Wessen Kinder sind erwünscht?

Wer erhält unter welchen Bedingungen Unterstützung, den eigenen Kinderwunsch zu erfüllen? Und wer wird daran gehindert? Diesen Fragen geht die Ausstellung «Atlas der Reproduktion» nach, indem sie Forschung, Kunst, Design und Öffentlichkeit in neuen Dialogformaten zusammenbringt.

Diese Handarbeiten stammen von Frauen, die sich in Mexiko über ihre Erfahrungen mit Sterilisation ausgetauscht haben – im Rahmen eines Workshops, der von Dr. Yolinlitzli Pérez-Hernández und dem Künstler Armando Zacarías geleitet wurde. © Armando Zacarías

Als wir – Laura Perler, Mirko Winkel und Carolin Schurr – in den 1990er und Anfang 2000er Jahren in unser Erwachsenenleben starteten, schien es, als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis sich reproduktive Rechte auf der ganzen Welt verbreiten. Reproduktive Rechte bezeichnen Menschenrechte, die allen Menschen das Recht garantieren, frei, selbstbestimmt und ohne Diskriminierung über ihren Körper, ihre Sexualität und die Frage, ob, wann und wie viele Kinder sie bekommen möchten, zu entscheiden.

Heute sehen wir jedoch, dass reproduktive Freiheiten, so etwa das Recht auf Abtreibung, in vielen Ländern zur Zielscheibe von politischen Angriffen geworden sind. Die öffentlichen Debatten darüber in Politik, Medien und Gesellschaft polarisieren sich zunehmend. Mit unserer Forschung und unserem neuen Ausstellungs- und Buchprojekt «Atlas der Reproduktion» möchten wir einen Dialograum eröffnen, der differenzierte und durch Forschung informierte Debatten ermöglicht.

Reproduktive Ungerechtigkeiten erforschen

Eigentlich begann alles in diesen verrückten Wochen im Frühjahr 2020, als der Schweizer Bundesrat den Notstand wegen der Corona-Pandemie ausrief. Geschäfte, Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Grenzen zu allen Nachbarländern kontrolliert. Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) verlängerte die Frist für die Einreichung von Projekten in dieser aussergewöhnlichen Lage. Wir – Mitarbeitende der Gruppe Sozial- und Kulturgeographie und des mLABs des Geographischen Instituts der Universität Bern – schrieben an einem Forschungsantrag mit dem Titel «Reproduktive Geopolitik». Im Fokus des Projekts stand die Frage, die Judith Butler – weltweit bekannt aufgrund einflussreicher sozialwissenschaftlich-philosophischer Arbeiten – im Kontext des globalen Krieges gegen den Terror aufgeworfen hat: «Wessen Leben zählt?» Beziehungsweise in die Zukunft gedacht:

Wessen zukünftiges Leben zählt? Wer darf auf die Unterstützung der Gesellschaft und des Staates hoffen bei der Erfüllung seines Kinderwunsches? Kurz: Wessen Kinder sind von der Gesellschaft und vom Staat erwünscht? Und wessen unerwünscht?

Eine schwangere geflüchtete Frau zeigt die geschenkten Babykleider, die sie bis zur Geburt ihres Babys in einem Koffer verstaut hat. © Tamara Sánchez-Pérez
Eine schwangere geflüchtete Frau zeigt die geschenkten Babykleider, die sie bis zur Geburt ihres Babys in einem Koffer verstaut hat. © Tamara Sánchez-Pérez

In diesem speziellen gesellschaftspolitischen Kontext entwickelten wir bereits in unserem Antrag die Idee, innerhalb des Forschungsprojekts mit Künstler*innen zusammenzuarbeiten, um die emotionale und körperliche Ebene von intimen Entscheidungen empirisch jenseits des gesprochenen Wortes erfassen zu können. Am Ende des Antrags stand die Aussicht, dass wir die Ergebnisse der Forschungs- und künstlerischen Arbeiten in Form einer Ausstellung für die Öffentlichkeit aufbereiten. Doch dies schien in ferner Zukunft. Erst musste die Forschung in drei verschiedenen Fallstudien in der Schweiz, Spanien und Marokko sowie in Mexiko durchgeführt werden.

Reproduktive Geopolitik

Unser Forschungsprojekt verortet sich im Feld der feministischen Geopolitik, die danach fragt, wie sich nationale und globale Politiken auf den Alltag der Menschen auswirken.

Mit dem Konzept der «Reproduktiven Geopolitik» wollen wir zeigen, dass die Welt internationaler Politik und diplomatischer Beziehungen zwischen Staaten eng verwoben ist mit den Entscheidungen, die in Schlafzimmern, Gebärsälen und Spitälern getroffen werden; den vermeintlich intimen Entscheidungen über Kinderwunsch und Kindergebären, Verhütung und Sterilisation, Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch, Geburt und Familienleben.

Reproduktive Geopolitik betont die Wechselwirkungen von internationalen und nationalen Politiken im Bereich der Bevölkerungs-, Gesundheits- und Migrationspolitik mit den intimen, alltäglichen reproduktiven Entscheidungen. Sie fragt danach, welche sozialen Gruppen im Namen der zukünftigen Nation zum Kinderkriegen ermutigt werden – und welche entmutigt werden – und wie viel Wert einem (zukünftigen) Leben innerhalb einer Nation zugeschrieben wird. Reproduktive Geopolitik wird an nationalstaatlichen Grenzen verhandelt bei der Frage, welche Menschen die Grenzen passieren dürfen und welche nicht.

