Entzaubert künstliche Intelligenz gerade den Menschen?

Die Digitalisierung scheint die Welt, wie wir sie kennen, komplett umzupflügen. Wie können wir den Wandel gestalten und dabei Werte verteidigen, die uns wichtig sind? Ein Gespräch mit Ernst-Joachim Hossner und Christiane Tretter, Leiter und künftige Leiterin der Digitalisierungskommission der Uni Bern.

Christiane Tretter und Ernst-Joachim Hossner stellen den Menschen ins Zentrum der digitalen Transformation.
Dies ist unser erstes Interview, das wir vom Programm Word mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) in Echtzeit transkribieren lassen. Welche neuen digitalen KI-Tools verändern gerade Ihre Arbeit?

Christiane Tretter: Wir haben dies kürzlich in einer Mathematikvorlesung thematisiert. Assistierende haben ChatGPT die Aufgaben der Erstjahresvorlesung lösen lassen. Das Programm lag bei zwei von fünf Aufgaben richtig – wäre also durchgefallen. Bei einer anderen Aufgabe schien die Lösung zwar plausibel, war aber durch einen gravierenden Fehler dennoch komplett falsch. Es gibt trotzdem viele Möglichkeiten an der Uni, das Programm einzusetzen: Man könnte zum Beispiel die Aufgaben von ChatGPT lösen lassen und die Lösungen danach selbst nachprüfen. Bei meinen Tests waren die Antworten sehr davon abhängig, wie die Fragen gestellt wurden. Man muss wissen, was das Programm kann und was nicht. Einen mathematischen Begriff hat es einem Geiger zugeordnet anstatt einem Mathematiker. Dafür kann es gut programmieren, habe ich mir sagen lassen.

Ernst-Joachim Hossner: Wir sind erst auf der Ebene Spielerei – dennoch finde ich es wirklich beeindruckend, was solche Tools können, und bin gespannt auf die weiteren Entwicklungen. Sie sind da, und man muss einen Umgang damit finden. Wir sind mittendrin, an der Universität eine Digitalisierungsstrategie umzusetzen, und sind gleichzeitig selbst unmittelbar betroffen.

Wie das?

Hossner: Auch ganz persönlich: Ich liebe es, Texte zu verfassen und zu redigieren, als Hochschullehrer definiere ich mich darüber. Dies demnächst vielleicht einer überlegenen KI-Software abgeben zu müssen, macht mir Sorgen.

Tretter: Ich weiss nicht, wie begründet solche Sorgen sind. Es gibt den Begriff des «stochastischen Papageis». Er umschreibt, dass ein Algorithmus, basierend auf erkannten Mustern in bisherigen Daten – in diesem Fall von Texten –, die jeweils wahrscheinlichste Fortsetzung bestimmt. Man kennt das von der Google-Suchmaschine, die einem im Suchfeld die Wörter anbietet, die mit grösster Wahrscheinlichkeit als Nächstes kommen. Genau so funktioniert ChatGPT auch: Es ermittelt das jeweils wahrscheinlichste nächste Wort und setzt so ganze Texte zusammen. Das Charakteristische der menschlichen Intelligenz hingegen ist eher das Unerwartete. Kann ChatGPT auch das Unerwartete?

Papagei oder nicht Papagei – ist das die Frage?

Hossner: In den letzten Jahrhunderten hat die Wissenschaft den Menschen zunehmend entzaubert – unsere Einzigartigkeit wird immer schwieriger zu verteidigen. Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich mehr sind als stochastische Papageien mit einer geringeren Datenbasis. Ist das Kreative etwas grundsätzlich anderes? Oder passiert da gerade die nächste grosse Entzauberung?

Tretter: Mich beunruhigt eher eine Spaltung der Gesellschaft in Personen, die verstehen, was hinter der KI steckt, und die Vor- und Nachteile erkennen – und die anderen. Für ein besseres Verständnis muss man eines der bei uns eher unbeliebten MINT-Fächer studiert haben, und hier befürchte ich, dass wir in den kommenden Generationen zu wenige solche Absolventinnen und Absolventen haben werden.

