Wie sag ich’s nur?
Strategien für schwierige Gespräche
Bewerben, Schluss machen, über Geld sprechen: Manche Gespräche führen wir ungern – auch, weil sie uns überfordern. Expertinnen und Experten der Universität Bern geben Tipps und erklären, warum es manchmal besser ist, nichts zu sagen.
Bewerbungsgespräch
«Beide Seiten sollen herausfinden, ob es passt.»
«Müsste ich in einem Bewerbungsgespräch zwei meiner Stärken und Schwächen nennen, würde ich sagen: ‹Ich bin offen und kommunikativ, manchmal ungeduldig, und als Praktikerin liegt mir minutiöse Konzeptarbeit weniger.› Ich finde diese Frage aber veraltet. Um etwas über die Persönlichkeit zu erfahren, frage ich Bewerbende etwa lieber: ‹Wie würden Ihre Freunde Sie beschreiben?› Ich plädiere dafür, im Bewerbungsgespräch authentisch zu sein. Beide Seiten sollen schliesslich herausfinden, ob es für sie inhaltlich und menschlich passt. Und seien Sie mutig! Ganz wichtig: Falls Sie unerlaubterweise nach Ihrer Familienplanung gefragt werden, kritisieren Sie das und üben Sie Ihr Recht aus, zu schweigen.»
Beziehungsende
«Zu sagen ‹Ich trenne mich von dir›, ist nicht wegen der Worte an sich so schwer. Es ist vielmehr die Erschütterung unseres Partners, die wir mit dieser Entscheidung auslösen. Bei Trennungen kommt es oft zu heftigen Emotionen, da intime Beziehungen für uns Menschen den Kern unseres emotionalen Erlebens darstellen.
«Auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten.»
Schmerz und Trauer lassen sich bei einer Trennung nicht vermeiden, weder beim Gegenüber noch bei uns selbst. Trotzdem können Paare sich auch im Verabschieden respektvoll und wertschätzend begegnen. Zum Beispiel, indem beide erzählen, wie es ihnen in diesem Prozess geht, und auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten. Ich habe durchaus erlebt, dass Paare sich im Rahmen der Psychotherapie zusammen für eine Trennung entschieden haben. Das hängt aber sicher davon ab, wie die Beziehung vorher funktioniert hat und was die Gründe für die Trennung sind.
Danach sollten sich die Ex-Partner wohl eher zurückhalten mit Trostangeboten, um mehrdeutige Botschaften zu vermeiden. Jemanden hingegen plötzlich, still und wortlos zu verlassen, wie beim sogenannten Ghosting, erschwert die Verarbeitung für die verlassene Person. Sie bleibt im Ungewissen und erlebt eine tiefe Verunsicherung.»
Geldsorgen
«Über Geld zu sprechen ist in der Schweiz ein Tabu. Insbesondere für Menschen in Tieflohn-Jobs und prekären Lebenslagen. Oft spielt Scham mit, weil viele das Gefühl haben, individuell versagt zu haben, obwohl Armut und Prekarität strukturell bedingt sind.
Wenn Sie mit nahestehenden Personen über deren Geldsorgen sprechen, sollten Sie dem Impuls, direkt helfen zu wollen, widerstehen. Hören Sie mehr zu, als selbst zu reden, und werten Sie nicht. Es geht in erster Linie darum, die Sichtweise und Bedürfnisse der Person zu verstehen.
«Hören Sie mehr zu, als selbst zu reden.»
Empathie und Offenheit sind auch essenziell beim qualitativen Forschungsinterview. Zu erzählen, wie anstrengend es ist, sich oder die Familie mit wenig Geld über Wasser zu halten, ist für viele Menschen sehr emotional und kann Trauer auslösen. In solchen Momenten ist es wichtig, eine Pause zu machen. Beim Reden über sensible Themen können andere Ausdrucksmittel als Sprache, etwa Zeichnen oder Fotografien helfen.
Zunehmend arbeiten wir in unseren Studien über Ungleichheit und Armut mit Fokusgruppen. Darin haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine aktivere Rolle als im Einzelgespräch, indem sie etwa ihre Forderungen an die Politik diskutieren.»
Diskriminierung
«Gegen Diskriminierung und Belästigung zu intervenieren, ist nicht einfach und erfordert Mut. Was hilft: Vorbereitung, Unterstützung und das Bewusstsein, dass die eigene Wahrnehmung berechtigt ist. Wir zeigen damit Haltung, setzen Grenzen und benennen das Unrecht.
Wie wir das konkret tun können, hängt vom Kontext ab. Im Tram bekam ich einmal mit, wie eine Frau rassistisch beleidigt wurde. Als niemand einschritt, sagte ich zur Angreiferin, sie solle aufhören, ihr Verhalten sei nicht in Ordnung. Ab da halfen weitere Fahrgäste.
Auch bei der Arbeit oder im Studium sollten wir unangemessene Sprache und diskriminierendes Verhalten direkt und wenn möglich persönlich ansprechen. Ich würde die Person nach den Beweggründen fragen und ihr erklären, wie ihr Verhalten wirkt. Wiederholt es sich, sollten Führungspersonen oder zuständige Stellen wie die Abteilung für Chancengleichheit beigezogen werden.»
Weitere Informationen
Meldestelle der Abteilung für Chancengleichheit der Universität Bern:
Lebensende
«Das Sterben und der Tod betreffen uns alle. Sprechen Sie besser früher statt zu spät über den Elefanten im Raum.
Bei fortgeschrittenen Krankheiten sehen wir oft, dass Betroffene und Angehörige zum Lebensende fast nichts vorbesprochen haben. Das verursacht Stress. Zu den wichtigsten Fragen gehören: Was macht mein Leben lebenswert? Wozu möchte ich körperlich und geistig mindestens noch in der Lage sein, um mein Leben aus heutiger Sicht noch als lebenswert einzuschätzen? Welche Person könnte am ehesten für mich sprechen, also vertretungsberechtigte Person sein, falls ich mich selbst nicht mehr an medizinischen Entscheiden beteiligen kann?
«Sprechen Sie besser früher statt zu spät darüber.»
Führen Sie solche intimen Gespräche zunächst unter vier Augen. Wenn Ihre Eltern auf die Frage ‹Was machen wir, wenn …› oder generell auf das Thema gesundheitliche Vorausplanung ablehnend reagieren, fragen Sie nach, weshalb. Oft stehen dahinter verschiedene Ängste: vor dem Leiden, der Lebensbilanz oder dem totalen Nichts. Darauf kann man eingehen. Wir klären Patientinnen und Patienten sowie Angehörige etwa mit Fakten zum Sterbeprozess auf. Dieser ist beispielsweise viel häufiger von Müdigkeit als von Schmerzen geprägt. Sie können mit Ihren Angehörigen auch besprechen, welche Erinnerungen eine Person von sich hinterlassen möchte, vielleicht mit einem Brief oder einem Video.
Was die meisten Menschen zudem gut annehmen können, ist das Argument: ‹Mit gesundheitlicher Vorausplanung machst du etwas für mich und die nächste Generation.›»
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Magazin uniFOKUS
Sprache
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.