Im Fokus
Was Sprache ausmacht – und was nicht
Was meinen wir, wenn wir von Sprache sprechen? Und inwiefern grenzen wir uns damit von Tieren und Pflanzen ab – und von Künstlicher Intelligenz? Eine Linguistin, ein Biologe und ein Digital-Humanities-Forscher geben Antworten.
Der Meeresbiologe David Gruber meinte unlängst in der «New York Times», er habe es mit seinem Team geschafft, eine Art Alphabet von Pottwalen zu entziffern, und dass dieses Alphabet des Weiteren mit einer walspezifischen Version von Wörtern einhergehe. Sollte das zutreffen, dann ist Grubers besonderes Forschungsinteresse verständlich: diese Wörter, diese für uns nicht zugängliche Sprache mithilfe der Künstlichen Intelligenz zu entziffern. Der Biologe verspricht sich davon nichts weniger als eine neue kopernikanische Wende, «die Einsicht, dass wir nicht die einzigen Wesen mit einem reichen inneren wie gemeinschaftlichen Leben sind».
Sprache bedingt bewusstes Verstehen
Dass Tiere, ja dass auch Pflanzen miteinander kommunizieren, steht in der heutigen Forschung ausser Frage. Aber ob man das, was da an Informationsaustausch geschieht, tatsächlich Sprache nennen soll und darf, gibt nach wie vor Anlass zu – zuweilen emotional ausgetragenen – Kontroversen. Matthias Erb vom Institut für Pflanzenwissenschaften an der Universität Bern, Spezialist für die Wirkung von Pflanzenduftstoffen, hat diesbezüglich einen konsequenten Entscheid gefällt: «Ich rede im Zusammenhang mit Pflanzen nie von ‹Sprache›, ich benutze das Wort nicht.» Sprache ist für ihn ein «komplexes Kommunikationssystem». Den Kommunikationsteil, ja, den lässt er auch bei Pflanzen gelten. Dafür brauche es im Grunde bloss einen Sender, der Information «verschickt», um damit beim Empfänger etwas auszulösen. Ein Bewusstsein braucht es da nicht zwingend, auf keiner der beiden Seiten.
Spionage statt Kooperation
Erbs Zurückhaltung hat nicht nur mit philosophischen Erwägungen zu tun. Er erinnert sich noch gut an die sogenannten Talking Trees, ein populärwissenschaftliches Phänomen, das in den 1990er-Jahren eine allzu rasche und eher unselige Wendung ins Esoterische genommen hat. «Das blockierte unseren Forschungszweig für fast 20 Jahre, die Kommunikation via Duftstoffe war ein Tabuthema.» Dass das Miteinander-Sprechen der Bäume mit dem Bestsellerautor und Förster Peter Wohlleben und dessen «Wood Wide Web» gerade eine kleine Renaissance erlebt, sieht Erb deshalb eher kritisch. Überhaupt hätte die Szene die Tendenz, manche Signalwege gründlich misszuverstehen. Oft ist da das Beispiel von Bäumen zu hören, die von ihrem Nachbarn durch chemische Signale «gewarnt» werden, wenn es zu einem Schädlingsbefall kommt. Erb hat einen ganz anderen Blick auf dieses Geschehen: Die Bäume hätten dadurch eher einen Konkurrenznachteil, «ich würde das eher Spionage nennen». Den Befall des Nachbarbaums mitzubekommen, böte also einen Wissensvorsprung, den der Signalurheber lieber vermieden hätte. Hier wird, so Erbs Überzeugung, nicht bewusst etwas mitgeteilt, hier findet die Natur Wege, Informationen so gut wie möglich zu nutzen, ganz unabhängig von einer etwaigen Sendeabsicht. So etwas kann sie gut, es liegt, könnte man sagen, in ihrer Natur.
«Bäume warnen ihre Nachbarn nicht durch chemische Signale vor Schädlingsbefall – ich würde das eher Spionage nennen.»