«Das Charakteristische der menschlichen Intelligenz ist eher das Unerwartete. Kann ChatGPT auch das Unerwartete?»

Christiane Tretter

Wer Naturwissenschaften studiert hat, ist hier im Vorteil? Wie verhindern wir, dass die anderen den Anschluss verlieren?

Tretter: Zumindest gewisse Grundlagen für den Umgang sollten in Zukunft alle lernen.

Hossner: Genau. An Universitäten sollte dieser Umgang mit digitalen Welten im Grundstudium für alle Fachrichtungen verpflichtend werden. Wie gehe ich mit Siri um? Wo lauern Gefahren? Wir sollten eine Klarheit darüber bekommen, was für uns wichtig ist – nicht nur in Bezug auf den Umgang, sondern auch auf die Rahmenbedingungen.

Wie meinen Sie das?

Hossner: Im Grunde geht es um die bewusste Gestaltung unserer Zukunft. Wollen wir beispielsweise Umwelten haben, die geeignet sind, um autonom darin Auto fahren zu können? Oder wollen wir eine Umwelt, die auf uns als Menschen zugeschnitten ist? KI und Digitalisierung bieten Chancen, doch welche das sind, bestimmen wir mit, indem wir die Rahmenbedingungen stecken.

Wie würden Sie solche Rahmenbedingungen setzen?

Hossner: Der grosse Unterschied zwischen Mensch und KI ist meiner Meinung nach die Empathie: Auch wenn KI das juristische Staatsexamen bestehen kann, möchte ich trotzdem vor Gericht einen Menschen haben, der sich in mich hineinfühlen kann und die Besonderheiten der Situation sieht. Das zeigten auch die Möglichkeiten der Digitalisierung, an die wir uns während der Pandemie gewöhnen mussten: Wir empfanden es als positiv, digitale Konferenzen führen zu können. Doch es wurde auch schnell klar, dass die realen Kontakte fehlten.

«KI und Digitalisierung bieten Chancen, doch welche das sind, bestimmen wir mit, indem wir die Rahmenbedingungen stecken.»

Ernst-Joachim Hossner

Die Empathie ist also gewissermassen unser Hoheitsgebiet. Wie zuversichtlich sind Sie, dass dies so bleibt?

Hossner: Es ist meine Hoffnung. Doch was gewisse Berufsfelder angeht, gerade solche, die stark algorithmisiert sind, bin ich mir, was das eigene Hoheitsgebiet angeht, nicht sicher.

Tretter: Auch bei nicht algorithmisierten Berufsfeldern wie Callcentern gibt es diese Unsicherheit: Die KI am anderen Ende der Leitung kann Empathie imitieren und uns täuschen. Die Gefahr besteht vor allem auch für Kinder. Als Eltern kann man sich Gutenachtgeschichten von einer KI schreiben lassen. Erwachsene würden beim Hören wohl merken, dass im Vergleich zu von Menschen verfassten Geschichten etwas fehlt – eine gewisse Authentizität oder Nachvollziehbarkeit der Ereignisse. Kinder können dies vielleicht nicht auseinanderhalten, da es ihnen an Erfahrung und Intuition fehlt.

Könnten wir denn auf diese digitalen Hilfsmittel verzichten?

Tretter: Es gibt Bereiche, beispielsweise in der Medizin, in denen sie unausweichlich sein werden. Nehmen wir etwa die Augenheilkunde: Die Anzahl der älteren Menschen wächst exponentiell und somit auch die Anzahl Augenerkrankungen. Die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte hingegen wächst nur linear. Es wird in Zukunft daher nicht die Möglichkeit geben, bei der Diagnose zwischen Mensch und Maschine zu wählen – sondern nur zwischen Nichtdiagnose und Maschine.

Ist das grundsätzlich schlecht?

