Gemeinsam über Rassismus an Hochschulen nachdenken

Rassismus betrifft die ganze Gesellschaft – auch die Hochschulen. An einer Konferenz an der Universität Bern haben Wissenschaftlerinnen einen kritischen Blick auf Forschung und Lehre geworfen und antirassistische Strategien beleuchtet.

Konferenz Sprecher
Über 200 Personen nahmen an der Konferenz teil und diskutierten mit.

«Rassismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und er macht auch vor Bildungsinstitutionen keinen Halt», machte Heike Mayer, Vizerektorin der Uni Bern, gleich zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern und der dort angegliederte Gender Campus hatten zusammen mit Kooperationspartnerinnen und -partnern am 27. März zur Konferenz «Rassismus und Hochschule» geladen. 

Portrait Heike Mayer
Heike Mayer, Vizerektorin der Universität Bern, begrüsste das Publikum.

Über 200 Personen, viele People of Colour, überwiegend Frauen, waren der Einladung gefolgt. «Wissenschaft war und ist immer auch ein Ort von Kritik, Gegenwissen und der Entwicklung gerechterer Standards», führte Heike Mayer vor den Anwesenden weiter aus. Deshalb freue sie sich, dass diese Konferenz an der Universität Bern stattfinde. Diese habe als eine der ersten Unis eine explizite Stelle für das Thema Rassismus geschaffen, es gebe beispielsweise eine etablierte Anlauf- und Beratungsstelle, Präventions- und Sensibilisierungsmassnahmen. Diese Schritte seien wichtig, sie seien aber nicht das Ziel, sondern Teil eines fortlaufenden Prozesses. 

Auch Patricia Purtschert, Co-Leiterin des IZFG, stellte die Tagung in einen grösseren Zusammenhang. Die Konferenz sei Teil des Kooperationsprojekts «Bildungsräume transformieren» (siehe Box), das von swissuniversities finanziert werde. Es gebe viele Gründe, wieso es überfällig sei, historische Kontinuitäten und antirassistische Strategien an Hochschulen zu analysieren, zu diskutieren – und zu handeln. 

Kooperationsprojekt Bildungsräume transformieren

Die Fachkonferenz «Rassismus und Hochschule» ist Teil des Kooperationsprojektes «Bildungsräume transformieren: Rassismus angehen, Intersektionalität verankern», das von swissuniversities finanziert wird. Kooperationspartner der Universität Bern sind die Universität Luzern, die Fachhochschulen Westschweiz HES-SO und Nordwestschweiz FHNW sowie die Berner Fachhochschule BFH. 

Ziel des Projekts ist es, Chancengerechtigkeit an Schweizer Hochschulen zu fördern, indem es systematische Ansätze zur Bekämpfung von Rassismus entwickelt und Intersektionalität (die Verschränkung von Rassismus mit anderen Formen von Diskriminierung und Ausschluss wie Sexismus, Homophobie, Klassismus oder Behindertenfeindlichkeit) in Lehre und Hochschulalltag verankert. Die Ergebnisse der Fachkonferenz sollen unter anderem in Form eines Booklets aufbereitet werden. 
 

«Studierende berichten zum Beispiel immer wieder von Vorlesungen an Schweizer Universitäten, in denen rassistische Beispiele verwendet werden», so Patricia Purtschert. Es gebe zudem zahlreiche, strukturelle Verbindungen von Rassismus und Hochschulen, so sei etwa in Genf und Zürich bis weit ins 20. Jahrhundert Rassenforschung betrieben worden. Oder: Im Unterschied zur Bevölkerung sei der Lehrkörper grösstenteils weiss. 

Portrait Anja Glover und Patricia Purtschert
Anja Glover und Patricia Purtschert vom IZFG haben die Konferenz mitorganisiert und moderiert.

Den Auftakt der Referate machte die Historikerin Izabel Barros, Doktorandin an der Universität Lausanne, mit einer historischen Einordnung. Sie präsentierte ihre laufende Forschung zu zwei versklavten Frauen, Rosa und Teresa, auf der Fazenda Victoria in Brasilien, die im 19. Jahrhundert zwei Berner Patriziern, Gabriel von May und Ferdinand von Steiger, gehörte. Izabel Barros machte deutlich, dass die Nachwirkungen der Sklaverei bis heute sichtbar sind, beispielsweise indem versklavte Menschen die Nachnamen ihrer Versklavenden erhielten.  

Izabel Barros’ Forschung ist Teil eines grösseren Projekts, das vormacht, wie die eurozentrische Perspektive erweitert werden kann. Denn ein zentraler Aspekt dieses Projekts ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschenden aus der Schweiz, Brasilien, Indien und Lesotho. Das Projekt ermöglicht allen Beteiligten – insbesondere denjenigen aus dem Globalen Süden – Zugang zu Quellen auf anderen Kontinenten. 

