Endlich passender Sprachtest für Schweizer Kinder

Ein Berner Forschungsteam entwickelt einen neuen Sprachverständlichkeitstest in Schweizer Dialekt und liefert zum ersten Mal verlässliche Daten zum Sprachverständnis von Kindern im Alter von vier bis sieben Jahren.

Autor: Liselotte Selter 05. März 2026

Studienteilnehmendes Kind während der Durchführung des Sprachverständlichkeitstest in Dialekt. © Gianni Pauciello

«Hört er mich nicht, versteht er mich nicht – oder ignoriert er mich jetzt einfach?» Wie oft habe ich mir diese Frage bei meinem damals vierjährigen Sohn gestellt, während ich Sätze wiederholte, mit einem Crescendo in der Stimme, auf das ich gern verzichtet hätte. Dass Kinder komplett in Fantasiewelten abtauchen und die Realität ausblenden können war mir bewusst, dennoch blieben Zweifel wegen dem Hören. Ein Besuch beim Hals-Nasen-Ohrenarzt brachte Klarheit: Flüssigkeitsansammlungen beeinträchtigten sein Hörvermögen. Die eingesetzten Paukenröhrchen schafften vorerst Abhilfe und trugen tatsächlich dazu bei, dass er etwas rascher reagierte – zumindest bis zur nächsten Entwicklungsphase.  

Sprachverständnis geht über gutes Hören hinaus 

Hörstörungen kommen bei Kindern häufig vor und müssen früh abgeklärt und behandelt werden, um eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Ob Kinder im Alltag tatsächlich genügend hören und verstehen, oder ob sie allenfalls eine Hörhilfe benötigen, erfordert eine differenzierte Diagnostik mittels standardisierten Hör- und Sprachtests. In der Schweiz stösst die Diagnostik diesbezüglich bislang an Grenzen: Gängige Sprachtests sind in Hochdeutsch, was für viele dialektsprachige Kinder faktisch eine Fremdsprache ist. 

Dialektsprachtest schliesst diagnostische Lücke 

Ein Berner Forschungsteam hat deshalb einen neuen Sprachtest in gängigen schweizerdeutschen Dialekten entwickelt. Er ermöglicht erstmals eine zuverlässige Erfassung von Hör- und Sprachwahrnehmungsstörungen bei Kindern in ihrer Muttersprache. Die Validierungsstudie wurde am Inselspital Bern und dem Hörforschungslabor des ARTORG Center geplant und in Zusammenarbeit mit dem Universitätsspitals Basel, dem Universitätsspital Zürich und dem Luzerner Kantonsspital durchgeführt. «Bisher fehlten standardisierte Verfahren für dialektsprechende Kinder», sagt Christoph Schmid, Ingenieur im Audiologie-Team der Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Inselspital und Projektleiter. «Oftmals wussten wir deshalb einfach nicht, ob das Kind das Wort nicht versteht, weil es ihm fremd ist, oder ob tatsächlich eine Einschränkung des Hörens oder der Sprachwahrnehmung besteht». Damit schliesst der Test eine lang bestehende diagnostische Lücke. 

«Mit der Validierung des Tests liegen nun erstmals wissenschaftlich fundierte Normwerte zum Sprachverständnis in Dialekt für Vier- bis Sechsjährige vor»

Christoph Schmid

Kindgerechte Wörter als Grundlage präziser Diagnostik 

Zu Beginn der Studie wurden 100 kindgerechte ein- und zweisilbige Wörter wie beispielsweise «Hand», «See» oder «Schneemann» in vier verbreiteten schweizerdeutschen Dialekten – Baseldeutsch, Berndeutsch, Walliserdeutsch und Zürichdeutsch – ausgewählt. Dank der Teilnahme von 180 Kindern wurde anschliessend getestet, bei welcher Lautstärke normalhörende Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren diese Wörter noch verstehen – sowohl in ruhiger Umgebung als auch unter Störgeräuschen. Ziel war es, verlässliche Normwerte zu erheben, erklärt Martin Kompis, Leiter der Audiologie an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Inselspital: «Die Normwerte zeigen, bei welchem Pegel Kinder altersgerechte Wörter noch verstehen.» Die Auswertung übernimmt ein eigens entwickeltes Computerprogramm mit einem ausgeklügelten Algorithmus, der die Testergebnisse analysiert und Vergleichsdaten liefert. Diese bilden nun die Grundlage für eine präzise Diagnostik, die es Fachpersonen ermöglicht, das Sprachverständnis eines Kindes objektiv einzuordnen, Hörhilfen gezielt anzupassen und Therapien passgenau zu planen. 

Enge Zusammenarbeit mit Kindern entscheidend für Erfolg 

«Mit dem Dialekt-Sprachtest finden die Abklärungen erstmals in der gewohnten Sprache der Kinder statt», sagt Schmid. «Die enge Zusammenarbeit mit Kindern und ihren Eltern und die spielerisch gestaltete Testsituation war entscheidend für die Validierung des Tests», so Schmid. Die Arbeit des Berner Forschungsteams zeigt, wie wichtig es ist, kulturelle und sprachliche Besonderheiten in der medizinischen Diagnostik zu berücksichtigen, um jedem Kind die bestmögliche Unterstützung zu bieten. «Die Möglichkeit, Sprachverständnis in der Muttersprache zu testen, eröffnet neue Wege für die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Sprach- und Hörproblemen», so Schmid abschliessend.  

Zur Person

© Rahel Schmid

Christoph Schmid ist Ingenieur und arbeitet im Cochlea-Implantat-Team an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten am Inselspital, Universitätsspital Bern.

Angaben zur Publikation

Schmid C, Blatter S, Seifert E, Aebischer P, Kompis M. Development of a Speech Intelligibility Test for Children in Swiss German Dialects. Audiology Research. 2026; 16(1):16.