- Matthias Erb
Kommunikation, so offen verstanden, kann überraschende Formen annehmen. Die Farbe von Blumen zum Beispiel: Da ist für Erb durchaus so etwas wie eine «Sendeabsicht» vorhanden, auch wenn sie sich erst evolutiv, über lange Zeiträume manifestiert. Die Farbpigmente würden ja explizit auf diesen Zweck hin produziert, das erinnere ihn durchaus an die Duftmoleküle, mit denen er es in seiner Forschung zu tun hat. Um das aber «Sprache» nennen zu können, gehört für den Biologen das bewusste Verstehen mit in die Rechnung. Und da wären wir wohl allgemein noch eher zurückhaltend: Wer wäre bereit, Pflanzen ein Bewusstsein zuzuschreiben?
Sprachmodelle generieren bloss Zeichenketten
Ziemlich ins Rutschen geraten ist die Angelegenheit derweil an verwandter Stelle: Wer wäre bereit, Maschinen ein Bewusstsein zuzuschreiben? Dass sie inzwischen Sprache können, beweisen sie ja gerade am Laufmeter. GPT und Konsorten, die es gerade mal seit gut fünf Jahren gibt, liefern mit geradezu provozierender Selbstverständlichkeit Texte in allen Ton- und für alle Lebenslagen. Wobei Tobias Hodel, seit Sommer 2025 Professor für Digital Humanities am Walter Benjamin Kolleg und Spezialist für Texte und Künstliche Intelligenz, auf einem kleinen, aber entscheidenden Unterschied beharrt: «Large Language Models produzieren Text, nicht Sprache.» Zeichenketten nennt er das, was eine KI generiert, sinnhafte Aneinanderreihungen von «Tokens», wie man es in der Fachsprache nennt. Aber zur Sprache fehlt da noch etwas, glaubt Hodel. Das Sprachmodell tut also nur so, als würde es Sprache produzieren. Und wir? Wir lassen uns nur zu gern täuschen. Hodel nennt es «Positionalität», unser Zugang zu Sprache ist immer gekoppelt an ein «gesellschaftliches und kulturelles Erleben». Sprache ist also nicht einfach, sie wird immer von einer Entität rezipiert, und das ist ohne Zweifel ein Detail, das Sprachmodelle bei ihrer sturen und eifrigen Reproduktion von Mustern herzlich wenig interessiert.
«Unser Zugang zu Sprache ist immer gekoppelt an ein gesellschaftliches und kulturelles Erleben.»
- Tobias Hodel
Gibt es da also ein grundsätzliches Missverständnis? Auch Erb stört sich daran, dass wir auf menschliche Konzepte zurückgreifen, um etwas zu beschreiben, das mit menschlicher Sprache nicht viel zu tun hat. Wir würden da wohl auch mit Projektionen hantieren, glaubt der Biologe. Dabei sollte es doch in erster Linie darum gehen, «die Natur besser zu verstehen», und da sehe er zunächst einmal keinen Grund, warum ein Wald ähnlich wie eine menschliche Gemeinschaft funktionieren sollte: «Bäume sind ganz anders als wir, sie haben kein zentrales Nervensystem, das funktioniert alles ‹wunderbar modular›.» Dumm nur, dass der Gedankengang in Sachen Sprachmodelle nur noch weiter aufs Glatteis führt: Könnte es vielleicht sein, dass wir da gar nichts hineinprojizieren in die Maschinen, weil wir – o Schreck! – auch so ähnlich funktionieren wie diese famosen neuronalen Netzwerke? Dass unsere Hirn-Blackboxes also ähnliche Geheimnisse bergen wie die KI-Blackboxes, von denen niemand so ganz genau sagen kann, wie sie das alles bloss anstellen? Was, wenn auch unsere Sprache in der Essenz nicht viel mehr wäre als «Zeichenketten», wenn unsere Gedanken sich auf magische Art beim Sprechen «verfertigen», wie es Kleist einmal beschrieben hat?
Ist die Welt aus Sprache gemacht?
