Unser Körper im Spiegel der Gesellschaft

Von den muskulösen Aristokraten der Antike über den Volkskörper des frühen 20. Jahrhunderts bis zum Fitnesskult der Gegenwart: Zwei Historikerinnen und eine Religionswissenschaftlerin beleuchten, wie prägende Körperideale entstehen – und welche Gegenmodelle es gibt.

Text: Barbara Spycher 01. September 2026

«Life in plastic, it’s fantastic», oder? Schönheitsideale wandeln sich stetig. © iStock

Es ist ein intimer Moment, wenn wir vor dem Spiegel stehen und uns selber anschauen. Uns begutachten, bewerten, allzu oft auch verurteilen. Für vermeintliche Makel, die mit der Zeit dazugekommen sind oder die uns schon immer eigen waren. Doch was uns dabei zu wenig bewusst ist: Eigentlich stehen wir nicht allein vor dem Spiegel. Mit dabei sind historisch und kulturell gewachsene Normen und Ideale einer ganzen Gesellschaft. Ideale, die die wenigsten von uns erfüllen. Doch diese Körperbilder prägen uns. Die einen gehen dafür ins Fitnessstudio oder zum Schönheitschirurgen, andere setzen sich selbst eine Abnehmspritze oder hangeln sich von Diät zu Diät. Frauen rasieren sich die Beine, Männer die Brust, manche trauen sich im Sommer mit ihrem unperfekten Körper nicht ins Schwimmbad oder verurteilen ihren Körper still und heimlich. 

Antike: Frauen in Männerrollen 

Das körperliche Schönheitsideal kann kulturell und regional unterschiedlich sein und hat sich über die Epochen immer wieder gewandelt. Doch die Ursprünge des männlichen Schönheitsideals von heute erkennt man unschwer in den Statuen der Antike: Diese zeigen idealisierte Bilder von nackten, muskulösen, jungen Männern. Im antiken Griechenland wurden diese für Verstorbene auf Friedhöfen aufgestellt oder für die Sieger eines sportlichen Wettkampfs, wie Althistorikerin Seraina Ruprecht weiss. Und sie betont: «Diese Körperbilder waren den Aristokraten vorbehalten. Sie drückten damit aus, schöner und besser zu sein.» Arme Leute hatten weder die Musse, ihren Körper gezielt im «Gymnasion» zu trainieren, noch das Geld, um sich selbst steinerne Monumente aufstellen zu lassen. Zudem wurden nur Männer und Götter nackt dargestellt, Frauen wurden bekleidet abgebildet.  

«Schon in der griechischen Antike sieht man deutlich, wie soziale Rollenerwartungen an Geschlechter Körperideale formen», sagt Ruprecht und zeigt das am Beispiel der Komödie «Frauenvolksversammlung» aus dem Jahr 392 v. Chr. Darin verkleiden sich die Frauen Athens als Männer, um an der Volksversammlung teilzunehmen und dort dafür zu stimmen, den Frauen die Politik zu übergeben. In der Vorbereitung gehen sie jeden Tag nach draussen, um sich zu bräunen. Denn während die Männer im Freien tätig und deshalb braun gebrannt waren, blieben die Frauen wenn möglich im Haus – und hatten eine helle Haut. In der Komödie ziehen die Frauen Männerkleider und einen falschen Bart an, üben den männlichen Schritt und das öffentliche Sprechen. Doch Letzteres gelingt nur einer Frau: jener, die neben dem Versammlungsort wohnt und deshalb weiss, wie das klingt. «Diese Anekdote zeigt sehr schön, wodurch sich männliche und weibliche Körper auszeichnen und wie viel davon antrainiert ist.» 

«Schon in der griechischen Antike sieht man, wie soziale Geschlechterrollen Körperideale formen.»

Seraina Ruprecht

Je nach Kultur und Region waren die sozialen Praktiken der Geschlechter unterschiedlich – und folglich auch die Körperbilder. Im antiken Griechenland waren sportliche Wettkämpfe Männern vorbehalten; eine Ausnahme bildete der militärische Stadtstaat Sparta. Wie Seraina Ruprecht erzählt, wunderten sich die Athener über die kräftigen und gestählten Körper der Spartanerinnen. Sie erklärten diese Besonderheit damit, dass die Spartaner Wert auf die Ertüchtigung der Frauen legten, damit auch sie besonders wehrhaft würden – und folglich auch besonders starke Kinder zur Welt brächten. 

