Beat Jans über den «schweizerischsten aller Jobs»

Politikwissenschaftler Adrian Vatter empfing Beat Jans in seiner Vorlesung «Politisches System der Schweiz». Im Austausch mit den Studierenden präsentierte sich der Magistrat als Mensch, der aus voller Überzeugung Bundesrat ist.

Rektorin Virginia Richter und Politologe Adrian Vatter (rechts) nahmen Bundesrat Beat Jans an der Universität Bern in Empfang.

Jahr für Jahr gelingt es dem Berner Politikprofessor Adrian Vatter, dass sich eine Bundesrätin oder ein Bundesrat für die Fragen der Studierenden seiner Vorlesung «Politisches System der Schweiz» Zeit nimmt. Als Bundesrat Beat Jans mit Adrian Vatter den Hörsaal betritt, verstummen die Studierenden schlagartig. Bis der Gong für den Vorlesungsstart erklingt, warten sie fast schon andächtig. 

Nach der Begrüssung durch Politologe Adrian Vatter ergreift Rektorin Virginia Richter das Wort: Sie streicht die Internationalität der Universität Bern in der Bundesstadt hervor, zu der die Einladung von Jans bestens passe. Schliesslich stehe dieser für eine offene Schweiz.
 

Virginia Richter begrüsst Beat Jans und die Studierenden im Vorlesungssaal.

Dann ist es an Jans, eine Rede an die Studierenden zu richten und seine Arbeit als Bundesrat vorzustellen. Und er sagt: «Wer einfache Lösungen verspricht, hat unser politisches System nicht verstanden.»

Immer wieder werde der schweizerische Kantönligeist in Frage gestellt, im Sinne von: Ist dieser noch zeitgemäss? Dazu vertrete er eine klare Antwort: Er sei erklärter Fan des Föderalismus. Der aber sei nichts für schwache Nerven. Laut Jans ist das staatliche Organisationsprinzip nicht als Zustand zu verstehen, sondern als ein Arbeitsmodus. Einer, bei dem nach Konkordanz gesucht werde, um unterschiedliche Standpunkte auszubalancieren. «Gerade in unseren Zeiten, in denen Mächtige weltweit Macht alleinig beanspruchen, und in einer Welt, die kleiner, komplexer, dichter wird», sagt Jans.

Bundesrat Beat Jans ging in seiner Rede auf das staatliche Organisationsprinzip als Arbeitsmodus ein.

Der Basler Politiker sieht die Bevölkerung als seine Chefin. Damit diese eine möglichst gute Grundlage für ihre Entscheidung bei Abstimmungen und Wahlen besitze, seien die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger umfassend zu informieren – im Bestreben, dabei möglichst allen Standpunkten gerecht zu werden. «Bundesrat ist der vielleicht schweizerischste aller Jobs», sagt Jans.

Das Bundesratszimmer als Escape-Room

Seine Werte seien Rechtsstaatlichkeit, Wissenschaftlichkeit, Chancengleichheit, Freiheit, Solidarität und Nachhaltigkeit und gemäss diesen studiere er die ihm vorgelegten Traktanden. Fehle darin die Berücksichtigung eines zentralen Werts, beginne er mit seinen sechs Amtskolleginnen und Amtskollegen zu diskutieren. «Kennen Sie die Escape-Rooms? So fühlt es sich manchmal im Bundesratssitzungszimmer an», sagt Jans. Man könne es nicht verlassen, bis man gemeinsam eine Lösung gefunden habe.

«Mit der Deckelung auf 10 Millionen Einwohnende wird kein Sitzplatz im Zug frei, keine Miete billiger und kein Stau löst sich auf.»

Beat Jans

Für ihn sei derzeitig die Aufklärung bezüglich der SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» vorrangig. Er nutze jede Gelegenheit, die Menschen über die gravierenden Folgen einer Annahme aufzuklären – etwa hinsichtlich des Abkommens über die Personenfreizügigkeit mit der EU. «Und ich nutze die Gelegenheit auch hier, da müssen Sie hindurch.» Eine drastische Folge für die hier Anwesenden wäre, an internationalen Forschungsprogrammen nicht mehr teilnehmen zu können.

Das Publikum erfuhr von Beat Jans auch, was mit der Annahme der Initiative «Keine 10-Millionen-Initiative-Schweiz!» auf die Forschung zukommen würde.

Die Initiative verschiebe die Ursache bestimmter Probleme auf eine falsche Begründung und stelle sich als eine zu einfache Lösung dar, denn, so Jans: «Mit der Deckelung auf 10 Millionen Einwohnende wird kein Sitzplatz im Zug frei, keine Miete billiger und kein Stau löst sich auf.»

Der Welt täte es gut, ein wenig zu verschweizern

Der SP-Bundesrat wirkt nahbar. Zumal er gleich zu Beginn einräumt, aufgrund seines Auftrittes hier nervös zu sein. Er scheint die Haltung zu vertreten, dass ihm als Bundesrat nicht selbstverständlich Respekt zusteht. Er zeigt sich zudem verantwortungsbewusst und mit Forschungsergebnissen aller Art vertraut , aber auch anhand seiner eigenen Erfahrungen argumentierend. Schliesslich sei jeder geprägt durch diejenige Welt, in der er oder sie lebe.

