Unrecht beim Wissensgewinn – erkennen und wiedergutmachen

Beim Erkenntnisgewinn unterlaufen uns oft Fehler. In der Philosophie hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass wir dabei sogar anderen Menschen Unrecht tun können. Wie dies wiedergutzumachen ist, untersucht die Philosophin Jennifer Lackey – an den Anna Tumarkin Lectures im Mai.

Die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy präsentieren dieses Jahr die Philosophin Jennifer Lackey. © Monika Wnuk

In Patricia Highsmiths Roman «Der talentierte Mr. Ripley» will Herbert Greenleaf wissen, wer seinen Sohn ermordet hat. Dessen Verlobte Marge Sherwood hat einen Verdacht: Tom Ripley ist der Mörder. Doch Greenleaf tut diesen Verdacht ab: «Es gibt weibliche Intuition, und es gibt Fakten.» Tatsächlich hat die Verlobte Recht: Ripley ist der Mörder.  

Vorurteile und ihr langer Schatten 

Greenleaf nimmt also Sherwoods Aussage nicht ernst, weil er Frauen aufgrund eines Vorurteils zu wenig Glaubwürdigkeit zumisst. Die Philosophin Miranda Fricker hat für solch vorurteilsbehaftetes Verhalten den Begriff des Epistemischen Unrechts geprägt (epistemisch = sich auf Wissen, Erkenntnisgewinn beziehend). Auch das Konzept der Zeugnis-Ungerechtigkeit stammt von Fricker:  

«Zeugnis-Ungerechtigkeit ist eine spezifisch epistemische Ungerechtigkeit, eine Ungerechtigkeit bei der einer Person spezifisch in Bezug auf ihre Fähigkeit, etwas zu wissen, Unrecht getan wird».  

Dabei stellt ein Verhalten wie das von Greenleaf ein doppeltes Problem dar: Zum einen leidet die Erkenntnissuche, weil vorhandenes Wissen oder wichtige Perspektiven vernachlässigt werden. Zum anderen liegt auch ein Unrecht gegenüber der Person vor, der zu wenig Glaubwürdigkeit zugemessen wird.  

Patricia Highsmiths Romanfiguren sind natürlich erfunden. Aber auch in der Wirklichkeit kommt epistemische Ungerechtigkeit oft vor. Erwachsene unterschätzen, was Kinder schon wissen. People of Color finden in Gerichtsprozessen keine Glaubwürdigkeit für ihre Darstellung eines Sachverhalts. Indigenen Bevölkerungen wird kein Wissen zugetraut, das für den Umgang mit der Klimakrise relevant wäre. Das kann dramatische Folgen haben: Eine unschuldige Person wird verurteilt, oder Massnahmen gegen den Klimawandel haben unbeabsichtigte, aber schwerwiegende Folgen für die indigene Bevölkerung.  

Wissen sozial gedacht 

Eine der führenden Denkerinnen auf dem Gebiet der Epistemischen Ungerechtigkeit ist die Philosophin Jennifer Lackey. Vom 4. bis 6. Mai wird sie an der Universität Bern ihre aktuelle Arbeit vorstellen, an den öffentlichen Anna Tumarkin Lectures 2026.
Lackeys Hauptarbeitsgebiet ist die Soziale Epistemologie: eine neue Richtung innerhalb der Erkenntnistheorie, die sich mit dem Zusammenspiel von Wissenserwerb und sozialer Interaktion befasst.  

Traditionell ging es in der Erkenntnistheorie lange nur um die einzelne Person, die ihr Wissen sichern und erweitern möchte. Dabei wurden Wissensquellen wie die Erfahrung oder die Vernunft untersucht. Aber das meiste Wissen, über das wir verfügen, entstammt nicht unserer eigenen Erfahrung, und wir haben es uns auch nicht mit unserer eigenen Vernunft erschlossen. Vielmehr erhalten wir das meiste Wissen von anderen Menschen – und verlassen uns dabei auf deren Aussagen. 

Darüber hat Lackey 2008 mit Learning from Words: Testimony as a Source of Knowledge ein erstes vielbeachtetes Buch geschrieben. Mit Criminal Testimonial Injustice hat sie 2023 die enorme Relevanz der Zeugnis-Ungerechtigkeit in Strafprozessen aufgezeigt. Epistemisches Unrecht kommt in diesem Zusammenhang in vielerlei Weise zustande. Nicht nur, wenn Zeuginnen und Zeugen aufgrund von Vorurteilen Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, sondern auch, wenn einem Geständnis Glaubwürdigkeit zugemessen wird, obschon es unter starkem psychischem Druck zustande gekommen ist.  

The Right to Be Known 

Der Titel der diesjährigen Anna Tumarkin Lectures lautet: «The Right to Be Known. Epistemic Reparations and the Making of Rounder Stories.» So heisst auch Lackeys neustes Buch. Lackey argumentiert zunächst, dass Opfer von Gewalt das Recht haben, dass ihr Schicksal bekannt wird – dass andere davon wissen. Den Opfern geschieht aber weiteres Unrecht, wenn über sie vereinfachende, einseitige Geschichten erzählt werden.  