Die Vorstellungen von Geschlechterrollen klingen rund 2000 Jahre später erstaunlich ähnlich. Auch in der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt: Während Männer Sport trieben, um ihren Körper für einen wehrhaften Staat zu stählen, sollten Frauen sich nur so viel bewegen, dass sie gesunde Kinder auf die Welt bringen konnten. Wettkämpfe waren den Frauen untersagt. Das weiss Körper- und Geschlechterhistorikerin Yvonne Schüpbach und zitiert den Leitspruch des Schweizerischen Frauenturnverbands, der bis in die 1960er-Jahre lautete: «Gesunde Mütter, gesunde Kinder, gesundes Volk».  

Vom Volkskörper zum individuellen Projekt 

Dahinter steckte die Idee des «Volkskörpers», ordnet die Historikerin ein. Diese Vorstellung stammt aus der Eugenik und zielt darauf ab, die Stärke des ganzen Volkes zu verbessern, indem das Erbgut «gesund gehalten» wird. Diese biologistische Ideologie stellt anhand von Klasse, Ethnie oder Hautfarbe die Frage, wer Teil dieses Volkskörpers sein und sich reproduzieren darf – und wer nicht. Vor diesem Hintergrund wurde im NS-Deutschland zwangssterilisiert und gemordet. Aber auch in der Schweiz wurden deshalb insbesondere marginalisierte Menschen im Rahmen der «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» zwangssterilisiert. 

Die Vorstellung des Volkskörpers war in der westlichen Welt im frühen 20. Jahrhundert prägend. Ab den 1960er-Jahren stellt Schüpbach hingegen eine deutliche Verschiebung vom kollektiven zum individuellen Körper fest. Mit der zunehmenden Individualisierung setzt sich der «Healthismus» durch. Laut dieser Ideologie, die Gesundheit zum Statussymbol und obersten Lebensziel erhebt, ist jeder Mensch selber für seine Gesundheit – und damit auch für einen schlanken Körper – verantwortlich. Das ist der neue moralische Imperativ – scheinbar erreichbar über Sport, Ernährung, gesunden Lifestyle. Mit Fitnesscentern und -trackern, Nahrungsergänzungsmitteln, Abnehmspritzen und Wellnessangeboten ist daraus ein riesiger Wirtschaftszweig geworden, der mit der Technologisierung immer weiter voranschreitet. Das Vermessen von Gesundheitswerten wie Schlaf oder Blutzucker mithilfe sogenannter Wearables – kleiner Computer, die am Körper getragen werden – spielt auch im «Longevity»-Trend eine grosse Rolle. Dieser hat zum Ziel, möglichst lange körperlich und geistig fit zu bleiben, indem man Schlaf, Bewegung oder Ernährung optimiert. 

Sexyness und gebrochene Knochen 

Was Freude bereiten, motivieren und die Gesundheit verbessern kann, hat auch Kehrseiten. Es gilt die moralische Devise: Wer trotzdem noch übergewichtig ist oder krank wird, macht etwas falsch und ist selbst schuld. «Anstatt strukturelle oder ökonomische Ungleichheiten anzugehen, schiebt man alles auf die Eigenverantwortung. Doch die nötigen Ressourcen wie genetische Veranlagung, Geld oder Zeit sind ungleich verteilt», kritisiert Historikerin Schüpbach. Der Fitnessboom ist längst zu einer globalen Massenbewegung geworden. «In einer immer unübersichtlicheren Welt wird der Körper so zum letzten Ort, den man vermeintlich kontrollieren kann.» 

Die Körperideale, die mit dem Healthismus einhergehen, sind: Frauen sollten vor allem schlank, aber auch «weiblich» sein, Männer in erster Linie muskulös und ebenfalls schlank. Dabei hat Schüpbach etwas Interessantes beobachtet: Ab dem Jahr 2000 seien die Frauenkörper im Sport deutlich muskulöser geworden. «Einen Moment schien es, als würden sich Frauen- und Männerkörper angleichen. Doch stattdessen zeigte sich: Je mehr Muskeln Frauen haben, umso mehr müssen sie ihre Weiblichkeit mit ‹Heterosexyness› unter Beweis stellen.» Das können längere Fingernägel, mehr Make-up oder knappere Dresses sein.  

