10.06.2022 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Die Uni Bern an vorderster Front in der HIV-Forschung

Für die Forschung zur Behandlung und Prophylaxe von HIV-Infektionen leistet das Institut für Sozial und Präventivmedizin (ISPM) seit 2007 einen wichtigen Beitrag. Im Rahmen der internationalen Forschungskollaboration «International epidemiology Databases to Evaluate AIDS» (IeDEA) sind die Universität Bern und die Universität Kapstadt für das stark betroffene südliche Afrika zuständig. Die IeDEA-Forschung wurde kürzlich um weitere fünf Jahre bewilligt und mit einem hochkompetitiven Grant gewürdigt.

Von Per von Groote

Weltweit leben etwa 35 Millionen Menschen mit dem HI-Virus, ein Grossteil davon im südlichen Afrika. Was zu Beginn der HIV-Pandemie noch als Todesurteil galt, ist heute mit der richtigen medizinischen Versorgung und Gabe von hochwirksamen antiretroviralen Medikamenten (Antiretrovirale Kombinationstherapie, kurz ART) zu einer chronischen Infektion geworden. In der Schweiz hat sich die Lebenserwartung der Menschen mit HIV weitgehend derjenigen der allgemeinen Bevölkerung angeglichen. Mehr noch – die weitere Übertragung des Virus wird durch ART eingedämmt und die Medikamente können auch prophylaktisch eingesetzt werden, als sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe (PREP). Die PREP bietet einen hohen, aber zeitlich begrenzten Schutz vor einer HIV-Infektion. All dies wäre nicht möglich gewesen ohne langjährige, international stark vernetzte Forschung. Leider wissen im südlichen Afrika bei weitem nicht alle Betroffenen von ihrer Infektion oder haben Zugang zu wirksamen Medikamenten. Damit bleibt HIV ein globales Gesundheitsproblem und im Fokus internationaler Gesundheitsforschung.

Fruchtbare Kollaboration zwischen Bern und Kapstadt

Am Institut für Sozial und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern wird seit 2007 ein wichtiger Beitrag zu dieser Forschung geleistet. Seit über 15 Jahren gefördert durch das US National Institute of Health (NIH) und den Schweizerischen Nationalfonds (SNF) erforscht das Team um Prof. Matthias Egger in Bern und Prof. Mary-Ann Davies an der Universität Kapstadt, wie Menschen allen Alters mit dem HI-Virus ein langes und möglichst gesundes Leben führen können. Hierbei spielt auch die Erforschung sogenannter Komorbiditäten wie Herzkreislauferkrankungen, Krebs, Tuberkulose oder Hepatitis eine immer gewichtigere Rolle, da diese Menschen mit HIV deutlich stärker belasten. Als Teil der internationalen Forschungskollaboration «International epidemiology Databases to Evaluate AIDS» (IeDEA) sind Kapstadt und Bern für das stark betroffene südliche Afrika zuständig.

Konkret bedeutet dies für die mehr als 40 Epidemiologinnen, Statistiker, Studienkoordinatorinnen, Daten-Manager und Ärztinnen in Bern und Kapstadt viel Arbeit. Es gilt in Zusammenarbeit mit über 100 Kliniken und Gesundheitseinrichtungen in sechs Ländern im südlichen Afrika Routinedaten der HIV-Behandlung von sehr vielen Menschen mit HIV zu sammeln und auszuwerten. Dies hilft bei der Beantwortung von Fragen, wie wirksam Medikamente sind, welche Resistenzen entstehen und wie Patientinnen und Patienten am besten erreicht werden können, um die notwendige Behandlung ein Leben lang sicherzustellen.

Fokus auf vulnerable Personen mit HIV

Werden wie im IeDEA Forschungsprogramm Daten über einen längeren Zeitraum erhoben, lassen sich wichtige Trends erkennen und gesundheitspolitisches Handeln besser steuern. Die grossen Datensätze der globalen IeDEA-Kollaboration erlauben es zudem, mathematische Modelle auf der Ebene von Ländern zu erstellen. Die Erkenntnisse aus der Berner Forschung sind von grossem Interesse für internationale Public Health-Partner wie die Weltgesundheitsorganisation WHO oder UNAIDS.

