Im Fokus
Ist Luxus überflüssig oder notwendig?
Wie hat sich unser Verständnis von Luxus im Verlauf der Geschichte verändert und wie blicken wir heute darauf? Lässt er sich mit Bemühungen um Nachhaltigkeit vereinbaren?
«Es gibt sie noch, die guten Dinge», heisst es als Motto beim Warenhaus Manufactum. Allerdings sind solche «guten Dinge» dann aber auch teure und entsprechend exklusive Dinge. Ein Turnschuh kommt da schon mal auf über 400 Franken zu stehen. «Mehr als 200 Arbeitsschritte sind nötig, um die Langlebigkeit der Schuhe und ihren Tragekomfort zu gewährleisten: eine gepolsterte Schaftkante, ein verstärkter Zehen- und Fersenbereich sowie eine gepolsterte Innensohle», so steht es im Produktbeschrieb – vielleicht ist es nicht einmal ein Nachteil, dass kaum jemand weiss, was eine Schaftkante genau ist. Exklusivität auch in der Sprache, das schafft Vertrauen. Was einmal Fertigungsalltag war, ist heute ein eindeutiges Zeichen von Luxus; Handarbeit muss man sich eben leisten können. Das gilt überhaupt für die klassischen Luxusmarken – oder? Die Angelegenheit ist längst komplizierter: Beim hippen Label Balenciaga gehen die Preise leicht über 1000 Franken für Sneakers; allzu viel Handarbeit wird man da nicht erwarten. Und schon sind wir mittendrin im Luxus-Durcheinander: Warum gilt den einen ein schräger Plastikschuh als ultimativer Luxus, den anderen ein mit viel Liebe zum Handwerk gefertigter und eher altmodisch daherkommender Lederschuh?
Luxus ist nicht gleich Luxus
Die Soziologin Benita Combet sagt es so: «Luxus ist eine konstruierte Kategorie», also nichts, was man objektiv festmachen könnte. Luxus ist eher Zuschreibung als inhärente Qualität einer Ware. Anders gesagt: «Es geht immer um den Vergleich.» Insofern ist, was als Luxus angesehen wird, immer abhängig von Zeit und Ort. «Im Kongo wird man etwas anderes als Luxus bezeichnen als hier bei uns, in der Antike hatte man eine andere Vorstellung von Luxus als jetzt.» Und man braucht in der Zeit gar nicht bis in die Antike zurückzureisen: Gerade im Laufe der vergangenen vielleicht 100 Jahre hat da eine laufende Verschiebung stattgefunden, immer mehr Luxus wurde Alltagsbedürfnis. So las man etwa in einer Kulturgeschichte des Luxus aus dem Jahr 1994 noch, heute verfüge ein «‹Luxusheim› über bauliche Merkmale wie Doppelverglasung, Zentralheizung und ferngesteuerte Garagentore». Zentralheizung als Luxus?
«Bei Luxus geht es um Distinktion, es geht um Macht.»
Benita Combet
Für den Historiker Christof Dejung ist Luxus insofern ein explizit modernes Phänomen: Im Mittelalter, in der Antike mag es zwar auch schon luxuriöse Lebensstile gegeben haben, aber in seinen Augen handelte es sich dabei um die «Alltagspraxis einer Elite». Sonst wäre es niemandem in den Sinn gekommen, Luxusgüter zu konsumieren. Für ihn hängt das Phänomen Luxus eng mit der Entstehung einer Konsumgesellschaft zusammen, die im Zuge dessen automatisch auch zu einer «Luxusgesellschaft» wird. Die Frage nach dem Luxus sei deshalb «eine der wesentlichen Fragen der Wirtschaftsgeschichte: Was passierte da genau zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert?»
Zur Person
Benita Combet
ist Assistenzprofessorin (mit Tenure-Track) für Soziologie an der Universität Bern, wo sie im Rahmen eines Starting-Grant-Projekts des Schweizerischen Nationalfonds zu Ungleichheiten bei der Beförderung und anderen Themen im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit forscht.
Was ist für Sie Luxus?
«Ein entspanntes Wanderwochenende mit Freunden.»
