Was halten Sie vom Schwarz-Weiss-Denken?

15 Prozent der Schweizer beurteilen Menschen nach ihrer politischen Meinung als gut oder schlecht. Eine uralte Denkfigur feiert im digitalen Zeitalter ihr Comeback.

Text: Markus Freitag 15. Juli 2026

Markus Freitag

Die Welt wird zweifellos immer bunter. Doch je farbenreicher unser Leben wird, desto mehr setzt sich ein Schwarz-Weiss-Denken in unseren Köpfen fest. Sehen Sie das auch so? Empfinden Sie die Welt auch zunehmend als zweigeteilt? Ordnen Sie die Dinge um Sie herum auch gerne in gut und böse ein? Beharren Sie auf Ihren eigenen Ansichten und schmettern Sie alternative Standpunkte kategorisch ab? Oder lassen Sie auch Grautöne zu?  

Die Versuchung der Nichtfarbigkeit geht auf den persischen Religionsstifter Mâni im dritten Jahrhundert zurück, dessen Anschauungen im sogenannten Manichäismus gipfelten. Kern seiner Lehre war ein radikaler Dualismus, dem zufolge die Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen zwei gleich ursprünglichen Mächten ist: dem Reich des Lichts und dem Reich der Finsternis. Weit über diese Vorstellung hinaus bezeichnet der Begriff heute eine Neigung, die Menschheit in zwei unversöhnliche Lager zu teilen: in Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse oder in Schwarz und Weiss. Die Vorzüge dieser Botschaft klingen verlockend: Manichäisches Denken verspricht in einer zunehmend unübersichtlichen Welt Klarheit und verwandelt ständige Ambivalenz in scheinbare Gewissheit.

Es ist beileibe nicht schwer, Beispiele für diese Farbenblindheit zu finden. Augenscheinlich wird sie beispielsweise bei Konfliktparteien in kriegerischen Auseinandersetzungen. Aber auch die sozialen Medien schaffen eine toxische Umgebung, in der moralische Fingerzeige mehr Aufmerksamkeit erzeugen als differenzierte Analysen. Kein Wunder, denn die Algorithmen der sittlichen Überlegenheit belohnen vor allem Empörung. Gerade in der virtuellen Welt bleibt wenig Platz für Zwischentöne. Stattdessen stehen sich zwei feindlich gesinnte Lager gegenüber, deren Angehörige einander als moralisch defizitär wahrnehmen. Meinungsverschiedenheiten eskalieren dort schnell zu unüberbrückbaren Identitätskonflikten. Hier die Guten, dort die Bösen.

Gefühle der Einsamkeit und Benachteiligung

Der manichäische Vorschlaghammer passt in jeden noch so kleinen Werkzeugkasten demontierender Populistinnen und Populisten. Doch auch abseits dieser Weltanschauung wird das Freund-Feind-Schema in politischen Debatten immer erkennbarer. Gegnerinnen und Gegner werden dort nicht mehr primär als inhaltlich Irrende betrachtet, sondern als Verkörperungen des Boshaften. Die Suche nach Kompromissen verliert zunehmend an Bedeutung, während die Sprache der moralischen Verdammung an Einfluss gewinnt. Jüngste Forschungen zeigen ausserdem, dass vom radikalen Schwarz-Weiss-Denken die grösste Gefahr für die Demokratie ausgeht. Wer Politik nämlich vor allem als Kampf zwischen Gut und Böse versteht, wünscht sich eher autoritäre Regierungsformen mit unantastbaren Führungspersonen. Aber machen wir uns nichts vor: Ableger dieses Gedankenguts werden bisweilen auch in den hiesigen Abstimmungskämpfen sichtbar, wenn statt mit sachlichen Argumenten mit moralischen Vorwürfen um die Lufthoheit gerungen wird.

Gut 15 Prozent der hiesigen Bevölkerung halten laut eigenen Befragungen Menschen mit einer anderen politischen Ansicht für böse. Ähnlich viele glauben, dass man anhand der politischen Meinung beurteilen kann, ob eine Person gut oder schlecht ist. 

Weitere Auswertungen legen nahe, dass manichäische Haltungen hierzulande häufig mit Gefühlen der Einsamkeit und Benachteiligung einhergehen. Zudem begegnen Schwarz-Weiss-Denkende anderen Menschen, sei es der Familie, dem Freundeskreis oder der Nachbarschaft, eher misstrauisch. Und wer sich selbst als unverträglich, extrovertiert, wenig gewissenhaft, wenig offen oder emotional instabil beschreibt, neigt eher zu einem manichäischen Weltbild. Ein höherer Bildungsgrad verspricht hingegen ein farbenfroheres Leben. Aber es spielt keine Rolle, ob sich die Menschen links oder rechts im politischen Spektrum bewegen. Keine Widerrede. Meine Zahlen belegen dies schwarz auf weiss.

Zweitveröffentlichung

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Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.

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