Sprache als Machtinstrument

Sprache ist nie neutral, sondern stets politisch. Sie formt nationale Identität, schafft Zugehörigkeit und zieht Grenzen. Soziolinguist Erez Levon erklärt diese Dynamiken anhand von Beispielen aus Israel und der Schweiz.

Text: Erez Levon 01. April 2026

IMMER
Der Zionistische Aktivismus wandelte das Hebräisch in eine gesprochene moderne Sprache. © AdobeStock

Vor einigen Jahren war ich Mitglied einer Berufungskommission an der Universität Bern. Im Rahmen der Schlussrunde führten die Kandidatinnen und Kandidaten Gespräche mit Studierenden, um Ideen zur Lehre zu diskutieren. Üblicherweise läuft der Bewerbungsprozess auf Hochdeutsch ab. Ein Kandidat führte sein Gespräch mit den Studierenden jedoch auf Schweizerdeutsch – wohl um eine informellere Atmosphäre zu schaffen. Tatsächlich interpretierten einige der Studierenden dies auch so. In ihrem Bericht an die Kommission lobte etwa die Hälfte der Studierenden diesen Kandidaten und hob dabei ausdrücklich die Verwendung des Dialekts hervor. Die andere Hälfte hingegen empfand dies als einen unangemessenen Versuch, künstliche Nähe zu erzeugen.

Diese kurze Anekdote bringt den Kern meiner Forschungsinteressen auf den Punkt: Sprache ist niemals neutral. Sie ist stets mit Fragen verbunden, die im Kern zutiefst politisch sind: Welche Sprache (oder welcher Sprachstil) wird in einer bestimmten Situation als angemessen betrachtet? Wie sind diese Regeln für den «korrekten» Sprachgebrauch entstanden? Und welche Konsequenzen tragen diejenigen, die sich diesen gesellschaftlichen Erwartungen widersetzen?

Mithilfe von Sprache eine Nation aufbauen

Im Grossteil meiner Forschungsarbeit habe ich mich mit der Sprachpolitik in Israel und der Rolle des Hebräischen beim Aufbau eines israelischen Staates befasst. Ende des 19. Jahrhunderts suchten jüdische Intellektuelle aus Mittel- und Osteuropa nach Antworten auf die damalige «Judenfrage» – also die Verfolgung und Marginalisierung der Juden in Europa. Diese frühen Zionistinnen und Zionisten sahen die Jüdinnen und Juden als «Luftmenschen», deren Verfolgung sich zum Teil aus ihrer Trennung von einer imaginierten mythischen Heimat ergebe. Sie forderten deshalb die Schaffung eines «neuen Judentums», geprägt von «Jugend, Unabhängigkeit und körperlicher Stärke». Dadurch entstand eine ideologische Opposition zwischen Jüdinnen und Juden in Palästina (später Israel) und der europäischen Diaspora.

Für frühe zionistische Führungsfiguren zeigte sich diese Opposition durch den Verlust des Hebräischen als Hauptsprache und dessen Verdrängung durch Jiddisch, Ladino und andere europäische Sprachen. Die Wiederbelebung und Förderung des Hebräischen war daher ein zentrales Ziel des zionistischen Aktivismus. Zwar existierte das Hebräische in den europäischen jüdischen Gemeinden weiterhin als liturgische Sprache und für die Kommunikation über nationale Grenzen hinweg. Zionistische Gelehrte wandelten das Hebräische jedoch von einer marginalen, zusätzlichen Sprache in eine von Millionen von Menschen gesprochene moderne Sprache.

«Die Sprache war eines der zentralen Mittel, mit denen ein kollektives Gefühl geschaffen wurde.»

- Erez Levon

Der Grund für den Erfolg dieser Transformation war, dass das Hebräische ein wichtiges Symbol für die kulturellen und territorialen Ambitionen des Zionismus darstellte und einen entscheidenden Bruch zwischen der «Schwäche» des jüdischen Lebens in Europa und seiner neu gewonnenen Stärke in Palästina markierte. Um diesen Bruch zu betonen, wurde eine ältere Variante des biblischen Hebräisch gefördert, die sich in Grammatik und Aussprache deutlich vom seit Jahrhunderten in Europa liturgisch verwendeten rabbinischen Hebräisch unterschied. Dies trug dazu bei, 2000 Jahre europäischer jüdischer Geschichte in den Hintergrund zu drängen und stattdessen ein Narrativ der Kontinuität zwischen der biblischen Zeit und dem modernen Staat Israel zu fördern. Die Sprache war somit eines der zentralen Mittel, mit denen ein kollektives Gefühl des israelischen Nationalismus geschaffen wurde.

Schwyzertüütsch als Abgrenzung zum Reichsdeutsch

Der Fall des Hebräischen in Israel ist ein sehr anschauliches Beispiel dafür, wie Sprachen zur Nationsbildung genutzt werden können. Ein weiterer interessanter Fall ist das Schweizerdeutsche. Zwar existierten schweizerdeutsche Dialekte seit den Anfängen der Eidgenossenschaft, doch bis ins späte 19. Jahrhundert galten sie als wenig prestigeträchtig und wurden in formellen Kontexten gemieden, wo stattdessen Reichsdeutsch verwendet wurde.

«Die Förderung des Schweizerdeutschen spielte eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des Schweizer Nationalismus.»