In den letzten Jahren wurden immer mehr Studien durchgeführt, welche sehr gezielt spezifischen Fragen nachgehen. Diese setzen beispielsweise einen besonderen Fokus auf vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche mit HIV, oder sie widmen sich dem immer grösser werdenden Problem der chronischen Krankheiten wie Krebs. Eine frühe antiretrovirale Therapie ist wichtig für die Krebsprävention bei Erwachsenen mit HIV. Dasselbe gilt für Säuglinge, die perinatal mit HIV angesteckt wurden: je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser ist die Prognose. Allerdings geht die HIV-Infektion in dieser Altersgruppe weiterhin mit einer hohen Sterblichkeitsrate einher.

Während der letzten zwei Jahre war das einzigartige IeDEA-Netzwerk prädestiniert, Auswirkungen der COVID-Pandemie auf HIV-Infizierte zu untersuchen. Unter anderem zeigte eine Studie in Gesundheitseinrichtungen im Western Cape bei Kapstadt, dass die COVID-19-Sterblichkeit bei Menschen mit HIV oder Tuberkulose deutlich erhöht ist.

Förderung und Weiterbildung im Netzwerk

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit ist die wissenschaftliche Förderung und Weiterbildung innerhalb des IeDEA Netzwerks. Neben Präsentationen des Berner Teams an internationalen Konferenzen in den USA oder Afrika sind auch Kurse in der Schweiz ein Motor wissenschaftlichen Lernens. Gleich drei afrikanische Kollegen aus einem besonderen IeDEA NIH Mentoring Programm kamen dieses Jahr zur Wengen Winter School, nach zwei Jahren endlich wieder live, um eine Woche in den neuesten wissenschaftlichen Methoden unterrichtet zu werden.

Mit der Förderung von IeDEA um weitere fünf Jahre (2021-2026), und kürzlich mit der Bewilligung eines hochkompetitven R01 Forschungsgrants an das Team, hat das NIH die Bedeutung dieser internationalen Spitzenforschung und das stetig weiterentwickelte Forschungsprogram in IeDEA gewürdigt.

Über IeDEA

IeDEA ist ein internationales Forschungskonsortium, das 2006 von den US National Institutes of Health gegründet wurde, um wertvolle Ressourcen für weltweit unterschiedliche HIV-Daten bereitzustellen. Die International epidemiology Databases to Evaluate AIDS (IeDEA) sammelt Beobachtungsdaten von mehr als 2,2 Millionen Menschen, die mit HIV leben oder von HIV gefährdet sind. Die Daten werden von klinischen Zentren und Forschungsgruppen in 44 Ländern zur Verfügung gestellt. Die IeDEA-Daten sind in sieben geografische Regionen unterteilt und werden von Zentren für den asiatisch-pazifischen Raum, die Karibik, Mittel- und Südamerika, Zentral-, Ost-, Süd- und Westafrika sowie Nordamerika koordiniert.

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ÜBER DAS ISPM: 50 JAHRE GESUNDHEITSPRÄVENTION IN BERN

Seit über 50 Jahren wird am Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern Forschung betrieben, um die öffentliche Gesundheit zu fördern. Aktuell untersucht wird etwa die räumliche Verteilung des Krebsrisikos bei Kindern in der Schweiz oder der Beitrag des menschengemachten Klimawandels an hitzebedingten Todesfällen. Zudem soll die Lindenhofstiftungsprofessur für Community Health unter Einbezug der Bevölkerung die Gesundheit in Städten fördern – dies in Zusammenarbeit mit der WHO. Die interdisziplinäre Forschung befasst sich insbesondere mit den Bereichen soziale und verhaltensbezogene Gesundheit, klinische Epidemiologie und Biostatistik sowie internationale und umweltbezogene Gesundheit. Zudem bietet das ISPM Aus- und Weiterbildungen an. Zum 50-jährigen Bestehen erschien eine Broschüre auf Deutsch und Englisch

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Zum Autor

Dr. Per von Groote ist Program Manager IeDEA-SA am ISPM.