«Man hofft, dass man die Versicherung nie braucht»

Nach 18 intensiven Monaten ist die Suche nach Teilnehmenden an der Studie «Bern, get ready» (BEready) abgeschlossen: Die weltweit einzigartige Datensammlung zu Infektionskrankheiten bei Mensch und Haustier soll helfen, Auswirkungen einer nächsten Pandemie abzufedern.

Interview: Ori Schipper 29. Januar 2026

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Symbolbild – Familie mit Kindern und Haustieren © Pexels

Im «BEready»-Flyer heisst es, die Studie solle zur effektiven Bekämpfung künftiger Pandemien beitragen. Wie bekämpft man etwas, das noch nicht da ist?

Eva Maria Hodel: Eine Pandemie ist per Definition eine globale Angelegenheit. Hier in Bern können wir nicht verhindern, dass sie irgendwo ausbricht. Aber wir können uns darauf vorbereiten – und mit soliden und gesicherten lokalen Daten dazu beitragen, dass wir beim nächsten Mal nicht mehr wie zu Beginn bei Covid quasi im Blindflug durch die Krise schlittern. Wenn wir über mehr Wissen verfügen, zum Beispiel darüber, wie rasch sich ein Virus innerhalb von Haushalten ausbreitet, kann die Politik gezielte Massnahmen ergreifen  – und so die Auswirkungen einer Pandemie hoffentlich etwas abfedern. Unsere Studie bezweckt zweierlei: dass wir erstens generell unser Wissen zu Infektionskrankheiten verbessern. Und dass wir zweitens bei zukünftigen Pandemien schneller reagieren können.

Was meinen Sie mit «schneller reagieren»?

Wir waren seit April 2024 damit beschäftigt, Haushalte im Kanton Bern zu suchen, die bereit sind, an unserer Beobachtungsstudie teilzunehmen. Nun ist diese Arbeit erledigt. Wenn eine neue Pandemie beginnt, können wir auf das Netz, das wir jetzt geknüpft haben, zurückgreifen: Wir wissen, wer bereit ist, seine Gesundheitsdaten mit uns zu teilen. Im Moment lagern wir die Blutproben der Teilnehmenden einfach ein, weil wir noch nicht wissen, wonach wir suchen sollen. Aber die Proben stehen uns – als eine Art vorpandemische Vergleichsprobe – bei Bedarf zur Verfügung.

Wer macht bei der Studie mit?

Im Kanton Bern gibt es rund 450 000 Haushalte, von denen 135 000 zufällig ausgewählt wurden. Wir haben einen riesigen Aufwand betrieben und sind jetzt in der glücklichen Situation, dass wir die angestrebten 1500 Haushalte leicht überschritten haben. Insgesamt nehmen mehr als 2000 Personen und über 200 Haustiere, vor allem Katzen und Hunde, an «BEready» teil. Die Haushalte sind über den ganzen Kanton verteilt. Wie erwartet, haben etwas mehr Frauen als Männer in die Studie eingewilligt – und mehr Leute im Pensionsalter als junge Erwachsene. Aber wir haben Personen von allen Altersgruppen in unserer Studie, von Neugeborenen bis zu über 90-Jährigen.

 

Einladung im Briefkasten

Cornelia Wagner, Sie nehmen an «BEready» teil. Wie sind Sie auf die Studie aufmerksam geworden?

Eines Morgens lag die Einladung zur Studienteilnahme im Briefkasten. 

Wieso haben Sie sich zur Teilnahme entschieden?

