Fachtagung Kriminologie und Diversität
«Ohne Daten bleibt nur das Bauchgefühl»
Wie setzt sich die Kriminologie mit Themen wie Gender, Migration oder psychischer Gesundheit auseinander? Damit beschäftigt sich Forscherin Ineke Pruin. Im Interview spricht sie über ihre Motivation und darüber, was sich in Bezug auf diese Themen verbessern muss.
Im Juli 2026 ereigneten sich in der Schweiz zwei Femizide, einer im Kanton Thurgau und einer im Tessin. Expert:innen sprachen gegenüber SRF und der NZZ von einer Alarmsituation bei häuslicher Gewalt. Aber auf welcher Datengrundlage beruhen solche Einschätzungen?
Ineke Pruin ist Professorin für Kriminologie an der Universität Bern und sagt: «Es braucht mehr und differenziertere Daten und auch ein grösseres Vertrauen in die Wissenschaft.»
19. Fachtagung der Kriminologischen Gesellschaft
Die 19. wissenschaftliche Fachtagung der Kriminologischen Gesellschaft findet vom 3. bis 5. September 2026 in Bern statt. Das Tagungsthema lautet: «Kriminologie in einer diversen Gesellschaft». Wie gehen wir als Wissenschaft mit dieser Diversität um? Welche neuen Perspektiven eröffnen sich, wenn wir Kriminalität durch die Brille von Gender, Migration, psychischer Gesundheit oder strukturellen Ungleichheiten betrachten? Expertinnen und Experten aus dem In- und Ausland werden diese Themen in einem vielfältigen Programm vertiefen. «Mein Ziel ist, dass die Fachtagung alle Interessierten inspiriert und wir der Öffentlichkeit zeigen können, wie gerade auch junge Forschende an den wichtigen Themen der Zukunft dran sind», sagt Organisatorin Ineke Pruin. Neben den Hauptvorträgen werden im Rahmen von Panelvorträgen Erkenntnisse aus dem gesamten Spektrum der Kriminologie eingebracht.
uniAKTUELL: Wieso sind Sie Kriminologin geworden, Frau Pruin?
Ineke Pruin: Schon während meines Jurastudiums in Deutschland habe ich mich auf die Kriminologie spezialisiert. Das Zusammenspiel zwischen Psychologie, Soziologie, Philosophie und Kriminalpolitik interessiert mich bis heute stark. Die Kriminologie ist eine empirische und interdisziplinäre Wissenschaft, die sich unter anderem damit befasst, warum Menschen straffällig werden oder wie Menschen aus der Kriminalität aussteigen können.
Was braucht eine gute Kriminologin?
Eine gute Kriminologin hat viel zu tun (lacht). Wir haben es mit unglaublich sensiblen Daten zu tun und vielen Emotionen: Ich untersuche zum Beispiel das soziale Klima im Justizvollzug, da höre ich sehr persönliche Geschichten. Wir brauchen vor allem eines: Vertrauen. An der Tagung geht es auch um das Thema Rassismus in der Polizei, was wir nicht erforschen können, wenn die Polizei uns nicht zutraut, das Erforschte korrekt einzuordnen.
«Ich untersuche zum Beispiel das soziale Klima im Justizvollzug, da höre ich sehr persönliche Geschichten. Wir brauchen vor allem eines: Vertrauen.»
Ineke Pruin
Darüber hinaus braucht die Kriminologie weitere Ressourcen. Die umfangreichen empirischen Forschungen sind mit dem normalen Betriebsmittelbudget nicht zu stemmen, sodass wir auf Drittmittel angewiesen sind.
Besorgt Sie, wie Medien über Straftaten berichten?
Wir sehen zunehmend, dass Forschende angegriffen werden. Aus fachlicher und politischer Sicht finde ich es sehr bedenklich. Wir Kriminolog*innen haben komplexe Forschungsergebnisse, die wir korrekt darstellen wollen und müssen, zum Beispiel zum Thema Migration und Kriminalität. Dieser Komplexität werden mediale Formate mit starkem Verkürzungsdruck häufig nicht gerecht. Kriminolog*innen können oft nicht einfach verkürzen oder in einem Satz zusammenfassen. Darüber sprechen wir auf dem Podium mit Vertreter:innen aus der Medienbranche. Dabei geht es mir um das Miteinander und Verständigung. Ich möchte wissen, wie unsere Wissenschaftskommunikation besser werden könnte, ohne dabei Fronten aufzumachen oder Schuld zu verteilen.
Driften die öffentliche Meinung und die Forschung auseinander?
Ja, an sehr vielen Stellen. Etwa dann, wenn es ums Thema «Kriminalitätsfurcht» geht. Wer fürchtet sich vor wem? Ein Beispiel ist der weisse Lieferwagen, der vor der Schule hält und Kinder kidnappt. Für dieses Szenario gibt es praktisch keine empirische Evidenz – es ist ein hartnäckiges Bedrohungsbild, hinter dem jahrzehntealte Vorurteile über fahrende Völker stecken.