Wenn es um solche Unterscheidungen (beziehungsweise Ununterscheidbarkeiten) geht, kommt irgendwann unweigerlich der Griff in die philosophische Mottenkiste. Da tauchen ganz grosse Fragen wieder auf, die eigentlich schon lange als obsolet galten, die jedenfalls kaum mehr verhandelt werden im jüngeren philosophischen Diskurs. Ist die Welt aus Sprache gemacht? Können wir überhaupt ein Weltverständnis gewinnen jenseits von Sprache? Der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein war da auf jeden Fall kategorisch: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.» Und können wir Bewusstsein – und sein Verhältnis zu Sprache – wirklich scharf definieren? Ein Gedankenexperiment unter vielen, wieder am Beispiel der Farben: Sprachmodelle könnten zwar sehr gewandt über Farben sprechen, aber sie könnten nie ein echtes Verständnis von «blau» oder «grün» gewinnen, heisst es oft, dazu fehle ihnen die sinnliche Erfahrung.
Zur Person
Prof. Dr. Tobias Hodel
ist ausserordentlicher Professor für Digital Humanities am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern.
Eine Argumentation, die Blinde allerdings als Affront empfinden müssen – auch sie haben ein facettenreiches Verständnis von Farben und gewinnen es via Sprache. Man frage sich selber einmal, welchen Anteil an «Weltwissen» man selbst erlangt und welchen man sich indirekt sprachlich (sei es in Gesprächen, sei es durch Texte) angeeignet hat. Dass man im Silicon Valley vor ein, zwei Jahren von Reasoning Models zu sprechen begonnen hat, ist da nur logisch. Mit Sprache kommt nun offenbar auch die Fähigkeit zum Räsonieren in die Maschinen, wie von Zauberhand – da hätte Hegel nicht unbedingt widersprochen. Hodel dagegen schon: «All diese Versprechungen, die Allgemeine Künstliche Intelligenz (AGI), das Reasoning, das kommt letztlich aus der Werbesprache.» Auch das ist nicht ohne seltsame Logik: Sprache bedeutet potenziell auch immer Manipulation, Täuschung, Übertreibung. Das Silicon Valley mag da gerade den eigenen Zaubersprüchen verfallen.
Sprachbegabte Tiere, die ausdrücken können, was sie wollen
So oder so: Wir erleben gerade einen seltsamen und für viele auch irritierenden Moment der Menschheitsgeschichte. Unsere «Human Exceptionalism»-Position wird uns gleich von zwei Seiten streitig gemacht. Sind wir das einzige Lebewesen, das sprechen kann? Und was, wenn Maschinen doch plötzlich mehr sind als «stochastische Papageien», wie es in einem einflussreichen Paper aus der Google-Ethikabteilung heisst (für das die Autorin Timnit Gebru übrigens keinen Dank, sondern die Kündigung erhielt)? Taugt Sprache denn noch als Distinktionsmerkmal? Als das, was den Menschen letztlich ausmacht? Die Frage lässt sich auch umdrehen, zur pragmatischsten Definition von Sprache: Sie ist das Werkzeug, das nur Menschen zur Verfügung steht. Sie ist es, die uns prägt, unser Miteinander, unser Wissen, unsere Emotionen. Wir sind vielleicht Tiere, aber wir sind die sprachbegabten. Das immerhin.
Magazin uniFOKUS
Sprache
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.
So galt es über Jahrhunderte der Philosophiegeschichte, niemand hätte ernstlich Einspruch gewagt. Die Linguistin und Direktorin des Instituts für Sprachwissenschaft, Linda Konnerth, sagt es so: «Menschliche Sprachen sind Kommunikationssysteme, mit denen wir alles, was wir ausdrücken wollen, auch ausdrücken können.» Das beinhalte insbesondere auch Fiktives oder lange Vergangenes. Dabei gehe es nicht nur um Informationsaustausch, sondern auch um Emotionen, Einstellungen zum Gesagten und darum, «dass wir auch oft vage bleiben wollen und nicht alles explizit kommunizieren».
Mehr als ein evolutionärer Vorteil?