Seine Rede beschliesst er mit einem umformulierten Zitat von Friedrich Dürrenmatt: «Die Welt wird nicht untergehen, aber vielleicht würde es dieser guttun, ein wenig zu verschweizern.»

Was ihn persönlich beim Antritt in den Bundesrat am meisten überraschte? Die Zusammenarbeit mit den Medien, so Beat Jans.

Bevor Adrian Vatter das Podium eröffnet, möchte er von seinem Gast wissen: «Was hat Sie persönlich am meisten überrascht, nachdem Sie Ihre Arbeit im Bundesrat aufgenommen hatten?» Die Zusammenarbeit mit den Medien laufe nicht optimal, antwortet Jans, das habe ihn überrascht. Unbegründete Angriffe oder solche auf seine Person lasse er jedoch an sich abprallen. Seine Vorgängerin im EJPD habe ihn vorgewarnt, dass es nicht einfach werden würde, den unfairen Kritikern zu trotzen. Den Vorwurf, alles gehe zu langsam, hätten sich auch schon viele Innenministerinnen und Innenminister anderer Staaten stellen müssen.

«Kennen Sie die Escape-Rooms? So fühlt es sich manchmal im Bundesratssitzungszimmer an.»

Beat Jans

Zusammen mit ihrer Professorin Rahel Freiburghaus sind auch Studierende der Université de Lausanne anwesend – und stellen ihre Fragen in französischer Sprache. Beat Jans Antworten in fliessendem Französisch sind eine Botschaft an alle angehenden Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler im Raum: Wer erfolgreich in der Politik arbeiten will, sollte die Sprache der Romands beherrschen.

Mitunter wurden auch Fragen zu heiklen Themen gestellt: So beschäftigten sich einige Studierende mit den Pro-Palästina-Demos und der Strafverfolgung von Teilnehmenden, zumal persönliche Daten preisgegeben worden seien. Jans nahm diese Sorge ernst und begründete das Vorgehen der Behörden mit dem Argument, dass Gewalt wie an der besagten Demo in Bern nicht geduldet werden könne.

Teil dieser speziellen Vorlesung mit Gästen aus dem Bundesrat ist jeweils die offene Fragerunde.

Die Frage nach dem Datenschutz greife allerdings weiter, und zwar bis zum Thema der organisierten Kriminalität. Gemäss Jans müsse der Staat unter gewissen Umständen dieselben Mittel einsetzen dürfen wie organisierte Kriminelle. Dies mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Bevölkerung transparent darüber informiert werde.

Auch nach dem Anlass nahm sich Beat Jans noch Zeit für Gespräche mit den Studierenden.

Während der Podiumsdiskussion zeigt sich Beat Jans als ein Mensch, der seinem Gegenüber immer eine Chance einräumt, mit seinem oder ihrem Argument richtig zu liegen. «Würde ich das nicht in Erwägung ziehen, dann hätte ich den falschen Job.»

Und dafür muss die Zeit auch noch reichen: Für Selfies.

Zum Institut für Politikwissenschaft (IPW) der Universität Bern

Das IPW ist eines der führenden politikwissenschaftlichen Institute der Schweiz und gehört gemäss CHE-Excellence-Einstufung zur Spitzengruppe in Europa. Es beheimatet Grundlagenforschung und praxisrelevante Auftragsforschung. Deren Kernbotschaften sind Bestandteile der angebotenen Studiengänge Bachelor «Sozialwissenschaften» sowie Master «Politikwissenschaft» und Master «Schweizer Politik und Vergleichende Politik». Schwerpunkte in der Lehre und Forschung sind schweizerische Politik, vergleichende Politikwissenschaft, europäische Politik, Policy-Analyse, Klima-, Energie- und Umweltpolitik sowie die Einstellungs- und Verhaltensforschung im Rahmen der politischen Soziologie. Zudem offeriert das IPW Dienstleistungen für die Öffentlichkeit wie etwa das Année Politique Suisse.

Neu: Bachelor Politik- und Verwaltungswissenschaft

Das BA-Studium der Politik- und Verwaltungswissenschaft bietet eine umfassende Ausbildung über politische Systeme, Institutionen und administratives Management. Die Vorteile dieser Kombination sind vertieftes Verständnis von politisch-administrativen Strukturen; Entwicklung analytischer Fähigkeiten für politische Probleme und Verwaltungsmanagement; breite Karrieremöglichkeiten in Behörden von Exekutive, Legislative und Justiz, Unternehmen, Nichtregierungsorganisationen, Nonprofit-Organisationen und Medien sowie Vorbereitung auf internationale Karrieren mit einem Verständnis für globale politische Dynamiken. Der interfakultäre Studiengang ist eine Zusammenarbeit zwischen der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen sowie der rechtswissenschaftlichen Fakultät.