Das Viererfeld wird zum Forschungslabor

3000 Menschen sollen bis in 20 Jahren auf dem Berner Viererfeld wohnen. Das Geographische Institut der Universität Bern hat nun eine Vielzahl von Forschungsprojekten lanciert, die den Wandel der Landreserve im Norden der Stadt in ein neues Quartier begleiten.

In wenigen Jahren ist Baubeginn für das Grossprojekt auf dem Viererfeld. Die Universität Bern begleitet das Grossprojekt mit verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten.

Über 19 Hektaren dehnt sich das Viererfeld vor der Volksschule Enge in Bern aus. In wenigen Jahren werden hier etappenweise Wohnraum für 3000 Personen und über 500 Arbeitsplätze entstehen. Nach einem jahrzehntelangen politischen Fingerhakeln mit mehreren Volksabstimmungen, die jeweils knapp ausgingen, ist das grösste Projekt für neuen Wohnraum in der Bundesstadt endlich in trockenen Tüchern.  

«Anpassungen sind kaum mehr möglich. Dennoch ist es interessant zu erforschen, wie das Bauprojekt die Lebensbedingungen der Menschen und die Umwelt verändert», sagt Stefan Brönnimann. Der Leiter der Einheit Klimatologie des Geographischen Instituts der Universität Bern hat mit seinen Kolleginnen und Kollegen das Viererfeld, das in Gehdistanz vom Institutsgebäude entfernt liegt, als Forschungsfeld entdeckt. Zwar hatte schon die Eawag, das Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs, mehrere Jahre lang Niederschlag und Temperaturen gemessen. Diese Erhebungen führt die Universität Bern jetzt weiter. Doch das Forschungsprojekt «UrbanLab» (vgl. Kasten) ist deutlich vielseitiger.  

Um das zu demonstrieren, lud das Geographische Institut Ende April zu einem «KooPéro» ins Schulhaus Enge ein, eine Möglichkeit für Information, Austausch und Begegnung. Eingeladen war die Nachbarschaft des geplanten Stadtteils: «Wir wollen wissen: Wo liegen ihre Prioritäten? Welche Fragen beschäftigen sie? Und wie steht sie zur Aussicht, während zwei Jahrzehnten neben einer Grossbaustelle zu wohnen?», erklärt Moritz Gubler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut und Dozent an der Pädagogischen Hochschule, die Ziele des Abends. 

Den kühlen Charakter bewahren 

Das Viererfeld ist nicht nur eine städtische Baureserve, die bis anhin landwirtschaftlich genutzt wurde. Die Parzelle ist mit dem teils dichten Baumbestand an den Rändern auch der kühlste Ort der Stadt. «Im Stadtzentrum versuchen wir, mit Begrünung, Regenwasserversickerung und Beschattungsmassnahmen gegen Hitzeinseln anzugehen. Hier hingegen erforschen wir, wie ein nachhaltiges Bauprojekt die bestehende Situation möglichst bewahrt», so Gubler. Am Viererfeld können Studierende und Dozierende in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen und Hochschulen praxisnah erforschen, was sonst nur in der Theorie möglich ist. Bemerkenswert ist zudem die 19 Hektaren grosse Fläche; bei anderen städtischen Projekten geht es häufig bloss um die Fläche von ein paar Parkplätzen.   

«Wir untersuchen, welche Arten von Aussenraum für Schulkinder attraktiv sind.»

Sophie Meyer, Projektmanagerin am Institut für Sozial und Präventivmedizin

UrbanLab Viererfeld

Ein UrbanLab ist ein gemeinsamer Lern- und Forschungsraum. Er bringt Menschen aus Wissenschaft, Verwaltung und Bevölkerung zusammen, um Fragen zur nachhaltigen Stadtentwicklung zu bearbeiten.

Das aktuelle UrbanLab der Universität Bern wird durch Engaged UniBE gefördert und erforscht transdisziplinär und multiperspektivisch, wie die ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsziele der Stadt Bern während und nach dem Bau des neuen Quartiers im Viererfeld erreicht werden können.

Dafür werden praxisnahe Daten aus der physischen Geographie, Biologie, Wirtschaft und Sozialwissenschaft erhoben. Zudem simuliert das Projekt die Wechselwirkungen zwischen den neuen Wohnstrukturen und Umweltfaktoren.

Die Ergebnisse sollen den Planerinnen und Planern wertvolle Impulse und Ansätze zur Weiterentwicklung ihrer Projekte liefern – und gleichzeitig den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis weiter stärken.

Das UrbanLab umfasst eine Vielzahl von Arbeiten, unter anderem jene von Anja Netzle. Die Studentin verteilte hunderte von Fragebögen in die Briefkästen rund um das Viererfeld, um herauszufinden, wo sich die Menschen besonders wohlfühlen und welche Orte im Quartier sie eher meiden. Daraus entstehen sogenannte «Mental Maps», die zeigen, welche Orte im Viererfeld besonders wertvoll sind. Als klarer Favorit hat sich die alte Allee herausgestellt. Von ihr aus hat man zudem an klaren Tagen das Alpenpanorama vor sich. Den Waldrand auf der entgegengesetzten Seite, wo Tierhalter oft ihren Hund austoben lassen, nehmen hingegen viele als eher unangenehm wahr. «Denkbar wäre, diese Umfrage während des Baufortschritts zu wiederholen und so zu gewährleisten, dass die Umgebung nicht an Qualität verliert», sagt Netzle. Nebenbei notierten etliche Antwortende in der Umfrage Erinnerungen, die sie oder ihre Eltern an das Viererfeld hatten. «Als Kind gruben wir in der Nacht Kartoffeln aus und stibitzten sie», schrieb eine der befragten Personen aus der Nachbarschaft. Einer anderen hatten die Eltern von der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) erzählt, die 1928 auf dieser Parzelle stattgefunden hatte. 