Tretter: In Berufsfeldern, in denen sehr viel Wissen wichtig ist, etwa in der Medizin, gibt es durchaus viele Verbesserungsmöglichkeiten. Eine KI kann auf viel mehr Wissen zugreifen als eine Ärztin oder ein Arzt und daher in vielen Fällen präziser diagnostizieren. Allerdings geht damit auch immer ein Risiko einher, denn niemand weiss, welche Daten zum Training der KI benutzt wurden.

Was ist denn eigentlich das Problem, wenn niemand die Trainingsgrundlage der KI kennt?

Tretter: Ich finde den Begriff der künstlichen Intelligenz – oder «artificial intelligence» – grundsätzlich unpassend. Ich bin Anhängerin des Konzepts der erweiterten Intelligenz, also der «extended intelligence». Denn letztere blendet den menschlichen Effekt nicht aus – also, dass Menschen diese Daten ausgewählt haben, mit denen die Maschinen trainiert worden sind. Diese Auswahl bildet nie die ganze Wahrheit ab – und entsprechend zeigt auch das Ergebnis der KI kein vollständiges Bild, sondern eines, das blinde Flecken enthält. Welche blinden Flecken das sind, ist jedoch kaum nachvollziehbar. Das macht es schwierig, die Kontrolle zu behalten und zu durchschauen, wie diese Dinge funktionieren.

Weiterbildung

Gestärkt

Die Universität Bern bietet diverse Weiterbildungsstudiengänge zur Stärkung persönlicher Kompetenzen in der digitalen Transformation.
Selbst wenn wir die Kontrolle behalten sollten: Werden KI und die Digitalisierung als solche dennoch zu gesellschaftlichen Umwälzungen führen?

Tretter: Digitale Tools können eine Bedrohung für die Chancengleichheit sein. Ich bin die erste Person in meiner Familie, die ein Gymnasium und eine Universität besuchen konnte. In meiner Generation gab es viele Doktorierende, deren Eltern Metzger, Verkäuferinnen oder Handwerker waren. Natürlich hat uns damals die Schule geholfen beim sozialen Aufstieg, aber es gab auch nur zwei Fernsehprogramme, ich konnte fast nicht anders, als 13 Abende lang «Die Buddenbrooks» zu sehen. Heute fluten Social-Media-Plattformen die Köpfe mit süchtig machenden Inhalten, und ein Algorithmus entscheidet, was «zu einem passt». Akademische Eltern wissen eher, wie sie ihre Kinder vor diesen Fallen schützen.

Hossner: Genau. Ob man vor allem Wikipedia nutzt oder TikTok, hat einen grossen Einfluss auf die Chancen im späteren Leben. Wenn Menschen digitale Tools ohne Gespür für souveräne Lebensführung einfach nur konsumieren, macht mir das Sorgen. Wenn man nur noch erfährt, was zum eigenen Meinungsbild passt, entstehen auch Informationsblasen; das kann politisch dramatische Auswirkungen haben, wie wir vielerorts sehen. Im Kern gehen damit die Errungenschaften der Aufklärung verloren. Man kann das daher auch als wesentlichen Auftrag der Universität begreifen: Absolventinnen und Absolventen in die Gesellschaft zu entlassen, die mit ihrem selbstbestimmten, souveränen Umgang mit dem digitalen Wandel als Multiplikatoren wirken.

«Digitale Tools können eine Bedrohung für die Chancengleichheit sein.»

Christiane Tretter

Was ist hier echt, was ist fiktiv? Dieses Bild haben Fotograf Dres Huchacher und Grafiker Eric Zankl mithilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt. Mehr dazu hier.

 

Die Universität als Hort der Aufklärung?

Hossner: Ja, absolut, da bin ich Traditionalist. Ich bin sonst nicht konservativ, aber das ist mir wirklich ein Anliegen. Bezüglich Profilierung ist es eine Chance für eine Volluniversität, an dieser Stelle Duftnoten in die Gesellschaft zu setzen.

Ist es nicht ein zu hoher Anspruch, dass die Universität in die Gesellschaft wirken und solche Megatrends beeinflussen kann?

