Sprachwissenschaft
Der Wissenschaftler am «Matteänglisch-Höck»
Mattenenglisch ist eine alte Geheimsprache des Berner Mattequartiers, die berndeutsche Wörter neu kombiniert. Der Sprachwissenschaftler Florian Matter hört ganz genau hin, um Rückschlüsse auf linguistische Fragen zum Berndeutschen ziehen zu können.
«Iu’tsche!», erklingt es vielstimmig, wenn wieder jemand das «Wöschhüsi» betritt. Mit «Iu’tsche» begrüsst man sich auf Mattenenglisch. Und heute findet im historischen Waschhaus im Berner Mattenquartier der monatliche Höck des «Matteänglisch»-Clubs statt. Auf dem Tisch stehen «Iggi’sche» und «Ietzli'ge», wie «Schoggi» und «Guetzli» auf Mattenenglisch übersetzt heissen, zu trinken gibts nicht nur Wasser, sondern auch «Iggi’ge» – also «Goggi», hochdeutsch Cola.
Spielsprachen sind für Linguist:innen interessant
Immer wieder flechten die Clubmitglieder ein Wort auf Mattenenglisch ein. Die Umgangssprache allerdings ist Berndeutsch. Die wenigsten hier sprechen fliessend Mattenenglisch. Die Geheimsprache, die im 19. und 20. Jahrhundert im Berner Mattenquartier gesprochen wurde, um sich gegen ortsfremde Händler, gegen die Obrigkeit oder die Oberschicht abzugrenzen, ist heute vom Aussterben bedroht. Der «Matteänglisch-Club» pflegt die Sprache weiter, um dieses einzigartige kulturelle Erbe zu bewahren (siehe Box «Geschichte und Gegenwart»).
Heute ist ein spezieller Gast gekommen: der Sprachwissenschaftler Florian Matter von der Universität Bern. «Iru'fle» heisst er auf Mattenenglisch, in Anlehnung an das berndeutsche «Flöru». Man ist per «Du» hier. Matter will das Wissen der Mattenenglisch-Sprechenden anzapfen, um Rückschlüsse auf das Berndeutsche ziehen zu können. Denn Mattenenglisch ist eine sogenannte Spielsprache, die Berndeutsch als Ausgangspunkt nimmt, um es nach definierten Regeln zu zerlegen und daraus die Geheimsprache Mattenenglisch zu bilden (siehe Box «Anleitung»).
Für Linguistinnen und Linguisten können solche Spielsprachen interessant sein. Denn bei der Transformation in die Spielsprache müssen die Sprechenden bewusst oder unbewusst entscheiden, wie sie mit bestimmten Silben, Vokalen, Konsonanten oder anderen Lauten aus der Ausgangssprache umgehen. Das kann Inputs und Hinweise auf verschiedene, linguistische Fragen liefern.
«Als Sprachnerd sind für mich die Diphthonge in meiner Muttersprache ein interessantes analytisches Problem.»
Florian Matter
Matter will beispielsweise wissen: Wie werden Diphthonge im Mattenenglisch behandelt? Als eine Einheit oder werden sie auseinandergenommen? Als Diphthonge werden in der Linguistik beispielsweise «ei», «öi», «ou» oder «eu» bezeichnet, also ein Doppellaut aus zwei verschiedenen Vokalen innerhalb einer einzigen Silbe.
Zehn Frauen und Männer sitzen im «Wöschhüsi» im Kreis um Tische herum und sind gespannt, was der Linguist von ihnen wissen will. Dieser wirft der Reihe nach berndeutsche Wörter und Sätze in die Runde und will wissen, wie diese auf Mattenenglisch heissen. «Ids Wöschhüsi?» wird zu «Ids’e Isch'we-Isi’he!» «Isches fein gsy?» zu «Isches'e iin'fe i’gse!« «Pfiu?» «Iu’pfe!», «Gieu?» «Ieu’ge!» Manchmal antworten nur ein oder zwei Stimmen, manchmal mehrere, oft etwas zeitversetzt.
Ist Summ Summ ein Wort?
Nicht alle haben die Wörter im Kopf gleich schnell transformiert. Einzelne Antworten widersprechen sich und lösen Diskussionen aus. Immer wieder wird gelacht, die Clubmitglieder lieben Sprachspielereien und schlagen auch mal über die Stränge, etwa als Matter nach dem mattenenglischen Wort fürs berndeutsche «Beiji» (hochdeutsch: Biene) fragt. «Iji’be», antwortet Fredi. «Imm’se Imm’se» sagt Ursula und fügt hinzu: «Von Summ Summ». «Also das versteht keiner», meint Vorstandsmitglied Viktor lachend; «Summ Summ ist ja kein offizielles Wort auf Berndeutsch». «Es ist ja das Ziel des Mattenenglisch, dass man es nicht begreift», entgegnet ein anderer. «Aber der Empfänger der Botschaft sollte es ja schon verstehen!», entgegnet Viktor. Alle lachen.
