Zwischen Lust, Scham und Prävention

Sexuelle Gesundheit umfasst weit mehr als den Schutz vor HIV, Chlamydien und Co. Eine Psychologin und ein Infektiologe sprechen über Prävention, Scham, Körperbilder und darüber, weshalb Sexualität im Gesundheitswesen noch immer zu wenig Platz hat.

Stefanie Gonin-Spahni und Bernard Surial
Stefanie Gonin-Spahni (links) und Bernard Surial.

Die WHO definiert sexuelle Gesundheit als Zustand des psychischen, emotionalen, geistigen und sozialen Wohlbefindens in Bezug auf die Sexualität – nicht nur als Abwesenheit von Krankheit oder Funktionsstörungen. Wie steht es darum in der Schweiz? 

Bernard Surial: Über Sexualität wird heute viel mehr gesprochen als früher, auch in unserer Sprechstunde. Aber ich muss ehrlich sagen: Genaue Zahlen dazu kenne ich nicht, und wir sprechen vor allem dann darüber, wenn es Probleme gibt. Als Infektiologe habe ich aber einen etwas speziellen Blick auf das Thema, weil die Leute meist dann zu uns kommen, wenn sie Beschwerden haben oder positiv auf eine Infektion getestet wurden und eine Therapie benötigen. 

Stefanie Gonin-Spahni: Mit der Psychologie-Brille finde ich: Wir haben hier eine gute Infrastruktur und gute Möglichkeiten, Therapie und Beratung zum Thema zu erhalten. Aber sexuelle Gesundheit bleibt ein Thema spezialisierter Stellen: Um diese Angebote zu nutzen, muss man davon Kenntnis haben. Es ist zum Beispiel nicht Usus, dass sexuelle Gesundheit in der Gynäkologie- oder Hausarztpraxis angesprochen wird. Kurz gesagt: Das Thema ist noch nicht in der Grundversorgung angekommen. 

Gibt es auch Zahlen dazu? 

Stefanie Gonin-Spahni: Es gibt Daten der repräsentativen Bevölkerungsstudie «Gesundheit und Sexualität in Deutschland». Danach hatte vereinfacht gesagt jede zweite Frau und jeder dritte Mann in den vergangenen zwölf Monaten sexuelle Probleme. Grenzen wir das ein auf diejenigen mit stark beeinträchtigender sexueller Dysfunktion, sind wir immer noch bei mehr als zehn Prozent! Das sind Prävalenzen, die höher sind als bei Depression – nur wird darüber kaum gesprochen. 

Funktionsstörungen an sich sind aus meiner Sicht nicht das Entscheidende, denn manche Leute können das gut kompensieren, ihr Wohlbefinden dennoch aufrechterhalten oder vielleicht sogar steigern. Aber die Zahl derjenigen, die darunter leiden, ist dennoch erschreckend hoch. Und ich finde es schlimm, wenn Menschen sich damit abfinden und über Jahre leiden, weil sie denken: «Ich funktioniere halt nicht so richtig oder ich bin halt nicht so dieser Sex-Typ oder diese Sex-Typin.» Es müsste Thema der Grundversorgung sein, dass sich sexuelles Funktionieren und Erleben auch verändern lässt. 

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Geschlechtern und Altersgruppen? 

Stefanie Gonin-Spahni: Frauen sind häufiger von sexuellen Funktionsstörungen betroffen als Männer, etwa von Verspannungen oder Schmerzen beim Sex oder von Problemen, einen Orgasmus zu bekommen. Woran das liegen könnte, darüber könnte man länger diskutieren … Insgesamt nehmen solche Störungen ab dem mittleren Lebensalter zu, beispielsweise Lustschwierigkeiten oder Erektionsprobleme. Was interessant ist: Die frühzeitige Ejakulation galt lange als Problem junger Männer, doch das ist ein Mythos. Die Prävalenzraten sind über alle Altersgruppen relativ stabil. 

Jüngere Menschen haben oft andere Herausforderungen: Substanzkonsum und Sexualität oder auch Pornografiekonsum beschäftigen dort mehr. Oder sexualisierte Gewalt, aber die zieht sich durch alle Altersgruppen. 

Magazin uniFOKUS

Körperbilder

Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS beleuchtet viermal pro Jahr einen thematischen Schwerpunkt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Aktuelles Fokusthema: Körperbilder.

Wie sieht es aus mit sexuell übertragbaren Infektionen (STI)? Sind da vor allem Jüngere betroffen, oder ziehen sich auch diese durch alle Altersgruppen? 