Das Ende des Selbstversorgertums
Er beschreibt es ungefähr so: Vorgelebt von Adel und reichem Bürgertum, hätten sich immer mehr Menschen nach einem verschwenderischen Lebensstil und den dafür stehenden Luxuswaren zu sehnen begonnen – was dann gewissermassen im Nebeneffekt einen strukturellen Wandel mit sich brachte. Denn um sich teure Textilien und Kolonialwaren leisten zu können, hätten die Menschen immer mehr arbeiten müssen, es war das Ende des Selbstversorgertums. Und im Gegenzug entstanden Märkte, die immer mehr dieser Produkte anbieten konnten. Am Beispiel Textilien wird noch ein anderer Strukturwandel deutlich: Auch Baumwolltextilien, die bis ins 18. Jahrhundert aus Südasien eingeführt wurden, standen lange für Exklusivität. «Die einzige Möglichkeit, mit den indischen Handspinnern zu konkurrenzieren, war die mechanische Produktion, die der Massenproduktion von europäischen Textilien den Weg ebnete», erklärt Dejung diesen überraschenden Aspekt der Industrialisierung. Benita Combet kennt ebenfalls derlei gesellschaftspolitische Randnotizen: Auch eine Waschmaschine sei lange ein expliziter Luxus gewesen. Als sich das geändert habe, sei das besonders für die Frauen «extrem relevant» gewesen.
Anders als die anderen
Aber eben, das sind Randnotizen. Denn für die Soziologin sind Luxusgüter vor allem eines: soziale Kommunikationsmittel. «Bei Luxus geht es um Distinktion, es geht um Macht.» Dieser Aspekt kommt auch in der Definition zum Ausdruck, die der Philosoph Marcel Twele zur Hand hat: «Luxus ist das Verfügen über etwas Gutes oder gut Erachtetes (für die in Luxus lebende Person), das deutlich über die Grundbedürfniserfüllung hinausgeht und dabei Güterungleichheit zwischen Personen(gruppen) markiert.» Man könnte auch sagen: Luxus braucht man nicht wirklich, mit Luxus bringt man – auf mehr oder auch mal weniger diskrete Weise – genau die Tatsache zum Ausdruck, dass man ihn sich leisten kann. Das Drehen am Regler der «Protzigkeit» gehört dabei immer dazu. Combet nennt das Beispiel Louis Vuitton: Die Marke, einst so etwas wie der Inbegriff des Luxuriösen, würden nun bloss noch Neureiche wählen. Was aber natürlich nicht bedeutet, dass der Luxus komplett «verwässert», denn es findet da gewissermassen ein kommunikatives Wettrüsten statt, hin zu exklusiveren Luxussignalen. Zum aktuellen Must-have wird dann der «ultra-exklusive Birkin-Bag», der zwar schlicht daherkommt, aber in den entsprechenden Kreisen unfehlbar erkannt wird, während er «für unsereiner gar nicht lesbar ist». Man spricht in dem Zusammenhang mitunter auch von «lautem» beziehungsweise «leisem» Luxus. Die spannende Frage an diesem Punkt: Würde es sich bei einem Pullover aus sehr exklusivem Garn, der sich «luxuriös» anfühlt, dabei aber nach nichts Besonderem aussieht, auch um einen Luxusartikel handeln? Oder darf Luxus nicht komplett still sein?
«Luxus ist nicht als solcher, das heisst nicht begrifflich, schlecht.»
Marcel Twele
Klar ist: Je «lauter» der Luxus wurde, desto eher rief er Regulierer auf den Plan, seien es moralische Appelle seitens der Religion, seien es gesetzliche Vorgaben. Die sogenannten Luxussteuern gelten längst als Treppenwitz der Wirtschaftsgeschichte, weil sie nicht selten ebenso barock daherkamen wie die modischen Triebe der Eliten, die sie eindämmen sollten. Die Historikerin Lorraine Daston geht in «Rules: A Short History of What We Live By» eingehend auf die «sumptuary regulations» vor allem in Mittelalter und früher Neuzeit ein und zeigt die seltsamen Auswüchse. Man könnte es beinahe als «Tom-und-Jerry-Hassliebe» lesen – Daston erzählt unter anderem, wie das Verbot gewisser Mode-Exzesse die Luxusmaschinerie geradezu antrieb, hin zu immer neuen, noch exklusiveren Spezifizierungen. Und wie die Gesetzgebung angesichts dieser Erfindungsgabe notorisch auf verlorenem Posten blieb.
Magazin uniFOKUS
Was brauchen wir wirklich?
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Luxus.
Obszön oder unschuldig?