Tatsächlich ist es essenziell, dass die Sprechenden die berndeutschen Wörter so auf Mattenenglisch transformieren, dass die Hörenden sie eindeutig verstehen. Weil im Mattenenglisch die Vokale «a» und «o» wegfallen, ist das bei manchen Wörtern gar nicht so einfach. Einige Regeln zielen deshalb darauf ab, dass die Rückübersetzung eindeutig ist. Obwohl es zumindest im Ursprung eine mündliche Spielsprache war, existieren schriftliche Regeln. Diese werden laufend präzisiert, wie sich an diesem Abend zeigt.
Was mitunter kompliziert klingt, klärt sich bei Viktors Erklärungen. Das berndeutsche «Tschou» beispielsweise tönt auf Mattenenglisch wie «Ieu’tsche», man schreibt aber «Iu’tsche». Würde das «e» geschrieben, wäre die Rückübersetzung unklar, weil «Tschoeu» entstehen würde. Gleichzeitig sei beim Sprechen das unbetonte «e» wichtig, damit «iu» nicht wie das englische «you» klingt. «Der Schwung oder die Klangfarbe des Originalwortes muss ins Mattenenglische transferiert werden», sagt Viktor.
Diese kurze Szene illustriert, was sich an diesem Abend immer wieder abspielt: detaillierte Fachsimpeleien über Sprache, denen nur folgen kann, wer sich mit berndeutscher Grammatik und Mattenenglisch gut auskennt. Die Augen von Sprachwissenschaftler Matter leuchten, er ist in seinem Element.
«Also das versteht keiner!»
Viktor Stöckli
Auch Viktor ist begeistert über die profunden Fragen und Gedankenanstösse des Sprachwissenschaftlers, der auch mal Widersprüche in der Regelauslegung aufdeckt. «So spannend!», entfährt es Viktor immer wieder. Und bei der Analyse des Berndeutschen stellt sich die Frage, wo die Wortgrenzen verlaufen. Werden «cha me» als zwei Wörter oder als eines («chame») gezählt? Je nachdem, was als Worteinheit angeschaut wird, klingt es im Mattenenglisch anders, «i’che» oder «i’me» oder «ime’che».
Oder wo bei «i d Matte» die Grenzen zwischen den Wörtern verlaufen. I d Matte? Id Matte? I Dmatte? Anhand verschiedener Beispiele will der Sprachwissenschaftler herausfinden, was und warum das Mattenenglisch als Worteinheit definiert.
Der Forscher beschäftigt sich mit der Frage, ob es statt mehr als 30 Diphthongen im Berndeutsch nur 3 «echte» gibt, und der Rest eben «nur» ein Konsonant ist, der auf einen Vokal folgt. Deshalb interessiert ihn die Frage, wie das Mattenenglisch mit solchen Doppellauten umgeht: Betrachtet es beispielsweise «öi» als untrennbare Einheit oder doch eher als «ö» und «j», die man beim Umwandeln ins Mattenenglisch auseinandernimmt?
«Bei einem Dialekt wie dem Berndeutschen hätte ich in einer Spielsprache eigentlich keinen Einfluss der Schreibweise erwartet.»
Florian Matter
Davon erhofft er sich neue Inputs für sein Manuskript zu berndeutschen Diphthongen. Wieso hat genau dieses Thema Matters Interesse geweckt? « Als Sprachnerd sind für mich die Diphthonge in meiner Muttersprache ein interessantes analytisches Problem.»
Diphthonge in die Runde werfen
Nun wirft der Sprachwissenschaftler verschiedene berndeutsche Wörter mit Diphthongen in die Runde und wartet auf das Echo auf Mattenenglisch. Oft kommt ein einheitliches Echo zurück. Doch beim berndeutschen Wort «höische» sind zwei unterschiedliche Versionen hörbar. «Iiusche’he» tönt es bei einigen Stimmen, mit «iu» am Anfang. «Iiesche’he» mit einem hörbaren «ie» antwortet Peter, langjähriger, ehemaliger Präsident des Matteänglisch-Clubs. Als Grund geben sie die unterschiedliche berndeutsche Schreibweise an. Schreibt man «höische», klingt es auf Mattenenglisch anders, als wenn man «heusche» schreiben würde.
Das wundert den Spachwissenschaftler. «Bei einem Dialekt wie dem Berndeutschen hätte ich in einer Spielsprache eigentlich keinen Einfluss der Schreibweise erwartet», sagt er. Wirklich überraschend ist für den Linguisten aber etwas Anderes: Sowohl das berndeutsche «ei» als auch das berndeutsche «öi» verwandeln sich auf Mattenenglisch in den gleichen Laut, nämlich in «ie». «Leitere» klingt auf Mattenenglisch wie «Iietere’le», «Fröid» wie «Ied’fre». Diese Transformation ist für den Wissenschaftler unerwartet und spannend. Er wird das Gehörte noch in Ruhe analysieren und nach Erklärungen suchen.
