14.01.2021 | Forschung | Gesundheit & Medizin

«Wir sind der Pandemie nicht erlegen»

Die gesundheitspsychologische Forschung leistet wichtige Beiträge, um die psychischen Folgen der Pandemie besser zu verstehen und ihnen künftig vorzubeugen, macht Gesundheitspsychologin Jennifer Inauen im Interview deutlich. Sie entwickelt zudem eine App, die helfen soll, Schutzmassnahmen besser einzuhalten.

Interview: Nina Jacobshagen

Welche psychische Folgen der ersten Pandemiemonate hat die internationale Forschung festgestellt? Welche treten am häufigsten auf und welche wiegen besonders schwer?

Der Beginn der Pandemie ging weltweit für viele Menschen mit erhöhter Risikowahrnehmung, erhöhtem Stress oder sogar Panik einher. Viele Länder hatten in dieser Zeit die ausserordentliche Lage ausgerufen, viele Menschen befanden sich im Lockdown. Auch die Angestellten im Gesundheitswesen waren teilweise psychisch stark belastet. In Italien beispielsweise, wo die erste Welle besonders schwerwiegend war, stellten Forschende fest, dass das Risiko, psychisch zu erkranken, bei einem Drittel der Gesundheitsfachpersonen erhöht war. Bemerkenswert ist, dass nicht alle Menschen gleichermassen von der beginnenden Pandemie getroffen wurden.

Wer ist denn von den psychischen Folgen der Pandemie am ehesten betroffen?

Eine Studie in 26 Ländern und Regionen zeigt, dass der subjektiv wahrgenommene Stress mit sinkendem Alter und Schulbildung zunahm, und für Frauen im Durchschnitt grösser war als für Männer. Auch bezüglich des Wohnkontexts fand man Unterschiede. Alleinstehende gaben mehr Stress an als Verheiratete. Hingegen berichteten Personen mit mehr Kindern höhere Stresswerte als solche mit weniger Kindern. Zuletzt berichteten auch Menschen mit erhöhter Exposition, also Personen, die in einem stärker von Covid-19 betroffenen Land wohnten, mehr Stress.

Warum tragen Frauen ein höheres Risiko?

Es gibt mindestens zwei plausible Erklärungen für diesen Befund. Zum einen zeigen Studien, dass Frauen typischerweise dazu neigen, Mehrarbeit zu leisten und auch im Lockdown zusätzliche Aufgaben übernommen haben, zum Beispiel das Homeschooling. Dies könnte zur stärkeren Stresswahrnehmung beigetragen haben. Andererseits zeigen Studien jedoch auch, dass Frauen in Befragungen tendenziell eher mehr Stress angeben als Männer. Dies wäre eine Alternativerklärung. Allerdings ist die Befundlage zum Geschlechter-Stress-Effekt heterogen. Nicht alle Studien finden diesen Effekt im Kontext von Covid-19.

Was schützt laut Forschung am besten vor den pandemiebedingten negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit?

Es gibt verschiedene Ressourcen, die den Erhalt der psychischen Gesundheit auch während einer Pandemie fördern können. Beispielsweise zeigte eine gross angelegte Befragungsstudie in unserem Sonderheft (siehe Kasten «Zur Publikation» unten), dass die wahrgenommene Kontrolle negative Effekte der Pandemie abpuffern kann. Personen mit hoher wahrgenommener Kontrolle nehmen mehr Möglichkeiten wahr, wie sie ihr Leben während der Pandemie selbst bestimmen können. Personen mit niedriger Kontrollwahrnehmung haben dagegen das Gefühl, ihrem Schicksal ausgeliefert zu sein.

Die Schwere der Pandemie ging nur für diejenigen Personen mit geringerer subjektiver Gesundheit und Lebenszufriedenheit einher, die davon überzeugt waren, ihre Situation wenig kontrollieren zu können. Bei Personen, die überzeugt waren, ihre Situation kontrollieren zu können, zeigten sich keine Zusammenhänge zwischen der Schwere der Pandemie und ihrer subjektiven Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Entsprechend kann die subjektive Kontrolle als Schutzfaktor vor negativen psychischen Auswirkungen der Pandemie verstanden werden.

