Mittelalterliche Drucke auf digitalen Plattformen

Das Zentrum Historische Bestände der Universität Bern erschliesst und konserviert jahrhundertealte Sammlungen, und macht diese digital zugänglich. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie Vergangenheit und Zukunft miteinander verbunden werden.

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Das Zentrum Historische Bestände umfasst die vier Dienststellen Erschliessung und Vermittlung, Konservierung, Retrodigitalisierung und Bernensia. © Dres Hubacher

Mitten in der geschichtsträchtigen Altstadt von Bern befindet sich das Zentrum Historische Bestände der Universität Bern. Hier werden jahrhundertealte Drucke und Landkarten aus ganz Europa aufbewahrt. In den Gewölben der Bibliothek Münstergasse macht sich Valentina Sebastiani, die Leiterin des Zentrums, auf den Weg in den Sicherheitsbereich des Gebäudes. Sie wird uniAKTUELL auf eine kleine Zeitreise ins 15. Jahrhundert mitnehmen.

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Valentina Sebastiani leitet das Zentrum Historische Bestände seit Februar 2025. © Dres Hubacher

Das Zentrum Historische Bestände widmet sich der Erschliessung, Konservierung, Retrodigitalisierung und Vermittlung von historischen Beständen. «Die Mission des Zentrums ist es, die Sammlungen als kulturelles Erbe und Identifikationsquelle für künftige Generationen zu erhalten», erklärt Sebastiani.

Zentrum Historische Bestände

Das Zentrum Historische Bestände ist die Abteilung in der Bibliothek Münstergasse für die Erschliessung, Konservierung, Retrodigitalisierung und Vermittlung von alten Drucken, historischen Karten und Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Bern. Die Abteilung ist in vier Teilbereiche gegliedert. Es gibt die Dienststellen Erschliessung und Vermittlung, Konservierung, Retrodigitalisierung und Bernensia. Es wird dabei durch einen grosszügigen finanziellen Betrag der Burgergemeinde Bern unterstützt.

Und der Umfang dieser Sammlungen ist beeindruckend: «Über eine halbe Million alter Drucke und circa 22’000 historische Landkarten werden hier beherbergt», führt Sebastiani weiter aus und zeigt auf eines der berühmtesten medizinischen Traktate des 16. Jahrhunderts: Ein Exemplar von De humani corporis fabrica libri septem, verfasst vom Anatomen und Chirurgen Andreas Vesalius im Jahr 1543, liegt auf einem Tisch in ihrem Büro.

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Im Zentrum Historische Bestände liegen 500 Jahre alte Originale wie dieses medizinische Buch aus dem 16. Jahrhundert. © Dres Hubacher

Doch auch wenn Valentina Sebastiani und ihr Team täglich mit solchen Raritäten in Berührung kommen, sei das keineswegs selbstverständlich: «Es ist ein Privileg, mit diesen Drucken arbeiten zu dürfen», betont sie und fügt hinzu: «Nur dank der Sammlerinnen und Sammler der Vergangenheit haben wir heute die Möglichkeit, die Entstehung, Verbreitung und Nutzung von Wissen zu analysieren.» Damit knüpft sie erneut an die Mission des Zentrums an. Die Originale sollen mindestens weitere 500 Jahre erhalten bleiben, damit auch spätere Generationen die Chance haben, diese Werke zu untersuchen.

«Es ist ein Privileg, mit diesen Drucken arbeiten zu dürfen.»

- Valentina Sebastiani

Valentina Sebastiani geht weiter zum nächsten Buch, welches in einem speziellen Transportbehälter wartet und mit dem sie durch die verschiedenen Bereiche des Zentrums gehen wird. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Inkunabel, also eines der ersten Druckerzeugnisse seit Beginn des Buchdrucks im 15. Jahrhundert.

Über 500 Jahre in die Vergangenheit

Mit Vorsicht trägt Valentina Sebastiani diese Inkunabel zur ersten Station, wo sie auf Mitarbeiter Fabian Fricke trifft. Er widmet sich hier der Erschliessung und Vermittlung der alten Sammlungen. Während er das wertvolle Buch aus der Schutzhülle entnimmt, erklärt er, dass sich diese Station besonders für die Geschichte des Buches interessiert.

