«Gstaad benötigt den Luxustourismus»

Gstaad hat einen Ruf als alpine Oase für Reiche. Normalsterbliche schauen dem Treiben mit Faszination und Befremden zu. Tourismusforscherin Monika Bandi Tanner erklärt, wie Gstaad den Spagat zwischen Luxus und Zugänglichkeit anstrebt.

Fürs alljährlich stattfindende Gstaader Poloturnier werden Reiterinnen, Reiter und Pferde extra eingeflogen. Bild: Keystone

Einige Wünsche der Gäste des Hotels Gstaad Palace ausgefallen zu nennen, wäre ein Understatement: Da möchte ein Hochzeitspaar sündhaft teuren Kaviar schmausen – aber bitte aufs Schweinswürstchen im Teig gestrichen. Und für den mitgereisten Hund darf es nur das zarteste Filet vom Rind sein. Kostenpunkt: 1000 Franken pro Woche.

Es sind Szenen wie diese in der Dokumentationsreihe «Inside Gstaad Palace», bei denen man aus dem Kopfschütteln nicht mehr rauskommt. Bei allem Befremden übt die Welt der Schönen und Reichen in Gstaad auf Normalsterbliche trotzdem eine grosse Faszination aus: Die vierteilige Serie des Schweizer Fernsehens SRF über das berühmte Gstaader Fünfsternehotel fand zuverlässig ihr Publikum.

Monika Bandi Tanner hat die Luxusdestination Gstaad aus einer wissenschaftlichen Perspektive unter die Lupe genommen. Mit dem «Event Performance Index» stellte die Berner Tourismusforscherin der Gstaader Gemeinde Saanen 2016 ein schweizweit viel beachtetes Instrument zur Verfügung, um die finanziellen Auswirkungen kultureller und sportlicher Anlässe zu bewerten. Inzwischen ist sie als Mitglied des Verwaltungsrats der Gstaader Bergbahnen für die touristische Entwicklung der Destination mitverantwortlich.

Monika Bandi Tanner, mediale Berichte über die Gstaader High Society in ihren schicken Hotelsuiten sind populär. Wieso fasziniert uns das so?

Monika Bandi Tanner: Dieser Tourismus bildet eine Art Gegenalltag. Die meisten Menschen können sich eine solche Luxuswelt wie in Gstaad kaum vorstellen, geschweige denn leisten. Die Gstaader Tourismusverantwortlichen wissen dieses Interesse zu nutzen. Sie positionieren Gstaad geschickt. Mediale Blicke hinter die Kulissen wie in der SRF-Doku «Inside Gstaad Palace» sind dabei hilfreich.

Würde Gstaad am liebsten nur noch dieses Luxustourismussegment bedienen?

Nein, dieser Teil der Gäste ist zu klein. Gstaad pflegt zwar sein Image als Luxusferienort, den Tourismusverantwortlichen ist aber klar, dass die Destination nur prosperiert, wenn sie auch für ein breites Publikum erschwinglich und attraktiv bleibt. Kommt dieses nicht mehr, wird auch die touristische Infrastruktur weniger genutzt – leere Lifte und Pisten sind den Tourismusverantwortlichen auch ein Graus. Das kostet nur und bringt wenig Nutzen.

Gstaad weist schweizweit die höchste Dichte von Fünfsternehotels in der Schweiz auf. Wo können weniger gut verdienende Feriengäste übernachten?

2014 hat im Dorf eine moderne Jugendherberge ihre Tore geöffnet. Dafür fehlen zunehmend Dreisternehotels. Es gibt Bestrebungen, diesen Mangel mit Neubauprojekten zu beheben. Es ist allerdings teilweise schwierig, Betreibende mit Ideen für nachhaltige Geschäftsmodelle zu finden. Viele Feriengäste weichen inzwischen in die weniger mondänen Nachbarorte wie Saanenmöser, Rougemont oder Zweisimmen aus.

«Gstaad prosperiert nur, wenn es auch für ein breites Publikum erschwinglich bleibt.»

