Mitgefühl kennt in der Schweiz keine politische Seite – ein Sonderfall

Links fühlt mehr als rechts? In der Schweiz stimmt das nicht, zeigen Daten. Frauen und ältere Menschen empfinden allerdings deutlich mehr Anteilnahme als andere.

Text: Markus Freitag 20. Mai 2026

Markus Freitag

Wir erinnern uns: Zu Jahresbeginn unterbrach der SRF-Journalist Roger Aebli mitten in einer Live-Sendung seinen Satz. Seine Stimme stockte, dann brach sie ab. Für einen Moment trat Stille ein – kein technischer, sondern ein menschlicher Aussetzer. Mit seinem Hinweis auf einen bevorstehenden Nervenzusammenbruch bewegte der USA-Korrespondent das TV-Publikum. Nur wenige Wochen zuvor hatte Mattea Meyer der Öffentlichkeit ihre Auszeit von der politischen Bühne mitgeteilt. Als sie jüngst wieder unter die Bundeshauskuppel zurückkehrte, berichtete die Co-Präsidentin der SP, die Anteilnahme und das Verständnis für ihre Erschöpfung seien riesig gewesen. Wie ist das eigentlich bei Ihnen? Wie nehmen Sie das auf? Lassen Sie solche Momente unberührt? Oder zeigen Sie vielmehr ein tiefes Mitgefühl mit den Betroffenen?

Nach dem amerikanischen Star-Psychologen Jonathan Haidt gehören Mitgefühl und Fürsorge neben den Überzeugungen von Fairness, Autorität, Loyalität und Reinheit zu unserem fest verankerten ethischen Grundinventar, das uns automatisch und intuitiv moralische Verdikte fällen lässt. Als tief verwurzeltes und vorprogrammiertes Navigationssystem führt es uns durch vielfältige soziale Problemlagen und hilft uns, menschliche Verhaltensmuster zu beurteilen. Unsere Fähigkeit zu Mitgefühl und Fürsorge ist zunächst eine Frage gemeinsam geteilter Lebenswelten und persönlicher Nähe oder Bindung. Es fällt uns beispielsweise leicht, Mitgefühl für unsere Kinder oder enge Freundinnen und Freunde zu empfinden. Bei ähnlich tickenden Menschen ist das ebenfalls gut möglich, aber bei Fremden tun wir uns schon schwerer. Und auch gegenüber Menschen, die sich in ihrem Auftreten und ihren Anschauungen stark von uns unterscheiden, sind wir seltener zu Mitgefühl bereit. 

Mitgefühl vs Empathie

Häufig wird diese Empfindung auch mit Empathie gleichgesetzt. Während Empathie aber als Fähigkeit verstanden wird, Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden, als wären es die eigenen, bedeutet Mitgefühl gerade nicht, das Gleiche zu fühlen. Vielmehr ist es eher ein Gefühl der Fürsorge und Wärme, das mit Zuwendung einhergeht. Man versteht, was die oder der Betroffene durchmacht, und behält dennoch seine Handlungsfähigkeit. Wo Empathie in erster Linie unser Schmerzempfinden berührt, ist Mitgefühl an soziale Nähe gekoppelt. Wer zudem starke Empathie zeigt, ohne sich abzugrenzen, riskiert die emotionale Erschöpfung. Mitgefühl ist für das betroffene Umfeld deshalb oft wirkungsvoller und zuträglicher als Empathie, da man nicht Gefahr läuft, beim Zuspruch emotional auszubluten und den Leidenden nicht mehr beistehen zu können.

Diese moralische Grundtugend erfährt in der Schweiz einen starken Rückhalt. Laut eigenen Befragungen erachten rund drei Viertel das Mitgefühl als das wichtigste Prinzip für das Zusammenleben.

In Italien und Grossbritannien sind es noch einmal deutlich mehr. Für zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung spielt es bei ihren Entscheidungen dazu auch eine Rolle, ob die Gefühle von jemandem verletzt werden. In Frankreich gilt dies beispielsweise nur für die Hälfte der Befragten.

In der Moralpsychologie wird auch immer wieder davon ausgegangen, dass Mitgefühl eher von Linken als von Rechten empfunden wird. In der Schweiz ist die Fähigkeit zur Anteilnahme jedoch nicht politisch vorgespurt, sondern wird unabhängig von der ideologischen Verortung praktiziert. Weitere Auswertungen zeigen jedoch, dass dem Mitgefühl mit zunehmendem Alter eine immer grössere Bedeutung beigemessen wird. Zudem sind Frauen generell mitfühlender als Männer. Die Teilnahme am Leid anderer ist natürlich auch eine Charakterfrage und wird besonders bei Menschen deutlich, die sich selbst als gewissenhaft, verträglich, offen oder auch neurotisch taxieren.

Aber machen wir uns nichts vor: Die meisten von uns sehnen sich nach Mitgefühl. Vor allem, wenn es uns schlecht geht. Umso härter trifft es uns, wenn uns dann nur Herzen aus Stein entgegenschlagen.

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).
Weitere Informationen

uniAKTUELL-Newsletter abonnieren

Entdecken Sie Geschichten rund um die Forschung an der Universität Bern und die Menschen dahinter.