Hossner: Seien wir ein wenig anspruchsvoll. Ich finde, das ist ein Auftrag im Umgang mit Studierenden. In der Sportwissenschaft beispielsweise ist die Körperlichkeit ein wichtiger Aspekt. Man ist im eigenen Körper und mit diesem Körper in dieser Welt zu Hause – doch diese Körperlichkeit kommt in der digitalen Welt zunehmend abhanden.

Tretter: In dieser Diskussion wird ein Aspekt ausgeblendet: Ohne Universitäten gäbe es keine KI. Wir produzieren die Absolventinnen und Absolventen weltweit, die digitale Welten erschaffen können. Wir sind die Quelle des Ganzen.

Hossner: Ich möchte das bestreiten. Mein Schwager arbeitet seit Jahrzehnten im Silicon Valley. Dort wird vielleicht noch Stanford als Universität anerkannt, aber ansonsten machen die ihren Laden selbst.

Tretter: Aber die Mitarbeitenden der grossen Techfirmen kommen alle von Universitäten.

Hossner: Ich habe trotzdem nicht den Eindruck, dass Aufklärung das zentrale Thema im Silicon Valley ist.

Nachwuchsförderung

Innovativ

Perspektivprojekte eröffnen jungen Forschenden die Möglichkeit, für digitalisierungsbezogene Projektideen Unterstützung zu beantragen.

«Im Zentrum der digitalen Transformation steht der Mensch», heisst es in der Digitalisierungsstrategie der Universität Bern. Ist das nicht selbstverständlich?

Tretter: Für uns vielleicht schon, für die angesprochenen Firmen vielleicht nicht immer, da stehen eher Geschäftsinteressen im Vordergrund.

Warum dieser strategische Fokus auf den Menschen?

Hossner: Das passt zu unserer Uni, zu unserer Volluniversität, insbesondere im Vergleich zu technischen Universitäten, die keine Volluniversitäten sind. Die Frage betrifft alle Fachbereiche, sämtliche Fakultäten, und diese Breite können wir ausspielen. Ein Beispiel: Man kann KI in der Medizin nicht als Diagnosetool einsetzen, ohne dass dies grundlegende Fragen aufwirft. Was, wenn die KI eine Diagnose trifft, die der Arzt oder die Ärztin nicht teilt? Da kommen wichtige ethische, juristische und humanwissenschaftliche Fragen ins Spiel.

Tretter: Ich sehe keinen Gegensatz zwischen technischen Universitäten und anderen. Die Rolle der Naturwissenschaften geht weit über die Vermittlung grundlegender Kompetenzen hinaus und umfasst auch den verantwortungsvollen Umgang mit der digitalen Transformation. Das Konzept der «erweiterten» statt «künstlichen» Intelligenz betont genau diesen Punkt: dass der Mensch diese Instrumente gestalten und zu seinem Nutzen verwenden soll. Wenn die Gesellschaft insgesamt das Gefühl bekommt, dass diese KI-Methoden nur ein kleinerer Kreis von Leuten versteht und man diesen KI-Methoden hilflos ausgeliefert ist, dann ist die nächste Spaltung vorprogrammiert – wie bei der Pandemie. Das halte ich für eine Gefahr, auch politisch, in allen Gesellschaften. Deshalb muss man daran arbeiten, zu erklären, was KI ist, und die Souveränität der Menschen stärken. Die Menschen sollten den Eindruck haben, dass sie hier mitreden können und jemand da ist, der die dazu notwendigen Informationen vermittelt.

Hossner: Auch deshalb haben wir öffentliche Veranstaltungsreihen ins Leben gerufen, in denen wir uns mit aktuellen Entwicklungen auseinandersetzen.

Veranstaltungen

Debatte und Reflexion

Jeweils im November findet eine öffentliche Vortragsreihe zum Leitthema «Mensch in digitaler Transformation» mit Beiträgen  international renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler statt. Reflexion

Die Reihe «Kritische Perspektiven auf Digitalisierung» versteht sich als Reflexionsformat, das Annahmen über Digitalisierung offenlegt und untersucht, inwiefern Technik, Wissenschaft und Gesellschaft miteinander verwoben sind.

