16.11.2022 | Universität | Geist & Gesellschaft

«Eine Vorlesung ist keine Predigt»

Katharina Heyden ist Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und ordinierte Pfarrerin. Sie forscht insbesondere zu interreligiösen Begegnungen. Ihr Forschungsmaterial bezieht sie aus Textquellen, Kunst und Archäologie.

Interview: Béatrice Koch

Frau Heyden, wie kamen Sie zu Ihrer Professur?

Katharina Heyden: Klassischerweise heisst diese Professur «Ältere Kirchen- und Dogmengeschichte». Die Bezeichnung «Geschichte des Christentums» zeigt, wie sich das Fach in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat: Es geht nicht mehr nur um die Geschichte der Kirchen, die sich durchgesetzt haben, sondern um die aller Personen und Institutionen, die sich dem Christentum zugehörig fühlen. «Interreligiöse Begegnungen» ist ein Schwerpunkt, den die Berner Theologische Fakultät für die Neuausschreibung der Professur gewählt hat. Damit soll die Wechselbeziehung des Christentums mit anderen Religionen, vor allem mit dem Judentum und dem Islam, stärker unter- sucht werden. Eine solche Professur gibt es an anderen Unis noch nicht. Für mich hat das gut gepasst, weil ich mich bereits in meiner Dissertation und meiner Habilitation mit inter- religiösen Themen befasst habe .

Wie sind Sie an die Uni Bern gekommen?

Zunächst war es Zufall: Ich habe mich 2013 beworben, weil hier gerade eine Professur ausgeschrieben war und es in meinem Fach nur sehr wenige Stellen gibt. Der Zufall erwies sich aber als Glücksfall: Die Uni Bern bietet gerade jüngeren Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ein spannendes, offenes Umfeld mit vielen Möglichkeiten für interdisziplinäre Forschung. Ein Nachteil im Vergleich zu vielen anderen Universitäten ist allerdings, dass wir weniger Forschungssemester haben.

Wie erklären Sie einem Kind Ihre Arbeit?

Ich besuche Bibliotheken, Handschriftenabteilungen und Museen oder reise in der Welt herum, immer auf der Suche nach Spuren des Christentums, von den Anfängen bis ins 15. Jahrhundert. Dabei überlege ich mir, was im Hinblick auf die Fragen, die uns heute beschäftigen, interessant sein könnte. Ich analysiere diese Quellen, recherchiere weiter und verfasse eigene Artikel und Bücher darüber. Letztlich geht es um die Frage: Was können wir aus der Geschichte lernen?

Dafür nutze ich nicht nur Texte, sondern auch Quellen aus der bildnerischen Kunst und der Archäologie; also alle Spuren, die das Christentum im Leben und Denken der Menschen hin- terlassen hat. Ich frage mich: Wie hat sich das Christentum in ständiger Auseinandersetzung mit seiner Umwelt entwickelt? Was hat heute noch Bestand, und was ist passé?

Wie finden Sie Ideen für neue Forschungsprojekte?

Einerseits begegnet mir das Material, das ich bearbeite, auf Schritt und Tritt. Ich besuche in den Ferien eine Kirche oder stolpere zufällig über eine interessante Handschrift. Die Idee kann ganz plötzlich kommen oder sich im Gespräch mit Kol- legen und Kolleginnen ergeben. Natürlich gibt es auch wichtige Themen, die an die Wissenschaft herangetragen werden. So hat die Uni Bern in ihrer Strategie mehrere Schwerpunkte formuliert, darunter «Inter- kulturelles Wissen». Hier stellt sich die Frage, was ich in meinem Fach dazu beitragen kann.

Welche Rolle spielt Interdisziplinarität in Ihrem Fachgebiet?

Eine sehr wichtige. Die Theologie war schon immer interdisziplinär, sie hat Bezüge zu Text- und Literaturwissenschaften, zu Kulturwissenschaften und zur Philosophie. In meinem Fach ist Interdisziplinarität besonders ausgeprägt. Aber es gibt immer noch Theologen und Theologinnen, die meinen, sie könnten alle relevanten Aspekte der Religionen selbst bearbeiten. Ich hingegen bin der Meinung, es braucht die Fachleute der anderen Fächer. Interdisziplinarität ist notwendig und lehr- reich – und macht Spass! Aber sie ist nicht selbstverständlich und nicht immer einfach.

Welchen Schwierigkeiten begegnen Sie bei Ihrer Forschung?