Doch hier und heute sind Matters Fragen zu Ende. Er bedankt sich bei den Clubmitgliedern. Salome steckt dem Sprachwissenschaftler ein Anmeldeformular für den Matteänglisch-Club zu. Er nimmt es lächelnd entgegen und sagt, er sei gerne dabei. Die Clubmitglieder strahlen. Neumitglieder sind willkommen. Und der Sprachwissenschaftler ist im Zerlegen, Analysieren und neu Zusammensetzen von Silben ohnehin in seinem Element.
Nun wirft Viktor die Boombox an. Ein rockiger Song auf Berndeutsch erfüllt den Raum: «Einisch simer z’Bärn ir Matte gsy», ein Song über den speziellen Matte-Groove und das Mattenenglisch. Viktor hat ihn selber getextet. Und zu den rockigen Klängen packen die Clubmitglieder ihre Sachen zusammen, verabschieden sich voneinander und gehen langsam in die dunkle Nacht hinaus. «Iu'tsche ime'ze» – «Tschou zäme».
Mattenenglisch
Anleitung und Grundregel
1. Buchstaben bis und mit dem 1. Vokal abtrennen und durch ein «I» ersetzen. 2. Abgetrennten Teil ans Wortende verschieben und den Vokal durch ein «e» ersetzen. 3. Vor dem nach hinten versetzten Wortteil ein Apostroph setzen, um die Lesbarkeit und die Rück-übersetzung zu erleichtern.
Beispiel anhand von «Tassli»:
1. Ta-ssli → Issli… («Ta» durch ein «I» ersetzt)
2. Ta → te → Isslite (a durch e ersetzt, dann «te» ans Ende verschoben)
3. Issli’te
Das sind die Grundregeln. Zudem gibt es detailliertere Regeln, etwa für den Umgang mit Vokalen am Anfang, Doppelvokalen, Dehnungsbuchstaben oder den berndeutschen Diphthongen. Diese dienen in erster Linie dazu, dass die Rückübersetzung ins Berndeutsche eindeutig ist, damit die hörende Person die geheime Botschaft auch versteht. Auch einem identischen Klang wie im Berndeutschen wird mit Zusatzregeln Rechnung getragen.
Mattenenglisch
Geschichte und Gegenwart
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert diente sie Händlern und den Leuten in der Matte dazu, sich ge-genüber Aussenstehenden – ortsfremden Händlern, Obrigkeit, Polizei oder Lehrpersonen – geheim abzusprechen. Später wurde sie zum Symbol des Zusammenhalts und der lokalen Identität, mit der sich die Matte-Bevölkerung von der Oberstadt abgrenzte. In der Sprachwissenschaft gilt das Mattenenglisch als sogenannte Spielsprache. Spielsprachen sind spielerische Modifikationen vorhandener Sprachen nach bestimmten Regeln, etwa mittels Einschü-ben, Verschiebungen, Versetzungen oder Weglassungen bestimmter Silben oder Lauten. Diese sind oft bei Kindern beliebt, beispielsweise die sogenannte Räubersprache. Im Französischen gibt es die Spielsprache Verlan, im argentinischen Spanisch die Spielsprache Vesre.
Das Mattenenglisch spielt auf Basis des Berndeutschen, genauer gesagt dem Mattedialekt, also dem traditionellen Berndeutsch des Mattequartiers. Heute wird Matteenglisch nur noch von wenigen Per-sonen aktiv gesprochen und gilt als immaterielles Kulturgut sowie als bedrohte Sprachform.
Seit 1959 setzt sich der Matteänglisch-Club für den Erhalt ein: Er publiziert Bücher und eine Clubzei-tung, bietet Kurse an und organisiert einen monatlichen Höck.
Zur Person
Dr. Florian Matter
ist Sprachwissenschaftler und wissenschaftlicher Programmierer. Er arbeitet am Institut für Sprach-wissenschaft der Universität Bern und beim Schweizerischen Idiotikon, dem Wörterbuch der schwei-zerdeutschen Sprache. Seine Aufmerksamkeit gilt Sprachen, für die kaum Daten oder digitale Werk-zeuge existieren: So hat er zum Beispiel einen morphologischen Parser für Yawarana entwickelt, eine bedrohte Karib-Sprache Venezuelas, und widmet sich heute unter anderem dem Berndeutschen – wo es ebenfalls an digitalen Ressourcen mangelt und Handarbeit gefragt ist.
Magazin uniFOKUS
Sprache
Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Sprache.