Internationalisierung: viel mehr als ein «Nice-to-have»

Die Universitätsleitung hat eine neue Internationalisierungsstrategie verabschiedet. Andrew Chan, Vizerektor Internationales und Akademische Karrieren, hat den breit angelegten Strategieprozess dahinter initiiert und geleitet. Im Gespräch erläutert er die Hintergründe und Ziele.

Andrew Chan, Vizerektor Internationales und Akademische Karrieren.

Andrew Chan, warum müssen wir als Universität international vernetzt sein?

Andrew Chan: Trotz der Bestrebungen einiger Länder, sich abzuschotten, leben wir in einer sehr internationalisierten Welt. Vor allem die nächste Generation, um der es uns als Universität immer geht, muss sich im internationalen Wettbewerb behaupten können. Grundsätzlich profitieren aber alle Uniangehörigen von einem Blick über Länder- und Fächergrenzen hinweg, meiner Meinung nach.

Als Universität sind wir ein Teil der globalen Wissensgemeinschaft, in der wir auch eine Führungsrolle in Forschung und Lehre einnehmen, die wir behalten und ausbauen möchten. Dafür ist der internationale Austausch unerlässlich. In meinem Fachgebiet, der Biomedizin, ist es ganz klar, dass Spitzenleistungen nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern in grossen international vernetzten Projekten entstehen.

Letztlich ist die Vernetzung von globaler gesellschaftlicher Relevanz, da immer klarer ist, dass komplexe Herausforderungen wie beispielsweise der Klimawandel oder der Kampf gegen Antibiotikaresistenz nur sowohl mit internationalen als auch mit regionalen Ansätzen angegangen werden können.

«Internationalisierung ist eine Dimension, die wir in allen Bereichen mitdenken müssen.»

Andrew Chan

Was ist für Sie das Wichtigste an der neuen Internationalisierungsstrategie?

Wir möchten in allen Gruppen und auf allen Ebenen der Universität deutlich machen, wie wichtig für uns die Internationalisierung ist. Es ist eben nicht nur ein «Nice-to-have», sondern eine Dimension, die wir in allen Bereichen mitdenken müssen. Für eine exzellente Forschung liegt dies auf der Hand, gilt aber auch für die Lehre. Für die Universität Bern ist es essenziell, ihren internationalen Ruf weiter zu stärken, um im internationalen Wettbewerb um Talente attraktiv zu bleiben.

Wir wollen alle Stakeholder im Boot haben, denn wir möchten die Chancen der Internationalisierung, aber auch die Risiken wie etwa internationale Sanktionen, allen Beteiligten klar und transparent vermitteln. In einem breit angelegten Strategieprozess haben wir gemeinsam Ziele und Handlungsfelder erarbeitet. Dabei sind die Kommission für Internationale Beziehungen und Vertretungen aller Fakultäten und Stände sowie auch der strategischen Zentren involviert.

Internationalisierungsstrategie der Universität Bern

In der Strategie 2030 der Universität Bern ist die Internationalisierung insbesondere als Element der Forschungsexzellenz berücksichtigt. Angesichts der komplexen internationalen Rahmenbedingungen müssen die strategischen Zielsetzungen weiterentwickelt werden. Gleichermassen müssen sich Studierende und Forschende der Universität Bern im internationalen Umfeld behaupten.

In der neuen Internationalisierungsstrategie wird das globale Ziel aus der Strategie 2030, die internationale Vernetzung zu steigern, konkretisiert. In folgenden vier Handlungsfeldern wurden Massnahmen entwickelt: Internationalisierungsprozesse erleichtern, internationale Netzwerke stärken, die internationale Reputation steigern und die internationale Forschung stärken.

In erster Linie werden Massnahmen priorisiert, die bis Ende 2027 umsetzbar sind bzw. einen wesentlichen Fortschritt erzielen können. Gemäss den Grundlagen des Fit for Future-Programms der Universität Bern zielen die Massnahmen auch auf den Abbau administrativer Doppelspurigkeiten und die Vereinfachung interner Prozesse. Angesichts der volatilen internationalen Rahmenbedingungen erfolgt eine Re-Evaluation im Sinne einer rollierenden strategischen Planung im Laufe des Jahres 2027.

