Schrift im Spiegel der Gesellschaft

Sprache ohne Schrift? Schwer vorstellbar. Wie Schrift entstanden ist, weshalb sie uns bis heute prägt und warum uns die Handschrift wohl erhalten bleibt, erläutern Hanne Griessmann und Roland Reichen im Gespräch.

IMMER
Frühmittelalterliches Sakramentar aus der Zeit um 800. Der Text ist in Rätischer Minuskel geschrieben, einer Schriftform, die im churrätischen Raum verwendet wurde. Buchschmuck nach irischen Vorbildern. Bild: Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 348, S. 328, und e-codices.unifr.ch

Frau Griessmann, Herr Reichen, wann oder was schreiben Sie selbst bewusst von Hand?

Hanne Griessmann: Ich führe noch einen Papierkalender, da fällt mir der Wechsel ins Digitale schwer. Und persönliche Post schreibe ich nach wie vor von Hand.

Roland Reichen: Das ist wahrscheinlich eine Generationenfrage. Ich habe ebenfalls noch eine Papieragenda. Und Notizen im Unterricht mache ich oftmals handschriftlich. Arbeite ich literarisch, benutze ich zwar meist den Computer, aber auf Zugfahrten kommt bevorzugt mein Notizbuch zum Einsatz.

Sie unterrichten gemeinsam Handschriftenkunde. Was versteht man darunter und warum ist sie relevant?

Roland Reichen: Im engen Sinn versteht man darunter die Wissenschaft vom handgeschriebenen Buch im Mittelalter, insbesondere hinsichtlich seines Entstehungsprozesses. Wir vermitteln die Entwicklungen der Handschrift im deutschsprachigen Raum mit praktischen Transkriptionsbeispielen vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Die Kenntnis der damals jeweils im deutschen Sprachraum verwendeten Schrift ist unerlässlich, um handgeschriebene Quellen überhaupt im Original lesen zu können. Handschriftenkunde ist also geisteswissenschaftliches Grundlagenwissen.

Hanne Griessmann: Schrift ist ein prägender Teil unserer Gesellschaft und Kultur und unterliegt damit immer auch ästhetischen oder politischen, aber ebenso technischen und materiellen Einflüssen.

«Schrift ist ein prägender Teil unserer Gesellschaft und Kultur.»

- Hanne Griessmann

Können Sie ein Beispiel für solche Einflüsse geben?

Roland Reichen: Schon seit dem Spätmittelalter existiert als Druckschrift die bis heute gebräuchliche, gut lesbare Antiqua, die aus der karolingischen Minuskel entwickelt worden war. Lange Zeit war der Gebrauch der Antiqua im deutschen Sprachraum jedoch eingeschränkt, ursprünglich insbesondere auf lateinische Texte. Das NS-Regime nutzte für Druckerzeugnisse bis 1941 die Fraktur, die als genuin deutsch galt – bis die Antiqua plötzlich als Standardschrift für alle NS-Druckerzeugnisse vorgeschrieben wurde, da die Fraktur angeblich auf «Schwabacher Judenlettern» beruhe.

Hanne Griessmann: Dies war die antisemitische und schriftgeschichtlich schlicht falsche Begründung im Führererlass von 1941, der die Frakturschrift verbot. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass die Nazi-Propaganda in besetzten Gebieten mit der leichter lesbaren Antiqua einfacher verbreitet werden konnte. Damit endete die seit dem 16. Jahrhundert im deutschen Sprachraum bestehende Zweischriftlichkeit von Antiqua und Fraktur.

Zur Person

Roland Reichen

leitet seit 2015 die Handschriftenabteilung an der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf der Universität Bern. In Bern hat er zuvor Deutsche Literaturwissenschaft studiert und 2011 promoviert. Zudem hat er drei stark dialektgefärbte Romane publiziert; 2015 wurde er mit einem Literaturpreis des Kantons Bern ausgezeichnet.  

Sprechen wir über die Anfänge der Schrift: Vor rund 5200 Jahren tauchten im heutigen Irak erste Tontafeln auf, in die strukturierte Zeichen, jedoch noch keine Texte im heutigen Sinne, eingeritzt wurden. Wie und wo entwickelte sich eine Schrift, mit der inhaltlich komplexere Texte möglich wurden?

Roland Reichen: Auf diesem Gebiet sind wir beide keine Fachleute. Die Geschichte der Schrift beginnt um 3300 vor Christus in Sumerien, dem heutigen Iran und Irak, und fast zeitgleich in Ägypten. Sehr verkürzt gesagt stehen Zeichen zunächst für einzelne Begriffe – königliche Verwaltungen wollten festhalten, wie viel Bier oder Getreide sie gelagert hatten. Relativ rasch entwickelten sich Silbenschriften und um 1000 vor Christus das erste Laut-Alphabet.

Magazin uniFOKUS

Sprache

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.

Wie entscheidend war das Römische Reich für die Verbreitung der Schrift im europäischen Raum?

Hanne Griessmann: Es gibt Quellen, die belegen, dass gerade die gebildete Elite Roms lese-, aber auch schreibfähig war. Das Römische Reich und sein Verwaltungsapparat haben auch Schrift in die besetzten Gebiete mitgebracht. Inwieweit diese Fuss gefasst hat, ist jedoch schwer zu beurteilen. Dieser Einfluss war vermutlich eher indirekt. Von entscheidender Bedeutung war hingegen, dass das Christentum nach dem Untergang des Römischen Reiches bestehen blieb. Und weil Latein die Sprache der Kirche war, breitete sich die lateinische Schrift – die Grundlage unseres heutigen Alphabets – mit dem Christentum zunehmend aus.

