«Sichtbarkeit ist im Hochschulalltag wichtig»

Anlässlich des «IDAHOBIT» am 17. Mai stellt uniAKTUELL das neu gegründete Netzwerk Queer UniBE vor. Ein Gespräch über Sichtbarkeit und die Frage, was eine inklusive Hochschule im Alltag konkret bedeutet.

Jay King und Julia Feldmann bilden das Co-Präsidium des Netzwerks «Queer UniBE».

Weltweit werden am 17. Mai zum Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-. Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT) die Regenbogenfahnen gehisst. Seit 2022 begeht auch die Universität Bern jährlich den IDAHOBIT. Was als symbolische Geste begann, hat sich zu einem festen Programmpunkt entwickelt: Gemeinsam mit der Stadt Bern und weiteren Organisationen wurden seither bereits einige Veranstaltungen zum IDAHOBIT organisiert. Dieses Jahr war erstmals als Mitorganisatorin das 2025 neu gegründete Netzwerk «Queer UniBE» dabei. Julia Feldmann und Jay King sind die Co-Präsidierenden des Vereins. Im Interview sprechen sie darüber, warum queere Mitarbeitende an der Universität Bern ein eigenes Netzwerk brauchen.

Julia Feldmann und Jay King, warum wurde im Oktober 2025 das Netzwerk «Queer UniBE» gegründet?

Julia Feldmann: Im Jahr 2022, als an der Universität Bern erstmalig ein öffentlicher Anlass zum IDAHOBIT veranstaltet wurde, gab es eine sogenannte «Feedback-Box». Nach Auswertung der Rückmeldungen haben die Teilnehmende den Wunsch nach einem Netzwerk für queere Mitarbeitende geäussert. Im Folgejahr wurde am 17. Mai angekündigt, dass das Netzwerk «Queer UniBE» im Aufbau ist, und alle Interessierten wurden dazu eingeladen, sich zum Mitwirken zu melden. Die Gründung fand schliesslich am 15. Oktober 2025 statt.

Jay King: Als ich auf den Flyer zum Gründungstreffen gestossen bin, war mir sofort klar, dass das eine wichtige Initiative ist. Besonders gut fand ich, dass das Ganze Vorgehen von der Abteilung für Chancengleichheit AfC unterstützt wurde; diese hat im Übrigen auch den Entstehungsprozess des Vereins begleitet.

«Weil ich weiss, wie es sich anfühlt, angefeindet zu werden, ist der IDAHOBIT am 17. Mai für mich inzwischen sehr wichtig geworden.»

Julia Feldmann

Wie organisieren Sie sich im Verein?

Julia Feldmann: Wir haben einen vierköpfigen Vorstand gegründet. Jay King und ich teilen uns das Co-Präsidium, eine weitere Person ist für die Kommunikation zuständig und informiert das Netzwerk über unsere Veranstaltungen, und eine vierte Person unterstützt bei der Koordination der Arbeitsgruppen sowie bei administrativen Aufgaben. Zudem haben wir eine Website, welche aktuell noch im Aufbau ist. Wir arbeiten gemäss den Interessen, die wir im Rahmen von regelmässigen Treffen sammeln. Einige Personen engagieren sich auch in Arbeitsgruppen, um konkrete Anliegen voranzutreiben.

Jay King: Wir sind als eigenständiger Verein organisiert und verfolgen einen Bottom-up-Ansatz. Als Ehrenamtliche werden wir jedoch durch die AfC unterstützt.  

Welche Ziele verfolgt Ihr Netzwerk für ein respektvolles und inklusives Arbeitsumfeld?

Julia Feldmann: Wir wollen Sichtbarkeit für queere Themen schaffen, Diskriminierung entgegenwirken und sichere Räume für Austausch und Vernetzung bieten. Konkret heisst das: an der Universität Bern für unsere Anliegen sensibilisieren, Dialoge anstossen und strukturelle Veränderungen unterstützen, damit Vielfalt nicht nur akzeptiert, sondern aktiv gelebt wird. Was wir bei unseren Veranstaltungen festgestellt haben: Der Bedarf ist gross.

