Universität
Hat Wissenschaftlichkeit Grenzen?
Bei «UniBE talks» am 5. November stellten sich fünf Forschende aus verschiedenen Fachgebieten der Universität Bern der Frage nach den «Grenzen der Wissenschaftlichkeit». Das Fazit: die Kriterien müssen immer wieder neu verhandelt werden.
Am Mittwochabend stellten sich im Kuppelsaal des Uni-Hauptgebäudes fünf Forschende der Universität Bern aus ganz verschiedenen Disziplinen der Frage nach den «Grenzen der Wissenschaftlichkeit». Die Podiumsdiskussion wurde durch die Universitätsleitung veranstaltet, in deren Namen Heike Mayer, Vizerektorin Qualität und Nachhaltige Entwicklung, das Publikum begrüsste und gleich die Leitfrage vorgab: Gibt es da womöglich Unterschiede zwischen den Disziplinen oder können wir uns auf einen allgemeinen Grund-Modus der Wissenschaftlichkeit verständigen?
Zunächst holte Moderator Servan Grüninger vom Think Tank Reatch persönliche Anekdoten ab: Gab es schon Momente, in denen die Teilnehmenden an die (gefühlten) Grenzen der Wissenschaftlichkeit kamen? Natürlich gab es die, und im Erzählen merkte man schon, dass man da im weiteren Verlauf wohl nicht immer vom Gleichen reden würde: Die Osteuropa-Expertin Julia Richers zum Beispiel erinnerte sich an eine Anfrage des Belarussischen Botschafters anlässlich eines Staatsbesuchs noch vor Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine. Der stellvertretende Aussenminister würde nur zu gern die Gelegenheit nutzen, an der Uni zu sprechen? Nach einigem Hin und Her habe man eingewilligt, aber «unter ganz klaren Bedingungen»: Studierende sollten beispielsweise die Möglichkeit erhalten, kritische Nachfragen zu stellen – so liesse sich besser als in jeder Vorlesung aufzeigen, womit sich die Osteuropastudien in der Praxis beschäftigen. Aber ein seltsamer Nachgeschmack bleibe natürlich, was zum Beispiel mit den fleissig geschossenen Fotos passiere, entziehe sich jeder Kontrolle.
Ambivalente Erfahrungen
Ein Hin und Her schilderte auch der Klimatologe Stefan Brönnimann, der sich als Experte für eine politische Kampagne einspannen liess. Er erinnert sich an «eine Gratwanderung, auf der ich immer wieder aufs Neue entscheiden musste, ob ich mich exponieren soll oder nicht». Keine Wahl diesbezüglich hatte der Virologe Volker Thiel während der Covid-Pandemie: «Wir wurden schlagartig herausgerissen aus dem forschenden Alltag» – und der bestehe ja eigentlich in Grundlagenforschung. Nun fanden sich die Virologen und Epidemiologen in Taskforces wieder, wo sie Lagebeurteilungen vorzunehmen hatten, so der Auftrag. «Mit all dem Wissen das es gab, oder das noch zu entwickeln war.» Und ja, natürlich hatte das eine politische Dimension.
Auch die Mikrobiologin Eva Gluenz betonte zunächst, dass sie Grundlagenforschung betreibe: «Bei mir steht im Alltag niemand vor der Türe und verlangt ein Statement zu einem Sachverhalt.» Ihre Grenz-Erfahrungen verortet sie deshalb eher im persönlichen Umfeld: Von der Genschutzinitiative bis zu Covid fragte sie sich immer wieder, wie sie auf Menschen reagieren soll, die gegen die wissenschaftliche Vernunft opponieren. Sich da «gewinnbringend zu positionieren» und für nuancierte Diskussionen zu sorgen, sei gar nicht so einfach.
Politologin Caroline Schlaufer wiederum schilderte die delikate Position einer Forschung. Diese passiert oft im Auftrag der Verwaltung und ist daher mit allerhand Erwartungen verknüpft. Sie sah die Herausforderung in Sachen Wissenschaftlichkeit insofern, sich wo nötig gegen diese Erwartungen zu wehren – «auch wenn das heisst, Auftraggebende unzufrieden zu stimmen».
«Unser Fach ist enorm betroffen vom Ukrainekrieg, da sind ganze Forschungsfelder weggebrochen.»
- Julia Richers
Wissen wird immer instrumentalisiert
Moderator Servan Grüninger fasste die Anekdoten zusammen: «Man könnte also schliessen, dass der Wissenschaftlichkeit Gefahr vor allem in Form der Instrumentalisierung droht.» Dagegen gelte es sich zu wappnen – aber wie? Aufhorchen liess die Antwort von Caroline Schlaufer: «Ich weiss genau, dass mein zur Verfügung gestelltes Wissen instrumentalisiert wird. Ich erwarte das.» Für Thiel eine dankbare Vorlage, auch er hat gelernt, dass sich Instrumentalisierung zuweilen nicht vermeiden lässt. Er kritisierte, dass Medienschaffende auf der Suche nach Schlagzeilen Aussagen von Forschenden aus dem Kontext reissen würden.