Wiedergutmachung, so Lackey, kann darin bestehen, die Geschichten so zu erzählen, dass sie den Menschen, denen Gewalt angetan wurde, gerecht werden. Dazu müssen die Narrative möglichst gemeinsam entwickelt werden. Lackey nennt das Ergebnis «rundere Geschichten»: Sie lassen die Opfer epistemischen Unrechts als Akteurinnen und Akteure erscheinen und beleuchten sie aus umfassenderen, psychologisch vielschichtigen Perspektiven. Ohne sie, und dass ist Lackey ebenso wichtig, zu marginalisieren oder zu unangreifbaren Autoritären über ihr Leid zu stilisieren.  

Frauen in der Philosophie 

Die Vortragsserie, in der Jennifer Lackey spricht, kann ein Stück selbst als epistemische Wiedergutmachung gelten. Denn die Anna Tumarkin Lectures erinnern an Anna Tumarkin, die sich 1898 an der Universität Bern habilitierte und dort von 1909 bis 1946 als weltweit erste Professorin mit vollen Prüfungsrechten wirkte. Und dort hatte sie es nicht immer leicht. Mit ihrem ersten Vorschlag, eine weitere Person zu habilitieren, scheiterte sie im Fakultätskollegium. Und als sie sich 1910 um ein Ordinariat bewarb, erhielt ein Mann die Stelle. Vermutlich war Tumarkin in ihrer Karriere oft das Opfer epistemischer Ungerechtigkeit. Auch daran erinnern die Anna Tumarkin Lectures – besonders, wenn sie epistemisches Unrecht und Wiedergutmachung diskutieren.  

Über Jennifer Lackey

Jennifer Lackey ist eine der renommiertesten Philosophinnen, die über soziale Fragen in der Erkenntnistheorie arbeitet. Sie verbindet ihre theoretische Arbeit mit einem grossen gesellschaftlichen Engagement und wendet sich mit öffentlichen Auftritten auch an ein breiteres Publikum. 

Lackeys aktuelle Arbeit konzentriert sich auf Meinungsverschiedenheiten, Erkenntnistheorie im Kontext von Strafverfolgung und das Recht, erkannt zu werden. Zu ihren wichtigsten Buch-Publikationen zählen Learning from Words: Testimony as a Source of Knowledge (2008, Oxford University Press) und Criminal Testimonial Injustice (2023, Oxford University Press), das 2024 mit dem Buchpreis der North American Society for Social Philosophy ausgezeichnet wurde. 

Lackey ist Wayne and Elizabeth Jones Professor of Philosophy und Professor of Law an der Northwestern University. Sie ist zudem Gründerin und Leiterin eines universitären Bildungsprogramms für Gefangene.  

Über die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy

Die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy sind die international ersten Vorlesungsreihen, die ausschliesslich herausragende Philosophinnen präsentiert. Sie werden alle zwei Jahre durch das Institut für Philosophie der Universität Bern organisiert und sind nach der Philosophin Anna Tumarkin (1875–1951) benannt, die als eine der ersten Frauen in Europa auf dem normalen Karriereweg Universitätsprofessorin wurde.  

Programm der Anna Tumarkin Lectures in Philosophy 2026:

The Right to Be Known. Epistemic Reparations and the Making of Rounder Stories 
Montag, 4. Mai, 18.15–20.00 – Epistemic Reparations and the Right to Be Known 
Dienstag, 5. Mai, 18.15–20.00 – Stories That Wrong and Stories That Repair 
Mittwoch, 6. Mai, 18.15–20.00 – Talking, Listening, and Learning 
Die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy finden im Hauptgebäude der Universität Bern, Raum 120, statt. Die Vorlesungen werden in englischer Sprache gehalten. Nach der ersten Vorlesung am 4. Mai findet ein Apéro statt. 

Mehr Informationen 

Über den Autor

© Georg Brun

Georg Brun ist Professor für Philosophie an der Universität Bern und Initiator der Anna Tumarkin Lectures in Philosophy.

Kontakt: Prof. Dr. Georg Brun, Universität Bern, Institut für Philosophie, E-Mail: georg.brun@unibe.ch 

Über den Autor

© Universität Bern, Bild: Adrian Moser

Claus Beisbart ist Professor für Wissenschaftsphilosophie an der Universität Bern.

Kontakt: Prof. Dr. Dr. Claus Beisbart, Universität Bern, Institut für Philosophie, E-Mail: claus.beisbart@unibe.ch 

Zur Medieneinladung der Universität Bern vom 28. April 2026

Philosophin Jennifer Lackey hält die Anna Tumarkin Lectures 2026

Die Anna Tumarkin Lectures in Philosophy sind international die erste Vorlesungsreihe, die ausschliesslich Frauen aufgrund ihrer herausragenden philosophischen Arbeit präsentiert. Dieses Jahr hat das Institut für Philosophie der Universität Bern Jennifer Lackey (Northwestern University, USA) eingeladen. Sie spricht am 4., 5. und 6. Mai darüber, dass Betroffene von schwerwiegenden Ungerechtigkeiten ein Recht auf Anerkennung ihres Schicksals haben.

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