Objekt statt Subjekt

Die Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Jovita dos Santos Pinto, Doktorandin an der Universität Bern und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Luzern, analysierte die Wissensproduktion im «postkolonialen Moment»: Dem Moment, in dem die breite Öffentlichkeit hierzulande anerkannte, dass die Schweiz eine koloniale Geschichte hat. Dies führte in der Schweiz in den letzten Jahren zu zahlreichen Ausstellungen zu diesem Thema.  

Jovita dos Santos Pinto
Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Jovita dos Santos Pinto der Universität Bern forscht zum «postkolonialen Moment» der Schweiz aus schwarzfeministischer Perspektive.

An Forschungs- bzw. Ausstellungsprojekten zeigte Jovita dos Santos Pinto dann auf, wie dort unter neuen Prämissen koloniale Muster wie epistemisches Silencing (zum Schweigen Bringen) oder Dehumanisierung weiterwirken können. Sie veranschaulichte das beispielsweise an Fotografien, etwa der eines schwarzen Mannes, auf dessen nacktem Rücken Narben zu sehen waren – die Folge von Peitschenhieben. Mehr erfuhr man nicht über ihn, er erzählte seine Geschichte nicht. Dieses und andere Beispiele zeigten: Schwarze Menschen würden primär als Objekte in Erscheinung treten, während Weisse die Protagonisten blieben. 

Überproblematisiert und unterrepräsentiert 

Faten Khazaei, Assistenzprofessorin in Soziologie an der englischen Northumbria University, beleuchtete in ihrem Vortrag das Paradox von Musliminnen. «Sie sind hypersichtbar als ‹Problem› für Gesellschaft, Öffentlichkeit und Politik – und unsichtbar als Produzentinnen von Wissen», sagte sie. Sie betonte, sie spreche heute als Wissenschaftlerin, die seit Jahren zu Rassismus, Migration und Wissensproduktion arbeite, aber auch aus persönlicher Erfahrung im Wissenschaftsbetrieb: als Migrantin, gelabelt als «Muslima», die 2007 aus dem Iran in die Schweiz kam und mittlerweile in Grossbritannien arbeitet. 

Faten Khazaei
«Bin ich Muslima?», fragte Soziologin Faten Khazaei und liess das Plenum darüber nachdenken.

Weiter zeigte Faten Khazaei auf, wie Universitäten muslimische Frauen zwar beispielsweise als Fallstudien positionieren würden, als Repräsentantinnen oder Symbole – aber selten als Autorinnen von Theorie oder als Akteurinnen institutioneller Transformation. Die Soziologin beleuchtete Hintergründe und nannte verschiedene Ansatzpunkte, um dies zu verändern; etwa die Anerkennung gelebter Erfahrung als theoretisches Wissen, die grundlegende Revision von Curricula oder die kritische Reflexion institutioneller Machtstrukturen. 

Zum Schluss nahm Faten Khazaei die Frage wieder auf, die sich wie ein roter Faden durch ihren Vortrag gezogen hatte: «Bin ich Muslima?» Und sie schloss: «Ich lasse Sie mit dieser Frage zurück – als Einladung, darüber nachzudenken, was diese Kategorie bewirkt, wem sie dient und was es bedeuten würde, ohne sie zu denken.» 

Vielfältige Perspektiven einbeziehen 

«Wer denkt die Schweiz?» Das ist der Titel eines Werks, das Anne Lavanchy, Leiterin des Instituts für Soziale Arbeit an der Westschweizer Fachhochschule HES-SO, vorstellte und das 2026 erscheinen soll. Ausgangspunkt war der Think Tank «Die Schweiz denken», dessen Ziel es ist, Politikerinnen und Politiker und institutionelle Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger über sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse zu informieren.  

Als Anne Lavanchy dazustiess, stellte sie fest, dass die Perspektive des Think Tank sehr «weiss» dominiert war. Daraus entstand die Motivation, ein kollektives Manuskript zu verfassen – in einer gemeinsamen Auseinandersetzung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit unterschiedlichen beruflichen und persönlichen Erfahrungen bezüglich Hautfarbe, Nationalität oder akademischer Laufbahn. «Das ermöglicht eine kritische Reflexion über die Rolle von Whiteness im akademischen Umfeld», sagte Lavanchy. Die Autorinnen und Autoren erarbeiten auch konkrete Empfehlungen, um institutionelle Transformationsprozesse anzustossen. 