Unzweifelhaft ist, dass Sprache einen Evolutionsvorteil darstellt. Aber noch wird darüber gestritten, worin er genau besteht: Ist es die Möglichkeit, die Nahrungssuche und andere Arbeiten zu koordinieren und aufzuteilen? Oder die Beziehung zwischen Kindern und Eltern zu vertiefen? Und lief die Entwicklung von Sprache tatsächlich parallel zur Entwicklung eines Bewusstseins? Ebenso wird darüber gestritten, ob Tierlaute absichtliche Kommunikation oder schlicht Ausdruck von Alarm oder Angst sind. Erdmännchen zum Beispiel kommen leicht in einen so grossen Erregungszustand, dass sie ihren Warnruf auch dann ausstossen, wenn keine Artgenossen in der Nähe sind. Schimpansen dagegen zügeln ihre Alarmrufe, wenn sie sehen, dass die Sippe den Feind bereits erspäht hat.
«Menschliche Sprachen sind Kommunikationssysteme, mit denen wir alles, was wir ausdrücken wollen, auch ausdrücken können.»
- Linda Konnerth
Auf jeden Fall: Als die Sprache mal da war, erwies sie sich als Erfolgsgeschichte. Sie verbreitete, sie diversifizierte sich: «Es gibt heute etwa 7000 Sprachen auf der Welt», sagt Konnerth, und längst nicht alle seien dokumentiert. Deshalb werde in der allgemeinen Sprachwissenschaft viel geforscht zu indigenen Minderheitensprachen fernab der politischen Zentren; die Uni Bern baut dabei enge Kooperationen mit Universitäten im globalen Süden auf, um die linguistische Grundlagenforschung nachhaltig auszubauen (mehr dazu auf Seite 26).
Sprachen erforschen, bevor sie sterben
Und Sprache ist dynamisch: Es entstehen auch heute noch neue Sprachformen – Soziolekte, Kontaktvarietäten, nennt es Konnerth. Aber bis daraus dann tatsächlich eine neue Sprache werde, brauche es mehr: Die Sprachform müsse für alle Zwecke verwendet und muttersprachlich weitergegeben werden. Insofern ist eine andere Dynamik viel bedeutender: «Generell geht die Zahl der Sprachen rapide runter.» Gründe dafür seien ein Mehr an Kommunikationsinfrastruktur und der daraus resultierende Sprachkontakt. Auf der Hand liege das sozioökonomische Interesse von Eltern, ihre Kinder mit einer Nationalsprache oder anderen Mehrheitensprachen aufwachsen zu lassen, was den Druck auf die Minderheitensprachen erhöhe. Schätzungen würden davon ausgehen, dass bis 2100 ein Viertel der heutigen Sprachen nicht mehr gesprochen würde und sich die Geschwindigkeit des Sprachensterbens voraussichtlich verdreifache. Es ist also ein Wettlauf gegen die Zeit: «Primär geht es darum, dass wir verstehen wollen, wie unterschiedlich Sprachen sind und wie sich diese Unterschiede herausbilden.»
Zur Person
Prof. Dr. Linda Konnerth
ist Assistenzprofessorin für historische Sprachwissenschaft und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Sprachwissenschaft der Universität Bern.
.» Gesamtheitlich betrachtet, heutzutage und evolutionär, seien «kleine» Sprachen mit bis zu 100 000 Sprechenden der Regelfall und daher auch von besonderem Interesse für die Sprachwissenschaft. Insofern stelle die Schweiz ein kleines Paradies für eine Sprachwissenschaftlerin dar, mit all den gelebten Dialekten. Konnerth sieht insofern eine ethische Dimension in ihrer Forschung. Sie erinnert zum Beispiel an indigene nordamerikanische Sprachen, die aufgrund ihrer signifikanten Bedeutung für die Nachfahren dieser Sprechergemeinschaften dank sprachwissenschaftlicher Dokumentation «revitalisiert» werden können.