Die Digitalisierungsstrategie wurde demokratisch und unter Einbezug aller Fakultäten und Stände erarbeitet. Man möchte die digitale Transformation von den Menschen her denken, also auch von den Angehörigen der Universität her, und sie einbeziehen. Das geht kaum schnell. Ist die Universität agil genug?

Hossner: Die Digitalisierungskommission umfasst die geringstmögliche Teilnehmendenzahl unter Berücksichtigung aller Fakultäten, Zentren und Stände. Das sind zwar immer noch 13 Personen, aber von der Selbstdefinition her haben wir uns auf die Fahne geschrieben, nicht hauptsächlich dafür zu sorgen, dass so viel Geld wie möglich in die eigene Fakultät fliesst, sondern zu fokussieren: Was sind die interessanten Fragen zum Thema «Mensch in digitaler Transformation»? Wie bekommen wir Leute auf Plattformen, beispielsweise thematischen Fokusgruppen, zusammen, sodass sie in einen Austausch kommen? So schaffen wir Agilität.

US-amerikanische und chinesische Universitäten dürften trotzdem schneller vorangehen.

Hossner: Ich kenne hierarchische Universitäten von meiner Zeit in Grossbritannien. Wir haben hier im Vergleich sehr viel Freiraum, wir sind selbst verantwortlich, diese Universität voranzubringen – und genau das ist zentral für unsere weltweite Positionierung: Sich diese Freiheit zu erhalten, ist strategisch wichtig im Wettbewerb. Es braucht diese Luft, um innovativ zu bleiben. In Grossbritannien habe ich wenig gearbeitet, dafür aber ständig nachgewiesen, dass ich toll arbeite. Das mindert die Möglichkeiten, kreativ zu sein. Kurz: Wir machen wenig Kompromisse im Hinblick auf Agilität, beteiligen trotzdem alle und erhalten unsere Freiheit.

Tretter: Der Prozess, sich mit dem digitalen Wandel auseinanderzusetzen, hat bei uns vielleicht etwas spät eingesetzt. Ein Unterschied ist schon, dass in den USA Neuerungen grundsätzlich als etwas Positives angesehen werden, «disruptive Technologien» ist der schlagende Begriff – das ist bei uns vielleicht tendenziell anders. Es ist auch nicht nur schlecht, dass man sich etwas zuerst kritisch ansieht, es darf einfach nicht in eine Blockadehaltung umschlagen.

Die agile Struktur erlaubt jetzt zum Beispiel, konkrete Forschungsprojekte anzustossen und damit Impulse zu setzen.

Hossner: Ja, aktuell identifizieren wir, wer bereits in diesem Themengebiet aktiv ist, wir vernetzen und sorgen dafür, dass fakultätsübergreifende Forschung in Gang kommt. Die nächste Phase wird dann sein, das Ganze zu strukturieren und eine sichtbare Aussenwirkung zu erzielen.

Tretter: Es war interessant zu sehen, dass die Kommissionsmitglieder tendenziell Projekte aus der eigenen Fakultät oft sehr kritisch bewertet haben. Am Ende waren wir uns ziemlich einig, was wir der Universitätsleitung zur Förderung vorschlagen wollen, trotz unseren sehr verschiedenen Hintergründen.

Was zum Beispiel?

Tretter: Ein Projekt, das mich beeindruckt hat, will die Planung von Schichten im Gesundheitswesen verbessern. Algorithmen sollen es ermöglichen, den Wünschen und Randbedingungen der Individuen mehr Gewicht zu geben. Wenn jemand beispielsweise in einem Monat schlecht wegkommt, wird dies im nächsten Monat ausgeglichen. Dabei geht es auch darum, einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel zu leisten, indem Gesundheitspersonal im Job gehalten werden kann.

Forschung

Profiliert

Die Universitätsleitung hat in einer ersten Phase neun Profilierungsprojekte zum Thema Mensch in digitaler Transformation bewilligt. Nun läuft die Ausschreibung 2023.