Das ist ein ganz wichtiges Resultat, weil es verdeutlicht, dass nicht nur die «objektiven» Umstände, sondern auch deren Wahrnehmung und der Umgang damit massgeblich das Wohlbefinden beeinflussen können. Weitere wichtige Ressourcen sind die soziale Unterstützung und die sogenannte «Need Satisfaction». Also inwiefern die persönlichen Grundbedürfnisse wie Autonomie, soziale Eingebundenheit und Kompetenz im Pandemiealltag befriedigt werden können.

Geforscht wird auch darüber, womit das Einhalten oder Nicht-Einhalten der Vorsichtsmassnahmen zum Schutz vor einer Infektion zusammenhängt. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Generell zeigen die Studien in unserem Sonderheft, dass in der Anfangsphase der Pandemie die Schutzmassnahmen insgesamt gut eingehalten wurden. Allerdings gab es teilweise grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Schutzmassnahmen. Das Maskentragen wurde in einer Studie im chinesischen Macau beispielsweise viel besser eingehalten als das Distanzhalten.

Personen, die die Massnahmen besser eingehalten haben, zeigen eine höhere Selbstwirksamkeitserwartung. Gemeint ist damit das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, die Schutzmassnahmen umsetzen zu können, auch wenn dies mal schwierig ist. Sie nehmen auch mehr Vorteile des Einhaltens der Schutzmassnahmen wahr und glauben verstärkt an deren Effektivität zur Eindämmung des Virus. Auch Planung spielt eine Rolle, also zum Beispiel wann, wo, wie man die Schutzmassnahmen ausführen wird. Demgegenüber hat die Risikowahrnehmung, also die Überzeugung, dass man bei Nichteinhalten der Schutzmassnahmen an Covid-19 erkranken könnte, eine untergeordnete Rolle, was wir in der Gesundheitspsychologie übrigens häufig feststellen.

Risikofaktoren für die schlechtere Einhaltung der Distanzregeln sind zudem ein niedriges Wohlbefinden, und übrigens auch der Glaube an sogenannte Verschwörungstheorien. Das niedrigere Wohlbefinden verdeutlicht, dass psychische Gesundheit und Pandemie-Schutzverhalten zusammenhängen, was bei der Anordnung von Massnahmen mitberücksichtigt werden sollte. Beispielsweise könnten stark restriktive Massnahmen kurzfristig die Pandemie zwar gut eindämmen, langfristig jedoch zu einer schlechteren Einhaltung der Schutzmassnahmen führen, wenn die psychische Gesundheit der Bevölkerung durch die Restriktionen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Forschungsergebnissen für die nächste Zeit ziehen?

Die Forschungsergebnisse zeigen klar, dass viele Menschen während der Pandemie psychisch beansprucht, also gestresst sind. Es ist wichtig, dass wir Strategien einsetzen, um die psychische Gesundheit der Bevölkerung in dieser herausfordernden Zeit aufrechtzuerhalten und die Entstehung psychischer Krankheit zu vermeiden. Einen guten Überblick über Strategien, wie man seine psychische Gesundheit pflegen kann, bietet beispielsweise die Plattform dureschnuufe.ch. Die Forschungsergebnisse zeigen ausserdem auf, auf welche psychisch verletzlicheren Bevölkerungsgruppen wir uns fokussieren sollten: Jüngere Menschen und Menschen mit niedrigem Bildungsstatus zählen dazu.

Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass wir der Situation nicht erlegen sind. Es gibt Ressourcen, die wir kultivieren können, um unsere Gesundheit zu erhalten und zu fördern. Beispielsweise soziale Unterstützung suchen und darauf achten, dass die eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit trotz Einschränkungen nicht zu kurz kommen.

Das Wohlbefinden zu erhalten ist ausserdem wichtig für die Pandemiebekämpfung selbst. Denn die Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Personen mit geringerem Wohlbefinden die Schutzmassnahmen weniger strikt einhalten als Personen, denen es gut geht.