Mit Details zur Lebensqualität beitragen 

Mit dem Wasserhaushalt auf der Landreserve beschäftigt sich in ihrer Bachelorarbeit die Studentin Aline Huber: «Ich untersuche, wie die blau-grüne Infrastruktur, also die Wasser- und Grünflächen innerhalb der Siedlung, gestärkt werden kann.» Huber berechnet den aktuellen Niederschlag auf dem offenen Viererfeld und vergleicht ihn mit den Prognosen. Immerhin soll bis zur Hälfte der Fläche offen und zugleich öffentlich, also als Park für die gesamte Bevölkerung zugänglich sein. «Idealerweise kann ich Handlungsempfehlungen liefern, um noch mehr Versickerung und Begrünung zu ermöglichen», meint Huber. Zwar sei das Bauprojekt bewilligt und könne nur noch in Details angepasst werden. Doch eine Fassadenbegrünung könnte auch jetzt noch berücksichtigt werden und später das Mikroklima verbessern. 

Wie interdisziplinär im Viererfeld gearbeitet wird, zeigt schliesslich Sophie Meyer, Projektmanagerin am Institut für Sozial- und Präventivmedizin. Sie ist Co-Betreuerin einer medizinischen Doktorarbeit, die untersucht, wie Schulkinder den öffentlichen Raum nutzen. Dabei werden Schulklassen der Volksschule Enge aufgefordert, Orte im öffentlichen Raum fotografisch festzuhalten, an denen sie sich im Sommer gerne aufhalten. Die Bilder sollen Hinweise dazu liefern, wie Aussenräume in der neuen Siedlung idealerweise gestaltet sind, damit sie in der stetig heisser werdenden Jahreszeit von Kindern und Jugendlichen genutzt werden und so zu ihrer Gesundheit beitragen. 

Die Bevölkerung hofft auf eine Aufwertung 

Wenn jetzt Wohnraum für 3000 Menschen und einige 100 Arbeitsplätze entstehen, welche Folgen hat das für das Quartier und seine Bevölkerung? «Vielleicht wird das Angebot an kleinen Geschäften wieder grösser, so wie man es in der Länggasse kennt», hofft ein Anwohner, der schon seit seiner Kindheit im Quartier wohnt. Auch seine Begleiterin hat keine Vorbehalte gegenüber den Neuzuzüger und Neuzuzügerinnen. Sie selbst stamme aus Biel und habe bei ihrem Umzug in die Stadt Bern die Distanz der ansässigen Bevölkerung am eigenen Leib gespürt: «Man muss in Bern zur Schule gegangen sein, sonst ist man keine echte Bernerin», sei ihr einmal klargemacht worden.  

«Vielleicht entstehen attraktive Alterswohnungen, so könnte ich im Quartier bleiben.»

Anwohnerin Viererfeld 

Von sich selbst sagt die Anwohnerin, sie schätze jedoch die Durchmischung. Mehr Respekt hat sie vor den zu erwartenden Lastwagenfahrten, dem Lärm und Staub während der Bauphase. Gleichzeitig räumt sie ein, dass der Altersdurchschnitt im Quartier zwei Kilometer nördlich vom Hauptbahnhof durchaus eine Auffrischung vertrage. Die Teilnehmerin stehe kurz vor der Pensionierung und fühle sich wohl hier. «Doch ob ich auch in zehn, fünfzehn Jahren noch die Treppe in den ersten Stock hochkomme, weiss ich nicht.» Gerne würde sie im Quartier wohnen bleiben und hoffe deshalb, dass im Viererfeld auch attraktive Alterswohnungen entstehen.

Am «KooPéro» Ende April hörten sich die  Forscherinnen und Forscher die Erwartungen der lokalen Bevölkerung an und informierten über ihre Begleitprojekte.

Auch ein Vertreter von «Pluto», einer Notschlafstelle für 14- bis 23-Jährige, nahm am KooPéro teil. Der aktuelle Standort von «Pluto» in der Nachbarschaft sei ideal: «Nicht zu peripher, nicht zu nah am Stadtzentrum.» Doch wenn in nächster Nähe Wohnraum für junge Familien entsteht, könnten Konflikte mit den Benutzerinnen und Benutzern der Notschlafstelle entstehen. Dies macht deutlich, dass unterschiedliche Nutzungsansprüche im Quartier nicht einfach nebeneinander bestehen, sondern aktiv ausgehandelt werden müssen. Jeannine Wintzer, die als Sozialgeographin am Projekt beteiligt ist, betont, dass Formen des Zusammenlebens entwickelt werden sollen, um marginalisierte Gruppen wie Jugendliche nicht weiter an den Stadtrand zu drängen, sondern als Teil der Nachbarschaft mitzudenken. 

Erst in zwei Jahrzehnten wird definitiv klar sein, ob die Überbauung Viererfeld die Hoffnungen erfüllt oder ob die skeptische Zurückhaltung berechtigt war. Und ob kleine Läden oder gar ein Wochenmarkt entstehen, der dazu beiträgt, das neue Quartier mit der Bevölkerung der benachbarten Strassenzüge zu vermischen. Die heutigen Studierenden werden dann längst weitergezogen sein, auch «Pluto» hat bis dann wohl eine neue Bleibe gefunden. Projektleiter Stefan Brönnimann räumt ein, dass es einen Vorher-Nachher-Vergleich nur in Ausnahmefällen geben werde. «Aber als Forschungs- und Lernlabor ist das Viererfeld enorm vielfältig – und vielleicht werden in 20 Jahren ja andere das Thema wieder aufnehmen und die Situation am Ende des Bauprojekts mit den heutigen Erhebungen vergleichen.» 

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