Bernard Surial: Gemäss Zahlen des BAG sind Personen zwischen 15 und 35 Jahren am häufigsten betroffen. Entscheidend sind jedoch das Sexual- und das Testverhalten und nicht das Alter. In unserer Sprechstunde sehen wir STI in allen Altersgruppen. 

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hat in den vergangenen Jahren einen Anstieg sexuell übertragbarer Infektionen gemeldet. Sehen Sie diesen Anstieg auch in Ihrer Sprechstunde und im Testcenter? 

Bernard Surial: Ja, wir sehen einen Anstieg bei Chlamydien und Gonorrhoe. Wobei man auch klar sagen muss: Die allermeisten Infektionen verlaufen asymptomatisch. Wie viele und welche Fälle wir sehen, hat stark damit zu tun, wer sich überhaupt testen lässt. HIV-Infektionen sehen wir zum Glück immer weniger, und auch Neuinfektionen mit viraler Hepatitis sehen wir nicht sehr häufig.  

Zur Person

Bernard Surial

Bernard Surial

studierte in Basel und Paris Medizin, schloss 2017 den Facharzt FMH für Allgemeine Innere Medizin und 2020 den Facharzt FMH für Infektiologie ab. Seit 2014 ist er am Inselspital, wo er heute die anonyme Teststelle HIV und STI sowie die Sprechstunde für HIV, Hepatitis und andere sexuell übertragbare Infektionen leitet.

Kontakt:

PD Dr. med. Bernard Surial 
bernard.surial@insel.ch 

 

Sehen wir also einen Anstieg, weil wir mehr testen, und nicht, weil es tatsächlich mehr Neuinfektionen gibt? 

Bernard Surial: Das häufigere Testen erklärt sicher einen grossen Teil des Anstiegs, insbesondere bei Chlamydien und Gonorrhoe. So sehen wir zum Beispiel einen Anstieg bei Männern, die Sex mit Männern haben: Sie lassen sich deutlich häufiger testen als andere Gruppen, unter anderem weil sie durch Präventionsangebote und Community-Strukturen gut erreicht werden. Junge Frauen hingegen erreichen wir schlechter. Dabei wäre das wichtig, da unentdeckte Chlamydien-Infektionen zu Fertilitätsstörungen führen könnten. Die Grundversorgung – Gynäkologie, Hausarztpraxis – müsste hier stärker sensibilisiert werden. 

Inwiefern ist Scham heute noch eine Hürde, sich auf sexuell übertragbare Krankheiten testen zu lassen? 

Stefanie Gonin-Spahni: Ich denke, Scham ist noch immer ein grosses Thema. Deshalb ist es so wichtig, dass es Teststellen gibt, wo man sich anonym testen lassen kann, ohne dass die Hausärztin oder der Gynäkologe, die resp. der einen kennt, es mitbekommt. Ich höre noch immer von vielen, dass sie nach Begründungen gefragt werden, wenn sie sich in der Hausarztpraxis testen lassen wollen, im Sinne von: «Warum wollen Sie denn das? Sie sind doch in einer Beziehung, das brauchen Sie nicht. Oder hatten Sie etwa Risikokontakte?» Wir sind weit davon entfernt, dass ein STI-Test ebenso selbstverständlich wird wie ein Blutdruck-Check. 

Bernard Surial: Ich denke, dass die Leute Scham heute weniger stark empfinden als noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Besonders junge Menschen kommen heute oftmals nicht mehr anonym zu uns. Aber Scham ist noch immer ein grosses Thema. Das Angebot anonymer Teststellen bleibt wichtig, beispielsweise für Menschen in festen Partnerschaften, die sich nicht erklären wollen – aber auch für alle anderen, die einfach nicht möchten, dass die Testresultate in der Hausarztpraxis gemacht werden. 

«Das professionelle Reden über Sexualität muss geübt werden.»

Bernard Surial

Gibt es weitere Hürden?  

Stefanie Gonin-Spahni: Eine weitere Hürde ist die Finanzierung. Eigentlich sollten sich ja alle testen lassen, die ungeschützten Sex oder wechselnde Partner:innen haben. Aber wenn man keine Symptome hat, deckt die Grundversicherung das nicht … 

Bernard Surial: Die Finanzierung der Tests ist effektiv ein Problem. Sie sind teuer, und gerade junge Leute haben häufig eine hohe Franchise und müssen das dann sowieso aus der eigenen Tasche bezahlen. Als Teil des Nationalen Aktionsprogramms des BAG bieten gewisse Teststellen wie die unsere solche Tests für HIV, Syphilis, Chlamydien und Gonorrhoe zwar günstiger an: Bei uns kosten sie inklusive der Beratung 150 Franken. Aber für viele insbesondere jüngere Personen ist auch das immer noch sehr viel Geld. 