Je mehr Muskeln Frauen haben, desto mehr müssen sie ihre Weiblichkeit mit ‹Heterosexyness› unter Beweis stellen», sagt Yvonne Schüpbach. © Dres Hubacher

Bei den Männern, insbesondere den jungen, beobachtet Schüpbach, dass die Muskulosität immer mehr auf die Spitze getrieben wird, angeheizt durch TikTok-Trends. Ein solches Extrem ist das «Looksmaxxing», das in der frauenfeindlichen Bewegung «unfreiwillig zölibatärer» Männer (Incel) entstanden ist und von Muskeltraining bis zum gezielten Brechen von Wangenknochen reicht, damit diese markanter nachwachsen. 

Von klein auf verinnerlicht 

In den Grundzügen haben diese gesellschaftlichen Ideale schon Kinder und Jugendliche verinnerlicht. Das zeigen verschiedene Studien, etwa die jüngste repräsentative Befragung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bei 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz: Mädchen streben nach schlankeren Körpern, die Jungen wünschen sich mehr Muskeln. Diese Ideale werden sowohl durch Familie und Gleichaltrige vermittelt als auch über Bilder in Medien. Dabei zeigt sich: Mädchen geraten durch idealisierte Bilder in den sozialen Medien stärker unter Druck, ihren Körper entsprechend verändern zu müssen.  

Das hat Folgen, denn ein positives Körperbild hängt eng mit einem guten Selbstwertgefühl und psychischem Wohlbefinden zusammen. In der Psychologie versteht man unter Körperbild die subjektiven Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle einer Person über den eigenen Körper. Ein negatives Körperbild kann zu psychischen Belastungen und gesundheitsschädigendem Verhalten führen, etwa Essstörungen, Sportsucht, sozialem Rückzug oder Zwangsstörungen. 

Magazin uniFOKUS

Körperbilder

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Körperbilder.

Körper als neutrales Werkzeug 

Selbst wenn Jugendliche sozialen Medien stärker ausgesetzt sind und in einem besonderen Spannungsverhältnis zu ihrem Körper stehen, ist Körperunzufriedenheit auch bei Erwachsenen, insbesondere bei Frauen, weitverbreitet. Die «Body Positivity»-Bewegung setzt sich dafür ein, dass alle Menschen ihren Körper wertschätzen und lieben können – unabhängig von Körperform oder Gewicht. Sie verbreitet Abbildungen vielfältiger, realistischer Körper und inszeniert diese als schön.  

Als Alternative hat in den vergangenen Jahren das Konzept der «Body Neutrality» an Bedeutung gewonnen. Dieses postuliert, dem eigenen Aussehen weniger Beachtung zu schenken, den Körper vielmehr als Werkzeug zu betrachten und sich für ein sinnerfülltes Leben wichtigeren Themen zuzuwenden. Die Forschung betont ebenfalls, dass es förderlich ist, sich weniger mit dem Aussehen des Körpers und mehr mit dem Erleben und der Wertschätzung seiner vielfältigen Funktionen zu befassen. So könne man – unabhängig von Alter, Körpertyp oder Behinderung – Freude und Stolz bei passender körperlicher Aktivität empfinden und daraus ein positives Körperbild schöpfen. 

Religionen als Gegenbild 

Eine Perspektive jenseits des Körpers bieten auch Religionen. Die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger führt aus: «Religionen blicken über den Körper hinaus und eröffnen eine zusätzliche Dimension: die Transzendenz, also das, was jenseits des kontrollierbaren Alltags liegt und mit Konzepten wie Gott, Seele, Schicksal oder spiritueller Energie umschrieben wird.» 

