«Digital kommunizieren wir flexibler»

Digitale Technologien haben neue Möglichkeiten geschaffen, die auch unseren Sprachgebrauch beeinflussen. Soziolinguist Florian Busch, erklärt, wie Smartphones unsere Alltagskommunikation verändern und neue Sprachformen hervorbringen.

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In kurzen Pausen landen wir schnell auf WhatsApp. © AdobeStock

Smartphones sind für unseren Alltag unentbehrlich geworden. Wie haben die Geräte die Art, wie wir miteinander kommunizieren, verändert?

Florian Busch: Für uns Sprachforschende ist vor allem die Flexibilisierung interessant, die mit dem Smartphone einhergeht. Da ist einmal die räumliche Flexibilisierung: Wir sind heute in weitaus grössere kommunikative Netzwerke eingebunden als früher. Neben Familie und Freundeskreis sind es auch Menschen, mit denen wir vielleicht vor zehn Jahren mal zu tun gehabt haben, die wir gewissermassen in der Hosentasche mit uns herumtragen. Wir können ihnen schreiben, während wir auf den Bus warten oder auf der Toilette sitzen.

Warum ist das aus sprachwissenschaftlicher Sicht interessant?

Weil diese räumliche Flexibilisierung immer auch mit einem spezifischen Sprachgebrauch einhergeht. Mit meiner Mutter spreche ich anders als mit meinen Arbeitskollegen. Und mit jemandem, den ich vor 15 Jahren im Auslandssemester kennengelernt habe, schreibe ich vielleicht sogar in einer anderen Sprache. Das mobile Gerät trägt eine sprachliche Diversität in den Alltag.

Wir beschäftigen uns aktuell auch mit der zeitlichen Ausgestaltung von Smartphone-Kommunikation im Alltag. Die Teilnehmenden zeichnen dafür 14 Tage lang ihren Smartphone-Bildschirm mit allen Kommunikationsereignissen auf. Wir untersuchen, in welchen zeitlichen Rhythmen unterschiedliche Sprachstile und Sprachen in den Alltag einfliessen und unterscheiden auch Dialekt und Standarddeutsch. Smartphones werden typischerweise in kleinen Pausen genutzt, während einer Zugfahrt zum Beispiel oder beim Pausenkaffee – meist mit einem «Checking-Cycle».

«Dieser Messenger-Dienst ist das Herz des Smartphones.»

- Florian Busch

Welche Stellung hat in der Deutschschweiz der Dialekt?

Unsere Daten zeigen, dass in der Schweiz der geschriebene Dialekt in digitalen Medien wie WhatsApp mittlerweile die Norm ist, und das durchaus auch in institutionellen Settings, wie etwa in der Nachricht an die Klassenlehrerin. Anders als in Deutschland eignet sich mundartliches Schreiben damit in der Deutschschweiz oftmals nicht mehr per se, um Informalität zu signalisieren.

Da es für Dialektschreibungen allerdings keine gültige Orthografie gibt, haben wir die Möglichkeit, kreative Ideen für unsere Dialektverschriftung zu entwickeln. So lässt sich dann innerhalb der geschriebenen Mundart anzeigen, ob wir gerade in einer eher informellen oder formellen Situation kommunizieren.

Zur Person

Florian Busch

ist Assistenzprofessor für Diskurs- und interaktionale Linguistik am Institut für Germanistik der Universität Bern. Im aktuellen Projekt «Texting in Time» des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) erforscht er die Prozesse alltäglicher Smartphone-Kommunikation in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland.

«Im getippten Gespräch fehlt der körperliche Kontext.»

- Florian Busch

Dafür gibt es schliesslich Emojis.

