«Die nächste Pandemie kommt hoffentlich nicht aus einem Berner Labor»

Kathrin Summermatter, die Leiterin des Berner Biosicherheitszentrum, war Teil eines Expertengremiums zu den Ursprüngen von Covid. Im Interview spricht sie über schwierige Zusammenarbeit mit China und erklärt, weshalb das Engagement für die WHO der Universität Bern wichtig ist.

Interview: Kaspar Meuli 07. April 2026

Interview Summermatten Portrait Labor
Bild: Transport von infektiösem Material im Hochsicherheitslabor BSL-3 des IFIK. © Pascal Gugler

Sie waren Mitglied der Scientific Advisory Group for the Origins of Novel Pathogens (SAGO), die für die WHO einen Bericht zu den Ursprüngen von Covid erarbeitet hat. Was sind die wichtigsten Schlüsse, zu denen Ihre Gruppe gekommen ist?  

Kathrin Summermatter: Wir wissen weiterhin nicht sicher, woher SARS-CoV-2 stammt, doch vieles spricht für einen tierischen Ursprung. Zu dieser Einschätzung kamen wir durch die Auswertung wissenschaftlicher Studien, die zum Beispiel genetische Vergleiche mit Coronaviren aus Tieren angestellt haben. Wir stützen uns zudem auf die Analyse früher Infektionsfälle sowie auf Gespräche mit Fachleuten. Auch alternative Hypothesen wie ein Laborursprung wurden geprüft. Insgesamt ergibt sich aus diesen verschiedenen Quellen das Gesamtbild, dass SARS-CoV-2 höchstwahrscheinlich vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. 

Sie haben internationale Labors besichtigt, aber ausgerechnet in China durften Sie sich nichts ansehen? 

Das stimmt, während der Pandemie war das nicht möglich. Das SAGO-Gremium hat sich mehrere Male darum bemüht, eine unabhängige Expertengruppe zusammenzustellen, die diese Laboratorien inspiziert hätte, doch das wurde uns verweigert.  

In einem Kommentar, den die SAGO in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlicht hat, heisst es: «Wenn die Welt wirklich verlässliche Antworten möchte, muss sie die Informationen und Daten liefern, die eine rigorose wissenschaftliche Forschung ermöglichen.» Das tönt ziemlich ernüchternd. 

Ja, wir hatten nur bedingt Zugang zu den Daten, die man gebraucht hätte, um die verschiedenen Themen abzuhandeln. Und es gab auch keine unabhängigen Analysen von gewissen Daten, die wir von China erhalten haben. Das war sicher eine Schwierigkeit. Die politische Situation während der Pandemie war sehr angespannt. China hat sich abgeschottet, und es gab keinen Informationsaustausch mehr.  

«SARS-CoV-2 ist höchstwahrscheinlich vom Tier auf den Menschen übergesprungen.»

Kathrin Summermatter

Wie konnte Ihre Gruppe in dieser politisierten Situation überhaupt arbeiten? 

Die 27 Expertinnen und Experten kamen aus verschiedenen Forschungsgebieten und stammten aus unterschiedlichen Ländern, darunter auch China. Zudem haben wir immer wieder Interviews auch mit chinesischen Forschenden geführt, die teilweise sehr offen waren und uns Daten zur Verfügung stellten. Allerdings war eine unabhängige Verifizierung dieser Angaben oft nicht möglich, beispielsweise bei Aussagen, dass alle Tiere in Nerzfarmen negativ getestet worden seien. Die fehlende unabhängige Verifizierung einzelner Daten stellt eine wichtige Unsicherheit dar. Dennoch stützt sich das Fazit auf eine breite Gesamtschau genetischer und epidemiologischer Hinweise. Ein tierischer Ursprung gilt daher als die plausibelste Erklärung, auch wenn keine absolute Sicherheit besteht. 

Wie sind Sie bei der SAGO mit den Verschwörungstheorien zum Ursprung von Covid umgegangen?  

Damit haben wir uns oft auseinandergesetzt. Wir haben entsprechende Berichte geprüft sowie Interviews und Präsentationen analysiert, die uns von Vertreterinnen und Vertretern solcher Theorien zur Verfügung gestellt wurden. Viele dieser Darstellungen waren spekulativ und erinnerten eher an fiktive Szenarien als an wissenschaftlich belastbare Hypothesen. Wichtig ist jedoch, dass wir solche Theorien nicht in jedem Detail absolut ausschliessen können, weil einzelne Daten nicht unabhängig verifiziert werden konnten. Entscheidend ist aber, dass es für diese Behauptungen keine belastbaren, überprüfbaren Belege gibt. Im Gegensatz dazu stützt sich die Einschätzung eines tierischen Ursprungs auf eine Vielzahl konsistenter wissenschaftlicher Hinweise. Daher haben wir diese als deutlich plausibler bewertet, ohne eine letzte absolute Gewissheit zu beanspruchen. 

Wurden Sie von Verschwörungstheoretikern auch persönlich angegriffen? 

Nicht wirklich. Wir haben zwar alle Mails bekommen, da unsere E-Mail-Adressen bekannt sind, aber darauf haben wir einfach eine Standardantwort gegeben und an die WHO verwiesen. 

Welches war eigentlich Ihre Rolle in diesem Gremium mit 27 Mitgliedern? Sie sind ja selbst keine Covid-Expertin... 