Marcel Twele plädiert an dieser Stelle allerdings für eine Begriffsschärfung, für ihn ist Exzess durchaus nicht gleich Luxus. Er erachtet Luxus als solchen als «unproblematisch» – er habe (zumindest nach der von ihm bevorzugten Definition) keinen intrinsisch negativen Wert. Was Luxus häufig problematisch mache, seien Begleiterscheinungen, die nicht unmittelbar mit den Gegenständen des Luxus verknüpft sind. So wäre seiner Ansicht nach ein Leben in Saus und Braus nur dann ungerecht, «wenn ein alternativer Weltzustand existiert, in dem schlechter gestellte Personen von einer Umverteilung profitieren würden». Wobei eine solche alternative Welt für Combet, die da einen deutlich politischeren Zugang zur Luxusdebatte hat, auf jeden Fall existiert: Dass sich Menschen wie Jeff Bezos eine Jacht für 500 Millionen Dollar leisten können, hat für sie durchaus den Anstrich des Obszönen. «Mit diesem Geld könnte man hochgerechnet mehrere Hunderttausend Mädchen gegen HPV impfen und dadurch vor Gebärmutterhalskrebs schützen», so Combet. Ist es also moralisch vertretbar, dieses Geld für eine Exklusivität zu verprassen, die höchstens einer kleinen Schar ausgewählter Freunde zugutekommt?
Zur Person
Marcel Twele
ist Postdoc am Institut für Philosophie der Universität Bern. Seine Forschungsinteressen liegen insbesondere bei der Philosophie der Arbeit, Verteilungsgerechtigkeit, Egalitarismus und Wirtschaftsphilosophie.
Was ist für Sie Luxus?
«Ultimativer Luxus bedeutet für mich, wenn es an nichts mangelt. Und damit meine ich nicht bloss, dass es nicht am Nötigsten mangelt, sondern dass es an rein gar nichts mangelt.»
Für den Philosophen Twele mag die Erkenntnis, dass «Luxus nicht als solcher, das heisst nicht begrifflich, schlecht ist», ein theoretisch relevanter Kristallisationskeim sein. Im alltäglichen Umgang mit Luxus gab es eine solche begriffliche Unschuld allerdings wohl nie. Das gibt indes auch Twele zu: «Luxus ist ein ethisch dichter Begriff, da schwingen immer Werturteile mit.» Wie «gut» beziehungsweise «böse» Luxus ist, gehört von Anfang an zur «Begriffsbestimmung», schliesslich liegt der moralische Unterton schon in der Etymologie: «Luxus» kommt vom lateinischen «luxuria», was «Geilheit, Üppigkeit, aber auch Zügellosigkeit» bezeichnete (auch im Sinne eines üppigen Pflanzenwachstums) und dann als «Lüsternheit, Zügellosigkeit, sinnliches Vergnügen» oder auch schlicht Geschlechtsverkehr in unsere frühen Sprachen hinüberkam.
Geburtshelfer des modernen Kapitalismus?
Luxus hatte also von Anfang an einen moralischen Anstrich, Tadel und Missgunst spielten da immer mit hinein. Und so ganz liess sich das auch mit mächtig viel Liberalismus und Lust am Konsumieren nicht überpinseln. Mit am meisten Emphase hatte das wohl Werner Sombart, ein einflussreicher deutscher Soziologe und Volkswirtschaftler, versucht, in seinem Werk «Luxus und Kapitalismus» aus dem Jahr 1922. Darin verteidigt er wort- und materialreich die These, dass Luxus der Geburtshelfer des modernen Kapitalismus war. Denn erst als Volkswirtschaften über das Notwendige hinaus zu produzieren begannen, sei der Motor für wirtschaftliche Entwicklung so richtig in Gang gekommen. Er konnte sich dabei auf zum Teil berühmte Vorläufer berufen: So hatte schon Voltaire das Zuviel, das Überflüssige als etwas sehr Notwendiges verteidigt: «Le superflu, chose très nécessaire.»
«Wo das Luxuriöse noch legitim?»
Christof Dejung
Woher stammt aber diese Lust am Luxus? Sombart nimmt die Etymologie da sehr wörtlich: «Aller Wunsch nach Verfeinerung und Vermehrung der Sinnenreizmittel wird nun aber letzten Endes in unserm Geschlechtsleben seinen Grund haben [...]. Sodaß der erste Antrieb zu etwelcher Luxusentfaltung [...] gewiß auf irgendwelches bewußt oder unbewußt wirkende Liebesempfinden zurückzuführen ist. Deshalb wird überall dort, wo Reichtum sich entwickelt, und wo das Liebesleben naturgemäß und frei (oder frech) sich gestaltet, auch Luxus herrschen.» Dabei war das in der Antike noch Kern der Luxuskritik: «luxuria» stand da fast ausnahmslos für «Verweichlichung», und diese war Ausdruck von Weiblichkeit, im Gegensatz zu männlichen, harten Tugenden der «virtus». Man liest Sombarts Schrift auch 100 Jahre nach Erscheinen durchaus gern, was nicht zuletzt daran liegt, dass er selbst im Stil eher das Üppige pflegt. Doch Dejung hält seine Thesen aus heutiger Sicht für eher grobschlächtig: «Sombart nahm im Laufe seines Lebens immer stärker einen nationalkonservativen Standpunkt ein – viele seiner Ansichten sind heute mit Vorsicht zu geniessen.»