Der unmittelbare Nutzen der Geisteswissenschaften ist nicht so einfach zu erklären wie zum Beispiel derjenige der Medizin. Die Uni Bern hat 2018 drei grosse Interfakultäre Forschungskooperationen eingerichtet. Das war sehr kompetitiv, hat aber für mein Gebiet gut geklappt: Wir haben Mittel bekommen für die Forschungskooperation «Religious Conflicts and Coping Strategies». Als es aber darum ging, einen nationalen Forschungsschwerpunkt zu etablieren, drang kein Antrag aus den Geisteswissenschaften durch. Unsere Fächer bieten halt selten einfache Antworten oder gar praktikable Lösungen für die komplexen menschlichen Probleme unserer Zeit. Häufig geht es eher darum, auf die Komplexität hinzuweisen. Unsere Gesellschaft ist es gewohnt, in Modellen, Zahlen und Formeln zu denken. Als Geisteswissenschaftlerin versuche ich manchmal, mich dieser Denk- weise anzupassen. Aber es funktioniert nicht immer. Für die Theologie kommt hinzu, dass sie selbst unter den Geisteswissenschaften den Ruf hat, mehr Ideologie als Wissenschaft zu sein. In meinem Feld ist dieser Vorwurf zum Glück nicht so stark, weil wir mit denselben Methoden arbeiten wie andere Historiker und Historikerinnen.

Was zeichnet Ihre Forschungen aus im Vergleich zu anderen Gebieten?

Mein Ansatz ist es, mit den Fragen der Gegenwart die Vergangenheit zu untersuchen. Nicht alle Theologinnen und Historiker finden das richtig. Manchen geht es darum, ein bestimmtes Jahrhundert oder die Ideen eines Theologen besonders gut zu verstehen. Ich aber frage mich immer auch, welche Rolle die Religion heute spielt, wo sie in heutigen Konflikten zu finden ist und was das alles mit ihrer Geschichte zu tun hat. Mein neuestes Forschungsprojekt, das ich in Kooperation mit dem Institute for Advanced Study Princeton durchführe, befasst sich mit der These, dass Christentum, Judentum und Islam ohne die jeweils anderen Religionen nicht zu verstehen sind, weil sie in der Geschichte immer miteinander verwoben waren. Das ist für die heutige Gesellschaft wichtig zu begreifen. Da geht es etwa um die Frage, ob der Islam zu Europa gehört. Und den neuen Antisemitismus kann man besser bekämpfen, wenn man die Geschichte des Antijudaismus in Christentum und Islam kennt. Ich kann also moderne Probleme mit historischem Wissen besser angehen – auch wenn die Geschichte nie einfache Antworten auf heutige Fragen bereithält.

Warum sollte ein junger Mensch heute noch Theologie studieren?

Theologie ist ideal für Leute, die sich für die Geheimnisse des Menschseins interessieren, die gerne philosophieren, auch über Dinge, die man nicht sehen kann, und die nach dem Sinn des Lebens fragen. Vielleicht ist Theologie das letzte Universalfach: Man lernt Sprachen, Geschichte, Philosophie, logisches Denken, empirische Forschungsmethoden und praktische Fertigkeiten. Die Geschichte des Christentums ist kein Inselfach, sondern hat viele Bezüge zu anderen Disziplinen. Und Theo- logie ist ein Fach, in dem man interessante Studierende antrifft, oft ganz tatkräftige und zugleich empfindsame Persönlichkeiten.

Gibt es etwas, das Sie bei Ihrer Arbeit ärgert?

Mich regt auf, dass der Theologie heute noch das Image anhaftet, sie sei keine echte Wissenschaft. Das stimmt längst nicht mehr. Weil sie selbst lange und heftig infrage gestellt wurde, ist die Theologie heute so selbstreflektiert und methodenstark wie kaum eine andere Wissenschaft. Das alte Image muss man bei Vorträgen und in Diskussionen häufig erst aus dem Weg räumen. Was mich vor diesem Hintergrund dann besonders ärgert, sind theologische Beiträge, die es eben doch so machen wie früher und nicht trennen zwischen Universität und Kirche. Dabei sind das zwei verschiedene Räume, in denen auf unterschiedliche Weise gedacht und gesprochen werden soll. Eine Vorlesung ist keine Predigt.

Welche offenen Fragen würden Sie gerne noch beantworten?

Einerseits die Frage, unter welchen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen Religionen, insbesondere das Christentum, ihre friedensfördernden beziehungsweise kriegstreibenden Kräfte entfalten. Jede Religion hat das Potenzial für beides; noch offen ist, warum mal die eine, mal die andere Kraft zum Tragen kommt. Andererseits beschäftige ich mich, wie bereits er- wähnt, in Zusammenarbeit mit Princeton mit der gemeinsamen Religionsgeschichte von Christentum, Judentum und Islam.

Was tun Sie, wenn Sie nicht arbeiten?

Das Nachdenken über mein Fachgebiet begleitet mich überallhin. Daneben mache und höre ich gern Musik und liebe Literatur. Dank den Interessen meiner Kinder habe ich viel mit Malerei, Modedesign und Sport zu tun. Seit Corona experimentiere ich gerne, wenn auch nicht immer erfolgreich im Garten. Ich kann Hobby und Arbeit schlecht trennen, aber sitze auch nicht den ganzen Tag am Schreibtisch, sondern bin viel unterwegs. Geschichte bestimmt die Gegenwart, und die kann man sich ja immer und überall anschauen.

Über Katharina Heyden

Prof. Dr. Katharina Heyden ist Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen an der Theologischen Fakultät der Uni Bern.

Kontakt: katharina.heyden@unibe.ch

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