Mythen zum Schweizer Wahlverhalten – und was die Forschung dazu sagt

Spitzenplätze auf Listen, immer mehr Wahllisten, wachsende Polarisierung: Neue Studien widerlegen verbreitete Annahmen. Für die Parlamentswahlen 2027 gelten andere Regeln als gedacht.

In einem Jahr wird das Schweizer Parlament neu gewählt. Hinter den Kulissen laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren: Die Parteien bringen ihre Kandidierenden in Stellung, stellen ihre Listen zusammen und schmieden Wahlallianzen. 

Doch was bringt an der Urne tatsächlich Stimmen und Sitze? Sind vordere Listenplätze ein Erfolgsrezept? Und wird die Schweizer Wählerschaft tatsächlich immer stärker polarisiert? Neue politikwissenschaftliche Studien stellen vermeintliche Gewissheiten infrage. Wir nehmen einige verbreitete Mythen zum Schweizer Wahlverhalten unter die Lupe. 

Mythos 1: Ein Spitzenplatz auf der Liste garantiert die Wahl 

Ein Spitzenplatz auf der Wahlliste gilt gemeinhin als halbe Wahl. Doch so einfach ist es nicht. Wie der Berner Politologe Rudolf Burger in seinem neuen Buch «Wahlen analysieren» zeigt, wird der Einfluss des Listenplatzes deutlich überschätzt. Dass die Erstplatzierten häufig auch die meisten Stimmen erhalten, ist für Burger eine klassische «Scheinkorrelation». 

Denn die Parteien setzen meist jene Kandidierenden an die Spitze, die auch bei den Wählenden besonders gute Chancen haben. Frühere Studien betonten gerade für Frauen die Bedeutung guter Listenplätze. Gemäss Burgers Auswertungen zählen jedoch mediale Sichtbarkeit, politische Erfahrung und der persönliche Wahlkampfeinsatz stärker. Oder kurz: Bekanntheit schlägt Listenplatz. 

Mythos 2: Je mehr Listen, desto mehr Sitze 

Je mehr, umso besser: Nach diesem Motto stellen die Parteien immer mehr Wahllisten mit möglichst vielen Kandidierenden auf. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Wie die Politologin Martina Flick Witzig von der Universität Bern in einer Analyse der Nationalratswahlen von 1987 bis 2023 aufzeigt, bringt jede zusätzliche Teilliste im Durchschnitt zwar 0,45 Prozentpunkte mehr Wähleranteil. Bei den Wahlen 2023 waren es sogar nur noch 0,2 Prozentpunkte. 

Entscheidend ist dabei: In zusätzliche Parlamentssitze lassen sich diese geringen Zugewinne nicht ummünzen. Selbst in grossen Wahlkreisen ist der Effekt auf die Mandatszahl praktisch null. Die Listenflut bringt den Parteien also mehr Aufwand als mehr Sitze und den Wählenden nicht primär mehr Auswahl, sondern vor allem grössere Überforderung.  

Mythos 3: Die politischen Lager werden sich immer unsympathischer 

Die politischen Gräben werden tiefer, die Wählenden stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber, lautet eine verbreitete Diagnose. Doch eine neue Studie der Basler Forscher Benjamin Jansen und Alois Stutzer zeichnet ein anderes Bild. Zwar nahm die parteibezogene affektive Polarisierung der Schweizer Wählerschaft um die Jahrtausendwende zu. Seit 2003 ist sie jedoch weitgehend stabil geblieben. 

Auch das Panaschieren, also die Vergabe von Stimmen an Kandidierende anderer Parteien, zeigt seit 1983 keinen langfristigen Rückgang. Dies bestätigt eine Auswertung von Markus Freitag: Trotz wachsender ideologischer Gegensätze hat die gegenseitige Ablehnung der Parteilager seit 2011 nicht zugenommen. Politische Positionen mögen auseinanderdriften. Dass sich die Schweizer Wählenden entlang der Parteigrenzen deshalb immer weniger mögen, lässt sich aus den Daten jedoch nicht ableiten. 

Mythos 4: Krisen kosten Regierungsparteien Stimmen 

Wer regiert, verliert in der Krise. Schliesslich machen die Wählenden die Regierung für politische Probleme verantwortlich. Das jedenfalls gilt für die meisten Länder der Welt. Nicht so für die Schweiz, wie eine neue Studie der Lausanner Politologen Elie Michel und Lukas Lauener zu den Nationalratswahlen 2023 deutlich macht. Wer die Coronapandemie als besonders wichtiges Problem wahrnahm, blieb häufiger der Urne fern und wandte sich eher von den Bundesratsparteien ab. 

Bei der Energiekrise war es hingegen genau umgekehrt: Sie mobilisierte bisherige Nichtwählende und stärkte die Unterstützung für Regierungsparteien. Der Ukrainekrieg wiederum hinterliess kaum messbare Spuren im hiesigen Wahlverhalten. In der Schweiz sind Krisen für Regierungsparteien also nicht zwangsläufig ein Risiko. Sie können ihnen an der Urne auch Rückenwind verschaffen. 

Mythos 5: Wer jung nicht wählt, tut es später schon noch 

Junge Menschen gehen bekanntlich seltener wählen als ältere. Doch nimmt diese jugendliche Wahlabstinenz mit zunehmendem Alter quasi von selbst ab? Eine neue Studie von Reto Mitteregger und Thomas Jocker widerspricht dieser Annahme. Ihre Auswertung der Schweizer Wahlstudie Selects von 1995 bis 2023 zeigt: Zwar steigt die Wahlbeteiligung mit dem Alter, doch jüngere Generationen bleiben den Urnen auch unabhängig davon häufiger fern. 

Überraschend sind die Gründe: Während ältere Nichtwählende eher aus politischer Enttäuschung zu Hause bleiben, nennen jüngere Generationen häufiger mangelndes Interesse und fehlende politische Kenntnisse. Die Hoffnung, dass sich das Problem der geringen Wahlbeteiligung mit dem Älterwerden von selbst löst, trügt. 

Mythos 6: Mehr Wahlfreiheit bringt nur Vorteile 

Unser Wahlsystem gilt als besonders wählerfreundlich, denn kaum irgendwo können Wählende ihre Wahllisten so frei verändern wie in der Schweiz. Sie dürfen Kandidierende streichen, doppelt aufführen oder von anderen Listen übernehmen (panaschieren). Doch diese Freiheiten haben ein Preisschild. 

Eine neue Studie von Elia Gerber und uns offenbart nämlich: Kandidierende, die mehr Präferenzstimmen erhalten, geben auch mehr Geld für ihren eigenen Wahlkampf aus. Denn im offenen Listenproporz konkurrieren sie nicht nur mit anderen Parteien, sondern auch mit Parteikolleginnen und -kollegen auf der eigenen Liste. Das schafft Anreize, mit einem personalisierten Wahlkampf aus der Masse herauszustechen. Der Spielraum der Wählenden, einzelne Kandidierende zu bevorzugen, geht also mit einer grösseren Rolle des Geldes im Wahlkampf einher. 

Die Lehre aus den Mythen? Wahlen lassen sich weder mit Listenfluten gewinnen noch mit einfachen Faustregeln erklären. Was Parteistrategen auf den ersten Blick attraktiv erscheinen mag, hält der wissenschaftlichen Überprüfung oft nicht stand. Für die Wahlen 2027 gilt deshalb: Wer auf vermeintliche Gewissheiten setzt, könnte am Wahlabend eine Überraschung erleben. 

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Politkolumnen von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus sowie Markus Freitag erscheinen auch im Online-Magazin der Universität Bern uniAKTUELL.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).


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