Vereinbarkeit
Mit Kindern ist Zeit der grösste Luxus
Teure Kitas, hinterherhinkende Gleichstellung, späte Elternschaft: Viele Faktoren tragen dazu bei, dass in der Schweiz immer weniger Kinder zur Welt kommen. Was müsste sich für eine Trendumkehr ändern?
Der Stellenwert von Kindern in der Gesellschaft hat sich verändert. Heute ist es deutlich besser akzeptiert als noch vor 100 Jahren, keine Kinder zu haben. Ben Jann, Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Bern, erklärt es mit den «Kosten-Nutzen-Strukturen» von Kindern. «In unserer modernen industrialisierten Gesellschaft haben Kinder in erster Linie einen Konsumnutzen», sagt er. Das bedeutet in der Familiensoziologie: Kinder erfüllen heute stärker immaterielle, persönliche und emotionale Bedürfnisse als früher.
Bevor die Sozialversicherungen Sache des Staates wurden, galten Kinder für viele Menschen als notwendige «Investition». Vom Nachwuchs wurde eher erwartet, dass er zum Einkommen beitrug, Angehörige pflegte, Geschwister beaufsichtigte. «Heute hat das Kind einen Wert an sich. Man hat Kinder, weil man gern Kinder hat», so Jann.
Seit Ende der 1960er-Jahre ist die Geburtenrate in der Schweiz stetig gesunken. Mit durchschnittlich 1,3 Kindern pro Frau ist sie nun im historischen Tief. Das liegt nicht bloss daran, dass Menschen immer später Eltern werden und die Fruchtbarkeit somit sinkt. War der Kinderwunsch in der Schweiz lange Zeit stabil, ist er in den vergangenen Jahren zurückgegangen. In einer Umfrage des Bundesamts für Statistik gaben vor drei Jahren 17 Prozent der 20- bis 29-Jährigen an, dass sie keine Kinder möchten – mehr als doppelt so viel wie 2013. Bei den 30- bis 39-Jährigen verzichtet gegenwärtig jede dritte Person auf Kinder.
Magazin uniFOKUS
Was brauchen wir wirklich?
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Luxus.
Schweiz: Schlusslicht bei Vereinbarkeit
Abgesehen vom Wandel sozialer Normen sind die Kosten eine häufige Erklärung. Können sich in der Schweiz viele Menschen unter den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen tatsächlich keine Kinder mehr leisten? Sind Kinder sozusagen ein Luxus?
Isabelle Stadelmann, Professorin für Vergleichende Politik an der Universität Bern, sagt: «Ich würde eher von einem Zielkonflikt sprechen, der zugenommen hat, und zwar vor allem für die Frauen.» Bei vielen Frauen herrsche nach wie vor das Gefühl vor, dass nicht beides zusammengehe, beruflich erfolgreich sein und Kinder haben. «In dieser Situation entscheiden sich Frauen vermehrt für ökonomische Sicherheit und Unabhängigkeit und gegen Kinder.»
Ein Forschungsprojekt des Instituts für Politikwissenschaft (IPW) zeigt auf, dass die Schweiz bei Vereinbarkeit, Gleichstellung und Familienpolitik im europäischen Vergleich das Schlusslicht bildet. «Daran ändern auch jüngste Reformen wie das nationale Impulsprogramm zur familienergänzenden Kinderbetreuung nichts», sagt Stadelmann. «Es gibt zwar bessere Kinderbetreuungsangebote, aber sie sind weiterhin sehr teuer.»
Insbesondere bei der Elternzeit hinke die Schweiz nach. Die EU verlangt etwa pro Elternteil mindestens vier Monate Elternzeit bei einer Geburt oder Adoption, von der mindestens zwei Monate der Vater beziehen muss, auch bekannt als «Daddy-Quote». In der Schweiz erhalten Mütter lediglich die obligatorischen 14 Wochen Mutterschutz, Väter seit 2021 zwei Wochen Vaterschaftszeit.
Zur Person
Isabelle Stadelmann-Steffen
ist Professorin für Vergleichende Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen öffentliche Politik, direkte Demokratie sowie politische Verhaltens- und Einstellungsforschung.
Was ist für Sie Luxus?
«Wenn ich wählen kann zwischen Möglichkeiten, sei es bei Forschungsthemen oder Freizeitaktivitäten.»
Traditionelle Rollenverteilung dominiert
Eine Folge davon: Nach der Geburt kommt es wegen ungleicher Aufteilung oft zu einer «Retraditionalisierung der Rollen», entgegen vorheriger Pläne, wie es in einem Forschungsbericht der Eidgenössischen Kommission für Familienfragen heisst.
In der Schweiz ist immer noch das «Ernährermodell» am häufigsten, bei dem der Mann Vollzeit arbeitet und die Frau mehr Care-Arbeit übernimmt. Anders als zum Beispiel in Schweden oder Deutschland verbreiten sich in der Schweiz egalitäre Elternzeitmodelle, bei denen Eltern bezahlte und unbezahlte Arbeit gleichmässiger aufteilen, zögerlicher. Doch genau diese fördern Vereinbarkeit und Gleichstellung effektiv, wie am IPW untersucht worden ist. «Luxus wäre, wenn wir es wirklich schaffen würden, dass alle – unabhängig vom Geschlecht – die Möglichkeit hätten, einen guten Job und Zeit für Kinderbetreuung zu kombinieren», findet Stadelmann.
Mehr Zeit für Kinder dank KI?
In der Luxusdiskussion geht es auch ums Geld. Gemäss Schätzungen des Kantons Zürich kostet ein Kind zwischen einem und vier Jahren durchschnittlich 1140 Franken pro Monat. Hinzu kommen Betreuungskosten, die je nach Wohnort und Einkommen variieren und zu den höchsten in Europa zählen. Gleichzeitig sind die staatlichen Subventionen tief. Zwei Vorschulkinder an zwei Tagen pro Woche in die Kita zu geben, beansprucht beispielsweise in Köniz sechs Prozent des Jahreseinkommens eines Paarhaushalts.