Intimität multi-sensorisch erforschen

Aber wie erforscht man so intime Erfahrungen wie ein langersehntes Kind, eine Sterilisation oder das Aufsuchen der Geburtsmutter durch eine adoptierte Person? Am Geographischen Institut der Universität Bern haben wir über die letzten Jahre das mLAB aufgebaut, ein experimentelles Labor, das Forschung, Kunst, digitale Medien und Wissenschaftskommunikation zusammenbringt. Gemeinsam haben wir verschiedene Methoden an der Schnittstelle von feministischer und partizipativer Forschung und künstlerischen Praktiken entwickelt. In Mexiko haben zum Beispiel Frauen mit dem Künstler Armando Zacarías in einem Workshop Taschen gehäkelt und dabei miteinander über ihre Erfahrungen einer Sterilisation diskutiert; in Spanien haben marokkanische Erntearbeiterinnen in partizipativen Workshops über ihre alltäglichen Herausforderungen, ihre Kinder nur aus der Ferne begleiten zu können, gesprochen. Und die preisgekrönte Filmemacherin Lisa Gerig hat auf Grundlage von Interviews mit geflüchteten Frauen, die während ihrer Schwangerschaft in kollektiven Asylunterkünften in der Schweiz untergebracht sind, eine filmische Installation entwickelt.

Die acht künstlerischen Installationen, die in der Ausstellung zu sehen sind, machen die Forschungsergebnisse auf immersive Art und Weise erfahrbar. Wir hören die Stimmen, das Seufzen oder Atmen der Frauen, sehen ihr Lebensumfeld in Fotografie und Video gehen mit ihnen den Entscheidungsweg zu einem Schwangerschaftsabbruch durch.

Zu öffentlichen Debatten um reproduktive Gerechtigkeit beitragen

Die Ausstellung gibt Einblicke in die reproduktiven Entscheidungen und Biografien von Menschen in ganz unterschiedlichen Ländern. Denn unsere Forschung hat viel zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten beizutragen – hinsichtlich der Angriffe auf das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, der ethischen Grenzen des globalen Leihmutterschaftsgeschäfts oder eines Verbots internationaler Adoptionen.

Eine Schweizer Frau berichtet in Form von Videotagebüchern über ihre Erfahrung, ein Kind mit Hilfe einer Eizellenspenderin in Spanien zu zeugen. Die Videoinstallation wird in der Ausstellung gezeigt. © Laura Perler
Eine Schweizer Frau berichtet in Form von Videotagebüchern über ihre Erfahrung, ein Kind mit Hilfe einer Eizellenspenderin in Spanien zu zeugen. Die Videoinstallation wird in der Ausstellung gezeigt. © Laura Perler

Dank des speziell für Wissenschaftskommunikation eingerichteten Förderinstruments Agora des Schweizerischen Nationalfonds sowie zahlreicher weiterer Fördergelder sowie einer Kollaboration mit dem Institute of Design Research der Hochschule der Künste Bern und dem Kornhausforum Bern konnten wir über die letzten Monate die Idee einer Ausstellung tatsächlich umsetzen. In der Ausstellung verbinden Fotografien, Videos, Hörstücke, Rauminstallationen und Karten persönliche Geschichten mit transnationalen Politiken.

Die Ausstellung schafft dialogische Räume zwischen Forschung, Kunst und Öffentlichkeit, um eine differenzierte gesellschaftliche Diskussion über reproduktive Rechte zu ermöglichen.

Ein vielfältiges Begleitprogramm mit thematischen geführten Touren, Workshops, einer Living Library, einer Lecture-Performance, einem Rollenspiel und einer Buchvernissage vertieft die Themen. Ein spezielles Schulprogramm spricht insbesondere Jugendliche an und wurde bereits von zahlreichen Schulklassen aus der Stadt und dem Kanton Bern gebucht. An der Finissage im Polit-Forum Bern werden wir die Forschungsergebnisse zur Situation geflüchteter schwangeren Frauen mit Personen aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft diskutieren. Das Begleitprogramm wird mit einem Kurzfilm-Programm im Berner Kino Rex im Rahmen des Global Science Film Festivals abgeschlossen. An der Vernissage der Ausstellung findet ausserdem noch die Vernissage des gleichnamigen Buches statt, das essayistische Texte zu den Themen der Ausstellung mit Fotografien und Karten verbindet und im Seismo Verlag auf Deutsch und Englisch erscheint. Wir freuen uns, Studierende, Forschende und Mitarbeitende der Universität Bern an der Ausstellung begrüssen zu dürfen!

Informationen zur Ausstellung und zum Buch

Ausstellung im Kornhausforum Bern

Die Ausstellung ist vom 4. September bis 25. Oktober 2026 im Kornhausforum Bern zu sehen.

Sie ist eine Kooperation zwischen dem Kornhausforum Bern und der Universität Bern und wird durch den Schweizerischen Nationalfonds, Pro Helvetia, Society in Science – Branco Weiss sowie durch das Geographische Institut der Universität Bern und weitere gefördert.

Weitere Informationen zur Ausstellung und den begleitenden Veranstaltungen finden Sie auf: kornhausforum.ch

Buch: Atlas der Reproduktion - Babys, Grenzen, Geopolitik

Perler, Laura, Carolin Schurr, and Mirko Winkel, eds. 2026. Atlas Der Reproduktion – Babys, Grenzen, Geopolitik. Zürich: Seismo Verlag - Éditions Seismo - Seismo Press.

Weitere Informationen zum Buch

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