Was eine Erzählung über religiösen Humor verrät

In ihrer Geschichte haben Juden, Christen und Muslime mehr übereinander als miteinander gelacht. Eine Legende über drei Reisegefährten gibt Einblick in die Hintergründe.

Text: Katharina Heyden 02. Dezember 2025

Ein Muslim, ein Christ und ein Jude sind gemeinsam unterwegs, finden ein Geldstück und kaufen davon einen Kuchen. Der Jude schlägt vor, dass derjenige, der in der Nacht den besten Traum habe, den Kuchen bekommen soll. Am Morgen erzählt der Muslim, wie Muhammad ihn durch das Paradies geführt habe. Der Christ berichtet, dass Jesus ihm die Hölle gezeigt habe. Der Jude sagt: «Moses nahm mich bei der Hand und sagte: ‹Dein muslimischer Begleiter ist im Paradies, dein christlicher Begleiter ist in der Hölle. Also iss den Kuchen ohne Bedenken.› Das habe ich getan.»

Unklarer Ursprung und Stereotypen

Wir wissen nicht, ob diese Geschichte eine jüdische, muslimische oder christliche Erfindung ist. Die hier wiedergegebene Version findet sich in einer arabischen Sammelhandschrift aus dem 19. Jahrhundert, die heute in der Bibliothéque Nationale in Paris aufbewahrt wird. Ist sie ein Beispiel für den berühmten «jüdischen Humor»? Oder eine sarkastische Polemik aus der Feder von Muslimen oder arabischen Christen, die das polemische Motiv vom trickreichen Juden bedient, der seinen Vorteil aus der religiösen Ernsthaftigkeit der anderen zieht?

Diese Frage konfrontiert uns nicht nur mit Lücken in der Überlieferung und Grenzen historischen Wissens, sondern auch mit Stereotypen über die drei Religionen und deren Verhältnis zu Humor. Der witzelnde Jude, der sich trickreich durchs Leben stiehlt. Die verbissene Christin, der die Angst vor göttlichen Strafen das Lachen verdirbt. Der humorfeindliche Muslim, der seine Lebensfreude der Hoffnung auf ein lustvolles Paradies opfert. Verbreitet ist auch die Vorstellung, dass Muslime und Christen hinter jedem Scherz Blasphemie vermuten, während Juden die Meister satirischer Sprüche über ihren eigenen Gott seien. Wie alle Stereotypen sind auch diese weder vollkommen zutreffend noch ganz zufällig.

Ein Produkt sozialer Konflikte

Das Spektrum von Humor ist in allen drei Religionen breit. Es reicht von befreiendem Lachen über die Unzulänglichkeiten des Lebens und selbstironische Distanz zu religiösen Geboten über satirische Brechungen eigener und fremder Vorstellungen von Gott und Heiligkeit bis hin zu subversivem Sarkasmus im Blick auf religiöse Hoffnungen und höhnischen Spott über die Lebensregeln und Gottesvorstellungen der anderen. Das Christentum kennt heilige Narren und das Osterlachen in der Kirche. Der Islam ist reich an humorvollen Erzähltraditionen. Eine davon besagt, dass die Weisheitszähne des Propheten Muhammad beim Lachen sichtbar gewesen seien. Und der jüdische Humor ist wohl auch eine Überlebensstrategie in der langen Geschichte von Unterdrückung und Verfolgung.

«Der lachende Dritte ist nicht nur eine religiöse Witzfigur, sondern auch ein Produkt sozialer Konflikte.»

Katharina Heyden

Ein Blick in verschiedene Ausgestaltungen der Geschichte von den drei hungrigen Gefährten und ihren religiösen Träumereien gibt Aufschluss über die ambivalente Funktion und Wirkung von Humor in der verwickelten Geschichte der drei Religionen. Denn der Erzählplot ist sehr viel älter als die arabische Handschrift in Paris. Die Geschichte kursierte seit der Antike in allen drei Gemeinschaften und wurde immer wieder neu an die jeweiligen humoristischen Bedürfnisse angepasst. Damit ist sie eines von zahlreichen Beispielen dafür, wie Juden, Christen und Muslime ihre Konkurrenz in Erzähltraditionen verhandeln, die sie gemeinsam produzieren. Der lachende Dritte ist nicht nur eine religiöse Witzfigur, sondern auch ein Produkt sozialer Konflikte, wie es der Soziologe Georg Simmel in seinen Arbeiten zur gesellschaftsbildenden Funktion von Streit beschrieben hat.

Spott als Widerstand gegen Macht

In einer auf das frühe Mittelalter zurückgehenden Sammlung jüdischer Spottgeschichten über Jesus, den «Toledot Jeshu», konkurrieren die drei Gefährten nicht um einen Kuchen, sondern um einen Braten. Jesus und seine beiden Jünger Judas und Petrus bekommen von einer Gastgeberin eine Gans vorgesetzt. Jesus aber meint, dass sie zu klein sei für drei hungrige Esser. Wer also in der Nacht den besten Traum habe, solle den Braten für sich allein bekommen. Am Morgen berichtet Petrus, er habe im Traum neben dem Thron des Sohnes Gottes gesessen. Jesus entgegnet: «Ich bin der Sohn Gottes, und ich habe geträumt, dass du neben mir sitzt. Also bin ich in meinem Traum besser als du in deinem, und die Gans gehört mir.» Judas aber sagt schlicht: «Ich habe die Gans im Traum gegessen.» Und tatsächlich muss Jesus feststellen, dass dieser Traum über Nacht Wirklichkeit geworden ist.