Ich finde es sinnvoll, wenn sich die Gesellschaft auf eine nächste Pandemie vorbereitet. Ich bin Epidemiologin an der Universität Freiburg – und habe beruflich viel mit Langzeitstudien zu tun, allerdings nicht im Bereich der Infektionskrankheiten. Aufgrund meines Berufs weiss ich, wie wichtig solche Daten sind. Für mich ist es interessant, die andere Seite zu sehen. Ich bin im Alltag mit der Auswertung von Daten beschäftigt – und erhalte jetzt Einblick, wie es sich anfühlt, Daten an eine Studie beizusteuern. Zudem hält sich der Aufwand in Grenzen. Ich dachte mir: Warum nicht einen Nachmittag lang ins Inselspital gehen und ein paar Online-Fragebögen ausfüllen? Ist das einmal gemacht, ist der Aufwand als Teilnehmende sehr klein: Letzte Woche waren mein Partner und ich erkältet. Es hat nur fünf Minuten gedauert, um das zu melden.
 

Es gibt noch keine Tests für die Erreger einer zukünftigen Pandemie. Zu was genau haben die Teilnehmenden eingewilligt?

«BEready» ist eine Beobachtungsstudie, wir sammeln in Form von jährlichen Fragebögen Daten, etwa zu den Ernährungsgewohnheiten und zum Gesundheitszustand der Leute, ob sie etwa an Allergien oder chronischen Krankheiten leiden. Zudem sammeln wir auch jährliche Blutproben. Unsere Studie hat kein festgelegtes Enddatum. Wir haben den Teilnehmenden gesagt, dass sie langfristig angelegt ist. Die Ethikkommission hat die Studie vorerst für fünf Jahre bewilligt, danach können wir eine Verlängerung beantragen. Ob es in Zukunft einen Nasenabstrich, eine Urin- oder Speichelprobe braucht, wissen wir im Moment natürlich nicht. Aber wenn es so weit kommen sollte, wissen wir genau, auf wen wir dann zählen dürfen: Denn wir wissen, dass die Teilnehmenden von «BEready» unsere Idee gut finden – und grundsätzlich bereit sind, solche Proben bei Bedarf zur Verfügung zu stellen.

Im Idealfall brauchen Sie die Daten nicht.

Ja! (lacht) Wenn es optimal läuft, trifft das Ereignis, das man verhindern möchte, nicht ein. Das ist, wie wenn man eine Versicherung abschliesst: Man hofft, dass man sie nie braucht. Aber wenn sich dann doch ein Schadenfall ereignet, ist man froh, wenn man gut vorbereitet ist.

Zudem ist unser Ansatz, Infektionskrankheiten im ganzen Haushalt zu beobachten, auch bei Kindern und Haustieren, weltweit einzigartig. Aus unserer Sicht ist er deshalb gut geeignet, um vorhandene Wissenslücken zu füllen.
 

«Wir können nicht verhindern, dass irgendwo eine Pandemie ausbricht, aber wir können uns darauf vorbereiten.»

- Eva Maria Hodel

Die Studie bezieht sich auf den Kanton Bern. Sind die Daten auch über die Kantonsgrenzen hinaus relevant?

Wir haben die Studie aus logistischen und finanziellen Gründen geografisch eingeschränkt. Grundsätzlich würde auch «LUready» oder «SOready» gut tönen. Unsere Studie ist aber dank einer grosszügigen Spende der Stiftung Vinetum zustande gekommen. Und die Stiftung hat von Anfang an klar gemacht, dass das Geld dem Kanton Bern zugutekommen sollte.

Während der Corona-Pandemie hat die Schweiz Daten aus Belgien und einer Reihe weiterer europäischer Länder verwendet, um Aspekte des Krankheitsgeschehens – konkret: die Dauer und Anzahl sozialer Kontakte – zu modellieren. In Zeiten der Not nimmt man halt das Beste, was vorhanden ist – und trifft dann Annahmen, was ähnlich und was hingegen anders sein könnte. Wenn in Zukunft zum Beispiel Graubünden auf Daten aus Bern zugreifen kann, ist das wahrscheinlich von Vorteil. Denn auch wenn es Unterschiede in den kantonalen Regelungen gibt, so bleibt das Gesundheitswesen innerhalb der Schweiz alles in allem trotzdem vergleichbar.

Während der Corona-Pandemie haben sich gesellschaftliche Gräben aufgetan – etwa zwischen Impfbefürwortern und -gegnern. Wie geht «BEready» damit um?

