Digitale Gesundheit
Schritte zählen und ewig leben
Die Technologisierung des Körpers schreitet rasch voran. Ist das zunehmend beliebte Körper-Tracking schon ein erster Schritt hin zum Transhumanismus, zum technologischen Übermenschen also? Oder hat das eine mit dem anderen nicht allzu viel zu tun? Das sind jedenfalls Fragen, die nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft betreffen.
«Das menschliche Leben ist grundlegend von Technologien geprägt», schreibt die Philosophin und Technikethikerin Anna Puzio eingangs ihres Buches «Über-Menschen». «Social Media und Dating-Apps sind Teil unserer zwischenmenschlichen Beziehungen, Diät-Apps beeinflussen unsere Ernährung, Wearables messen unseren Puls und Herzschlag, Fitnesstracker zählen für uns jeden unserer Schritte, und Schlaf-Apps begleiten uns bis in den Schlaf – bis uns am nächsten Morgen Smartphones wieder wecken.» So weit der digitale Alltag, aber macht uns das schon zu Übermenschen?
Cyborg-Fantasien und Hirn-Hochladen
Der sogenannte Transhumanismus, dessen philosophische Ausleuchtung (bis in die dunkleren Ecken hinein) Puzio in dem Buch unternimmt, strebt erklärtermassen noch viel Weitergehendes an. Das «Trans» ist da sehr wörtlich zu verstehen: Das Präfix steht für «jenseits» beziehungsweise «darüber hinaus» – dieser neue Humanismus «möchte den Menschen grundlegend transformieren», wie Puzio sagt. Bei den Mitteln ist er nicht allzu wählerisch: Die Ideen reichen von lebensverlängernder Chemie über Cyborg-Fantasien bis hin zu «Mind Uploading». Letzteres ist eigentlich ein Eingeständnis, dass der Mensch, zumindest als körperliches Wesen, immer gewisse Limiten hat. Also besser den neuen KI-Superintelligenzen gleich werden und den Geist vollständig in die Cloud überführen. Da sollte es dann nicht nur unendlich weite Informationsräume, sondern auch kein Ablaufdatum mehr geben.
Zur Person
Anna Puzio
ist Philosophin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern. Zu ihren Forschungsgebieten gehören unter anderem Technikphilosophie, (Technik-)Anthropologie, Medizinethik, Bioethik und Umweltethik. Sie hat Philosophie, Katholische Theologie und Germanistik in Deutschland studiert und danach in Frankfurt, Wien, Oxford, Cambridge und Berkeley geforscht. Heute arbeitet sie zusätzlich auch in Wien und im niederlandeweiten ESDiT Research Programme (Ethics of Socially Disruptive Technologies).
Vieles davon ist natürlich noch Zukunftsmusik – Puzio nennt die ganze Bewegung «hochspekulativ», gleichzeitig sei sie aber bereits bestens organisiert, sie sieht da keine Science-Fiction-Luftschlösser entstehen, sondern eine konkrete Ideologie. Das Hier und Jetzt der Fitness- und Healthtracker ist eher die Domäne von Jennifer Inauen. Die Leiterin der Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin am Institut für Psychologie ist Spezialistin für Gesundheitsverhaltensänderung und interessiert sich da unter anderem für das Potenzial digitaler Apps. Man nennt das Phänomen auch «mHealth» (abgekürzt für mobile health) und der Markt für solche Gesundheitshelfer auf dem Handy boomt: Das weltweite Marktvolumen für «mHealth» belief sich im Jahr 2023 auf 62,7 Milliarden Dollar und soll bis 2030 auf über 150 Milliarden Dollar wachsen. Die erfolgreichen Apps heissen «Strava», «Yazio», «StepsApp» und werden auch hierzulande oft genutzt: In einer Umfrage aus dem Jahr 2023 gaben über 50 Prozent der Bevölkerung an, einen Schrittzähler zu nutzen.
Was gilt als gesund?
