Spitzensport und Studium
Angeline Favre: erst Master, dann Olympiade
Die Fähigkeit, den Fokus zu wahren, braucht Angeline Favre auf der Fechtbahn wie im Studium. Als Degenfechterin im Schweizer Nationalkader und Masterstudentin an der Universität Bern bewegt sie sich zwischen zwei Welten, die beide ihre volle Aufmerksamkeit verlangen.
Die Degenfechterin Angeline Favre beschreibt ihren Sport als kreativ, spielerisch und strategisch. Jede Gegnerin sei anders und jedes Gefecht nehme eigene Wendungen. «Alles passiert so schnell beim Fechten, dass du sehr schnell unter Druck bist. Und diese Dinge geben mir Adrenalin», sagt sie. Sie muss blitzschnelle Entscheidungen treffen, während sich dreissig Sekunden manchmal wie eine Ewigkeit anfühlen, erzählt die 25-Jährige. Dann seien Geduld und Konzentration gefragt, denn Fehler werden schnell bestraft.
Mit Meditation zum Erfolg
In den Wettkampfpausen zieht sie sich regelmässig für zwanzig Minuten zurück und sucht einen ruhigen Ort. Dort schliesst sie die Augen und blendet die Umgebung aus. Die Menschen in ihrem Umfeld wissen inzwischen, dass sie jeweils kurz verschwindet. «Die Leute denken, dass ich dann schlafe», erzählt sie lachend, aber vielmehr sei es eine Art Meditation. Es ist ihre Methode, Energie zu sammeln, ihre Emotionen zu ordnen und sich erneut fokussieren zu können. Vielleicht war genau diese Fähigkeit ein Schlüssel zu ihrem bislang grössten Erfolg – der Bronzemedaille an den Europameisterschaften 2025 – im Verbund mit einem hohen Leistungswillen, jahrelangem Training, der Unterstützung durch ihre zehnköpfige Familie.
«Du musst dich im Studium viel konzentrieren, um eine gute Leistung zu erbringen und das macht dich auch im Sport stärker.»
Angeline Favre
Obwohl der Spitzensport einen Grossteil ihres Lebens einnimmt, kam es für sie nicht infrage, alles auf diese Karte zu setzen. Schon früh naturwissenschaftlich interessiert, steht sie inzwischen kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiums in Pflanzenwissenschaft an der Universität Bern. Ein zweites Standbein neben dem Fechten zu haben, sieht sie als grosse Chance und als Privileg, auch wenn es zeitweise herausfordernd sei.
Der Fokus aufs Wesentliche
Der Wechsel zwischen den beiden Welten gelingt ihr, weil sie ihre Aufmerksamkeit konsequent auf das richtet, was gerade vor ihr liegt. «Wenn ich im Training bin, gebe ich 100 Prozent, und wenn ich in der Vorlesung sitze, bin ich konzentriert», so Favre. Dabei profitiert sie auch im Sport von Fähigkeiten, die sie sich im Studium aneignet. «Du musst dich im Studium viel konzentrieren, um eine gute Leistung zu erbringen, und das macht dich auch im Sport stärker», sagt sie. Auch die Regelmässigkeit, die für ein erfolgreiches Studium nötig sei, helfe ihr auf der Fechtbahn. Schliesslich komme man weder beim Lernen noch im Training weiter, wenn man nur gelegentlich Einsatz zeige. Während der Vorlesungen schreibe sie oft als Einzige aktiv Notizen mit. So stellt sie sicher, dass auch während intensiver Wettkampfphasen möglichst wenig Stoff liegen bleibt – denn was nicht zeitnah aufgearbeitet werde, lasse sich später nur schwer nachholen.
Es verlief jedoch nicht immer alles reibungslos. Das erste Studienjahr war herausfordernd: Der Umzug nach Bern, der Druck im Sport und die Anforderungen des Studiums kamen gleichzeitig zusammen. Jedoch fand sie gemeinsam mit der Studienleitung Wege, das Studium flexibler zu gestalten. Besonders das Verständnis vieler Dozierender habe geholfen, das Studium mit dem Fechten zu vereinbaren. Im Gespräch wird deutlich, dass sie beides gleich gewichtet: «Wenn es in einem Bereich einmal weniger gut läuft, habe ich immer noch den anderen.»
Familie als Antrieb und Rückhalt
Die Walliserin wuchs mit sieben Geschwistern auf. «Es war schön mit so vielen zuhause», sagt sie. Auch zum Fechtsport kam sie über ihre Familie. Ihre Mutter focht bereits als Jugendliche und sie selbst begann fast zeitgleich mit ihrer ein Jahr älteren Schwester zu fechten, da war Favre gerade mal sechs Jahre alt. Zunächst stand die Freude am Sport im Vordergrund. Doch mit den Jahren wuchsen auch ihre Ambitionen. Als ihre Schwester den Sprung ins Nationalkader schaffte, wurde sie zur Inspiration: «Ich dachte, ich will das auch», erzählt sie.
Aktuell investiert Favre viel in den näher rückenden Masterabschluss. Nach acht Jahren im Spitzensport möchte sie sich anschliessend erst einmal mehr Zeit für Erholung und ihr soziales Umfeld nehmen. Ihre sportlichen Ambitionen aber bleiben hoch: Ihr nächstes Ziel ist es, sich für die Olympischen Spiele 2028 zu qualifizieren.
Spitzensport und Studium
Die Universität Bern unterstützt ausgewiesene Spitzensportlerinnen und Spitzensportler, damit sie Studium und Sport bestmöglich vereinbaren können. Mit den jeweiligen Fakultäten können individuelle Flexibilisierungen des Studienplans vereinbart werden.