Mit analytischem Blick untersucht er das Unikat, um daraus wichtige Informationen für die Katalogisierung zu gewinnen. «Bei der Erschliessung alter Drucke erfassen wir nicht nur allgemeine Angaben zu Werk und Ausgabe, sondern auch Besonderheiten wie Einband und Vorbesitzer», erklärt Fricke. Pro Jahr kämen sie dabei auf etwa 2'100 Katalogisate.

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Fabian Fricke erkennt, dass es sich um ein Werk aus der Sammlung von Jacques Bongars handelt, einem französischen Diplomaten und bedeutenden Buchsammler aus dem 16. Jahrhundert. © Dres Hubacher

«Es ist immer auch ein bisschen Recherchearbeit dabei», führt Fabian Fricke weiter aus, während er die Metadaten festhält. «Das Buch Les éthiques en francoys wurde im September 1488 in Paris gedruckt.» Anhand des eingetragenen Datums und der Adresse könne man dann beispielsweise auch den Drucker oder Verleger des Buches ausfindig machen.

Einen nachhaltigen Zugang ermöglichen

Mit den gewonnenen Erkenntnissen geht es zur Dienststelle Konservierung, ein helles Atelier ausgestattet mit Mikroskopen und verschiedenen Messgeräten. Hier arbeitet Petra Hanschke, die Leiterin der Dienststelle Konservierung und stellvertretende Leiterin des Zentrums, der Sebastiani das Buch übergibt.

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Blick in das Konservierungsatelier, in dem die Werke restauriert und konserviert werden. © Dres Hubacher

Die Dienststelle Konservierung legt den richtigen Umgang mit den Unikaten fest. «Wenn ein Band zu uns kommt, führen wir zuerst eine Zustandsüberprüfung durch», erklärt Hanschke. Dabei werde zunächst eine Risikoabschätzung vorgenommen, um die richtigen Präventivmassnahmen zu ergreifen und ein Schadensrisiko für das Buch so gering wie möglich zu halten. «Das Ziel der Konservierung ist es, keinen Endpunkt mit einer invasiven Behandlungsmassnahme zu setzen, sondern nachfolgenden Generationen Entscheidungsspielräume zu lassen», erklärt Hanschke.

Petra Hanschke nimmt das Buch genau unter die Lupe. Sie prüft den Zustand des Einbandleders, stellt Spuren eines Feuchtigkeitsschadens an den Seiten fest und untersucht die verwendeten Farbmedien.

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Unter dem Mikroskop werden die Farbaufträge auf mögliche Schäden geprüft. © Dres Hubacher

Ein gutes Zusammenspiel zwischen den verschiedenen Fachspezialistinnen und -spezialisten der Teilbereiche ist für Petra Hanschke daher von grossem Wert. «Unsere Hauptaufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die vermeintlichen Gegensätze von Benutzung und Erhaltung ein Tandem werden», erklärt Hanschke.

«Unsere Hauptaufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, dass die vermeintlichen Gegensätze von Benutzung und Erhaltung ein Tandem werden.»

- Petra Hanschke

Dieses Zusammenspiel wird bei der nächsten Etappe noch deutlicher: «Bei der Retrodigitalisierung geht es darum, die Bücher unter Berücksichtigung der konservatorischen Vorsichtsmassnahmen auf Plattformen wie swisscollections, e-rara oder E-Periodica digital zur Verfügung zu stellen», sagt Valentina Sebastiani.

Zurück in die Zukunft

Die Ankunft im Studio der Dienststelle Retrodigitalisierung holt einen abrupt in die Gegenwart zurück. Die hochmodernen Geräte und zahlreichen Screens bilden einen auffallenden Kontrast zur mitgebrachten Inkunabel. «Ganz alt und ganz modern. Das macht unsere Tätigkeit so spannend», stellt Sebastiani fest und übergibt die Inkunabel dem Fotografen Remo Stoller.

Welches Gerät für die Aufnahme eingesetzt wird, hänge unter anderem davon ab, wie schonend man mit dem Druck umgehen muss. «Wichtig ist auch, dass die Farbwiedergabe originalgetreu ist», sagt Remo Stoller.

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Remo Stoller zeigt, wie er bei der Retrodigitalisierung vorgeht. © Dres Hubacher

Das Buch wird für die Digitalisierung bereitgelegt und die Bildeinstellungen werden nach den Vorgaben der jeweiligen Plattform festgelegt. Ein heller Blitz erleuchtet den Raum, und schon erscheint die erste Seite auf dem Bildschirm. Dieser Vorgang wiederholt sich für jede einzelne Seite dieses Werks.