Sprachen mithilfe von KI erforschen
Da sieht Konnerth durchaus auch ein grosses Potenzial im Zusammenhang mit KI – einstweilen hilft die Technik aber vor allem bei der langwierigen Forschungsroutine. Weil Linguistinnen und Linguisten vornehmlich mit gesprochener Sprache arbeiten würden, liege der Flaschenhals beim Transkribieren der Tonaufnahmen, und da wird die KI immer besser. An der Stelle ähneln sich die Zugänge von Konnerth und Hodel. Auch für den KI-Experten stellt die automatische Textextraktion eine «Riesenchance» dar. Literaturwissenschaftliche Projekte könnten nun mit ungeahnten Textmengen umgehen, «wir können plötzlich 5000 statt 50 Bücher rezipieren». Wobei er noch ein wenig vorsichtig ist, was die Zukunftshoffnung Language Models angeht: Momentan seien spezifische KI-Ansätze immer noch besser als die allgemeinen Modelle, ausserdem müsse man sich als Forscherin oder Forscher auch die Frage stellen, was es koste, solche Riesenmodelle zu trainieren und zu betreiben, «auch ökologisch». Insofern ist für ihn die Nutzung von Sprachmodellen auch eine «Frage des Anstands», gerade für einen literarischen Connaisseur. Es gehe ja auch um ein Bewusstsein dafür, wie viele verschiedene Textgenres und Tonalitäten es eigentlich gebe – nicht nur die «Plastik-Texte», die aus der Maschine kommen. Und er vergleicht das mit Möbeln, vom Tischler handgefertigt, versus Ware von IKEA. Für die Geisteswissenschaft bedeute das letztlich nichts Schlechtes, ist Hodel überzeugt, sie werde eher an Relevanz gewinnen: «Das ist schliesslich eine geisteswissenschaftliche Domäne, sich klarzumachen: welches Wissen ist wie in der Welt.»
Schutz gegen Sprache?
Auch Matthias Erb erwartet guten Wind für sein Forschungsfeld: In den nächsten Jahren werde es bestimmt einige Durchbrüche geben, gerade auf der molekularen Ebene. Noch aufzuklären sind die Mechanismen, zum Beispiel auf Empfängerseite: Wie kommen die Duftstoffe genau in die Pflanzen, wo docken sie an, was passiert weiter? Forschung mag da in erster Linie chemische Details und abstrakte Zusammenhänge zutage fördern, aber Erb ist sich bewusst, dass sie auch mit Sprache hantieren muss – und dass da immer ein wenig Vorsicht geboten ist, insbesondere beim «Verkaufen» der Resultate: «Die menschliche Sprache hat natürlich ihre Limiten, aber wir müssen sie ja doch nutzen, um unsere Resultate effektiv zu kommunizieren.»
Zur Person
Prof. Dr. Matthias Erb
ist Leiter der Sektion Biotische Interaktionen am Institut für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern.
Womit wir wieder bei Sprache und Manipulation wären, einem Thema, das uns ja gerade im Zusammenhang mit Fake News und der Angreifbarkeit von Demokratien ziemlich heftig umtreibt. Sprachkompetenz heisst in dem Zusammenhang eben auch: Fakt- und Fiktionskompetenz. Dass eigentlich alles erzählt werden kann, dass wir auch furchtbar gern etwas erzählt bekommen, bringt Hodel zur Frage, ob wir neuerdings womöglich «Schutzschichten gegenüber Sprache» brauchen – «denn jetzt merken wir, wie beeinflussbar wir sind». Aber reflektiert die Sprache ihre Grenzen, ihre Doppelbödigkeit nicht auf spielerische Art auch immer selber? Einen einmaligen Moment am Strand, ein schönes Erlebnis, das uns ewig in Erinnerung bleiben wird: «unbeschreiblich» finden wir das. Und schon ist es beschrieben.
Worte, die zerfallen wie modrige Pilze
Kleist hatte es Anfang des 19. Jahrhunderts optimistisch gewendet in «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden»: «Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.» Hundert Jahre später dann Hofmannsthal, im Chandos-Brief: «Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. […] die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.» Sprache als das Rad, das den Karren am Laufen hält, versus Sprache, die uns ewig im Wege steht – Worte, die zerfallen wie modrige Pilze: besser kann man die grosse Zerrissenheit, die Sprache für uns bedeutet, nicht bebildern. Wer das Thema konziser auf einen Nenner gebracht haben will, wende sich – meinetwegen – an die Sprach-KI des Vertrauens.
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