- Erez Levon

Erst nach dem Ersten Weltkrieg und insbesondere mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland in den 1930er-Jahren begannen Schweizer Intellektuelle, die Förderung des Schweizerdeutschen und eine klare Abgrenzung zum Deutschen aus Deutschland zu fordern. Emil Baer und seine Schwyzertüütsche Sprachbewegig forderten die Ersetzung des Reichsdeutschen durch eine neue, unabhängige Schweizerdeutsche Standardsprache. Auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wurde, so legte Baer dennoch den Grundstein für die heutige Dialektlandschaft. Ähnlich wie das Hebräische in Israel spielte auch die Förderung des Schweizerdeutschen eine wichtige Rolle bei der Herausbildung des modernen Schweizer Nationalismus.

Ethnische Diskriminierung durch Sprache

Doch solche Nationalismen sind niemals stabil, sondern müssen ständig neu bekräftigt und rekonstruiert werden. Auch dabei spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Um auf das Beispiel Israels zurückzukommen: Die Gründung des Staates zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde fast ausschliesslich von Jüdinnen und Juden osteuropäischer Herkunft, die in Israel als Aschkenasim bekannt sind, vorangetrieben. Diese aschkenasischen Pioniere wollten nicht nur einen «neuen Juden» schaffen, der sich von den Juden in Europa unterschied, sondern sich ebenso klar von den Palästinenserinnen und Palästinensern und Menschen aus anderen arabischen Nachbarländern abgrenzen. In diesem Sinne war das «Israelische» nie ganz nahöstlich gedacht: Verbindungen zu Europa und zur übrigen Welt wurden gezielt gefördert, um sich von der Umgebung abzugrenzen.

Zur Person

Prof. Dr. Erez Levon

ist Professor für Soziolinguistik und Direktor des Center for the Study of Language and Society (CSLS) an der Universität Bern. In seiner Forschung befasst er sich mit der sozialen Bedeutung von Sprache. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie Sprachvariation Gruppenzugehörigkeit signalisiert, und der Beziehung zwischen Sprache und sozialer Ungleichheit.     

Mit der Unabhängigkeit der europäischen Kolonien in Nordafrika und im Mittleren Osten in den 1950er-Jahren wurde diese Abgrenzung erschwert: Mitglieder der jüdischen Gemeinden aus diesen Ländern wanderten mehrheitlich nach Israel aus. 1961 gehörten bereits 44 Prozent der israelischen Bevölkerung diesen sogenannten Mizrachim an. Anfang der 1970er-Jahre war die Mizrachi-Bevölkerung zahlreicher als die Aschkenasim. Allerdings blieb die politische, kulturelle und wirtschaftliche Elite aschkenasisch. Die israelisch-amerikanische Kulturwissenschaftlerin Ella Shohat spricht von einer systematischen Benachteiligung von Mizrachi-Jüdinnen und -Juden durch einen Zionismus, der seine Ressourcen ungleich verteilte – zugunsten der «europäischen» und zulasten der «orientalischen» Jüdinnen und Juden.

«Die sprachliche Diskriminierung diente als Deckmantel ethnischer Ausgrenzung.»

- Erez Levon

Ein Teil dieser Diskriminierung manifestierte sich in der Sprache. So wurde nicht nur das Arabische (die Muttersprache der meisten Mizrachim) innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft unterdrückt, auch die Mizrachi-Varianten des Hebräischen wurden stark stigmatisiert und galten als Symbol für mangelnde Intelligenz oder Bildung. Die sprachliche Diskriminierung diente somit als Deckmantel ethnischer Ausgrenzung – und erlaubte es der aschkenasischen Gesellschaft, festzulegen, was als «echtes Israelisch-Sein» galt.

Identität zurückgewinnen

Dieser historische Überblick hilft uns, die Situation des Hebräischen im heutigen Israel zu verstehen. Das Sprechen des israelischen Hebräisch ist nach wie vor ein wesentlicher Bestandteil der israelischen Identität. Mizrachi-Varianten (und -Gemeinschaften) werden weiterhin diskriminiert und marginalisiert. Dennoch haben jüngste Untersuchungen gezeigt, dass jüngere Mizrachim, die in Israel geboren und aufgewachsen sind, beginnen, ihr Mizrachi-Erbe zurückzugewinnen und dies durch ihre Sprache zum Ausdruck zu bringen.

Magazin uniFOKUS

Sprache

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.

So hat der israelische Soziolinguist Roey Gafter beispielsweise gezeigt, dass einige junge Mizrachim in formellen Kontexten eine gut hörbare Variante des Mizrachi-Hebräisch sprechen und dabei die Ausspracheunterschiede zur Standardvariante (aschkenasisch) bewusst hervorheben. Laut Gafter tun sie dies, um in der Interaktion ein «Mizrachi-Selbst» zu verkörpern und zu zeigen, dass die Mizrachim eine starke Kraft in der israelischen Gesellschaft sind. 

Sprache ist ein mächtiges Werkzeug, um Gemeinschaft zu schaffen, aber auch, um andere auszuschliessen. Sie untermauert viele Muster sozialer Ungleichheit, kann aber auch als Instrument zu deren Bekämpfung dienen. Aus diesem Grund bietet die Soziolinguistik als Disziplin nicht nur eine Perspektive auf die Funktionsweise von Sprache, sondern auch auf jene der Gesellschaft. Dies ist der besondere Schwerpunkt der Forschung und Lehre am Zentrum für Sprache und Gesellschaft der Universität Bern.

uniAKTUELL-Newsletter abonnieren

Entdecken Sie Geschichten rund um die Forschung an der Universität Bern und die Menschen dahinter.