...nein, das bin ich nicht. Meine Expertise liegt bei der Biosicherheit. Natürlich hatte ich im Verlauf meiner Karriere viel mit Viren und anderen Mikroorganismen zu tun. Als Biosicherheitsexpertinnen und -experten sorgen wir dafür, dass Arbeiten mit gefährlichen Erregern sicher durchgeführt werden, indem wir Risiken bewerten und geeignete Schutzmassnahmen, Laborstandards und Prozesse definieren und überprüfen. Dazu gehört auch die Kontrolle von Laborinfrastrukturen und -abläufen, um Unfälle, Freisetzungen oder Infektionen zu verhindern.
Wir haben uns im Gremium mit verschiedenen Ursprungshypothesen kritisch auseinandergesetzt und versucht, diese im Gesamtkontext der verfügbaren Evidenz einzuordnen. Dabei haben wir unter anderem verschiedene Laboratorien angeschaut und da kamen meine technischen Kenntnisse ins Spiel. 

Weshalb war die WHO an Expertise ausgerechnet aus Bern interessiert? 

In der SAGO gab es drei Personen, die sich professionell mit Biosicherheit befasst haben, darunter ich. Grund dafür ist, dass wir an der Universität Bern in diesem Bereich in den letzten sechs, sieben Jahren eine gute wissenschaftliche Basis aufbauen konnten, da wir eng mit den verschiedenen Forschungsgruppen zusammenarbeiten. Am Institut für Infektionskrankheiten, wo ich arbeite, sind das Virolog:innen und Bakteriolog:innen. Zudem stehen wir in engem Kontakt mit dem Institut für Virologie und Immunologie der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern. Die Expertise im Bereich Biosicherheit, die der WHO wichtig war, beruht auf der engen Interaktion zwischen uns Sicherheitsfachleuten und den Forschenden. 

Sie haben ja schon vor Covid in WHO-Gremien mitgewirkt. 

Ja, ich bin seit 15 Jahren für Inspektionen zuständig, beispielsweise von Pockenlabors, die alle zwei Jahre inspiziert werden. Ich arbeite seit Langem eng mit einem wissenschaftlichen Experten an der WHO zusammen, der mich schliesslich auch gebeten hat, mich für die SAGO zu bewerben – und ich wurde gewählt. Gegenwärtig wird ein neues SAGO-Team zusammengestellt, aber da werde ich nicht mehr dabei sein. Ich konzentriere mich inzwischen auf meine Kernkompetenz und arbeite wieder für eine zweite Expertenkommission, die Technische Beratungsgruppe für Biosicherheit, in der wir die WHO in globalen Fragen der Biosicherheit unterstützen. 

Ist Ihr Engagement in der WHO auch für die Universität Bern hilfreich? 

Bestimmt. Auf der einen Seite bringt sie internationales Renommee, nicht zuletzt über den Schlussbericht und die «Nature»-Publikation. Auf der anderen Seite sind die guten internationalen Kontakte zentral, von denen wir im Bereich der Biosicherheit profitieren. Wir sind heute sehr gut vernetzt, und es ist uns gelungen, die Biosicherheitsexpertise der Universität Bern weltweit sichtbar zu machen. 

«Wir stellen sicher, dass die Menschen von den Erregern geschützt werden, mit denen in den Labors der Universität geforscht wird.»

Kathrin Summermatter

Zählt diese Sichtbarkeit auch bei der Rekrutierung von Mitarbeitenden? 

Am Biosicherheitszentrum selbst haben wir nicht so viele Personalwechsel. Doch die Universität Bern muss ja als Ganzes attraktiv sein für gute Leute. Gerade solche internationale Präsenz trägt zu dieser Attraktivität bei. 

Inwieweit schützt das Biosicherheitszentrum die Schweiz vor künftigen Pandemien? 

Zu sagen, wir schützen die Schweizer Bevölkerung vor einer Pandemie, wäre vielleicht etwas hochgegriffen. Doch wir stellen sicher, dass die Menschen von den Erregern geschützt werden, mit denen in den Labors der Universität geforscht wird. Erreger wie Covid, Monkeypox oder Tuberkulose, die grosse Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben können. Wir garantieren, dass diese Forschungsarbeiten mit den nötigen Sicherheitsmassnahmen gemacht werden. 

Der Auslöser einer nächsten Pandemie kommt also nicht aus einem Berner Labor? 

Das wollen wir doch hoffen! 

Zum Biosicherheitszentrum des Instituts für Infektionskrankheiten der Universität Bern

Das Biosicherheitszentrum (gegründet 2019 am IFIK der Universität Bern) bündelt umfassende Expertise in allen Bereichen der Biosicherheit und ist eng mit dem Betrieb des BSL-3-Labors im sitem-insel verbunden. Es arbeitet auf Basis nationaler Gesetze sowie internationaler Richtlinien (z. B. WHO, EU) und ist gut national und international vernetzt. 

Zu seinen Hauptaufgaben zählen Beratung und Unterstützung bei Risikobewertungen, Sicherheitsmassnahmen, Desinfektion und Versand biologischer Proben sowie bei Laborbauprojekten. Zudem entwickelt und implementiert es Biosicherheitskonzepte und führt Schulungen sowie Audits durch.

Weitere Informationen: https://www.ifik.unibe.ch/dienstleistungen/biosicherheitszentrum/index_ger.html 

Zur Person

© Adrian Mosimann

Kathrin Summermatter

ist Leiterin und Gründerin des Biosicherheitszentrums. Sie verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Betrieb von Sicherheitslabors und war mehrere Male als Expertin für die WHO tätig, um Labors in den USA und Russland zu inspizieren, in denen mit den hochansteckenden Pockenviren gearbeitet wird. 2021 wurde sie von der WHO als eine von 27 Expertinnen und Experten in ein Gremium zur Entstehung neuer Krankheitserreger berufen. 

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