brockenhaus. Alessandro Pellanda schliesslich, der dritte Doktorand, besuchte zahlreiche Gemeindeverwaltungen und versuchte zu ergründen, warum sie dem Design der kommunalen Infrastruktur – bis zur Gestaltung des kommunalen Gebührensacks – dermassen viel Bedeutung zuschreiben.
Die Lösung der «Abfallkrise» beginnt im Kleinen
Das «Zwischenlager Keller» und der Gebührensack sind so banal, dass sie im Alltag kaum diskutiert werden. Das soll sich ändern. Denn es brauche ein Bewusstsein und dann ein Handeln im Kleinen, im Privaten und Persönlichen, um die Veränderung im grossen Massstab erst möglich zu machen. Weltweit werden jährlich 1,3 Milliarden Tonnen Siedlungsabfall produziert, was die Umwelt und die menschliche Gesundheit belastet, wie das UNO-Umweltprogramm UNEP schreibt. «Es gibt einen Bruch zwischen dem Versprechen, das die für die Entsorgung verantwortliche Verwaltung abgibt, und der Verantwortung, die wir als Einzelperson für das Entstehen und die Entsorgung von Abfall haben», erklärt Thurlow.
«Zero Waste gibt es nicht»
- Crispin Thurlow
Abfall ist nicht einfach Schmutz, der schlecht ist und minimiert werden sollte. «Indem man beispielsweise Exkremente nicht einfach als etwas Widerliches versteht, sondern begreift, dass die Ausscheidungen ganz natürlich und als Dünger sogar nützlich sein können, kann sich das Denken über die Eigenschaft von Abfall verschieben», nennt Thurlow ein Beispiel. Und Zero Waste gebe es ohnehin nicht: Abfall könne auch Ausgangsmaterial für ein Upcycling sein und so Neues ermöglichen. Schliesslich sage das, was wir wegwerfen respektive behalten, auch etwas über uns selbst aus. Ein solcher bewussterer Umgang mit Sprache und Abfall könne dazu führen, dass wir zurückhaltender werden, welche Güter wir in unsere Wohnung hereinlassen. Denn wir haben die Verantwortung für sie, bis sie wieder zu Abfall oder zum Rohstoff für Neues werden.
«Die Schweiz baut an ihrem Abfallmythos»
«Blaue Seen, grüne Wiesen, herausgeputzte Altstädte: Die Schweiz zeigt sich gerne als Vorbild, was die Sauberkeit angeht. Auch beim Abfallrecycling stehen wir angeblich weltweit an der Spitze. Während die offizielle Schweiz an diesem Mythos feilt, geht vergessen, dass kaum ein Land pro Kopf so viel Abfall produziert wie wir. Tatsächlich stünden die 29 Kehrichtverbrennungsanlagen still, wenn wir plötzlich auf Zero Waste einschwenken würden.
Im Rahmen meiner Dissertation zeige ich diesen Widerspruch von Gesagtem und Ungesagtem auf. Zudem weise ich nach, wie die Städte und Gemeinden viel Energie und Geld auf das Design eines individuellen Gebührensacks verwenden. Allein in meinem Heimatkanton, dem Tessin, gibt es mehrere Dutzend Varianten davon. Obwohl der Plastiksack nur ein paar Stunden am Strassenrand steht, wird er von den Behörden dafür genutzt, sich als kompetente Abfallmanager zu profilieren. Wer weiss, vielleicht kann ich mich später als Kommunikationsberater im Bereich Abfall für Gemeinden etablieren.»
«Unser Keller ist eine Zwischenstation»
«Zwar ist er kühl, feucht und häufig etwas gruslig, doch praktisch ist der Keller allemal. Denn hier stapeln wir alles, was wir noch nicht wegwerfen wollen, und beruhigen so unser schlechtes Gewissen, zu viel angeschafft zu haben. Für meine Dissertation habe ich Menschen gebeten, mir ihr Kellerabteil zu zeigen und mir etwas über die dort aufbewahrten Gegenstände zu erzählen. Die Dinge befinden sich in einem Zwischenstatus, den man normalerweise nicht mit Worten beschreibt, sondern stillschweigend akzeptiert. Einiges wird zuvor am Küchentisch verhandelt, etwa, ob man die Kinderkleider wirklich noch behalten will oder besser in die Altkleidersammlung oder ins Brockenhaus gibt. Indem man den Keller als Zwischenlager wählt, verleiht man dem Gegenstand einen gewissen emotionalen Wert.
Die Gespräche haben auch gezeigt, wie wichtig es uns ist, dass wir uns korrekt verhalten. Gleichzeitig neigen wir alle zum Horten. Nebenbei: Kellerabteile in Schweizer Mehrfamilienhäusern eignen sich auch als Objekt für einen unausgesprochenen Wettbewerb: Wer perfekte Ordnung hält, hat gewonnen.»
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