Wissenschaftsdiplomatie
Brücken bauen zwischen Forschung und Diplomatie
Wenn Forschung und Diplomatie gemeinsam Wissenstransfer betreiben, können sie zu Lösungen für die drängenden Fragen unserer Zeit beitragen. Das zeigte die Tagung «Science Diplomacy in Practice» vom 17. August an der Universität Bern.
Schwarzen Limousinen mit diplomatischen Kennzeichen zogen vor dem UniS-Gebäude der Universität Bern die Blicke auf sich. Und spätestens im Innern deuteten verschiedene Sprachen, Kulturen und die grosse Vielfalt unter den Teilnehmenden darauf hin, dass hier ein besonderes Treffen stattfindet. Von einer «herausragenden Veranstaltung» sprach Andrew Chan, Vizerektor Internationales und Akademische Karrieren der Universität Bern, in seiner Begrüssungsrede und betonte den Stellenwert von «globalen akademischen Partnerschaften». Der Anspruch der Universität Bern als Gastgeberin der Tagung und als akademische Institution sei, eine akzeptierte und vertrauenswürdige Partnerin zu sein – nicht zuletzt im wissenschaftlichen Austausch mit afrikanischen Partnerinnen und Partnern, der im Zentrum der Tagung stand.
Organisiert wurde der von rund zweihundert Teilnehmenden aus Diplomatie, Bildung, Forschung und Innovation besuchte Workshop «Science Diplomacy in Practice» gemeinsam von der Universität Bern mit ihrer Initiative Afrique, dem Swiss Leading House Africa an der Universität Basel sowie dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
Darüber, was Wissenschaftsdiplomatie genau ist, mochten die Meinungen auseinandergehen. Doch in den Vorträgen und Diskussionen fielen immer wieder dieselben Stichworte: Brücken bauen, Akteurinnen und Akteure vernetzen und Netzwerke pflegen sowie Kommunikation betreiben. Denn: Wissen sei ein öffentliches Gut und müsse geteilt werden. Oder wie Botschafter Philipp Stalder, Chef der Abteilung Subsahara-Afrika und Frankophonie des EDA, erklärte: «Wissen allein ist nicht genug, erst der Austausch von Wissen hilft uns, gemeinsam globale Herausforderungen wie Klimawandel und Digitalisierung anzugehen.»
Auf einen zusätzlichen Aspekt von Wissenschaftsdiplomatie wies aus afrikanischer Perspektive Ntuli Kapologwe hin, der Generaldirektor der East Central and Southern Africa Health Community. Wissenschaftliche Evidenz werde von Regierungen besser zur Kenntnis genommen, wenn sie von Diplomatinnen und Diplomaten vermittelt werde. «Politikerinnen und Politiker rücken immer mehr ins Zentrum, wenn es darum geht, die Wissenschaftsdiplomatie voranzutreiben und ihr Potenzial zu nutzen.»
Ungenutztes Potenzial auf dem Kontinent der Jugend
Warum sich der Workshop insbesondere mit Wissenschaftsdiplomatie im afrikanischen Kontext befasste, zeigten ein paar eindrückliche Fakten: Afrika beheimatet rund 17 Prozent der Weltbevölkerung, aber nur rund drei Prozent der globalen peer-reviewten wissenschaftlichen Publikationen stammen aus Afrika. Das ungenutzte Potenzial für die Forschung ist gewaltig. Kommt hinzu: Afrika ist der Kontinent der Jugend. «Ab dem Jahr 2030 werden in Afrika viermal mehr Kinder geboren als in Europa», sagte Fouzia Abass, die Botschafterin Kenias in der Schweiz. Und sie betonte, die politische Landschaft habe sich verändert. Afrika wolle nicht länger Bittsteller sein, sondern vollwertiger Partner: «Wir fragen nicht, was uns die Schweiz bringen kann, sondern wie wir zusammenarbeiten können. Eure Forschenden sollten bereit sein, auch von unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu lernen.»
«Wir fragen nicht, was uns die Schweiz bringen kann, sondern wie wir zusammenarbeiten können.»
Fouzia Abass, Botschafterin von Kenia in der Schweiz
Als Beispiel eines gemeinsamen Projekts auf Augenhöhe nannte die Botschafterin die Wiederherstellung des Ökosystems im Gambella-Feuchtgebiet im Norden Kenias. Dort arbeitet die Wyss Academy for Nature an der Universität Bern eng mit der lokalen Bevölkerung und Verwaltung zusammen, um das Gebiet zu schützen, Aufforstung zu betreiben und die Wasserversorgung von Menschen und Nutztieren zu verbessern. «Wo Wissenschaft auf lokales Wissen trifft», so Abass, «lassen sich Probleme erfolgreich und langfristig lösen.»
Das Beispiel zeigt: Die Universität Bern engagiert sich nicht nur bei der Organisation von Tagungen wie «Science Diplomacy in Practice», sondern betreibt langjährige Forschungskooperationen mit afrikanischen Partnerinnen und Partnern und fördert den Aufbau von Forschungsnetzwerken, unter anderem im Rahmen ihrer «Initiative Afrique». Dazu zählt etwa die Zusammenarbeit mit der African Research Universities Alliance (ARUA). Im Rahmen dieser Partnerschaft leiten Berner und afrikanische Forschende gemeinsam zwei «Africa-Europe Clusters of Research Excellence». Teil dieser Cluster sind strategische Zentren der Universität Bern: das Multidisciplinary Center for Infectious Diseases (MCID) und das Centre for Development and Environment (CDE). Hinzu kommen weitere bestehende Kooperationen, etwa mit regionalen Hubs im Rahmen der Wyss Academy in Kenia und Madagaskar, sowie langjährige Programme des Centre for Development and Environment (CDE) und des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM).