Anders als die transhumanistischen Träumereien hat diese Art der Technologisierung des Körpers also längst unseren Alltag durchdrungen. Aber was macht das genau mit uns? Erleben wir da gerade eine immer stärkere Datafizierung von Gesundheit, gilt also nur noch als gesund, was sich auch in Zahlen fassen lässt – Idealgewicht, Anzahl getätigter Schritte, Dauer der Schlafphasen? Mit Blick auf die Gesundheitsverhaltensänderung überwiegen für Inauen allerdings derzeit klar die positiven Aspekte der Technologie. Health-Apps förderten nachweislich körperliche Aktivität und sorgten für bessere Ernährung. «Self-Monitoring hilft uns dabei, das zu erreichen, was wir uns vornehmen.» Auch betont Inauen die Solidarität: Via Apps kann man Zuspruch oder allenfalls auch Trost bekommen. Darin liege eine wirkliche Neuerung im Digitalen: dass man die erhobenen Daten auch mit anderen teilen kann. Ansonsten sei ein solches Monitoring von Gesundheitsdaten ja nichts grundlegend Neues, Menschen hätten immer schon Tagebuch geführt über körperliche Zustände, hätten Veränderungen in Gewicht und Zyklus aufgezeichnet und so eingehender beobachtet. Die digitalen Möglichkeiten hätten klar zur Verbreitung der Nutzung dieser Methode beigetragen.
Zur Person
Jennifer Inauen
ist Professorin für Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin am Institut für Psychologie der Universität Bern. Anhand alltagsnaher Methoden wie Experience Sampling, Ambulatory Assessment oder Mobile Sensing untersucht ihre Forschung die Prinzipien der Gesundheitsverhaltensänderung am Beispiel der Ernährung, körperlichen Aktivität, des Hygieneverhaltens und mehr. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse entwickelt und testet sie Interventionen zur Gesundheitsverhaltensänderung.
Je nach Anwendung sei es essenziell, dass die Daten mit einer Fachperson angeschaut würden und es zu einer gemeinsamen Entscheidungsfindung komme, sagt Inauen. Das könne auch bei der Bewältigung einer Krankheit helfen, zum Beispiel wenn es darum gehe, unnötige Medikamente wieder abzusetzen. So gesehen klingt das tatsächlich eher wie eine Er- als wie eine Entmächtigung der Nutzenden. Inauen betont in diesem Zusammenhang auch die Freiwilligkeit der Nutzung – «Health Tracking darf kein Zwang sein». Puzio dagegen sieht da durchaus Probleme auf uns zukommen, für sie ist der gesellschaftliche Druck real, das hätte schon Foucault beschrieben. Für den französischen Philosophen waren Macht und Medizin ja tatsächlich seit jeher eng verschränkt. Nutri-Score, BMI – all diese Messgrössen würden unsere Körper schon jetzt effektiv regulieren, sie sieht da durchaus einen «normierenden Einfluss» am Werk.
Überwachtes Gesundheitsverhalten?
Inauen plädiert hier für eine differenziertere Sicht: «Dass andere sehen, wie viele Schritte ich gemacht habe, ist weder rein positiv noch rein negativ.» Ob Health Tracking tatsächlich einen sozialen Druck auslöst, sei derzeit noch nicht ausgemacht, die Forschungslage noch undeutlich. Aber Inauen verfolgt natürlich auch die Entwicklungen beispielsweise in China: Via «WeChat»-App zum Beispiel werde gesundes und auch ungesundes Verhalten in gewisser Weise schon überwacht – sie sieht da durchaus Ansätze von «sozialem Monitoring». Inauen betont: «Das sind Entwicklungen, die ich mir für die Schweiz nicht wünsche», da werde es auch entsprechende Regulierungen brauchen. Dabei lässt sie nicht unerwähnt, dass auch hierzulande Krankenkassen lebhaftes Interesse an derlei Gesundheitsdaten haben. Was ihr aber noch viel weniger gefällt, ist die Tatsache, dass schlimmstenfalls «die Verantwortung stark aufs Individuum geschoben wird», dabei müsse man in der Gesundheitspolitik immer auch die soziostrukturellen Faktoren auf dem Schirm haben. Health Tracking müsse künftig zwingend «eingebettet sein in einen grösseren Katalog von Gesundheitsmassnahmen», zum Beispiel Prävention oder Hilfe für Menschen in prekären Situationen. Erschwert wird die Situation dadurch, dass sich die Nutzung nicht durch alle gesellschaftlichen Schichten gleich verteilt, es könnte sich da also ein weiterer Graben auftun. Diese Spaltung sieht auch Puzio: Der globale Süden beispielsweise spiele in den transhumanistischen Zukunftsvisionen kaum eine Rolle. Letztlich handelt es sich also um Muskelspiele einer ohnehin schon privilegierten Schicht.
«Self-Monitoring hilft uns dabei, das zu erreichen, was wir uns vornehmen.»