Jesus erscheint hier als egoistischer und siegessicherer Herrschertyp, der nicht nur Anspruch auf den Braten, sondern auch auf unendliche Macht erhebt, aber am Ende als Verlierer dasteht. Das könnte eine subversive Art sein, wie Juden humorvoll der Unterdrückung in christlichen Herrschaften begegneten.

Allerdings ist diese Version der Geschichte nur in einer lateinischen Quelle aus dem Jahr 1705 überliefert. Der christliche Herausgeber sagt in seinem Vorwort, dass er mit der Veröffentlichung der Spottlegenden die «Nutzlosigkeit der Juden» an die Öffentlichkeit bringen wolle. Was also im geschützten Raum einer jüdischen Gemeinschaft möglicherweise über viele Generationen als subversive Belustigung über die christlichen Machthaber funktionierte, wird der christlichen Öffentlichkeit irgendwann in antijüdischer Wendung als gefährliche Blasphemie präsentiert. Wie schnell solche Vorwürfe in Gewalt ausarten können, wissen wir nicht nur aus der fernen, sondern auch aus der jüngeren Vergangenheit.

Überlegene Bescheidenheit

Andere Christen haben denselben Erzählplot zu einer erbaulich-erheiternden Bildungsgeschichte umgemünzt. In einer spätmittelalterlichen Sammlung von Beispielgeschichten zur moralischen Erbauung, den «Gesta Romanorum», dient die Geschichte nicht allein dem christlichen Überlegenheitsanspruch, sondern auch der Erziehung zu christlicher Bescheidenheit. Hier geht es nur um ein Stück Brot. Der erste Gefährte repräsentiert Sarazenen und Juden, die in ihren religiösen Träumen vom Paradies schwelgen. Der zweite Gefährte ist der reiche Christ, der mit Höllenstrafen rechnen muss. Allein der bescheidene Christ geht als Gewinner aus dem religiösen Kampf ums Essen hervor. Jedoch: Ganz so bescheiden kann er nicht sein, denn die Spielregeln wurden von ihm vorgeschlagen.

uniAKTUELL-Newsletter abonnieren

Entdecken Sie Geschichten rund um die Forschung an der Universität Bern und die Menschen dahinter.

Die ausführlichste und kunstvollste Version der Geschichte bietet der persische Poet Dschalal ad-Din Rumi (1207–1273) in seinem «Masnawi». Das Objekt des Begehrens ist jetzt eine Süssigkeit, Halwa. Diesmal ist der Muslim derjenige, der den Traumwettkampf vorschlägt. Er hat den ganzen Tag gefastet, während der Christ und der Jude sich die Bäuche vollgeschlagen haben. Daher schlägt der hungrige Muslim vor, den Kuchen zu teilen. Aber Christ und Jude sind so satt und zugleich so unersättlich, dass sie ablehnen. Sie einigen sich auf den Traumentscheid. Am Morgen erzählt der Jude, wie er von Moses auf den Berg Sinai geführt und von einer Lichtwolke umgeben worden sei. Der Christ kontert mit dem Bericht seiner Entrückung mit Jesus in den vierten Himmel. Daraufhin begründet der Muslim seinen nächtlichen Verzehr der Halwa damit, dass Muhammad ihm im Traum gesagt habe: «Oh, Du, der Du zurückgelassen wurdest von den beiden und Ungerechtigkeit erfahren hast, steh’ wenigstens auf und stärke Dich an der Süssigkeit.»

Rumi schreibt für eine muslimische Leserschaft in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften. In diesem Kontext liest sich die Geschichte vom lachenden Dritten wie eine Legitimation der herrschenden Machtverhältnisse. Während Jude und Christ sich in den schönsten Jenseitshoffnungen ergehen, soll der Muslim wenigstens im Diesseits profitieren.

Ein Spiegel der gesellschaftlichen Anerkennung

Judentum, Christentum und Islam haben ihre ambivalenten humoristischen Potenziale in einer langen gemeinsamen Geschichte miteinander und gegeneinander ausgeprägt. Der religiöse Bezug auf ein göttliches Gegenüber kann humorvolle Distanz zu sich selbst und zur Welt fördern, jeglichen Witz über Gott und dessen Verehrung als Blasphemie verurteilen oder sich spöttisch über Andersgläubige erheben. Welche Potenziale von Humor zur Entfaltung kommen, liegt nicht nur am individuellen Humorlevel, sondern auch an der sozialen Stellung und Anerkennung der Religionsgemeinschaften in einer Gesellschaft.

Zur Person

Katharina Heyden

ist seit 2014 Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Sie rief gemeinsam mit dem Historiker David Nirenberg (IAS, Princeton) die internationale Forschungsinitiative «Interactive Histories, Coproduced Communities: Judaism, Christianity and Islam» ins Leben und erhielt 2023 für ihre Forschungen zu religiöser Koproduktion einen SNSF Consolidator Grant.

Was bringt Sie zum Lachen?

«Situationskomik, Selbstironie und die Erinnerung daran, wie meine Schwester in einem Lachkrampf daran scheitert, mir am Telefon einen Witz zu erzählen.»