Monika Bandi Tanner

Sie haben die Auswirkungen von Grossanlässen in Gstaad erforscht. Gefühlt dominiert auch hier der Luxus mit Events wie dem «Hublot Polo Gold Cup».

Das ist ein einseitiges Bild. Es gibt einige Veranstaltungen, die sich an die breite Bevölkerung richten: Im Juli findet jährlich ein internationales Volleyballturnier statt, im September ein Country-Festival. Dieses zieht vor allem ältere Country-Fans aus der Region an, das Volleyballturnier ein jüngeres Publikum. Der Polo-Cup wiederum richtet sich zwar tatsächlich vor allem an gut betuchte Zuschauerinnen und Zuschauer. Gleichzeitig ist der Eintritt aber kostenlos. Die Organisatorinnen und Organisatoren streben ein durchmischtes Publikum an.

Wieso?

Die Bevölkerung würde eine Abschottung der reichen Gäste auf Dauer nicht akzeptieren, weder beim Polo-Cup noch andernorts. Der Tourismus ist ein «People Business». Ohne Durchmischung und Austausch funktioniert er nicht. Vor dem Start des Poloturniers findet daher jeweils auch ein Umzug der Reiterinnen und Reiter mit ihren Pferden durchs Dorf statt. Die Einheimischen machen mit und begleiten den Tross mit der Dorfmusik und den Schulkindern. 

Wie ist eigentlich das Verhältnis der Einheimischen zum Luxustourismus?

Das Verhältnis ist zwiespältig: Einerseits hinterfragen die Menschen manche Auswüchse. Über die Festtage etwa kommt es in Gstaad regelmässig zu Staus, weil die reichen Feriengäste jeden Meter mit dem Auto zurücklegen. Das geht den Einheimischen auf die Nerven. Andererseits begegnen sie den reichen Gästen seit jeher auf Augenhöhe. Die Einheimischen versuchen, die regionale Identität des Saanenlandes zu bewahren und zu zelebrieren: Sie bestimmen mit, sitzen beispielsweise in den Organisationskomitees von Grossanlässen.

Können sich Normalsterbliche Gstaad eigentlich noch als Wohnort leisten?

Die Gentrifizierung ist in Gstaad schon lange ein Thema. Der Gstaader Hotelierverein investiert bereits seit den 1980ern in bezahlbaren Wohnraum. Insbesondere Angestellte im Tourismus könnten sich den Ort sonst gar nicht mehr als Wohnort leisten. Leider kommt es trotzdem zu Verdrängungseffekten: Wer heute in Gstaad arbeitet und nicht schon ein Haus im Familienbesitz hat, wohnt oft im Nachbardorf.

Wäre Gstaad ohne Luxustourismus wirtschaftlich überhaupt überlebensfähig?

Nein. Gstaad ist zu weit weg von den grossen Bevölkerungszentren, damit sich dort grössere Industrien ansiedeln würden. Der Tourismus mit seiner spezifischen Positionierung bringt hingegen zahlreiche Arbeitsplätze im Dorf: Allein im Hotel Gstaad Palace arbeiten 300 Menschen. Schliesslich profitiert die Gemeinde Saanen von den reichen Feriengästen und den pauschal besteuerten Zuzügerinnen und Zuzügern auch finanziell.

Magazin uniFOKUS

Was brauchen wir wirklich?

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Luxus.

Was heisst das in Zahlen ausgedrückt?

Das Jahresbudget der Gemeinde beträgt rund 100 Millionen Franken. Verglichen mit anderen Bergregionen befindet sie sich finanziell in einer komfortablen Lage. Sie hat genügend Mittel, um ihren Flugplatz zu sanieren oder gemeinsam mit Aktionärinnen und Aktionären die Bergbahn weiterzuentwickeln. Gleichzeitig ist die Bereitschaft bei vermögenden Einzelpersonen und Unternehmen gross, solche Grossprojekte mitzufinanzieren. Sie schaffen so Goodwill in der Region und zeigen ihre Wertschätzung. Und gleichzeitig profitieren sie selbst von der guten Infrastruktur.