«Unterstützung bei solchen administrativen Abläufen zu erhalten ist für queere Menschen wichtig und geht über die reine Bürokratie hinaus: Eine Namensänderung ermöglicht es vielen, ihre Identität leben zu können.»

Jay King

Jay King: Offizielle Strukturen, wie sie an einer Universität gelebt werden, können träge sein, insbesondere für queere Menschen und andere Minderheiten. In meiner aktuellen Arbeitsgruppe arbeiten wir an umfassenden FAQs zum Vorgehen beim Thema Namensänderung für trans Mitarbeitende, damit dieser Prozess zugänglicher und einfacher gestaltet wird. Unterstützung bei solchen administrativen Abläufen zu erhalten ist für queere Menschen wichtig und geht über die reine Bürokratie hinaus: Eine Namensänderung ermöglicht es vielen, ihre Identität leben zu können. Da ich diesen Prozess selbst durchlaufen habe, weiss ich, welche emotionale Relevanz er besitzt, und merke inzwischen, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin.

Welche Rolle spielen Vernetzung und Sichtbarkeit im Hochschulalltag?

Jay King: Sichtbarkeit ist im Hochschulalltag wichtig. Deswegen hat die Abteilung für Chancengleichheit uns auch bei der Erstellung und Verteilung von Flyern zu Sitzungen von uns unterstützt. Ausserdem wirken wir in der Mitorganisation des diesjährigen IDAHOBIT-Anlasses mit. Diese Sichtbarkeit schafft erst die Grundlage, um uns für inklusivere Prozesse an der Universität einzusetzen. Unsere Anbindung an die Institution ermöglicht es zugleich, viele unserer Ziele anzugehen und hoffentlich auch umzusetzen.

Was läuft schon gut in Ihrem Netzwerk und wo gibt es noch Optimierungsbedarf?

Jay King: Wir spüren ein starkes Engagement in den verschiedenen Arbeitsgruppen. Ebenfalls können wir die Zusammenarbeit mit der AfC nur loben. Aktuell arbeiten wir an einem Konzept für regelmässige Netzwerktreffen, die nicht – wie bis dato – an offizielle Sitzungen gebunden sind. Ziel ist es, Räume für einen entspannten Austausch zu schaffen.  

Was bedeutet für Sie der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie

Julia Feldmann: Erst im Jahr 2022 ist mir der Tag wirklich bewusst geworden. Dies dank der Fachstelle für Gleichstellung in Geschlechterfragen der Stadt Bern, die mit Fahnen und Bänken in Regenbogen-Farben erstmals auf den IDAHOBIT aufmerksam gemacht hat. Weil ich weiss, wie es sich anfühlt, angefeindet zu werden, ist der 17. Mai für mich inzwischen sehr wichtig geworden.

Jay King: Die Vielfalt sexueller Identitäten ist mittlerweile im kollektiven Bewusstsein angekommen. Aber bei den Genderidentitäten, etwa der nicht-binären Geschlechteridentität, stehen wir noch am Anfang. Vor allem auch, was die inklusive Sprache betrifft. Deswegen bedeutet für mich der IDAHOBIT vor allem Sichtbarkeit und bietet eine Plattform, um wichtige Themen aus der Community anzusprechen und zu diskutieren – und das im öffentlichen Raum.

Zur Person

Julia Feldmann

Bei der Vereinsgründung für queere Mitarbeitende der UniBE war Julia Feldmann von Anfang an dabei. Nun ist sie mit Jay King in der Co-Leitung des Vorstands. Das Filmfestival Queersicht hat sie ebenfalls mitorganisiert. Als gelernte Laborantin arbeitet sie am Institut für Infektionskrankheiten IFIK im Biosicherheitszentrum.

Zur Person

Jay King

Jay King ist seit der Gründung des Vereins «Queer UniBE» am 15. Oktober 2025 in der Co-Leitung des Vorstands tätig. An der Universität Bern hat King Englisch und Sozialwissenschaften im BA sowie Soziolinguistik im MA studiert und promoviert demnächst in Soziolinguistik zu Sprache, LGBTQ+ und nationaler Zugehörigkeit in Polen.

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