Gefühle der Zugehörigkeit durch Sprache

In Gesprächen in der Berner Altstadt, in Bümpliz und Frutigen zeigen sich die Unterschiede in den Dialekten des Kantons. Der Soziolinguist Adrian Leemann setzt die differenzierenden Merkmale in ihren historischen und kulturellen Kontext und hebt das Verbindende hervor.

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«In der Deutschschweiz entwickeln sich in der Tendenz zunehmend Grossraumdialekte. Von den Städten aus werden die Sprachtrends aufs Land getragen, wo sich die Sprache über Jahrzehnte angleicht – oftmals angefangen beim Wortschatz», erklärt der Soziolinguist Adrian Leemann. Früher sei die sprachliche Landkarte der Schweiz ein Flickenteppich gewesen. Da die Menschen unter anderem viel weniger mobil waren, pflegten viele Dörfer ihre eigenen Ortsmundarten. «Man konnte oft schon nach wenigen Kilometern hören, dass jemand nicht aus dem eigenen Dorf stammte. Diese extreme Kleinräumigkeit löst sich heute zunehmend auf», so Leemann weiter.

«Inklusion statt Exklusion ist der gegenwärtige Zeitgeist.»

- Adrian Leemann

«Inklusion statt Exklusion ist der gegenwärtige Zeitgeist, sodass die soziale Differenzierung über die Dialektpflege, wie das früher in gehobenen Kreisen etwa in Bern oder Basel der Fall war, veraltet ist», sagt der Soziolinguist. «In der Jugendsprache finden junge Menschen das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit, und sie wirkt typischerweise bis ins Alter von etwa Anfang bis Mitte 20 nach.» Doch die Jugendsprache könne prägend für die nachhaltige Entwicklung des Sprachwandels sein. Ein Beispiel dafür sei der Verstärker «mega». Was als jugendsprachliche Übertreibung begann, habe Wörter wie «sehr» oder «ausserordentlich» in der Alltagssprache vieler Erwachsener verdrängt.

Magazin uniFOKUS

Sprache

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.

«Zwar zeigt sich durchaus noch eine Form von Stolz auf den eigenen Dialekt, wie etwa im Wallis.» Doch auch hier gebe es Veränderungen: Die ältere Generation sage noch «Niif(fa)» für Schnupfen, die Jüngeren würden hingegen schon die verdeutschte Form «Schnupfe» verwenden.

«Die Pflege des Dialekts war in unserer Familie stillschweigend verpflichtend.»

IMMER
Nicola von Greyerz, Berner Altstadt

Nicola von Greyerz ist in einer Familie aufgewachsen, in der auf den sorgfältigen Sprachgebrauch geachtet wurde. Auffällig ist, dass die Kommunikationsberaterin ein «L» ausspricht, wo die Stadtbernerinnen und -berner sonst das typische «U» verwenden, etwa bei «Wächsu». Von Greyerz sagt jedoch «Wächsel». Dies liege einerseits daran, dass ihre Mutter einen Zürcher Dialekt spreche, aber andererseits auch an ihrem Burger Soziolekt, einer Dialektform einer sozialen Schicht, erklärt Leemann. «Das L als U auszusprechen, kommt ursprünglich aus dem Emmental. Die Burgerinnen und Burger wollten sich von diesem ländlichen Merkmal distanzieren.»

Von Greyerz’ Sprache hat auch französische Einflüsse. Sie sagt: «dr Salat fatigiere». Das stamme von «fatiguer la salade», was so viel heisse, wie den Salat anrichten, erklärt sie selbst. Bei ihr wird deutlich, dass die Sprechweise viel über den familiären Hintergrund verrät.

«Wir reden in der Schule alle gleich.»

IMMER
Elin Votruba, Bümpliz

Elin Votruba erzählt, dass sie in einem Dorf nahe von Bümpliz aufgewachsen sei und ihre Mutter slowenische, ihr Vater tschechische Wurzeln habe. Es fällt auf, dass sie «anderes» statt «anders» sagt, und «Monate» statt «Mönet». Hier werden die Einflüsse aus dem Hochdeutschen aus der Schule oder vom TV deutlich, die bei Jugendlichen mit anderen Muttersprachen als Schweizerdeutsch stärker seien, erklärt Leemann.

Er bezeichnet diese Sprechweise als Ethnolekt. Dieser unterscheide sich nicht nur im Wortschatz, sondern auch im Rhythmus. «Während traditionelles Mundart-Sprechen wie ein melodisches Auf und Ab klingt, bringen die verschiedenen Herkunftssprachen unterschiedliche Rhythmen mit. In der Gruppe vermischen sich diese Einflüsse zu einem rhythmischen Kompromiss, der dann gleichmässiger, abgehackter und silbenbasiert wirkt – ähnlich wie man es vom Französischen kennt.»

«Die Sprache verbindet mich mit der Heimat.»

IMMER
Ueli Schmid, Frutigen

Der Dialekt-Schriftsteller Ueli Schmid ist im Engstligtal aufgewachsen und hat später mit seiner Familie einige Jahre in Afrika gelebt. «Als ich Briefe von Tschad nach Hause schrieb, wurden diese zensuriert. Deswegen fing ich an, sie auf Dialekt zu verfassen», erzählt Schmid.

In seiner Sprechweise erkenne man noch Monophthongierungen, die am Verschwinden seien, ordnet Leemann ein. Beispiele dafür sind «ees» anstatt, wie heute üblicher, «eis» und «Urloob» anstatt «Urloub». Leemann erklärt: «Weil Ueli Schmid mehrere Jahre in Afrika lebte, hat sich sein Dialekt vermutlich in gewisser Weise konserviert und zeigt deshalb ältere Phänomene als bei Menschen, die ihr ganzes Leben hier im Tal verbracht haben.» Es wird ein gewisser Stolz auf den Dialekt deutlich, denn Schmid räumt ein: «Ich schliesse nicht aus, dass der Unterländer Dialekt auch bei mir abfärbt, aber ich gebe mir Mühe, meine Sprache zu pflegen.»

Zur Person

Prof. Dr. Adrian Leemann

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