Apropos Flugplatz: Fürs Poloturnier werden Pferde aus Argentinien eingeflogen. Ist Luxustourismus aus einer Nachhaltigkeitsperspektive nicht unglaublich verschwenderisch?

Das ist tatsächlich ein wunder Punkt, nicht nur in Gstaad. Bahnen, Beschneiungsanlagen, Hotels – Tourismus ist sehr ressourcenintensiv. Es gibt Versuche, mit Initiativen wie dem «Solarexpress» – einer Reihe alpiner Solaranlagen im Berner Oberland – den ökologischen Fussabdruck zu minimieren. Die Herausforderung besteht indes darin, nachhaltiges Bewusstsein in nachhaltiges Handeln umzumünzen. Die Gefahr ist gross, mit übertriebenen Versprechen Greenwashing zu betreiben.

Symbol des Gstaader Luxustourismus schlechthin: das Hotel Gstaad Palace. Bild: Keystone

Wieso kopieren andere Bergregionen das Modell Gstaad als Luxusdestination nicht einfach?

Gstaad ist ein Sonderfall, der sich nicht auf andere touristische Destinationen übertragen lässt. Das Saanenland bewirbt das schmale Luxusgästesegment bereits seit rund 100 Jahren. Die Destination hat das Geld, um das auch weiterhin zu tun, aber auch das entsprechende Image.

Sie sind seit 2021 im Verwaltungsrat der Gstaader Bergbahnen. Wie grenzen Sie sich als Tourismusforscherin ab?

Seit ich Verwaltungsrätin bin, habe ich keine Forschungsprojekte mehr mit Gstaad allein gestartet. Ich bin nicht mehr neutral genug, um dort zu forschen. Um meine Glaubwürdigkeit als Wissenschaftlerin zu bewahren, ist ausserdem eine klare Compliance wichtig: Ich übernehme keine Auftragsforschung für die Bergbahnen. Ausserdem halte ich mich auch aus Verwaltungsratsgeschäften raus, bei denen ich befangen sein könnte, weil ich involvierte Personen aus früheren Projekten gut kenne.

Was gilt im Tourismus eigentlich als Luxus?

Eine einheitliche Definition existiert nicht. Was man als luxuriös betrachtet, ist von der Destination und ihren Zielgruppen abhängig. Was sich sagen lässt: Tourismus ist ein Wohlstandsphänomen und benötigt wirtschaftliches Wachstum. Früher konnten sich Reisen nur wohlhabende Adelige und Militärangehörige leisten. Mit dem Aufkommen der Massenmobilität im 19. und 20. Jahrhundert hat sich das fundamental verändert. Plötzlich hatten breite Bevölkerungsschichten die finanziellen Mittel, um mit der Bahn, dem Flugzeug oder dem Auto in die Ferne zu reisen.

Während Corona brach der Tourismus weltweit ein. Könnte Reisen für die breite Bevölkerung wieder unmöglich werden?

Tourismus braucht Sicherheit, sonst funktioniert er nicht. Solange Unsicherheiten lokal bleiben, ist das weltweit betrachtet kein Problem. Dann verschiebt sich der Tourismus einfach in andere Regionen. Erst wenn die Unsicherheit global ist, wie während der Pandemie vor fünf Jahren, kommt es überall zum Einbruch. Rückblickend war aber sogar Corona nur eine kurzfristige Delle. Das Bedürfnis des modernen Menschen, zu reisen, ist einfach zu gross. Daher wird der Tourismus auch langfristig ein Wachstumsmarkt bleiben.

Zur Person

Monika Bandi Tanner

leitet seit 2012 die Forschungsstelle für Tourismus (FFT) am Departement Volkswirtschaft der Universität Bern. Sie forscht und lehrt zu nachhaltiger Entwicklung, überbetrieblichen Geschäftsmodellen und Tourismuspolitik. Die Universitätsleitung hat sie per 1. August 2026 zur Titularprofessorin ernannt.

Was ist für Sie Luxus?

«Für mich ist Luxus, die Stille und Schönheit einer Alphütte in der Natur zu geniessen – ganz allein.»