Wie sich der Durchbruch der radikalen Rechten wirklich erklären lässt

Erstmals führen in allen Nachbarländern der Schweiz rechtsradikale Parteien die Umfragen an. Wie ist das möglich? Und was hat das mit der SVP zu tun?

Erstmals führen in den Nachbarländern der Schweiz Parteien die Umfragen an, die die Politikwissenschaft als «radical right» einordnet: Giorgia Melonis Fratelli d’Italia, der Rassemblement National unter Le Pens Ziehsohn Jordan Bardella, die FPÖ Herbert Kickls. Und seit Mitte April 2026 nun auch die AfD.

Im ZDF-Politbarometer schob sie sich erstmals vor die regierende Union. Hierzulande ist das längst Normalität. Seit 1999 ist die SVP stärkste Kraft. Von der Forschung grossmehrheitlich als «radical right» eingestuft, unterscheidet sie sich durch ihre lange Regierungsbeteiligung und ihre tiefe Verankerung im schweizerischen System deutlich von klassischen rechtsradikalen Oppositionsparteien. Jüngst übersprang sie die symbolische Marke von 600 Sitzen in den Kantonsparlamenten

Womöglich fragen sich zurzeit besonders viele: Warum wachsen die Wähleranteile der radikalen Rechten überall so schnell – und scheinbar ungebremst?

Wovon bisherige Erklärungsmuster ausgingen

In der politikwissenschaftlichen Literatur dominierten lange zwei Erklärungen. Die erste betont wirtschaftliche Gründe. Wer fürchtet, seinen Job an eine Maschine zu verlieren, wessen Lohn globalisierungsbedingt durch billige Importe sinkt oder wer sich keine Wohnung mehr leisten kann, sucht nach politischen Antworten. Und findet sie in der «radical right», die verspricht, diese Entwicklungen rückgängig zu machen.

Die zweite Erklärung hebt kulturelle Faktoren hervor. Weniger der Geldbeutel treibt Menschen zur radikalen Rechten, sondern das diffuse Gefühl, dass die eigene Identität bedroht ist. Eine solche «Veränderungserschöpfung» (Steffen Mau) wird etwa durch sich wandelnde Konsumgewohnheiten oder Geschlechterverhältnisse hervorgerufen.

Beiden Erklärungsansätzen liegt dieselbe Annahme zugrunde: (Wahl-)Verhalten folgt aus politischen Einstellungen. Wer vermehrt rechtsradikal denkt, wird auch vermehrt rechtsradikal wählen.

Wo althergebrachte Annahmen nicht zu den Fakten passen

Genau hier setzt die Kritik des portugiesischen Politologen Vicente Valentim in seinem mehrfach ausgezeichneten, bald auf Deutsch erscheinenden Buch an. Politische Einstellungen verändern sich nämlich nur langsam. Das ist empirisch gut belegt. Rechtsradikale Parteien schaffen ihren Durchbruch hingegen oft erstaunlich schnell: von der Bedeutungslosigkeit auf 15, 20, gar über 30 Prozent innerhalb weniger Wahlen. Folgte man der traditionellen Annahme, müsste diesem Aufstieg eine breite Radikalisierung vorausgegangen sein. Doch dafür fehlen die Belege.

Auch die Salienz-These überzeugt Valentim nicht vollständig, also dass bestimmte Themen wie Migration zeitweise wichtiger werden und so unterschwellige Einstellungen aktivieren. Migrationszahlen steigen und sinken. Die Unterstützung für rechtsradikale Parteien wächst aber meist kontinuierlich. Die Kurven passen nicht zusammen.

Soziale Normen als Schlüssel zur Erklärung des Aufstiegs der radikalen Rechten

Valentims Erklärung für den Vormarsch der radikalen Rechten rückt soziale Normen ins Zentrum. Normen sind ungeschriebene Regeln des Zusammenlebens. Sie legen fest, was als akzeptabel gilt und was nicht. Wer gegen sie verstösst, riskiert soziale Kosten: schräge Blicke, verlorene Freundschaften, berufliche Nachteile. Jahrzehntelang galt in vielen westlichen Demokratien eine eiserne Norm: Wer offen rechtsextreme Ansichten vertrat, überschritt eine unsichtbare Grenze.

Doch externe Schocks wie Wirtschaftskrisen, Migrationsbewegungen oder islamistische Attentate haben diese Grenze verschoben. In solchen Ausnahmesituationen «trauen Menschen sich plötzlich, extreme Dinge zu sagen – erst leise, später lauter», wie es der Politologe in einem «Zeit»-Interview beschrieb. So vollzieht sich die Normalisierung rechtsradikalen Gedankenguts in drei Schritten: Erst gelten rechtspopulistische Parteien als absolutes Tabu. Dann beginnen diese Normen zu bröckeln. Schliesslich verschwindet das Tabu ganz.

Der entscheidende Punkt: Die unsichtbare Grenze hat nie verändert, was Menschen denken. Sie hat nur unterdrückt, was sie sagen. Was sich gewandelt hat, ist also nicht die Überzeugung, sondern die Bereitschaft, diese zu äussern. Erst als die Angst vor sozialer Ächtung nachliess, weil rechtsradikale Positionen sagbar geworden waren, konnte die radikale Rechte wachsen. Bezeichnenderweise verlief ihr Aufstieg dort am rasantesten, wo das Stigma historisch am tiefsten sass: in Deutschland (AfD), Spanien (Vox) oder Portugal (Chega). Je tiefer das Tabu, desto grösser der Nachholeffekt.

Doch warum wandten sich die Menschen nicht schon früher in grossem Stil diesen Parteien zu, wenn die Überzeugungen doch immer schon vorhanden waren? Wegen des Zusammenspiels von Nachfrage und Angebot. Soziale Normen prägen nämlich nicht nur, wen Menschen wählen. Sie bestimmen auch, wer überhaupt kandidiert.

Wer seine wahren Ansichten verbirgt, unterschätzt, wie viele andere ähnlich denken. Dasselbe gilt für potenzielle Kandidierende: Sie wagen sich erst dann aus der Deckung, wenn ein Wahlerfolg dort realistisch erscheint. Dadurch fanden grosse Teile der Wählerschaft diejenige politische Heimat, die sie eigentlich immer schon suchten.

Die Schweiz – auch ein Vorläufer im Ausmass der Normalisierung?

Die bahnbrechende Forschung von Vicente Valentim zeigt: Es gibt «kein[en] Weg zurück in die Zeit vor der Normalisierung». Wer heute offen rechtsradikale Ansichten vertreten kann, hat keinen Grund, in eine Zeit zurückzukehren, in der diese Ansichten wieder geächtet wären. Und Parteiexponenten der radikalen Rechten, die wissen, was heute sagbar ist, werden damit kaum wieder aufhören.

Wenn die Nachbarländer der Schweiz darin folgen, eine Partei der radikalen Rechten zur stärksten Kraft zu machen, werden sie ihr wohl auch im Ausmass der Normalisierung folgen. Einst unterschätzten Umfrageinstitute die Zustimmung zur Minarett- und Ausschaffungsinitiative, weil sich viele scheuten, ihre wahren Ansichten offenzulegen. Heute stehen Wählende und Politiker von rechts bis über die Mitte hinaus gleichermassen zu ihrer Zustimmung zur 10-Millionen-Schweiz-Initiative.

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Politkolumnen von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus sowie Markus Freitag erscheinen auch im Online-Magazin der Universität Bern uniAKTUELL.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).


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