Spitzensport und Studium
«Es war hart, anzuerkennen, dass die Natur stärker ist»
13 Stunden schwimmt Romano Mombelli im Ka’iwi Channel gegen die Strömung, dann muss er abbrechen. Der Extremschwimmer durchquerte bereits den Ärmelkanal und die Strasse von Gibraltar – und arbeitet am Institut für Germanistik der Universität Bern.
Romano Mombelli ist es gewohnt, an Grenzen zu gehen. Der Extremschwimmer und Doktorand an der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf der Universität Bern durchquert Meereskanäle, legt teils über 40 Kilometer im offenen Wasser zurück und trainiert in der Hochsaison bis zu zwölfmal pro Woche. Doch nicht alles lässt sich planen – wie seine jüngste Herausforderung in Hawaiʻi zeigte.
Das bittersüsse Hawaiʻi
Mit Hawaiʻi verbindet Mombelli eine besondere Geschichte. Bereits bei einem ersten Versuch, den Kaʻiwi Channel zwischen den Inseln Molokaʻi und Oʻahu zu durchqueren, musste er wegen Verbrennungen und Lähmungserscheinungen durch Quallen abbrechen. Elf Jahre später kehrt er zurück – mit deutlich mehr Erfahrung im Open-Water-Schwimmen. Entsprechend ruhig geht Mombelli den zweiten Versuch an.
Diesmal stimmen Vorbereitung, Verpflegung und die Zusammenarbeit mit dem Begleitteam. Auch gegen die Quallenverbrennungen sei er inzwischen abgehärtet. Doch das Klimaphänomen El Niño und der kurz zuvor vorbeigezogene Hurrikan «Lowell» verändern die Strömungsbedingungen rund um die hawaiianischen Inseln. Die für ein Gelingen unbedingt benötigten Nordost- und Ostströmungen bleiben aus. 13 Stunden lang schwimmt Mombelli gegen die Strömung.
«Es ist wie im Alpinismus. Wenn die Bedingungen es nicht zulassen, muss man manchmal ein Projekt abbrechen.»
Romano Mombelli
Selbst wenn er 30 oder 32 Stunden weitergeschwommen wäre, hätte er das andere Ufer nach eigener Einschätzung nicht erreicht. «Es war hart, anzuerkennen, dass die Natur stärker ist. Ich habe aber meinen Frieden mit Hawaiʻi gefunden», sagt Mombelli. Der Abbruch fühle sich anders an als beim ersten Versuch: «Es ist wie im Alpinismus. Wenn die Bedingungen es nicht zulassen, muss man manchmal ein Projekt abbrechen.»
Vom Pool zum Schwimmen im offenen Wasser
Dass Mombelli heute solche Herausforderungen sucht, war nicht vorgezeichnet. Seine sportliche Laufbahn begann klassisch im Schwimmbecken. Bis zum Ende der Kantonsschule bestritt er Wettkämpfe im Pool. In seinen letzten beiden Saisons als Beckenschwimmer erreichte er bei den «Open de France» über 200 Meter Delfin jeweils das Finale. Zu Hause sah er sich das Rennen nochmals auf Eurosport an und stellte fest, wie gross der Abstand zur absoluten Weltspitze trotz des bereits hohen Trainingsaufwands noch war. «Du bist immer noch 15 Meter dahinter. Wie hole ich das noch rein?», habe er sich damals gefragt. Der nächste Schritt hätte Training im Ausland und zwei bis drei Einheiten täglich bedeutet. Gleichzeitig rückte das Studium näher. «Will ich so viel opfern?», fragte er sich.
Vom «Plättli zählen», wie Mombelli das Schwimmen im Pool nennt, hatte er ohnehin genug und dachte daran, die Badehose an den Nagel zu hängen. Einen Traum wollte er sich aber noch erfüllen: von Europa nach Afrika zu schwimmen.
«Als ich in Marokko angekommen bin, habe ich gesagt, dass ich so etwas nie mehr mache.»