Die Initiative Afrique der Universität Bern
ist eine gemeinsame Initiative des Vizerektorats Forschung und Innovation sowie des Vizerektorats Internationales und Akademische Karrieren der Universität Bern. Sie bündelt Forschungsaktivitäten mit Bezug zu verschiedenen afrikanischen Ländern und dient als zentrale Anlaufstelle für Informationen zu bestehenden Aktivitäten, Partnerschaften und Ressourcen im Bereich Schweiz–Afrika. Damit setzt die Universität Bern innerhalb ihrer Internationalisierungsstrategie einen besonderen Schwerpunkt auf Kooperationen mit afrikanischen Universitäten, um gemeinsam globale Herausforderungen anzugehen.
Mehr Informationen: https://initiativeafrique.unibe.ch/index_eng.html
Missverständnisse beseitigen
Eine weitere Facette von Wissenschaftsdiplomatie, so zeigte sich am Workshop, ist die Verbesserung der gegenseitigen Wahrnehmung, zum Beispiel beim Thema Innovation. Viele seiner Gesprächspartnerinnen und -partner, sagte Léo Trembley, Schweizer Botschafter unter anderem in der Demokratischen Republik Kongo, seien der Meinung, die Schweiz verdanke ihren Reichtum den Banken. Diese Auffassung müsse er korrigieren und erklären, dass die Schweiz ihren Wohlstand ihrer Innovationskraft verdanke. Nicht umsonst sei sie gemäss verschiedenen Ratings das innovativste Land der Welt.
Umgekehrt haben Schweizer Investorinnen und Investoren kaum je afrikanische Startups auf dem Radar, wie sich in der Breakout Session «From Science to Innovation Diplomacy» zeigte. Pietro Mona, der die Schweiz als Botschafter in verschiedenen westafrikanischen Staaten vertritt, meinte, es gelte «Missverständnisse zu beseitigen» und Schweizer Geldgebenden «die Realität vor Ort aufzuzeigen». Diesem Votum stimmte Pascal Koenig zu, der in Kenia im Bereich der Geburtshilfe unternehmerisch aktiv ist. Ziel seiner Firma Malaica ist, die Müttersterblichkeit zu senken, die in den Ländern südlich der Sahara hundertmal höher liegt als in Europa. «In der Schweiz», meinte der mehrfache Startup-Gründer, «ist es wesentlich schwieriger, Innovationen im Gesundheitssystem einzuführen als in Kenia». Was Innovationen bedeuten können, zeigte auch Nathalie Morandini Siegrist vom Forschungszentrum EssentialTech der EPFL. Ihr Ziel: wissenschaftliche und technische Innovationen zu nutzen, um nachhaltige Entwicklung, humanitäre Hilfe und Friedensförderung in benachteiligten Regionen zu unterstützen. EssentialTech hat unter anderem ein Röntgengerät entwickelt, das extrem robust ist und unter schwierigen Bedingungen zuverlässig funktioniert. Es ist günstig in der Anschaffung, einfach zu bedienen, funktioniert mit Solarstrom und wird unter anderem in Südafrika erfolgreich vermarktet. «Was Länder mit beschränkten Ressourcen brauchen, ist weder Low Tech noch Low Cost», sagt Morandini Siegrist. «Im Gegenteil. Gefragt sind leistungsfähige und verlässliche Lösungen. Geräte, die sich reparieren lassen.»
«In der Schweiz ist es wesentlich schwieriger, Innovationen im Gesundheitssystem einzuführen als in Kenia.»
Pascal Koenig, Co-Gründer Malaica AG
EssentialTech pflegt überall auf der Welt, wo das Forschungszentrum tätig ist, routinemässig den Kontakt zu den Schweizer Botschaften. «So können wir vom Netzwerk der Botschafterinnen und Botschafter profitieren», erklärt Morandini Siegrist im Gespräch. Dass der Wissenschaftsdiplomatie auch in der Schweiz eine wichtige Rolle zukomme, sei ihr erst am Workshop an der Universität Bern klar geworden. Etwa wenn es darum gehe, das Parlament davon zu überzeugen, wie wichtig die Förderung von Forschung und Innovation für das Bild der Schweiz im Ausland und die internationale Zusammenarbeit sei.
Diplomatie und Forschung hätten mehr gemeinsam, als man denken könne, erklärte Botschafter Philipp Stalder am Ende des Workshops. Denn beide Seiten hätten es mit Unsicherheit zu tun, würden von Neugier angetrieben und stellten schwierige Fragen. «Wohl deshalb arbeiten wir bemerkenswert gut zusammen.» Und noch etwas betonte Stalder in seinem Schlusswort: Die wichtigste Aufgabe der Wissenschaftsdiplomatie sei es, Brücken zu bauen – sowohl zwischen Menschen als auch zwischen Institutionen. «Die Schweiz hat die Fähigkeit, Verbindungen herzustellen. Sie ist gewissermassen Teil unserer DNA.»
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