Das Ringen um das legitime Wissen 

Oxana Ivanova-Chessex, Senior Researcher und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, beleuchtete die spezielle Rolle von Pädagogischen Hochschulen (PH), die sich stärker als andere Hochschulen an den Erwartungen und Bedürfnissen der Kantone orientieren müssen und an denen ausgehandelt wird, was eigentlich an den Schulen vermittelt werden soll. «PHs können als Orte des Ringens um das legitime Wissen und um hegemoniale Wissensordnungen gelesen werden», sagte Oxana Ivanova-Chessex. Dieses Ringen verdichte sich in der Frage, welches Wissen als pädagogisch-legitim, praxisnah und wissenschaftlich gelten dürfe.  

Oxana Ivanova-Chessex
Oxana Ivanova-Chessex, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Zürich, sprach über die spezielle Rolle von Pädagogischen Hochschulen und fragte, was legitimes Wissen ist.

Sie zeichnete dieses Ringen beispielsweise an einem offenen Brief vom «Kollektiv Kritische Lehrpersonen» nach, der sich an zwölf PHs richtet und unter anderem ein rassismuskritisches Curriculum fordert. Am Beispiel der PH Zürich analysierte sie die Reaktionen. Auf den Brief sei bisher offiziell nicht näher eingegangen worden. Der offene Brief könne als Intervention gelesen werden, der die bestehenden Wissensordnungen irritiere und die institutionelle Reputation verletze. Die Leitung und manche Dozierende begegneten dieser Destabilisierung mit stabilisierenden Praktiken. Das sei ein wiederkehrendes Muster. «Rassismuskritische Perspektiven werden häufig als die Organisation bedrohendes, mit der Praxis schwer kompatibles oder nicht genug wissenschaftliches Wissen abgewertet.» 

Ein schmerzhaftes Thema 

Die Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion, in der die Referentinnen Fragen aus dem Publikum diskutierten, auf das Gehörte zurück- und in die Zukunft blickten.  

Nach Abschluss der Veranstaltung zogen auch die beiden Mitorganisatorinnen Patricia Purtschert und Anja Glover Bilanz – eine sehr positive. «Es ist das erste Mal in der Schweiz, dass an einer so grossen Konferenz in dieser Form ganz spezifisch über Rassismus und Hochschule nachgedacht wird», betonte Anja Glover, Projektleiterin am IZFG.

Die Konferenz
Viele der Anwesenden waren vom Thema der Konferenz direkt und negativ betroffen. Das sei schmerzhaft, sagt Organisatorin Anja Glover.

Auch Patricia Purtschert erachtete das als wichtigen Schritt. «Die Konferenz hat gezeigt, dass wir mittlerweile auch in der Schweiz zum Thema Rassismus eine Herangehensweise und eine Sprache entwickelt haben, die auf sehr komplexe und präzise Weise innerhalb der Wissenschaft Fragen an die Wissenschaft stellen kann.» Es gehe darum, wie wir lehren würden, wer zu welchen Themen forschen könne, wer das Subjekt von Wissenschaft sei und wer immer nur als Objekt von Forschung in den Blick komme, wie dies etwa Faten Khazaei am Beispiel muslimischer Frauen zeige. 

Anja Glover ergänzte: «Das Thema ist tief in gesellschaftliche und institutionelle Zusammenhänge eingebettet – und genau deshalb so schmerzhaft.» Viele der heute Anwesenden seien direkt und negativ von Rassismus betroffen. Umso wichtiger sei es gewesen, einen Raum schaffen und halten zu können, in dem diese Auseinandersetzung möglich sei und Komplexität nicht ausgeblendet, sondern getragen werde. «Wir sind nicht bei einer oberflächlichen Diskussion über Diversität an Hochschulen stehen geblieben, sondern konnten Fragen von Macht, Struktur und Verantwortung in den Mittelpunkt rücken – und damit einen Schritt in Richtung tatsächlicher Transformation gehen.» 

Zur Person

Anja Glover

hat einen Master in Soziologie und Kulturwissenschaften und arbeitet seit 2025 am Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) der Universität Bern als Projektleiterin. 

Zur Person

Prof. Dr. Patricia Purtschert

ist Professorin für Geschlechterforschung und leitet das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG).

Podcast Missing Chapters

Auf allen Podcast-Plattformen zugänglich ist der Podcast «Missing Chapters», der das Kooperationsprojekt «Bildungsräume transformieren: Rassismus angehen, Intersektionalität verankern» begleitet. Jede Folge widmet sich einem thematischen Schwerpunkt rund um rassismuskritische Wissensproduktion, institutionelle Verantwortung und Möglichkeiten der Veränderung. 

Mehr Informationen: https://www.gendercampus.ch/en/news/news/podcast-missing-chapters 

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