Kann Überfluss nachhaltig sein?
Und überhaupt: Diese Idee des heiss laufenden Wirtschaftsmotors – das taugt in heutiger Zeit kaum mehr als positives Argument. Vielleicht ist das Anstössige und insofern Erhellende am Luxus im 21. Jahrhundert, dass er das Ausbeuterische unseres Wirtschaftssystems zur Schau stellt? «Seit wir die buchstäblichen Grenzen des Wachstums erreicht haben, stellt sich dringend die Frage, wo das Luxuriöse noch legitim und wo es Verschwendung ist», sagt Dejung. Oder noch grundsätzlicher: «Ist eine nachhaltige Überflussgesellschaft überhaupt möglich?» Da sind in einer Polykrisen-Welt Zweifel natürlich sehr angebracht. Noch komplizierter wird die Angelegenheit für Dejung, weil «die Konsumgesellschaft nun globalisiert wird», die Sehnsucht nach Luxus macht sich auf der ganzen Welt bemerkbar. Wäre denn eine Gesellschaft vorstellbar, in der es «Luxus für alle» gibt? Twele ist überzeugt, dass das nie der Fall sein wird: «Es ist nicht möglich, Luxus direkt umzuverteilen, wohl aber die Zeit und die Arbeitskraft.» Insofern ist die Frage nach Luxus immer eine Verteilungsfrage: Ist ein gewisses Mass an Ungleichheit wünschbar, weil es Anreiz hin zu (allgemeinem) Wohlstand schafft? Und ab welchem Punkt wird diese Ungleichheit «demonstrativ exzessiv», wie es Combet nennt? «Wenn wir alle in bitterster Armut leben würden, dann wäre unser Umgang mit Luxus wohl ein sehr anderer.» Der französische Schriftsteller und Philosoph Montesquieu konnte noch ungeniert schreiben: «II faut bien qu’il y ait du luxe. Si les riches n’y dépensent pas beaucoup, les pauvres mourront de faim.» Die Armen würden also verhungern, wenn die Reichen ihr Geld nicht verprassen würden. Aus heutiger Sicht natürlich zynisch.
Zur Person
Christof Dejung
ist Professor für Neueste Allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Globalgeschichte und Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte.
Was ist für Sie Luxus?
«Für mich bedeutet Luxus, Zeit zu haben und sie in Musse mit geliebten Menschen in einer schönen Umgebung verbringen zu können.»
Der Luxusbegriff schillert eben in vielen Nuancen – es gibt immer auch eine persönliche Ebene. Fragt man Menschen hierzulande, was sie selber als Luxus empfinden, dann wird man meist zu hören bekommen: Zeit mit Freunden verbringen, Musse für sich haben, sich eine Auszeit gönnen (siehe auch Personenboxen). So etwas darf man ja immer, oder gibt es da auch einen moralischen Unterton? Man erinnert sich an Benita Combets Bemerkung, dass, wenn man alles hat, eigentlich die Freizeit als Luxus gelten müsste, was das Problem mit sich bringt, dass man diese ja «nicht vor sich hertragen» könne – dass sie als Distinktionssignal eben nicht so gut taugt wie ein Motorboot auf einem Schweizer See, das einem dann aber ohne Freizeit auch nicht viel nützt.
Zeit als ultimativer Luxus
Das würde bedeuten, dass in unserer Hamsterrad-Gesellschaft Zeit der ultimative Luxus, das rare Gut geworden ist. Anders als bei Konsumgütern haben wir es hier aber nicht mit einer wirtschaftlichen Verteilungsfrage zu tun. Dazu könnte man nun allerdings noch einige Abschnitte mehr schreiben, aber der Leser oder die Leserin entschuldige mich – die Sonne scheint, ich gönne mir den Luxus eines freien Nachmittags, mit einem guten Buch. Wer es mir neidet, soll sich solche freien Momente auch zu schaffen versuchen. Die Zeit, die ich mir nehme – ich nehme sie niemand anderem weg. Luxuria!