Politkolumne
Wie viel Schweiz steckt in Ihnen?
Markus Freitag kam als Kontingenteinwanderer ins Land und wurde zum Vermesser der Schweizer Identität. Nun erscheinen seine Kolumnen als Buch.
Vor über 30 Jahren bin ich in die Schweiz eingereist. Von Beginn an unterlag mein Aufenthalt ständigen Prüfungen. Da ich notabene nicht mit der Personenfreizügigkeit, sondern über das Kontingent einwanderte, musste zunächst begründet werden, weshalb das Land mich unbedingt brauchte und warum sich niemand aus der Schweiz finden liess. Ich musste besser sein als alle hier bereits Lebenden. Was für eine Qualifikation! Zur Belohnung erhielt ich eine B-Bewilligung.
Diese Bescheinigung war eine Art provisorischer Vertrauensvorschuss. Ich durfte bleiben, eine Wohnung suchen, mich anmelden, Steuern zahlen und Teil des Schweizer Arbeitsalltags werden. Gleichzeitig blieb mein Aufenthalt aber kontrolliert: Die Bestätigung war auf ein Jahr befristet und musste immer wieder verlängert werden.
Nach fünf Jahren wurde mein Gesuch für die C-Bewilligung geprüft und durchgewinkt. Damit wurde mein Aufenthalt entfristet. Aus der Arbeitskraft wurde ein Mensch. Ich war gekommen, um zu bleiben. Und ich wollte mehr. Im Überschwang wagte ich mich irgendwann an die Einbürgerung und bekam Besuch von einem Schweizermacher. Er inspizierte mein Umfeld und wollte wissen, wie viel Schweiz in mir steckt.
Der freundliche Herr stellte mir Fragen zum politischen System der Schweiz, die ich von Berufs wegen allesamt zu beantworten vermochte. Und bei den Fragen zu den Gewässern im Kanton Zürich konnte ich mich mit dem Hinweis auf den Katzensee freischwimmen. Der Eignungstest war bestanden. Ich war ein Schweizer. Zwar nur auf dem Papier, aber immerhin kein unbeschriebenes Blatt mehr. Aber wie ist es eigentlich bei Ihnen? Glauben Sie auch, dass Sie zu diesem Land passen? Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? Machen Sie sich nicht auch ab und an Gedanken über ihre charakterliche und emotionale Passfähigkeit, zu Ihren Anlagen, im Team Schweiz und seiner anspruchsvollen Demokratie mitzuspielen, sowie darüber, inwiefern Sie Volkes Meinung teilen?
Der freundliche Herr stellte mir Fragen zum politischen System der Schweiz, die ich von Berufs wegen allesamt zu beantworten vermochte. Und bei den Fragen zu den Gewässern im Kanton Zürich konnte ich mich mit dem Hinweis auf den Katzensee freischwimmen. Der Eignungstest war bestanden. Ich war ein Schweizer. Zwar nur auf dem Papier, aber immerhin kein unbeschriebenes Blatt mehr. Aber wie ist es eigentlich bei Ihnen? Glauben Sie auch, dass Sie zu diesem Land passen? Wie viel Schweiz steckt in Ihnen? Machen Sie sich nicht auch ab und an Gedanken über ihre charakterliche und emotionale Passfähigkeit, zu Ihren Anlagen, im Team Schweiz und seiner anspruchsvollen Demokratie mitzuspielen, sowie darüber, inwiefern Sie Volkes Meinung teilen?
Alle meine Befragungsdaten deuten auf ein Land hin, in dem emotionale Selbstkontrolle stilbildend ist. Gewissenhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und Rücksicht dominieren den Charakter der Menschen hierzulande deutlich stärker als Extraversion, Risikofreude oder die Offenheit für radikale Veränderungen. Nicht die starke und schillernde Persönlichkeit gilt als das Ideal, sondern die berechenbare und selbstbeherrschte.
Die nach aussen getragene Bescheidenheit paart sich dabei mit einem inneren Stolz auf die eigene Demokratie, die Geschichte des Landes sowie die wirtschaftlichen und politischen Erfolge. Rund zwei Drittel der Bevölkerung bekennen sich denn auch dazu, lieber Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zu sein als Angehörige eines anderen Landes. Man hält viel von sich, vermeidet es aber, daraus ein Spektakel zu machen. Statt grosser Gesten überwiegt diskrete Selbstgewissheit.
Und nur rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung bezeichnet sich als grundsätzlich optimistisch. Der verbreitete Pessimismus entspringt jedoch weniger einer düsteren Weltsicht als vielmehr einer kulturell eingeübten Vorsicht. Man rechnet lieber mit Schwierigkeiten, um von ihnen nicht überrascht zu werden. Hinter dieser Haltung steht eine typisch schweizerische Skepsis gegenüber allen Übertreibungen und Plagööri. Wer allzu euphorisch auftritt, verletzt schnell das Ideal der Nüchternheit und Zurückhaltung. Zu viel Optimismus gilt schnell als naiv und zu viel Begeisterung als verdächtig. Und? Wie steht es jetzt um Ihre Swissness? Finden Sie es heraus!
Zweitveröffentlichung
Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL
Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.
Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern
Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).
Weitere Informationen
uniAKTUELL-Newsletter abonnieren
Entdecken Sie Geschichten rund um die Forschung an der Universität Bern und die Menschen dahinter.