Romano Mombelli
Nach einem kurzen Vorbereitungslager in Spanien und mit wenig Erfahrung im offenen Wasser durchquerte er die Strasse von Gibraltar von Tarifa in Spanien nach Point Cires in Marokko. «Als ich in Marokko angekommen bin, habe ich gesagt, dass ich so etwas nie mehr mache», erinnert er sich.
Lange hat dieser Vorsatz nicht gehalten: Das offene Wasser hatte ihn gepackt. Da die Strasse von Gibraltar zu den «Ocean‘s Seven» gehört, eröffnete sich zugleich ein neues Ziel. Aus dem Abschied vom Wettkampfschwimmen im Becken wurde der Einstieg ins Extremschwimmen.
Dabei sind es nicht nur Distanz und Grenzerfahrung, die ihn am offenen Wasser faszinieren. Bei Nachtdurchquerungen bringt Biolumineszenz das Wasser teilweise zum Leuchten. «Es wirkt, als würde man in einem Sternenhimmel durchschweben. Das ist schon magisch», sagt Mombelli. Seine stärksten Glücksmomente erlebt er deshalb oft im Wasser. Was er geleistet hat, realisiert er dagegen häufig erst Tage nach einer Durchquerung.
Der Kontrast zum Studium
Extremschwimmen und Germanistik könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Für Mombelli sind sie dennoch eng miteinander verbunden – und der Sport wirkt dabei auch in seine wissenschaftliche Arbeit hinein. Im Wasser könne er abschalten, den Gedanken freien Lauf lassen und Fragen aus seinem universitären Alltag mitnehmen: «Ein Problem, das ich am Schreibtisch nicht lösen kann, löse ich im Wasser.»
Ideen und Lösungsansätze entstünden oft während des Trainings oder bei Durchquerungen. Diese nimmt er an den Schreibtisch mit – etwa für seine Doktorarbeit oder die Arbeit an der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf.
«Ein Problem, das ich am Schreibtisch nicht lösen kann, löse ich im Wasser.»
Romano Mombelli
Damit beides nebeneinander Platz hat, folgt sein Alltag einer festen Struktur. Unter der Woche beginnt er den Tag häufig mit einem Training, arbeitet danach an der Universität und trainiert am Abend erneut. Auch seine wissenschaftliche Arbeit plant er langfristig: Für die Doktorarbeit hat er eine feste Kapitelstruktur und einen Zeitplan bis 2028.
Ohne Flexibilität ginge es nicht
«Ohne die Flexibilität, die mir die Universität Bern ermöglicht, könnte ich diesen Trainingsumfang gar nicht bewältigen.» Mombellis Trainingslager, Wettkämpfe und Durchquerungen finden immer wieder im Ausland statt und lassen sich nicht vollständig an reguläre Arbeitszeiten anpassen. Ferien kann er flexibel einplanen, und auch im Alltag bleibt Spielraum für Trainings am Morgen und Abend.
«Das ist keine Selbstverständlichkeit», sagt Mombelli. Für ihn beruht diese Flexibilität auf gegenseitigem Vertrauen. Im Gegenzug muss er sicherstellen, dass seine Arbeit erledigt wird, auch wenn dies bedeutet, nach dem Abendtraining nochmals an den Schreibtisch zurückzukehren. Vereinbarte Ziele habe er bislang nie verpasst.
Wie es sportlich weitergeht, entscheidet Mombelli nicht allein. Dass ein nächstes Ziel kommt, steht aber schon fest. Neue Projekte und Durchquerungen plant er gemeinsam mit seinem Begleitteam. Es unterstützt ihn bei der Organisation, Verpflegung, Kommunikation und Vorbereitung.
In der Forschung ist das nächste grosse Ziel bereits gesteckt: Bis Anfang 2028 möchte Mombelli seine Doktorarbeit abschliessen.
Spitzensport und Studium
Die Universität Bern unterstützt ausgewiesene Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, damit sie Studium und Sport bestmöglich vereinbaren können. Mit den jeweiligen Fakultäten können individuelle Flexibilisierungen des Studienplans vereinbart werden.
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