Ja, Emojis zeigen an, wie wir das gemeint haben, was wir geschrieben haben. Oder ich zeige mit einem Emoji an, wie ich zu einer Aussage stehe, die mir mein Gegenüber geschickt hat. Emojis haben in der geschriebenen Sprache eine ähnliche Funktion wie Mimik und Gestik in der gesprochenen Sprache. Allerdings machen jüngere Generationen davon immer weniger Gebrauch, die gelben Symbole sind eher ein Merkmal der Boomer-Generation. Es gibt aber auch subtilere Kontextualisierungsmittel wie ein Ausrufezeichen am Ende einer Nachricht, Grossbuchstaben oder wie schnell wir auf eine Nachricht antworten. Das sind Metainformationen, die wir, teilweise unbewusst, an die Nachricht anheften und die interpretiert werden.

Mir scheint, Jugendliche schreiben generell weniger und versenden stattdessen Sprachnachrichten.

Durch die digitalen Technologien gewann die Schriftsprachlichkeit im informellen Alltag enorm an Bedeutung. Selbst Privates wie zum Beispiel Paarbeziehungen oder die Organisation der Familie funktioniert mit immer mehr Schriftlichem. Linguistinnen und Linguisten sprechen auch von einer neuen Alltagsschriftlichkeit, die sich unterscheidet von der Schriftlichkeit, die wir brauchen, um Artikel, wissenschaftliche Texte oder Romane zu schreiben.

In jüngster Zeit stellt sich aber die Frage, ob durch den medialen Wandel Mündlichkeit wieder wichtiger wird. In den Sprachnachrichten sehen wir, dass Freundinnen und Freunde wieder vermehrt mündliche Mittel nutzen, um ihre Freundschaft zu pflegen, so wie vor 20 Jahren das Telefonat zentral war. Nur ist die Mündlichkeit insofern eine andere, als die Sprachnachrichten eher monologische Texte sind und keine Möglichkeit einer direkten Antwort bieten.

Magazin uniFOKUS

Mit Sprache wirken

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.

«Soziale Beziehungen werden durch digitale Technologien eher gestärkt.»

- Florian Busch

Führen die digitalen Technologien dazu, dass unsere Sprache über kurz oder lang verarmt?

Im Gegenteil: Der Sprachgebrauch wird durch die digitale Kommunikation flexibler. Es gibt im digitalen Alltag nicht nur den einen Dialekt und die eine Standardsprache, sondern wir kommen ständig mit unterschiedlichen Varietäten unserer Sprache in Berührung. Dieser Kontakt füllt unseren kommunikativen Werkzeugkasten. Wenn in informellen sozialen Situationen auf einmal viel geschrieben wird und dadurch innovative geschriebene Sprachstile entstehen, heisst das ja nicht, dass das der Standardschriftlichkeit mit ihrer verbindlichen Orthografie und Interpunktion schadet. In England gab es Studien, die gezeigt haben, dass vermehrtes digitales Schreiben mit Freundinnen und Freunden mit besseren orthografischen Leistungen in der Schule korreliert. Das lässt sich mit einem routinierteren Umgang mit dem Schreiben erklären. Wer das Schriftsystem spielerisch nutzt, lernt, wie Laute und Schriftzeichen zueinander stehen. Wer bewusst von der orthografischen Norm abweichen möchte, um etwa einen individuellen Gruppenstil zu entwerfen, muss diese Norm überhaupt erst einmal kennen. Solche Dynamiken können die Sprachsensibilität stärken.

Wir telefonieren weniger als früher, stattdessen schreiben wir E-Mails oder chatten. Verlernen wir, miteinander zu sprechen?

Wir werden das persönliche Gespräch nicht verlernen, dazu spielt es im Alltag eine zu grosse Rolle. Allerdings lassen sich Online- und Offline-Welt kaum mehr voneinander trennen. Persönliche Gespräche, wie zum Beispiel auch dieses Interview, planen wir online. Digitale Medien spielen im sozialen Alltag immer und überall eine Rolle. Das führt aber nicht dazu, dass wir vereinsamen und nur noch kurze Nachrichten schreiben und rezipieren. Soziale Beziehungen werden durch digitale Technologien eher gestärkt, denn wir können mit unseren Familien und unserem Freundeskreis auch über weite Distanzen hinweg und zeitlich flexibel in Kontakt bleiben. Der digitale Sprachgebrauch bringt also grosse individuelle und gesellschaftliche Vorteile mit sich.

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