Jennifer Inauen
Überhaupt stört sich Puzio daran, dass die Transhumanismus-Ideologie sich eher nicht durch Selbstkritik auszeichnet: Die grösseren Zusammenhänge würden viel zu wenig bedacht, «Ethik kommt überhaupt zu kurz». Insofern könne sie auch nachvollziehen, dass die Bewegung oft in die Nähe eines kommenden Technofaschismus gerückt werde. Da habe man es mit viel Hedonismus, mit zuweilen ekstatischen Glücksversprechen zu tun. Apropos: Wie glücklich müsste man sich diesen immer noch besseren, immer optimierten Zukunftsmenschen denn vorstellen? Der Übermensch beziehungsweise die Unsterblichkeit ist ja ein alter literarischer Topos – und das geht eigentlich immer mit Melancholie oder eher noch mit quälendem Ennui einher. Die Philosophin macht hier eine weitere eklatante Schwachstelle in der transhumanistischen Argumentation aus: Glück sei doch an Beziehungen gebunden, an unterstützende gesellschaftliche Strukturen, nicht an einen perfektionierten Körper oder an ein ewig langes Leben.
Vervollkommnungsideal Social Media
Auch Inauen sieht an der Stelle ein Problem mit der heutigen Technologie: «Verfolge ich wirklich meine eigenen Ziele?» Sobald ein Standard vorgegeben wird, könne es schwierig werden. Es sei immer besser, die Ziele selber zu wählen – dann ist die Gefahr kleiner, einer Norm hinterherzurennen. Das kann allerdings wiederum kippen. So ist die Transhumanismus-Bewegung für Puzio viel zu «individualistisch», das heisst bloss auf die eigene Gesundheit ausgerichtet. Dabei betrifft ein solcher transhumanistischer Wandel «natürlich die ganze Gesellschaft». Dass sich das Ganze dann auch noch als Monopol einiger weniger Firmen mit enormem Einfluss darstellt und dass dieser Einfluss bis weit in die Politik reicht, darf uns durchaus ein wenig unheimlich sein, gerade mit Blick auf die derzeitigen Entwicklungen in den USA.
«Ethik kommt beim Transhumanismus zu kurz.»
Anna Puzio
Puzio endet ihr Buch mit Karl Jaspers: «Denn das Bild des Menschen, das wir für wahr halten, wird selbst ein Faktor unseres Lebens. Es entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit den Mitmenschen.» Dieses Bild hat heute sehr konkrete Formen angenommen, Stichwort Looksmaxxing oder die Allverfügbarkeit von idealen Lebensentwürfen und Körperbildern auf Social Media. Puzio nennt es ein «Vervollkommnungsideal». Dass die auf Social Media verbreiteten Körperideale problematisch und in gewissem Sinn ungesund sind, werde ja eigentlich schon lange diskutiert. Inauen indessen möchte die beiden Bereiche getrennt behandelt wissen: «Unser Umgang mit Körperbildern ist etwas anderes als das Messen und Abgleichen von persönlichen Gesundheitsdaten.» Auch hier wieder sieht sie den gesellschaftlichen Wandel durch die Brille der Expertin für Gesundheitsverhalten eher positiv: «Wir sehen eine Entwicklung hin zu einer insgesamt gesünderen Gesellschaft, es wird weniger getrunken, Sport und Wellness spielen eine grössere Rolle.» Dass dieser Wandel «vermutlich durch Social Media begünstigt» würde, hält sie durchaus für plausibel.
Einfach mal schlendern
Es bleibt also ein zweischneidiges Schwert: Schaffen die Apps (und digitalen Medien) positive Anreize oder tracken wir uns gegenseitig in ein Hamsterrad? Es stimmt, wie so oft in diesen verwirrenden Zeiten, wohl tatsächlich beides. Aber wir dürften, findet Puzio, durchaus auch mal grundsätzlich reflektieren: Welche Geräte brauchen wir wirklich? Sie sieht diesbezüglich einen dringenden Bedarf nach mehr Forschung zu Digital Wellbeing. Dass es uns guttut, regelmässig ein paar Schritte zu gehen – und nein, es müssen eben nicht die notorischen 10 000 sein –, das spüren wir ja eigentlich auch selbst. Die Smartwatch mal wegzulegen und einfach zu schlendern, statt eine bestimmte Schrittzahl anzustreben, könnte also durchaus auch eine gesundheitsfördernde Wirkung haben.
Magazin uniFOKUS
Körperbilder
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Körperbilder.