HIV hat seinen Schrecken verloren. Trägt das dazu bei, dass sich Leute insgesamt weniger gut vor STI schützen? 

Bernard Surial: HIV ist auch eine Erfolgsgeschichte: Die Therapie ist heute einfach und effektiv und besteht meist aus einer Tablette pro Tag oder zwei Spritzen alle zwei Monate. Die Lebenserwartung ist gleich hoch wie für Personen ohne HIV, und wer gut behandelt ist, kann ohne Kondom Sex haben, ohne dabei HIV zu übertragen, und auf natürlichem Weg Kinder bekommen. 

Dadurch hat HIV natürlich auch seinen Schrecken verloren, was zu einem veränderten Risikoverhalten führen kann. Umfragen zeigen, dass der Kondomgebrauch bei Sex mit Gelegenheitskontakten abgenommen hat, und zwar über alle Populationen hinweg. Umso wichtiger sind dadurch andere Präventionsangebote wie die «HIV-PrEP». Ich finde es wichtig, dass die Krankheit nicht vergessen geht. Wir müssen weiter dafür sensibilisieren und darüber sprechen, ohne den Leuten Angst zu machen. 

Zur Person

Stefanie Gonin-Spahni

Stefanie Gonin-Spahni

schloss an der Universität Bern 2010 einen Master und 2014 ein Doktorat in Psychologie ab. 2020 folgte ein Master-Abschluss in Sexologie an der ISP Uster. Sie arbeitet, lehrt und forscht zu sexueller Gesundheit und hat dazu auch einen CAS für Gesundheitsfachleute konzipiert, den sie seit 2021 an der Universität Bern leitet.

Kontakt:

Dr. phil. Stefanie Gonin-Spahni 
stefanie.gonin@unibe.ch 

Sexuelle Inhalte sind online leicht verfügbar und sehr präsent, sei es über Pornografie, KI-generierte Bilder oder andere Inhalte, die in sozialen Medien verbreitet werden … Welche Rolle spielen digitale Medien für die sexuelle Gesundheit? 

Stefanie Gonin-Spahni: Dass das Thema so präsent ist, ist einerseits positiv: Es gibt eine breite Diskussion um Konsens, ein Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, über das Thema zu sprechen, aufeinander zu achten, auch zu kommunizieren, was einem gefällt und was nicht … In Filmen – egal ob in Pornos oder romantischen Hollywoodfilmen – wird eigentlich nie gesprochen, es harmoniert einfach so. Aber in echt ist Sex ja nicht so: Da kommunizieren wir ständig, mit dem Körper und auch verbal. Gleichzeitig gibt es zum Beispiel Studien, die zeigen, dass intensiver Pornografiekonsum sich negativ auf das genitale Selbstbild auswirkt. Denn was in der Mainstream-Pornografie gezeigt wird, bildet nicht die tatsächliche Vielfalt von Genitalien ab.  

Sie forschen selbst zum genitalen Selbstbild. Was genau versteht man darunter, und warum ist das wichtig für die sexuelle Gesundheit? 

Stefanie Gonin-Spahni: Das genitale Selbstbild ist ein Teil des Körperbildes. Es geht darum, ob ich das Gefühl habe, mein Genital sieht so aus, wie es aussehen sollte, und funktioniert so, wie es funktionieren sollte. Während wir alle wissen, wie unterschiedlich Nasen oder Ohren oder Hände aussehen können, haben die Menschen oftmals wenig Bewusstsein dafür, dass auch Vulven, Penisse und Hoden sehr unterschiedlich aussehen können. Manchmal werde ich dafür belächelt, dass ich mich damit befasse, ob Menschen mit ihrem Genital zufrieden sind. Aber das hat sehr reale Auswirkungen! 

«Ob Menschen mit ihrem Genital zufrieden sind, hat sehr reale Auswirkungen auf ihre sexuelle Gesundheit.»

Stefanie Gonin-Spahni 

Können Sie konkreter werden? 