«Junge Männer haben fast keine Angst, aber statistisch haben sie das höchste Opferrisiko.»
Ineke Pruin
Es fürchten sich auch immer die am meisten, die das geringste Risiko haben: Junge Männer haben fast keine Angst, aber statistisch haben sie das höchste Opferrisiko. Umgekehrt haben ältere Menschen grosse Furcht, aber statistisch das geringste Opferrisiko.
Ein anderes Beispiel ist der Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität. In den Statistiken sind Personen ohne Staatsangehörigkeit überrepräsentiert. Die öffentlichen Antworten darauf greifen meist zu kurz: Wer nur auf den Passstatus blickt, blendet die sozialen, strukturellen und rechtlichen Faktoren aus, die diese Überrepräsentation erklären. Die Kriminologie ist hier präzise, weil sie soziale, strukturelle und rechtliche Zusammenhänge kennt, Erfahrung hat, interdisziplinär ist. Die Stärke von uns Fachexpert:innen ist im Kern ja die Einordung.
Haben Sie eigentlich Angst?
Ich habe zwei Töchter und ich möchte auch keine gewaltgeneigten schizophrenen Sexualstraftäter auf dem Spielplatz. Gleichzeitig weiss ich, dass diese Angst statistisch nicht begründet ist. Solche Gedanken erinnern mich aber daran, wie emotional und politisch aufgeladen mein Fach ist. Aber Emotionen dürfen nicht die Politik steuern: Ich wünsche mir eine evidenzbasierte Kriminalpolitik. Und auch Alternativen zum jetzigen Strafrecht – in Bezug auf Beziehungsgewalt zum Beispiel.
Inwiefern?
In der Schweiz sowie in Deutschland ist die Datenlage das grösste Problem für uns. Kriminalstatistiken bilden nicht viel ab. Das Beispiel Femizid ist ein aktuelles. Um zu wissen, ob ein Femizid vorliegt, müssten wir wissen, wie Opfer und Täter zueinanderstanden. Diese Daten muss man erfassen. Zum Thema häusliche Gewalt, aber auch zu anderen Straftaten, brauchen wir eigentlich jährliche Befragungen zur Dunkelziffer, sogenannte Dunkelfeldbefragungen.
Was würde eine Dunkelfeldbefragung bringen?
In den USA und England wird die Bevölkerung jedes Jahr zu Themen der Kriminalität befragt. In den Statistiken steht ja nur das, was auch bei der Polizei angezeigt wurde oder durch die Strafverfolgungsbehörden ermittelt wurde. Zu Autodiebstählen existieren wahrscheinlich verlässliche Zahlen, weil man die Anzeige für die Versicherung braucht.
«Für eine verlässliche Kriminalpolitik sind Dunkelfeldbefragungen unverzichtbar – und für ein Land wie die Schweiz auch finanzierbar.»
Ineke Pruin
Bei häuslicher Gewalt oder bei Sexualstraftaten wissen wir, dass grosse Dunkelziffern existieren, weil die Opfer teilweise keine Anzeige machen möchten. Um zu wissen, wie es wirklich ist, muss man der Bevölkerung anonym Fragen stellen wie «Bist du Opfer einer Straftat geworden?» oder «Hast du eine Straftat begangen?».Erst dann können wir wissen, ob beispielsweise ein Anstieg der Sexualstraftaten in der polizeilichen Kriminalstatistik tatsächlich ein Mehr an Delikten bedeutet oder einfach nur mehr Delikte als vorher zur Anzeige gelangen, was letztlich ein gutes Zeichen wäre, dass weniger im Dunkelfeld verbleibt.
Diese Antworten haben wir heute nicht in ausreichendem Masse – die Schweizer Dunkelfeldbefragungen sind methodisch sehr gut, werden aber nicht regelmässig finanziert. Dass wir diese Antworten nicht haben, wird uns als Kriminolog*innen dann wiederum in den öffentlichen Debatten vorgeworfen.
Dunkelfeldbefragungen klingen aufwendig und teuer.
Für eine verlässliche Kriminalpolitik sind Dunkelfeldbefragungen unverzichtbar – und für ein wohlhabendes Land wie die Schweiz auch realistisch finanzierbar. Kriminalität ist ein emotionales Thema – gerade deshalb brauchen wir mehr und robustere Daten. Sonst basiert die Kriminalpolitik auf Einzelfällen und Bauchgefühl.
Prof. Dr. Ineke Pruin
leitet zusammen mit Prof. Dr. Christof Riedo das Institut für Strafrecht und Kriminologie der Universität Bern. Sie ist seit 2024 Präsidentin der Kriminologischen Gesellschaft. Sie forscht zurzeit mit Mitteln des Bundesamts für Justiz zum sozialen Klima im Justizvollzug und mit Mitteln des SNF zu Restorative Justice bei Beziehungsgewalt. Sie ist Präsidentin der Programmleitung der Weiterbildung am Institut für Strafrecht und Kriminologie und Mitglied des Herausgeberkreises der Neuen Kriminalpolitik.
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