Der Körper selbst gehört mit in den Bereich des Unkontrollierbaren. «Wir haben den Körper nicht ganz im Griff, wir werden krank, wir altern, wir sterben. Religionen bieten eine Möglichkeit, das aufzufangen, indem sie Erklärungen dafür liefern.» Diese Erklärungen fallen unterschiedlich aus, je nach Religion, Ort und Zeit. Im christlichen Kontext gelte das Alter als etwas von Gott Gewolltes und der vermeintlich imperfekte Körper meist als etwas, das einen Sinn hat. Der Körper sei in der Religionsgeschichte nicht so wichtig, Schönheit nicht erstrebenswert, Eitelkeit gar eine Sünde gewesen. Höpflinger illustriert das anhand der Erzählung des «Schleppenteufels» aus dem 15. Jahrhundert. Demnach kommt eine «eitle» Frau mit einer wunderschönen Schleppe in die Kirche, der Priester streut Weihwasser darauf und alle sehen, dass auf ihrer Schleppe der Teufel sitzt und sich ins Fäustchen lacht – weil sie so eitel ist. «Statt sich um ihre Schönheit zu kümmern, sollten sich die Menschen einem guten religiösen Leben widmen», fasst Höpflinger die Botschaft dieser Erzählung zusammen.  

Allerdings betont sie, dass Religionen im Hinblick auf Körperbilder oft auch widersprüchlich seien. «Religionen können verschiedenste Menschen einschliessen, sie können durch den Blick über den Körper hinaus Sinn stiften und Trost spenden im Umgang mit Krankheit, Behinderung, Alter und dem Tod. Aber je nach religiösem System können sie eben auch Menschen aufgrund ihres Körpers ausgrenzen und Macht über den Körper ausüben – durch Gebote und Verbote.» Ein aktuelles Beispiel für Letzteres sind Abtreibungsdebatten. 

«Wir haben den Körper nicht ganz im Griff, wir werden krank, wir altern, wir sterben.»

Anna-Katharina Höpflinger

Zehn statt zwei Geschlechter 

Als wesentlicher Bestandteil der Kultur haben Religionen auch Körperbilder mitgeprägt, zum Beispiel in Sachen sittsamer Kleidung oder der Rolle der Geschlechter. «Spannend ist, dass es je nach Religion, Region und Kultur ganz unterschiedliche Körperbilder gibt», betont die Religionswissenschaftlerin. Eines der aus westlicher Sicht überraschendsten Konzepte stammt aus Amarete, einer Ortschaft im bolivianischen Hochland. Dort existieren gemäss den Forschungen der deutschen Kulturanthropologin Ina Rösing zehn Geschlechter. Das Geschlecht der einzelnen Menschen hängt vom Land ab, das sie bebauen, und vom Amt, das sie innehaben. Das Geschlecht bestimmt in Amarete die soziale Stellung und die Art, wie man sich kleidet und bewegt.  

Vielleicht dürfen wir uns davon inspirieren lassen? Unser Denken weiten und den Blick öffnen – für die Vielfalt von möglichen Geschlechterrollen und realen Körperformen, für all das, was uns kostbarer ist als Schlankheit und Muskeln. Dafür, was unser Körper jeden Tag leistet. Und wir könnten uns fragen, mit welchem Blick wir auf den Körper von anderen Menschen schauen wollen. Und das nächste Mal, wenn wir uns selber im Spiegel anschauen, ein kleines Experiment wagen: Was passiert, wenn wir die gesellschaftlichen Normen für einen Moment in der Schublade verstauen? Was sehen wir dann im Spiegel? 

Zur Person

Seraina Ruprecht

ist Dozentin für Antike Kulturen und Antikekonstruktionen am Historischen Institut der Universität Bern. Sie forscht unter anderem zu Männlichkeit und Weiblichkeit im klassischen Griechenland. Weitere Schwerpunkte sind die Freundschafts- und Netzwerkforschung in der Spätantike sowie die Rezeptionsgeschichte der Antike.

Kontakt:

Dr. Seraina Ruprecht, seraina.ruprecht@unibe.ch 

Zur Person

Yvonne Schüpbach

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern. Sie forscht unter anderem zu Sport und Geschlecht, Geschichte des Alterns und der Gesundheit, Körper-, Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Kontakt:

Dr. des. Yvonne Schüpbach, yvonne.schuepbach@faculty.unibe.ch 

Zur Person

Anna-Katharina Höpflinger

ist ausserordentliche Professorin für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt religiöse Entwicklungen der Gegenwart an der Universität Bern. Sie forscht unter anderem zu Religion in Zusammenhang mit Körper und Kleidung, Visualität oder Gender sowie zu transzendenten Elementen im Heavy Metal.

Kontakt:

Prof. Dr. Anna-Katharina Höpflinger, anna-katharina.hoepflinger@unibe.ch 

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