Zuletzt geben die Forschungsergebnisse auch wichtige Hinweise darauf, wie wir die Bevölkerung dazu motivieren könnten, die Schutzmassnahmen langfristig einzuhalten. Beispielsweise durch Stärkung der Wirksamkeitsüberzeugungen: Wenn man sich sagt, «ich kann es, und mein Beitrag bringt was».

Mit Ihrem Forschungsprojekt BECCCS untersuchen Sie, wie die Massnahmen zum Schutz vor Infektionen besser umgesetzt werden können. Stellen Sie uns dieses Vorhaben bitte ein bisschen näher vor?

Die Idee für Projekt BECCCS entstand zu Beginn des Covid-19-Ausbruchs in der Schweiz. Das Bundesamt für Gesundheit formulierte viele wichtige Schutzmassnahmen, die von der Bevölkerung die Veränderung von eingesessenen und sozial unterstützten Gewohnheiten verlangten: Beispielsweise sich neu ohne Körperkontakt zu begrüssen, sich gründlicher als sonst die Hände zu waschen. Mir fiel auf, dass zwar viel Information vermittelt wird, was zu tun ist, nicht aber, wie man am besten Gewohnheiten ändert. Hier möchten wir mit dem Projekt BECCCS einen Beitrag leisten, denn die Gesundheitspsychologie bietet viele Erkenntnisse, wie man die Verhaltensänderung fördern kann.

Mit BECCCS entwickeln wir eine Smartphone App. Dazu nutzen wir bisherige gesundheitspsychologische Erkenntnisse und die experimentelle Multiphase Optimization Strategy, kurz MOST. Die App soll interessierte Personen der Allgemeinbevölkerung dabei unterstützen, die Schutzmassnahmen noch besser umzusetzen und dafür neue Gewohnheiten aufzubauen.

Mit Gewohnheit meinen wir in der Psychologie, dass man ein Verhalten ausführt, ohne sich bewusst Gedanken darüber zu machen. Ein Gewohnheitsverhalten wird also automatisch ausgeführt, ist Teil der persönlichen Routine und somit effizient. Wir können unsere Kräfte wieder für andere Dinge einsetzen. Ausserdem verankern sich Gewohnheiten in unserem Gehirn langfristig.

Unsere Vision ist daher, dass dies wie eine Art «Verhaltensimpfung» funktionieren könnte. Dass uns die Umsetzung der Schutzmassnahmen bei einer nächsten Epidemie oder Pandemie viel leichter fallen wird, weil wir Gewohnheiten dafür aufgebaut haben.

Zur Publikation

Das Sonderheft «Applied Psychology - Health and Well-Being» erschien im Dezember 2020 (Volume 12, Issue 4). Es zeigt die aktuelle gesundheitspsychologische Forschung im Kontext des Beginns der Covid-19 Pandemie. Jennifer Inauen ist Co-Gast-Editorin für das Sonderheft mit Guangyu Zhou (Peking University) und Erstautorin des Editorials «Health and Well‐Being in the Early Stages of the Covid‐19 Pandemic: Insights from Applied Psychology», in dem sie die Beiträge internationaler Forschender referieren, die nicht nur die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden zu Beginn des Corona-Aufbruchs untersuchen, sondern auch, welche Ressourcen bei der Stressbewältigung (Coping) helfen und welche psychosozialen Faktoren mit dem Beachten der Vorsichtsmassnahmen zum Schutz vor einer Infektion zusammenhängen.

Forschungsprojekt BECCCS

BECCCS steht für Behavior change in context to contain the spread of SARS-CoV-2 (Verhaltensänderungen im Kontext der Eindämmung der Ausbreitung von SARS-CoV-2). Im Rahmen des Projekts wird eine theorie- und evidenzbasierte App entwickelt, um das Präventionsverhalten der Bevölkerung im Kontext von Covid-19 zu fördern. Es wird von der Ursula Wirz-Stiftung gefördert.

Zur Person

Prof. Dr. Jennifer Inauen ist Assistenzprofessorin in der Abteilung Gesundheitspsychologie und Verhaltensmedizin am Institut für Psychologie der Universität Bern. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Gesundheitsverhaltensänderung – von der Theorie zur Intervention. 

Kontakt: 

jennifer.inauen@psy.unibe.ch

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.