Stefanie Gonin-Spahni: Wer ein negatives genitales Selbstbild hat, ist oft auch weniger zufrieden mit seiner Sexualität, erlebt weniger Orgasmen, empfängt weniger Oralsex. Aber es geht über das sexuelle Wohlbefinden hinaus: Menschen mit negativem genitalen Selbstbild gehen auch weniger oft in Vorsorgeuntersuchungen und schützen sich weniger gut beim Geschlechtsverkehr, weil sie sich nicht exponieren möchten. 

Welche Wissenslücken möchte der CAS Sexuelle Gesundheit, den Sie leiten, bei Gesundheitsfachleuten schliessen? 

Stefanie Gonin-Spahni: Gerade in der medizinischen Grundversorgung, aber auch in der Gynäkologie, Urologie oder der Psychotherapie ist sexuelle Gesundheit noch immer ein Randthema. Es geht dabei nicht nur um Fachwissen, sondern darum, wie sie das Thema in ihre Praxis integrieren können. Viele haben zum Beispiel nie gelernt, ein professionelles Gespräch über Sexualität zu führen. Es fehlt die Fachsprache, die angemessen ist in der medizinischen oder psychologischen Praxis. 

Bernard Surial: Das ist ein ganz wichtiger Punkt! Das professionelle Reden über Sexualität ist extrem wichtig, und es muss geübt werden. Sobald wir diese professionelle Ebene erreichen, können wir eigentlich alles fragen. In unserer Sprechstunde frage ich zum Beispiel in jedem Gespräch: Haben Sie sexuelle Kontakte ausserhalb der festen Beziehung? Wenn ja, mit Kondom oder ohne Kondom? Und viele weitere Aspekte, die für die Infektiologie wichtig sind. Wenn ich das ganz professionell frage, haben die meisten Personen kein Problem damit, mehr oder weniger ehrlich zu antworten. 

Wenn Sie eine Sache verändern könnten, um die sexuelle Gesundheit in der Schweiz zu verbessern, was wäre das? 

Bernard Surial: Für mich wäre es kostenloser Zugang zu Prävention: Kondome, Schwangerschaftsverhütung, HIV-Präexpositionsprophylaxe und STI-Testing – das sollte für alle zugänglich sein, nicht nur für jene, die es sich leisten können. In vielen Ländern ist das bereits Realität. 

Stefanie Gonin-Spahni: Ich stimme dem zu, würde einfach noch ergänzen, dass auch Sexualberatung niederschwellig und breit zugänglich sein soll. In vielen Fällen ist nicht einmal Therapie an sich nötig, sondern einfach mehr Wissen rund um Sexualität. Bereits jungen Menschen sollte vermittelt werden, dass Sexualität gelernt ist wie alles andere auch und dadurch auch veränderbar. Es ist normal, dass es manchmal Schwierigkeiten und Herausforderungen gibt – und es gibt Fachpersonen, die unterstützen können. Hier könnten wir mit wenig Aufwand sehr viel bewirken! 

Im Überblick

STI in der Schweiz

Die meisten sexuell übertragbaren Infektionen verlaufen zunächst symptomlos – Betroffene wissen oft nicht, dass sie infiziert sind. Unbehandelt können sie aber zu ernsthaften Komplikationen führen. 

Bakterielle Infektionen (behandelbar mit Antibiotika, aber wiederholte Ansteckung möglich): 

- Chlamydien: häufigste STI der Schweiz (12 793 gemeldete Fälle); unbehandelt drohen Infertilität und Schwangerschaftskomplikationen. 

- Gonorrhoe (Tripper): Fälle steigen weiter an (6805 Fälle); zunehmende Antibiotikaresistenz ist besorgniserregend. 

- Syphilis: leicht rückläufig (1042 Fälle). 

 

Virale Infektionen: 

- HIV: 318 gemeldete Fälle. In den 1990er-Jahren waren es durchschnittlich noch 1300 Fälle pro Jahr. Heute chronisch gut behandelbar, keine Impfung verfügbar. 

- Hepatitis B: Infektiöse Leberentzündung, ausgelöst durch das Hepatitis-B-Virus (1219 Fälle). Es besteht eine wirksame Impfung, die seit 1998 als Basisimpfung für Jugendliche und seit 2019 zusätzlich als Säuglingsimpfung im Schweizer Impfplan empfohlen wird. 

- Hepatitis C: Wird überwiegend über Blut übertragen, nur selten sexuell (1059 Fälle). Seit 2014 ist die Infektion in rund 95 Prozent der Fälle heilbar, eine Impfung gibt es nicht. 

- HPV und Herpes: Übertragung auch mit Kondom möglich, da Haut-zu-Haut-Kontakt genügt. 

 

www.bag.admin.ch 

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