«Wir verbinden die analogen Drucke aus dem Mittelalter mit der digitalen Welt der Internetplattformen.»

- Beat Vonlanthen

«Anschliessend laden wir das Werk auf einen Transfer-Server hoch. Dort wird es nächtlich von der ETH-Bibliothek abgeholt und auf eine Plattform geladen», erklärt der Leiter der Dienststelle, Beat Vonlanthen. «Im Visual Library Manager wird es dann strukturiert. So verbinden wir die analogen Drucke aus dem Mittelalter mit der digitalen Welt der Internetplattformen», ergänzt er.

Vom Unikat zum Digitalisat  

Damit geht es zurück zu Fabian Fricke von der Dienststelle Erschliessung und Vermittlung. Über den Visual Library Manager hat er nun Zugriff auf das digitalisierte Buch. «Durch die Strukturierung erleichtern wir es der Kundschaft, sich im digitalisierten Buch zu orientieren und die Informationen zu finden, die sie sucht». Fabian Fricke überprüft, ob alle Seiten gescannt wurden, unterteilt das Buch in Kapitel und erstellt Inhaltsverzeichnisse.

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Die digitalisierten Werke können auf Plattformen wie e-rara als PDF oder als Bild in verschiedenen Auflösungen heruntergeladen werden. © Dres Hubacher

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist ein weiterer Teil des Prozesses. Auch wenn historische Unikate und automatisierte Digitalisate auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, so hat das Team eine klare Haltung zu KI: «Wir verfolgen die Entwicklung von künstlicher Intelligenz mit grossem Interesse», betont die Leiterin des Zentrums Valentina Sebastiani. «KI eröffnet neue Möglichkeiten, Texte zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig das Original zu schonen.» So gehöre die sogenannte OCR, die optische Zeichenerkennung, bereits zum Arbeitsalltag.

«Durch die Strukturierung erleichtern wir es der Kundschaft, sich im digitalisierten Buch zu orientieren.»

- Fabian Fricke

Ganz einwandfrei sei diese Technologie jedoch noch nicht. Fehlerhafte Texterkennung kann zum Beispiel in der Korrekturwerkstatt verbessert werden. Diese wird im Rahmen von Citizen Science angeboten und ist öffentlich zugänglich. Auf Plattformen wie e-rara werden dann die Werke der Öffentlichkeit präsentiert. Ausserdem gibt es die Möglichkeit, die Originale im Sonderlesesaal einzusehen.

Korrekturwerkstatt

Die Korrekturwerkstatt ist ein kostenloses, öffentliches Mitmach-Angebot vom Zentrum Historische Bestände zusammen mit der Bibliothek Münstergasse der Universitätsbibliothek Bern (UB Bern), bei dem Teilnehmende gemeinsam digitalisierte Zeitungsartikel recherchieren und OCR-Fehler korrigieren, um die Qualität und Durchsuchbarkeit des Portals e-newspaperarchives.ch nachhaltig zu verbessern. Das Angebot findet im Rahmen von Citizen Science der UB Bern statt und steht der breiten Bevölkerung offen.

«Wir möchten das kulturelle Erbe Berns und darüber hinaus bewahren», erklärt Valentina Sebastiani. «Mit Erhaltung, Erschliessung und Vermittlung schaffen wir einen nachhaltigen Zugang zu unseren historischen Sammlungen und tragen dazu bei, sie bekannter zu machen.» Auf diese Weise schlägt das Zentrum Historische Bestände eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.

Zur Person

Dr. Valentina Sebastiani

leitet das Zentrum Historische Bestände der Universitätsbibliothek Bern (UB Bern) und verantwortet dessen strategische Weiterentwicklung. Zu ihren Aufgaben zählen die Koordination der Retrodigitalisierung, das Drittmittel- sowie Projekt- und Prozessmanagement in den Bereichen Erhaltung, Verwaltung und Vermittlung historischer Bestände und Bernensia. Zudem vertritt sie die Interessen der Historischen Bestände innerhalb der UB Bern sowie in Fachgremien und digitalen Plattformen schweizweit und international.

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