Kinder sind ein Armutsrisiko, vor allem für Alleinerziehende und Familien mit mindestens drei Kindern. Der Soziologe Ben Jann bezeichnet Kinderhaben aus sozioökonomischer Perspektive dennoch nicht als Luxus, weil mehr Einkommen nicht automatisch mehr Kinder bedeute. Erwiesen ist folgender Zusammenhang: Je gebildeter, desto weniger Kinder hat eine Person. Mit einem längeren Bildungsweg verschiebt sich das Alter, in dem man heiratet oder eine Familie gründet, nach hinten. «Solange sich die berufliche Situation nicht stabilisiert hat, wird der Kinderwunsch hinausgeschoben», sagt Jann.
Ab einem gewissen Bildungs- und Einkommenslevel seien zudem die Opportunitätskosten höher, also die Einnahmen, die eine Person aufgrund der Elternschaft «verpasst», etwa weil sie ihr Pensum reduziert. Auch das könne Paare davon abhalten, ein (weiteres) Kind zu bekommen.
Arbeiten Eltern mehr, fehlt wiederum Zeit für Familie, Freizeit, Haushalt. Jann stellt fest: «Der Luxus bei den Kindern ist nicht das Geld, sondern die gehaltvolle Zeit, die man für die Kinder aufwendet.» Die künstliche Intelligenz biete hier eine Chance: «Die Maschinen können für uns arbeiten – und wir uns mehr um die Kinder kümmern.» Sofern es gelinge, die Gewinne der technologischen Entwicklung gerecht zu verteilen.
Zur Person
Ben Jann
ist Professor für Sozialstrukturanalyse und leitet die Untersuchungen der gesamtschweizerischen längsschnittlichen TREE-Studie (Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben). Er hat unter anderem über Ungleichheiten am Arbeitsmarkt und Gendergerechtigkeit publiziert.
Was ist für Sie Luxus?
«Genügend Zeit zum Denken zu haben.»
Wirksame Vaterschaftszeit bei jungen Männern out
Stadelmann und Jann werfen allerdings beide die Frage auf: Wollen oder können die Männer nicht mehr Zeit aufwenden? Studien, darunter eine des IPW über Zeitkonflikte bei Paaren in egalitären Modellen, zeigen: Männer empfinden häufiger Stress und Verlust von Freiheit, wenn sie mehr Verantwortung für die Kinderbetreuung übernehmen sollen. Frauen sehen mehr die Vorteile und Möglichkeiten. «Eine Elternzeit mit Daddy-Quote ist hier besonders wirkungsvoll, weil sie Väter von Anfang an in die Kinderbetreuung einbindet», sagt Stadelmann.
Die Politologin erklärt, konservative Werthaltungen würden in der Schweiz den politischen Wandel bremsen, der aufgrund der direkten Demokratie und des Föderalismus ohnehin langsam sei. Zwar werden die Familienbilder und -realitäten diverser, aber zugleich öffnen sich Kluften. Befragungen von Ende der 1990er- bis Anfang der 2000er-Jahre geborenen Jugendlichen in der Schweiz legen dar: Jene Männer der Generation Z positionieren sich häufiger rechter und konservativer in Bezug auf Familienmodelle als junge Frauen, die vermehrt egalitäre Familienmodelle befürworten.
«Wenn Einstellungen zu grundlegenden Bereichen wie Rollenteilung nicht übereinstimmen, scheitern Partnerschaften und es gibt somit auch weniger Kinder», sagt Stadelmann.
Zur Person
Michael von Wolff
ist Chefarzt Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Inselspital Bern.
Was ist für Sie Luxus?
«Freiheit. Berufliche Freiheit ermöglicht zufriedene Patientinnen und Patienten und tolle Forschung, private Freiheit spannende Abenteuer rund um den Globus.»
Herausfordernde Familienplanung
«Den passenden Partner für den Kinderwunsch zu finden, ist heute durchaus ein Luxus», bestätigt Michael von Wolff, Chefarzt für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Inselspital Bern. Über die Hälfte der Frauen mit Kinderwunsch, die am Spital ihre Eizellen einfrieren lassen, haben in dem Moment noch keinen Partner für die Familienplanung.
Die Fruchtbarkeit nimmt ab 35 Jahren beschleunigt ab. Von Hormontherapien bis künstliche Befruchtung: Einen unerfüllten Kinderwunsch zu behandeln, kostet mehrere Tausend Franken. Rund drei Prozent der lebend geborenen Babys in der Schweiz entstehen mithilfe von In-vitro-Fertilisation. Bisher bezahlen die Patientinnen und Patienten alles selbst. Nur jemand mit genügend Geld, Zeit und Freiheit durch den Arbeitgeber könne sich die Behandlung leisten, sagt von Wolff. «Das ist ein Luxus beziehungsweise sozial unfair», findet der Mediziner.
Reproduktionsmedizin sei indes keine simple Lösung. Je später eine Schwangerschaft erfolgt, desto höher ist das Risiko für Komplikationen, Abtreibungen und Fehlbildungen. «Für den Körper ist Luxus also eher, mit 25 oder 30 Kinder zu bekommen», so von Wolff. «Nicht mehr ganz so junge Eltern» seien unter Druck. Andererseits hätten diese mehr Zeit für ihre Ausbildung und persönliche Entwicklung.
Sind Kinder also Luxus? Sicher ist, sie verlangen von Eltern, gerade in der Schweiz, viele Ressourcen, die nicht alle haben.
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