«An Universitäten sollte der Umgang mit digitalen Welten im Grundstudium für alle Fachrichtungen verpflichtend werden.»

Ernst-Joachim Hossner

Was ist hier echt, was ist fiktiv? Dieses Bild haben Fotograf Dres Huchacher und Grafiker Eric Zankl mithilfe einer künstlichen Intelligenz erstellt. Mehr dazu hier.

Welche Impulse setzen Sie bei der Lehre?

Hossner: Ein Beispiel: Als Dozierende sind wir durch ChatGPT herausgefordert. Dazu startet die Uni nun ein eigenes Forschungsprojekt, von dem wir ganz konkret profitieren wollen. Anstatt hemdsärmeliger Ratschläge, was nun zu tun und zu lassen sei, erforschen wir das Thema und erhalten harte empirische Resultate. Wir beziehen also das Thema «Mensch in digitaler Transformation» auf uns selbst und unsere Studierenden. Das Konzept dazu hat die Fokusgruppe «Digitale Lehre» erarbeitet, die Universitätsleitung hat das Budget gesprochen.

In der Pandemie wurde die Lehre innert drei Tagen komplett auf digital umgestellt. Wie lehren Sie heute?

Hossner: Die Möglichkeiten durch digitale Lernplattformen und Podcasts haben die Lehre dramatisch verändert. Inzwischen haben wir komplett durchkonzertiertes Material zu jeder Vorlesungseinheit, und wenn eine Vorlesung mal nicht schon zwei Stunden später als Podcast zur Verfügung steht, dann kriege ich böse Mails von Studierenden. Wir haben aktuell noch eine Vorlesungsstruktur, und da frage ich mich schon häufig: Was mache ich jetzt hier eigentlich, wenn die Hälfte der Studierenden das, was ich jetzt sage, erst einen Tag vor der Prüfung hört?

Tretter: Bei uns fragt inzwischen niemand mehr nach Podcasts. Es erfordert eine unglaublich hohe Selbstdisziplin, mit Podcasts selbst zu lernen. Das haben ja vielleicht inzwischen auch viele erkannt. Der Anreiz, etwas, das live stattfindet, zu besuchen, ist ohne Podcasts grösser, das ist einfach menschlich – sonst verschiebt man es lieber auf später. Ich halte auch keine Powerpoint-Präsentationen, obwohl das für mich viel einfacher wäre, als alles live an der Tafel aufzuschreiben, sodass ich mich richtig konzentrieren und vorbereiten muss. Das Echte ist vielleicht doch besser.

Lehre

Kompetent

Durch Digitalisierung kann gute Lehre noch besser gemacht werden. 

Zur Stärkung der digitalen Kompetenzen in der Lehre wurden zudem mehrere Projekte lanciert. 

Für Studierende stehen digitale Lerneinheiten zur Verfügung, die geziele Kompetenzen für die (digitale) Zukunft vermitteln. 

Darüber hinaus werden Forschungsprojekte zur Digitalisierung der Lehre gefördert. Die Universität Bern ist ausserdem eine der Gründerhochschulen von BeLEARN, einer Initiative des Kantons Bern zur Digitalisierung der Bildung:
Sie schreiben also immer noch mit der Kreide an die Tafel?

Tretter: Nicht «immer noch», das ist neurologisch geboten, würde ich sagen: Mathematik zu erfassen, ist ein sehr komplexer Vorgang für das Gehirn, den man nicht beschleunigen kann. Unterdessen kommen auch Dozierende in Biomedical Imaging für ihre Veranstaltungen extra zu uns, weil wir noch Wandtafeln haben.

Hossner: Gute Erfahrungen haben wir an unserem Institut mit der Abschaffung der Grundlagenvorlesungen im Master gemacht. Und im Bachelor gibt es in Zukunft stattdessen jeweils am Montag einen Input, zu dem man live hingehen kann, der aber auch digital untermauert wird mit ordentlich aufbereiteten Erklärvideos. Die praktische Anwendung der Montagseinheit findet dann am Freitag in der Sporthalle statt. Dazwischen gibt es noch eine Aufgabe, um die Studierenden am Thema zu halten und sie mit anderen Studierenden in Verbindung zu bringen. Es geht also darum, einen souveränen Umgang mit den neuen Möglichkeiten zu entwickeln.

