Politkolumne
Wie loyal sind Schweizer?
Ob in der Familie, im Verein oder in der Politik: Loyalität gilt hierzulande als wichtiger Wert. Doch sie ist ambivalent – und wird je nach Alter, Bildung und politischer Haltung unterschiedlich gewichtet.
Kennen Sie Nils Petersen? Der ehemalige Fussballspieler spielte als Mittelstürmer in der deutschen Bundesliga und hat sich bei seinem letzten Verein unsterblich gemacht. Nicht nur, dass er mit 34 Toren nach Einwechslung Rekordjoker der Bundesliga ist und jüngst von der Deutschen Akademie für Fussball-Kultur für den besten Fussballspruch des Jahres ausgezeichnet wurde. Nein. Die Anhängerinnen und Anhänger des SC Freiburg haben ihn zu ihrem «Fussballgott» auserkoren, weil er dem Club stets treu geblieben ist. Selbst nach dem Abstieg in die zweite Liga schlug er besser dotierte Angebote etablierter Vereine aus.
Diese Geschichte ist mehr als eine kitschige Fussballromanze in einem schnelllebigen Geschäft, in dem manche heute noch innig das Trikot ihres Herzensvereins küssen und sich morgen schon im gemachten Nest der besser aufgestellten Konkurrenz räkeln. Es geht um einen besonderen Wert. Es geht um Loyalität. Beispielsweise um eine Freundin, die zu einem steht, auch wenn die Meinungen einmal auseinandergehen und die Beziehung dadurch unbequem wird. Oder um enge Bande, bei denen Blut bekanntermassen dicker als Wasser ist. Oder vielleicht auch um einen Unternehmer, der dem Land trotz schwieriger Rahmenbedingungen nicht den Rücken kehrt. Können Sie damit etwas anfangen? Sind Sie auch eher der loyale Typ? Oder ist Treue auf Teufel komm raus nicht so Ihr Ding?
Loyalität gegenüber fehlbaren Familienmitgliedern
Loyalität bezeichnet allgemein die Hingabe oder das tiefe Gefühl der Verbundenheit und Treue gegenüber einer Person, einer Gruppe, einem Ideal, einem Prinzip oder einer Sache. Sie drückt sich sowohl in Gedanken als auch in Handlungen aus und zielt darauf ab, die Interessen der loyalen Person mit dem Zielobjekt in Einklang zu bringen. Wer sich an diesen Wert klammert, sieht in der Loyalität eine Tugend der Verlässlichen und einen moralischen Kitt von Beziehungen, Organisationen oder auch Staaten. Wer von Loyalität profitiert, muss nicht befürchten, dass etwaige Patzer das sofortige Ende der Liaison bedeuten. Und wer Loyalität entgegenbringt, hält auch in schwierigen Zeiten die Stange. Dabei gilt aber: Nicht wer nie zweifelt, ist loyal, sondern wer im Zweifel nicht sofort geht.
In einer Zeit, in der Flexibilität zur Maxime erhoben und Wechselbereitschaft zum Erfolgsmodell deklariert wird, wirkt Loyalität für manche allerdings zunehmend beklemmend. Sie wird als Relikt vergangener Tage abgetan, als feste Bindungen etwaigen Exit-Optionen stets einen Riegel vorschoben und Mobilität oder Selbstoptimierung immer nur die zweite Geige spielten. Gewiss, Loyalität ist kein bedingungsloser Wert. Sie verkommt zur Resignation, wenn sie die Merkmale einer widerwilligen Akzeptanz aufweist. Ohne Prinzipien kippt sie in Konformismus und ohne Kritik in vorbehaltlose Kumpanei. Blind loyal zu sein, ist ausserdem nicht tugendhaft, sondern gefährlich. Das hält uns die ideologisch verbohrte Treue der Gefolgsleute fanatischer Gruppierungen immer wieder vor Augen.
Loyalität in der Schweiz
Eigenen Umfragen zufolge denkt über die Hälfte der Schweizer Bevölkerung, dass Menschen gegenüber ihren Familienmitgliedern loyal sein sollten, auch wenn diese etwas Falsches getan haben. Das sind weniger als in Italien, aber etwas mehr als in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Spanien. Und wenn die Menschen hierzulande entscheiden müssten, ob sie den Stab über jemanden brechen müssen, ist für mehr als zwei Drittel von Bedeutung, ob die Person mit ihren Handlungen die eigene Gruppe hintergangen oder betrogen hat.
Weitere Auswertungen zeigen, dass Loyalität in der Schweiz mit fortschreitendem Alter immer wichtiger wird. Für zunehmende Bildung trifft hingegen das Gegenteil zu. Zudem gewichten Menschen, die sich rechts im politischen Spektrum platzieren, Loyalität
höher als Personen, die sich eher links verorten. Übrigens: Ihnen stand der Abgang während des Lesens dieser Zeilen jederzeit offen. Da Sie aber bis zum Schluss durchgehalten haben, danke ich Ihnen von Herzen für Ihre Treue und Verbundenheit.
Zweitveröffentlichung
Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL
Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.
Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern
Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).
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