Steigende Temperaturen machen uns aggressiver

Hitzewellen reizen nicht nur die Nerven, sondern ver­schieben auch politische Mehr­heiten. Neue Studien zeigen, wie der Klima­wandel ganze Gesell­schaften verändert.

Es ist heiss und wird noch heisser. Schon im Juni 2026 purzelten bisherige Allzeittemperaturrekorde von Luft und Gewässern. Laut Meteo Schweiz wird sich die Schweiz künftig sogar noch stärker erwärmen als der globale Durchschnitt: um zwischen 4,3 und 5,7 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit.

Während der immer früher einsetzenden und häufiger werdenden Hitzewellen ziehen wir uns zurück – in den Schatten oder an den Fluss. Wir kümmern uns ums eigene Überleben, ums Durchhalten.

Was dabei oft untergeht: die Frage, was Hitze mit uns als Gesellschaft macht. Eine wachsende Zahl von Psychologen, Ökonominnen und Politikwissenschaftlerinnen widmet sich dieser unter dem Stichwort «Klima und Konflikt».

Der Mensch, ein Dampfkochtopf

Um die kollektiven Folgen von Hitzewellen zu verstehen, müssen wir zuerst bei uns selbst ansetzen. Hitze macht uns müde, schläfrig (keine erholsame Nacht ohne Klimaanlage!). Sie schlägt uns nachweislich auf die Psyche. Vor allem aber werden wir gereizter, aggressiver. Dies jedenfalls legt die sogenannte Erregungsübertragungstheorie nahe («Excitation Transfer Theory»), die der polnischstämmige Psychologe Dolf Zillmann formulierte.

Auf Hitzewellen übertragen, besagt die Theorie Folgendes: Hitze ist ein Stimulus, der bei uns Menschen eine physiologische Erregung auslöst. Der Blutdruck schiesst nach oben, der Herzschlag wird schneller. Eine solche Erregung klingt nicht sofort wieder ab. Man kann sich den Menschen wie einen Kochtopf vorstellen, der noch eine Weile «nachköchelt», obwohl der Herd schon aus ist.

Dieses «Nachköcheln» ist tückisch. Trifft uns währenddessen nämlich ein neuer Auslöser, schreiben wir die (hitzebedingte) Rest erregung fälschlicherweise diesem neuen Reiz zu. Unsere emotionale Reaktion fällt so deutlich heftiger aus, als sie ohne vorangehende Hitzeerregung ausgefallen wäre. Wer wegen der Temperaturen ohnehin schon genervt ist, reagiert auf Nerviges eben noch genervter.

Selbst zum Foulen zu heiss

Addieren sich solche Erregungsübertragungen über viele Menschen hinweg, schlägt sich das auch im Verhalten ganzer Kollektive nieder. Ein solches Kollektiv kann beispielsweise eine Fussballmannschaft sein. Wie hitzig es bei einem Spiel zu- und hergeht, lässt sich bekanntlich an der Anzahl Gelber und Roter Karten ablesen.

Eine neue Studie von Sascha Riaz, Maurice Baudet von Gersdorff und Heike Klüver, die rund eine Million Amateurmatchs analysiert, ergibt: Die Aggressivität der Spielerinnen und Spieler steigt mit der Temperatur zunächst an – doch nur bis etwa 13 Grad. Wird es hingegen heisser, sinkt sie wieder. Bei extremer Hitze muss der Schiedsrichter sogar 15 Prozent weniger Karten zücken als im Schnitt.

Zusammenhang zwischen der Temperatur und der Kartenzahl pro Fussballspiel (Abweichung), bereinigt um saisonale, regionale und schiedsrichterspezifische Einflüsse.

Die Erklärung der Forschenden präzisiert die Erregungsübertragungstheorie entscheidend: Wird es wärmer, reagieren wir in der Tat zunächst gereizter, wenn der Gegner schon wieder absichtlich das Bein stehen lässt (ein Klassiker am Grümpelturnier). Die Verwarnungen und Platzverweise unserer Elf summieren sich. Doch ab einem gewissen Kipppunkt fehlt schlicht die Energie, um auszuteilen.

Auch Wahlen werden von Hitzewellen beeinflusst

Die gleiche theoretische Logik lässt sich ebenfalls auf weit grössere Kollektive anwenden. Nämlich auf das Verhalten der Wahlberechtigten eines ganzen Landes. So können höhere Temperaturen unter anderem zusätzliche Wählende mobilisieren, die häufiger für die Opposition stimmen. Dies jedenfalls zeigt eine Studie zu den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen (1960–2016).

Auch ergibt eine noch nicht publizierte Untersuchung zu 22 OECD-Ländern (einschliesslich der Schweiz): Wer plötzlich abnormale Temperaturschocks erlebt hat, gibt danach mit rund 3,5 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an, linke Parteien wählen zu wollen. Bei älteren Menschen ist dieser Effekt besonders stark.

Wer nun bereits auf die eidgenössischen Wahlen 2027 schielt, lernt weiter: Diese höhere Wahlwahrscheinlichkeit für die Linke hält sich höchstens zwei bis drei Jahre nach dem erlebten Hitzeereignis.

Das hitzebedingt geschärfte Bewusstsein der Wählenden für den Klimawandel kann laut einer anderen Studie aber auch wieder verschwinden. Das passiert etwa, wenn (soziale) Medien Hitzewellen mit lachenden, fröhlichen Gesichtern bebildern – statt mit dem, was sie tatsächlich hinterlassen: ein zunehmend gereiztes Volk.

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Politkolumnen von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus sowie Markus Freitag erscheinen auch im Online-Magazin der Universität Bern uniAKTUELL.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).


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