In Julia Richers Augen kann hier helfen, die Absicht hinter den Begehrlichkeiten einzuordnen. Sie frage sich immer: Wer will was eingeschätzt bekommen und zu welchem Zweck? Diese Ausmarchung habe gerade in ihrem Feld schmerzhafte Konsequenzen: zu Russland zum Beispiel seien fast sämtliche Kontakte gekappt. «Unser Fach ist enorm betroffen vom Ukrainekrieg, da sind ganze Forschungsfelder weggebrochen.»
Eva Gluenz war es im Zusammenhang mit False Balances und Emotionalisierung von Sachverhalten ein Anliegen, Wissenschaft als «Teamsport» darzustellen. Am liebsten wäre es ihr insofern, wenn es nur kollektive Stellungnahmen in den Medien gäbe, man also die «unwissenschaftlichen» Ausreisser gewissermassen mit einem kommunikativen «Peer-System» stumm schalten könnte.
Julia Richers hingegen konnte mit der Einstimmigkeit wenig anfangen: Natürlich gäbe es Kontroversen im Feld der historischen Forschung. «Und wir führen sie, ich würde sogar sagen: Wir führen sie gerne.» Wie es um die Kollaboration der Polen mit dem Naziregime stand, sei zum Beispiel ein solches heisses Eisen – sich dieser Forschungsfrage zu widmen stehe in Polen übrigens unter Strafe. Die Gretchenfrage für sie also: «Gibt es dieses Interesse, diese Vielstimmigkeit der Debatte aufzuzeigen?»
Diese Diskussion wurde jedoch in der Runde leider nicht weiter vertieft. Stefan Brönnimann verwies bloss noch darauf, dass es natürlich auch in der Klimatologie Debatten gebe, zum Ende aber ein konsensbasiertes Dokument vorlegen soll, im Interesse des politischen Prozesses. Der Moderator fragte noch einmal nach, ob innerwissenschaftliche Debatten in der Öffentlichkeit also besser nichts zu suchen hätten. Die Runde vertrat daraufhin die Position, dass der Öffentlichkeit oft das Verständnis dafür fehle, wie Wissenschaft funktioniere, und das mache eine Vermittlung eventueller Unsicherheiten schwierig.
«Ich weiss genau, dass mein zur Verfügung gestelltes Wissen instrumentalisiert wird. Ich erwarte das.»
- Caroline Schlaufer
Als die Reihe am Publikum war, Fragen zu stellen, wurde die Diskussion jedoch nochmals aufgenommen: Man hätte in der Diskussion nun den Eindruck bekommen können, die Probleme lägen nicht in der Wissenschaft, sondern kämen immer von draussen. Aber stimmt das wirklich? Gibt es nicht tatsächlich blinde Flecken, politische Sympathien, Eitelkeiten gar, die zu nicht-wissenschaftlichem Verhalten führten? Worauf es zu – kleinen – Zugeständnissen kam, man die Problematik auch in den Anreizsystemen der Wissenschaft selbst verortete und nicht allein in Politik und Instrumentalisierung.
Zudem wurde gefragt, ob die Runde den Eindruck nicht teile, dass wir gerade einen «kritischen Moment» erlebten und dass sich die Rolle der wissenschaftlichen Expertise vielleicht auch zu wandeln habe in solchen Zeiten? Statt über eine aktivere Rolle der Wissenschaft im demokratischen (und womöglich sogar im Demokratie-verteidigenden) Prozess zu reden, kippte die Diskussion nun hin zu KI und Fake News.
Könnte es also sein, dass es der Forschung nach wie vor am wohlsten in der Rolle der Fakten-Produzentin ist, die objektiv (und unterkomplex) über richtig und falsch wachen kann? Aber diese Rolle wird gerade neu besetzt, wie Stefan Brönnimann einräumte: Wenn man nur Goldstandards folge, dann gebe es die Gefahr einen «Streetlight Effekts», im blendenden Licht der Aufklärung sehe man leicht nur noch hochqualitative europäische Forschung. «Dann sind wir auf einem Auge blind», beispielsweise für alles indigene Wissen.
Insofern machte der Abend vor allem eines klar: Einen allgemeinen Grundmodus der Wissenschaftlichkeit gibt es nicht: Die Kriterien für Wissenschaftlichkeit sind notorisch vage. Sie sind im innerwissenschaftlichen wie im demokratischen Prozess immer wieder zu verhandeln – daran ist nichts verkehrt. Oder wie es Caroline Schlaufer formulierte: «Es kreiert wenig Vertrauen in der Öffentlichkeit, wenn die Wissenschaft in einer einzigen Stimme spricht. Aber umgekehrt fördert es auch die Wissenschaftsskepsis, wenn sie in zu vielen Stimmen spricht.» Eine Gratwanderung eben.
Die UniBE talks
«UniBE talks» ist eine Veranstaltungsreihe der Universität Bern, die den Dialog zu unterschiedlichen wissenschaftsrelevanten Themen zum Ziel hat. Die Veranstaltungen wollen jeweils eine möglichst grosse Vielfalt der Disziplinen und Wissenschaftskulturen an der Universität Bern repräsentieren. Die Universität möchte mit «UniBE talks» den Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Wissenschaftskulturen fördern.
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