«- Schreiben war gleichermassen Kunsthandwerk und strapaziöser Beruf.»

- Hanne Griessmann

Im Mittelalter kopierten Mönche mitunter Bücher in klösterlichen Schreibstuben, den sogenannten Skriptorien. Mit dem Ziel, meist religiöse Texte zu vervielfältigen. Wirkte sich ihre Arbeit auch auf die Schrift aus?

Hanne Griessmann: Skriptorien gab es ebenso in Frauenklöstern. Somit vervielfältigten und illustrierten nicht nur Mönche, sondern auch Nonnen Bücher. Im Früh- und Hochmittelalter waren Klöster wichtige Orte, in denen Schrift gebraucht und hergestellt wurde. Im Kloster St. Gallen gab es ebenfalls ein Skriptorium – mit eigenem Stil, der im Frühmittelalter Einflüsse aus Irland und dem angelsächsischen Raum aufzeigt. Schreiben war gleichermassen Kunsthandwerk und strapaziöser Beruf. Für einen Prachtkodex, ein besonders aufwendig gestaltetes Buch, musste das Material – meist Pergament aus Tierhaut – vorbereitet, beschrieben und mit prächtigen Malereien verziert werden. Das erforderte zahlreiche Arbeitsschritte und in der Regel auch mehrere Personen.   

 

Zur Person

Hanne Griessmann

hat an der Universität Münster Deutsche Philologie, Neuere und Neueste Geschichte und Philosophie studiert und abgeschlossen. Seit 2019 arbeitet sie im Teilprojekt «Textphilologie» der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf der Universität Bern. Ausserdem ist sie Teil der Redaktion eines Wissenschaftsblogs.

Wurde das Handwerk in den Klöstern also auch gelehrt?  

Hanne Griessmann: Genau. Mit der Zeit bildete man neben zukünftigen Geistlichen auch Laiinnen und Laien in diesem Handwerk aus. Das entsprechende Wissen wurde also weitergegeben. Früher war die Lesefähigkeit deutlich stärker ausgebildet als die Schreibfähigkeit – das sind zwei verschiedene Kulturtechniken. Dennoch stieg die Schriftlichkeit kontinuierlich an, da in verwaltenden Institutionen, in Wissenschaft und Wirtschaft, aber auch privat immer mehr Schriftgut benötigt wurde.

IMMER
Kirchenvisitationsrapport über die Gemeinde Utzenstorf aus dem Jahr 1824. Gedruckt in Fraktur- und Kanzleischrift, ergänzt durch handschriftliche Einträge in Kurrentschrift. Jeremias Gotthelf, digitale Historisch-kritische Gesamtausgabe (Bild: Dokument aus dem Staatsarchiv Bern)

Um 1440 kam es durch Johannes Gutenberg zur Erfindung des Buchdrucks. Welche Konsequenzen hatte dies für die Schrift im deutschsprachigen Raum?

Roland Reichen: Enorme Konsequenzen. Aus spätgotischen Buchhandschriften wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts die sogenannte Fraktur als Druckschrift entwickelt. Man kann also sagen, dass Handschriften die Druckschrift beeinflusst haben. Und diese Fraktur hat sich wieder auf die Handschrift ausgewirkt. Denn der Schriftgelehrte Johann Neudörffer der Ältere, der 1538 mit seinem Hauptwerk den Grundstein für eine eigenständige Schreibschrift im deutschsprachigen Raum legte, orientierte sich in seinen Schreibmustern an der Fraktur.

1874 wurde die allgemeine Schulpflicht gesamtschweizerisch eingeführt. Welchen Effekt hatte dieser Entscheid auf die Lese- und Schreibkompetenz der hiesigen Bevölkerung?

Roland Reichen: Einige Kantone hatten die Schulpflicht schon früher eingeführt, und sie hatte einen enormen Einfluss. Zahlen legen nahe, dass um 1900 nur noch etwa ein Prozent der Bevölkerung als analphabetisch galt.

Denken Sie, dass der Computer einen ähnlich grossen Einfluss auf die Schrift hat wie einst der Buchdruck?

Hanne Griessmann: Ich glaube schon – gerade in Kombination mit Internet und KI. Fakt ist, dass wir heute, zumindest in hochdigitalisierten Ländern, überwiegend digital schreiben. Aber dass das bereits häufig postulierte Ende der Handschrift droht, sehe ich nicht.

«Fast alle Kulturtechniken überdauern in der einen oder anderen Weise.»

- Roland Reichen

Warum?

Roland Reichen: Zumindest für die Spanne meines Lebens gehe ich davon aus, dass weiterhin Spezialistinnen und Spezialisten nötig sein werden, die historische Handschriften beherrschen – und sei es auch nur, um KI-Transkriptionen überprüfen zu können. Bis heute wird das ganze Wissen der Menschheit in allererster Linie schriftlich bewahrt und vermittelt; ich kann mir deshalb kaum vorstellen, dass in wenigen Jahren das Ende der Schriftkultur bevorsteht. Ob in 20, 30 Jahren noch viele Leute von Hand schreiben werden, steht auf einem anderen Blatt. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: Fast alle Kulturtechniken, die von Menschen ersonnen wurden, überdauern in der einen oder anderen Weise.

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