Immer weniger Schweizer halten Selbstlosigkeit für ein Erziehungsziel

Studien zeigen: Uneigennütziges Handeln macht glücklich, kann aber eigene Grenzen sprengen. Eine Kolumne über die Kraft und die Gefahren der Selbstlosigkeit.

Text: Markus Freitag 23. Oktober 2026

Markus Freitag

Geht es Ihnen nicht auch so? Wenn wir unsere Antennen ausfahren, schlagen uns von überall her nur Schallwellen des Egoismus entgegen. Keine Spur von Altruismus. Dieser beschreibt Selbstlosigkeit im Denken, Fühlen und Handeln. Kurz gesagt geht es um den uneigennützigen Einsatz für andere. Diese Bereitschaft kann mit persönlichen Kosten oder Anstrengungen verbunden sein und reicht von kleinen Gesten wie dem Aufhalten einer Tür über Blutspenden und ehrenamtliches Engagement bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens, um andere im Diesseits zu halten. Kennen Sie diese Art von Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft? Oder stellen Sie eher das eigene Ich in den Mittelpunkt Ihres Denkens und Handelns? 

In der Sozialpsychologie gilt als altruistisch, wer anderen Personen absichtlich eine Wohltat zugutekommen lässt und dabei nicht auf eine Gegenleistung schielt. Doch auch wenn die Selbstlosen für ihre gute Tat keine Anerkennung oder Belohnung erwarten, fühlen sie sich im Anschluss oft glücklich und voller Energie. Zahlreiche Studien in der Verhaltensökonomie berichten vom Gefühl des «warmen Glühens», das Menschen empfinden, die prosozial handeln und sich selbstlos um das Wohlergehen ihrer Mitmenschen kümmern.  

Wem Selbstlosigkeit in den Schoss fällt 

Diese Form der Unterstützung hat der Menschheit seit jeher geholfen, unter rauen Bedingungen zu überleben. Für manche erfüllt die Selbstlosigkeit auch in der heutigen individualisierten Gesellschaft ihren gemeinwohlorientierten Zweck. Denn überall dort, wo altruistisch und nicht eigennützig gehandelt wird, bedarf es weniger Kontrolle, Absicherung und Sanktionen. Kurzum: Durch die selbstlosen Adern der Gutmenschen fliesst auch heute noch das Schmiermittel des sozialen Miteinanders. Aber aufgepasst: Ein stark ausgeprägter Altruismus ignoriert mitunter eigene Grenzen, was im Extremfall emotionale Erschöpfung nach sich zieht oder das Gefühl hervorrufen kann, ausgenutzt zu werden.  

Selbstlosigkeit fällt all jenen in den Schoss, die sich besonders gut in andere hineinversetzen und deren Gefühle nachempfinden können. Neben dieser empathischen Grundausstattung ermöglichen auch entsprechende Akzente in der Erziehung die Entwicklung des Altruismus. Kinder beobachten genau, wie ihre Eltern oder Lehrpersonen mit anderen umgehen. Erleben sie dort Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Grosszügigkeit, fällt es ihnen leichter, diese Verhaltensweisen zu imitieren und dauerhaft zu übernehmen.  

Neigen Sie vielleicht doch eher zum Egoismus? 

Eigene Auswertungen der jüngsten Europäischen Wertestudie zeigen freilich, dass nur rund 14 Prozent der erwachsenen Schweizer Bevölkerung es heute für wichtig halten, dass Eltern bei ihren Kindern die Selbstlosigkeit als erstrebenswerte Eigenschaft fördern sollten. Vor 30 Jahren war dies immerhin noch für ein Drittel der Befragten besonders relevant. Eine weitaus grössere Bedeutung wird der elterlichen Vermittlung guter Manieren, Toleranz und Respekt gegenüber Menschen, Verantwortungsgefühl und Unabhängigkeit beigemessen. Und nur der religiöse Glaube und der Gehorsam erhalten weniger Nennungen als die Selbstlosigkeit.  

Letztere wird umso eher genannt, je höher der Bildungsgrad ausfällt. Zudem wird die Zustimmung zur Selbstlosigkeit als Erziehungsziel mit zunehmendem Alter unwahrscheinlicher. Auch die politische Ideologie spielt hier eine nicht zu unterschätzende Rolle: Menschen, die sich links im politischen Spektrum platzieren, gewichten Altruismus höher als Personen, die sich eher rechts verorten.  

Und wie sieht es bei Ihnen aus? Neigen Sie vielleicht doch eher zum Egoismus? Dann kann Ihnen gemäss Forschung schnell geholfen werden. Denn schon die kurze Beobachtung heldenhaften Verhaltens anderer Menschen kann eigene altruistische Handlungen auslösen. Schauen Sie sich also gerne einmal um! 

Zweitveröffentlichung

Tamedia-Kolumnen auf uniAKTUELL

Die Tamedia-Kolumnen von Markus Freitag sowie von Adrian Vatter und Rahel Freiburghaus erscheinen auch im uniAKTUELL.

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Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz. Es betreibt sowohl Grundlagenforschung als auch praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernaussagen sind Bestandteil der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» und Master «Politikwissenschaft» sowie des schweizweit einzigartigen Studiengangs «Schweizer Politik im Vergleich». Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Politische Institutionen und Akteure, Europäische Politik, Klima, Umwelt und Energie, Öffentliche Meinung sowie Gender in Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus bietet das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an, wie zum Beispiel das Jahrbuch Schweizerische Politik (Année Politique Suisse).
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