Was ist Ihnen bei der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern wichtig?

In all unseren strategischen Partnerschaften möchten wir die akademische Freiheit, wissenschaftliche Integrität, die Partnerschaft auf Augenhöhe und ökologische Nachhaltigkeit hochhalten. Eine neue Dimension, die leider in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist, ist die Sicherheit. Hier geht es um die persönliche Sicherheit unserer Universitätsangehörigen, beispielsweise bei Reisen in Krisenregionen, aber auch um die Sicherheit von Daten und von wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Ein Ziel der neuen Strategie ist es, die internationalen Netzwerke, insbesondere die Universitätsallianz ENLIGHT und The Guild of European Research-Intensive Universities, zu stärken. Worin unterscheiden sich diese beiden Netzwerke?

Bei ENLIGHT haben wir uns mit neun anderen Universitäten das Ziel gesetzt, einen gemeinsamen, vernetzten Campus zu schaffen. Alt-Rektor Leumann hat es einmal so beschrieben, dass wir aus den besten Teilen von zehn Universitäten eine virtuelle elfte Universität schaffen. Dieser soll Studierenden, aber auch Dozierenden, Forschenden und Mitarbeitenden maximale Mobilität ermöglichen. ENLIGHT ist also sehr operativ ausgerichtet und aktuell vor allem auf die Lehre fokussiert.

The Guild ist ganz anders aufgestellt. Hier sprechen wir von 23 forschungsintensiven Universitäten, die einen strategischen Austausch pflegen, gemeinsam zu politischen Entwicklungen in Europa Position beziehen und diese auch entscheidend mitprägen. Durch unsere Netzwerke sind wir bei diesen Diskussionen in der EU nicht nur dabei, sondern stellen auch sicher, dass unsere Stimme gehört wird.

Wie geht es weiter?

Viele unserer Forschenden sind schon sehr international unterwegs und arbeiten sehr erfolgreich in internationalen Netzwerken. Für diese bereits existierenden Kooperationen ändert sich wenig. Für neue Kooperationen wird es in Zukunft spannende Möglichkeiten geben, besonders für Lehrkooperationen, Doktorierende und Nachwuchsforschende in der europäischen Universitätsallianz ENLIGHT.

Auf gesamtuniversitärer Ebene ist auch The Guild sehr wichtig, denn so haben wir die Möglichkeit, an den aktuellen Diskussionen zur Zukunft der Forschungs- und Lehrlandschaft in der EU teilzunehmen. Dabei geht es auch um viel Geld: die Europäische Kommission hat jüngst eine massive Erhöhung der Forschungs- und Lehrbudgets zur Diskussion gestellt.

«Der internationale Austausch ist in meiner persönlichen und beruflichen Biografie ein zentrales Element.»

Andrew Chan

Was ist Ihre persönliche Motivation, die Internationalisierung der Universität Bern voranzutreiben?

Der internationale Austausch ist in meiner persönlichen und beruflichen Biografie ein zentrales Element. Es bereitet mir Sorgen, dass meine Kinder weniger Möglichkeiten als ich haben, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, weil viele Regionen mittlerweile deutlich abgeschotteter sind.

Ich möchte dazu beitragen, die Hürden des internationalen Austauschs insbesondere für Studierende und Nachwuchsforschende abzubauen und optimale Voraussetzungen zu schaffen, damit sie früh internationale Kontakte knüpfen können und andere Kulturen kennenlernen. Das ist eine Bereicherung für ihr Studium und ihre Forschung, aber auch für die persönliche Entwicklung.

Zur Person

Prof. Dr. Andrew Chan

ist an der Universität Bern Vizerektor Internationales und Akademische Karrieren und Professor für ambulante Neurologie, speziell Neuroimmunologie. In Deutschland aufgewachsen, verbrachte er in seiner akademischen Laufbahn längere Aufenthalte in Kanada, den USA und Grossbritannien. Seit 2016 ist er an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern tätig. Gleichzeitig ist er Chefarzt an der Klinik für Neurologie am Inselspital Bern.