Ja, Covid hat die Bevölkerung entzweit. Viele nicht geimpfte Personen wurden von der Gesellschaft marginalisiert – und haben schwierige Erfahrungen gemacht. Bei einigen kommen diese Gefühle wieder hoch, wenn wir jetzt mit einer neuen Pandemie-Studie kommen. Wir haben deshalb mehrere böse E-Mails und Anrufe erhalten – wurden aber zum Glück nie bedroht.

Im Einladungsschreiben teilen wir den Leuten mit, dass sie zufällig ausgewählt wurden. Uns steht es fern, den Leuten vorzuschreiben, was sie machen sollen. Wir beobachten nur – und möchten Vergleiche anstellen können, etwa zwischen zwischen geimpften und ungeimpften Personen. Deshalb haben wir gerade auch kritische Leute motiviert, bei «BEready» mitzuwirken.
 

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Im Rahmen von BEready wird den teilnehmenden Personen zu Studienbeginn eine Blutprobe im Labor entnommen. Anschliessend machen dies die Teilnehmenden jährlich selbst. © BEready

Das klingt sehr versöhnlich. So, als möchten Sie alle wieder ins Boot holen.

Wir streben eine Studie für möglichst alle Menschen im Kanton Bern an. In unserer Studie hat es Platz für alle, für Junge und Alte, für Gesunde und Kranke, für Kritische und für Enthusiastische. Wir sind daran interessiert, die ganze Bandbreite abzudecken. Das ergibt auch aus epidemiologischer Sicht Sinn, weil wir mit breit abgestützten Daten auch besser abschätzen können, wie sich allfällige Massnahmen, also zum Beispiel Schulschliessungen, auf die ganze Bevölkerung auswirken.

«Kann sich ein Virus verbreiten, wenn das Büsi einen toten Vogel nach Hause bringt?»

- Eva Maria Hodel

Wieso interessiert sich «BEready» auch für Haustiere?

Aus verschiedenen Gründen. Zum einen möchten wir in der Lage sein, die Übertragungswege von Viren oder anderen Erregern nachzuzeichnen. Aktuell nehmen wir nur-  Hunden und Katzen Blut ab. Das kann sich aber ändern, wenn in Zukunft zum Beispiel eine Vogelgrippe grassiert – und wir deshalb mehr Daten zu Vögeln sammeln wollen. Wir wollen auch wissen, ob ein Erreger auf Haustiere übergeht oder umgekehrt: Kann sich ein Virus verbreiten, wenn das Büsi einen toten Vogel nach Hause bringt?

Und zum zweiten?

Es ist bekannt, dass Haustiere die Psyche positiv beeinflussen können. Das könnte dann wiederum das Immunsystem stärken und es Erregern dadurch erschweren, sich auszubreiten. Um solchen Fragestellungen nachzugehen, würden wir uns nicht nur Hunde und Katzen, sondern auch Hasen oder Hamster genauer anschauen.

Bei der Rekrutierung haben wir ausserdem gemerkt, dass es Menschen zum Mitmachen motiviert, wenn auch die Haustiere dabei sind. Für viele Personen sind Haustiere Familienmitglieder. Sie finden es toll, dass wir in unserer Studie alle Menschen und Tiere im Haushalt berücksichtigen. Grundsätzlich greift der One-Health-Ansatz, den wir verfolgen, eigentlich noch weiter: Es geht auch darum, die Umwelt und zum Beispiel die Folgen des sich erwärmenden Klimas mit hineinzunehmen. So nehmen zum Beispiel von Mücken und Zecken übertragene Krankheiten zu. In diesem Bereich möchten wir noch wachsen – und unsere Expertise ausbauen.
 

Zur Person

© zvg

Eva Maria Hodel

ist Projektmanagerin der «BEready»-Kohortenstudie. Sie ist ausgebildete Pharmazeutin und Epidemiologin – und weiss, dass man nach einiger Übung in einer Stunde 150 Briefe falzen und in ein Kuvert stecken kann.

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