Im Jahr 2030 beginnt eine Studentin ihr Bachelorstudium an der Uni Bern. Bemitleiden oder beneiden Sie sie?

Hossner: Wenn ich das auf einen Satz bringe: Ich beneide die Studentin im Jahr 2030, weil wir es bis 2030 geschafft haben, als Uni sämtliche Herausforderungen zu meistern.

Tretter: Universitäten gehören zu den wenigen Institutionen, die bereits Jahrhunderte überdauert und dabei zahlreiche Krisen gemeistert haben: Sie sind anpassungsfähig, sie sind leistungsfähig, sie bauen auf die Kreativität von jungen Menschen. Ich glaube, das sind günstige Voraussetzungen dafür, dass eine Studentin im Jahr 2030 auch den dann wieder neuen Herausforderungen zuversichtlich ins Auge sehen kann.

Hossner: Ein bisschen ernster geantwortet als vorhin: Ein wenig Mitleid habe ich mit der Studentin, weil die Wissensbasis immer unsicherer wird und immer schneller veraltet. Aber auch das hat etwas Positives, denn das ist ja vielleicht auch total interessant. Auf jeden Fall hält es einen frisch. Und die Studentin 2030 wird hoffentlich erleben, dass dank guten und sinnvoll eingesetzten digitalen Werkzeugen mehr Zeit bleibt für das persönliche Gespräch, für Reflexion und Austausch – das, was uns Menschen ausmacht.

Fachstelle

Koordiniert

Erste Anlaufstelle für strategische Fragen zum Thema digitale Transformation ist die Fachstelle Digitalisierung. Sie koordiniert die Entwicklung und Umsetzung der universitätsweiten Digitalisierungsstrategie und ist für die entsprechenden Governance Strukturen und -Richtlinien verantwortlich.

Kontakt

Leiter: Dr. Sascha Tayefeh, sascha.tayefeh@unibe.ch

Zur Person

Ernst-Joachim Hossner

ist Professor am Institut für Sportwissenschaft und Präsident der Digitalisierungskommisson der Universität Bern. Seine Forschungsinteressen umfassen Wahrnehmungs-Handlungs-Kopplung, effektorientierte Bewegungskontrolle und interdisziplinäre Sportwissenschaft.

Kontakt:

Prof. Dr. Ernst-Joachim Hossner, Institut für Sportwissenschaft, Universität Bern, ernst.hossner@unibe.ch

Zur Person

Christiane Tretter

ist Professorin am Mathematischen Institut und übernimmt 2024 das Präsidium der Digitalisierungskommission der Universität Bern. Ihre Forschungsinteressen umfassen Differentialoperatoren, Spektraltheorie und mathematische Physik.

Kontakt:

Prof. Dr. Christiane Tretter, Mathematisches Institut (MAI), Universität Bern, christiane.tretter@unibe.ch

Strategie 2030

Digitale Transformation

«Mensch in digitaler Transformation» ist für die Universität Bern Rahmen und Richtschnur für die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Digitalisierung. Sie nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung, um die Forschung, die Lehre, die Weiterbildung und die Dienstleistungen stetig zu verbessern. Sie nimmt bei der digitalen Transformation der Bildung eine aktive Rolle wahr und beteiligt sich am Austausch zwischen den verschiedenen Bildungsinstitutionen. Darüber hinaus will die Universität die Digitalisierung einsetzen, um möglichst effizient, effektiv und nachhaltig zu agieren.

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Dieser Artikel erschien erstmals in uniFOKUS, dem neuen Printmagazin der Universität Bern. uniFOKUS zeigt viermal pro Jahr, was Wissenschaft zu leisten vermag. Jede Ausgabe fokussiert aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf einen thematischen Schwerpunkt und will so möglichst viel an Expertise und Forschungsergebnissen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bern zusammenführen.

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