UniBE talks
Vom Forschen in unsicheren Zeiten
Die vierte Ausgabe von UniBE talks stand unter dem Titel «Forschung und internationale Kooperation in disruptiven Zeiten». Sie thematisierte die Folgen geopolitischer Umbrüche für die Wissenschaft – und ihren Umgang mit der zunehmenden Unsicherheit.
Das von der Universitätsleitung initiierte Diskussionsformat UniBE talks verfolgt ein klares Ziel. Mit ihm wolle man, so sagte Rektorin Virginia Richter in ihrer Einführung, «die Gesprächskultur an der Uni verbessern». Wie es um diese steht, sollte sich in den folgenden 90 Minuten im Kuppelsaal zeigen.
Als erstes wollte Moderatorin Sabin Bieri, Direktorin des Centre for Development and Environment (CDE), von ihren Gästen wissen, wie sie Disruption im Forschungsalltag erleben. Die Antworten der vier auf dem Podium versammelten Forscherinnen und Forscher gaben einen ersten Blick darauf, wie vielfältig die Entwicklungen der vergangenen Jahre sind. Da war die Rede vom Einzug der KI als grösste Veränderung. Thematisiert wurde auch der schwieriger gewordene Zugang zu Archiven – ganz gleich wo auf der Welt. Zudem wurde dargelegt, wie problematisch der Einfluss auf klinische Studien ist, wenn ein Drittel der Teilnehmenden in Kriegsgebieten wie der Ukraine, Russland oder Belarus lebt.
Allgegenwärtige Unsicherheit
Zu hören gab es auch Betroffenheit über das Schicksal von Forschungspartnerinnen und -partnern, die ganz unmittelbar von den Veränderungen betroffen sind, wie die vielen Ukrainer und Ukrainerinnen, die ihr Land wegen des Überfalls Russlands verlassen mussten und versuchen, ihre wissenschaftliche Arbeit im Gastland fortzusetzen. «Ich erlebe aus der Nähe mit, wie auch russische Kolleginnen und Kollegen ins Exil müssen, wenn sie nicht bereit sind, die Geschichte im Sinne des Machthabers umzuschreiben», sagte Carmen Scheide, Dozentin für die Geschichte Osteuropas. «Wer hätte das in den 1990er Jahren gedacht, als wir alle die Hoffnung auf eine offenere Welt teilten?» Disruption, so erklärte sie, greife tief in Biografien von Forschenden ein.
Bei allen Unterschieden zeigten sich in der Diskussion auch Gemeinsamkeiten beim Forschen in disruptiven Zeiten. Ein allgegenwärtiges Thema ist die Unsicherheit. Zum Beispiel was die politischen Rahmenbedingungen des Forschungsstandorts Schweiz betrifft. «Ist der Schalter nun on oder off, was unsere Beziehungen zur EU betrifft», wollte etwa Manfred Elsig wissen, Direktor des World Trade Institutes. Die Kombination von Unsicherheiten und disruptiven Ereignissen habe bei jungen Forschenden zu einem «gewissen Pessimismus» geführt, erklärte der Professor für Internationale Beziehungen.
Dem hielt Historikerin Carmen Scheide entgegen, dass die Neugier bei den Studierenden heute gross sei zu erfahren, wie man in der Vergangenheit versucht habe, in schwierigen Situationen Lösungen zu finden. «Das stimmt mich sehr optimistisch.»
Was ist heute anders als vor 20 Jahren, wollte die Moderatorin von ihren Gästen wissen? War in der Forschung früher tatsächlich alles einfacher, oder könnte es nicht sein, dass sich die Schweiz heute mit Unsicherheiten konfrontiert sieht, die in anderen Ländern schon immer prägend waren? Das vereinfachende Fazit der Antworten auf diese Fragen: Forschung hat nie in einem Vakuum stattgefunden und war immer von politischen Entwicklungen beeinflusst – in der Schweiz allerdings auf subtilere Art als anderswo.
Doch wir leben heute tatsächlich in einer immer unübersichtlicheren Welt. So schilderte etwa Danièle Rod, Direktorin des Swiss Polar Institute SPI, dass Skepsis gegenüber der Klimaforschung und generelle Wissenschaftsfeindlichkeit in immer mehr Ländern Forschung beschränken. Es gehe nicht nur um Zugang zu Daten oder Forschungsförderung, sondern auch um Forschungserlaubnisse, wie es kürzlich ein vom SPI finanziertes Eisbohrungsprojekt am Kilimandscharo, womöglich das letztmögliche wegen der raschen Schmelze des höchsten Bergmassivs Afrikas, leider erfahren musste.
Entscheidungen fällen unter Zeitdruck
Ein Merkmal unserer disruptiven Zeiten treibt offenbar alle Diskussionsteilnehmenden um: ein Gefühl von Verletzlichkeit und von ungekannter Dringlichkeit. Auf dem Podium war von einer «neuen Erwartungshaltung» die Rede. Forschende fühlten sich ständiger Beobachtung ausgesetzt und mit dem Anspruch konfrontiert, sofort Antworten zu liefern. Andrew Chan, Vizerektor Internationales und Akademische Karrieren, sagte: «Es bleibt heute wenig Zeit, die Dinge zu durchleuchten. In der Universitätsleitung sind wir vermehrt gezwungen, unter Zeitdruck zu entscheiden, beispielsweise um einen möglichen Reputationsschaden zu vermeiden. Diese Dringlichkeit und Intensität spüren wir stark.»
Eine Perspektive aus der Politik hätte an dieser Stelle zusätzliche Einordnung bieten können. Doch der ebenfalls aufs Podium eingeladene Nationalrat Jon Pult (SP/GR), Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik, musste seine Teilnahme kurzfristig absagen.
Gegen Ende der Veranstaltung kam das Publikum zu Wort. Dabei zeigte sich, dass Forschende den Disruptionen durchaus auch positive Seiten abgewinnen können. Er erlebe sein Fachgebiet heute als viel interessanter als in den vergangenen Jahrzehnten, sagte ein anwesender Politikwissenschafter. Demokratische Rückschritte seien zwar politisch bedenklich, aber als Forschungsgegenstand lohnend. So etwa das Verhalten der Verwaltung in Ländern mit autoritären Regierungen in Brasilien oder den USA. Manfred Elsig vom WTI pflichtete seinem Fachkollegen mit Blick auf die Erosion demokratischer Systeme nur bedingt bei: «Es stimmt zwar, dass neue Länder und Themen in unseren Fokus gerückt sind, aber wenn das Democratic Backsliding nicht aufhört, haben wir ein Problem.»
Am Anfang des Abends hatte Rektorin Virginia Richter die Gesprächskultur beschworen, die es zu fördern gelte. Zum Schluss der vierten Ausgabe von UniBE talks wurde man das Gefühl nicht los, dass es um sie an der Universität Bern im Grunde genommen gar nicht so schlecht bestellt ist.
Über «UniBE talks»
«UniBE talks» ist eine Veranstaltungsreihe der Universität Bern, die den Dialog zu unterschiedlichen wissenschaftsrelevanten Themen zum Ziel hat. Die Veranstaltungen wollen jeweils eine möglichst grosse Vielfalt der Disziplinen und Wissenschaftskulturen an der Universität Bern repräsentieren. Die Universität möchte mit «UniBE talks» den Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Wissenschaftskulturen fördern.
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