Klimaforscherin im Porträt
Die Wolkenjägerin
Die Berner Klimaforscherin Franziska Aemisegger flog in einem Propellerflugzeug stundenlang unter Wolken über dem Nordatlantik. Im Porträt erklärt sie, was sie damit herausfinden will und warum sie ihre Forschungskarriere einem berühmten französischen Autor verdankt.
Leiden Sie an Flugangst? Dann wäre Franziska Aemiseggers Job nichts für Sie: Einen Grossteil des Februars verbringt die Berner Klimaforscherin als Messoperatorin in einer kleinen zweimotorigen Cessna der Technischen Universität Braunschweig. Im Rahmen der internationalen Messkampagne «NAWDIC» (siehe Infobox) steigt sie fast täglich in den Himmel. Jeder der insgesamt 18 Flüge dauert rund drei Stunden.
Das Flugzeug kreist während der Messflüge möglichst dicht unterhalb der Wolken. «Dort werden die Wolken mit feuchter Luft gefüttert, was die Niederschlagsbildung antreibt», erläutert Aemisegger. «Für Wettersatelliten ist dieser Bereich unter den Wolken unsichtbar. Die Prozesse, die sich dort abspielen sind aber sehr wichtig für Wettermodelle und -prognosen.» Von NAWDIC erhofft sich die Forscherin ein besseres Verständnis dafür, wie über dem Nordatlantik Winterstürme entstehen. Wann und wo Wolken ausregnen, spielt dabei eine wichtige Rolle.
Ein Laserspektrometer als Sitznachbar
Den sowieso schon eingeschränkten Platz in der Passagierkabine der Cessna teilt sich Aemisegger mit ihrem Team, einem Laserspektrometer sowie mit Kollegen des Karlsruher Institut für Technologie und deren Equipment. Das Laserspektrometer – eine Einzelanfertigung speziell für Flugmessungen – saugt über einen Schlauch Feuchtigkeit aus der Atmosphäre an und misst die Konzentration der darin enthaltenen Wasserisotope.
Die Forscherin interessiert sich besonders fürs Isotop Deuterium, eine «schwere» Form von Wasserstoff: Im Gegensatz zu «gewöhnlichem» Wasserstoff enthält der Atomkern von Deuterium neben einem Proton auch ein Neutron. Schweres Wasser kondensiert eher und wird daher bei Niederschlag rascher aus der Luft entfernt. Der Deuterium-Anteil ist laut Aemisegger somit ein Indikator dafür, wie viel Niederschlag Wolken produzieren können.
Infobox NAWDIC
Die Flüge mit dem Laserspektrometer waren Teil der internationalen Messkampagne NAWDIC (North Atlantic Waveguide, Dry Intrusion, and Downstream Impact Campaign). Ziel des Projekts ist es, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie über dem Nordatlantik Winterstürme entstehen. Auf dieser Basis sollen künftig genauere Wetterprognosen entwickelt und Veränderungen der Sturmintensität und -frequenz im Zuge der globalen Erwärmung festgehalten werden. NAWDIC fand von Anfang Januar bis Ende März unter der Leitung des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) in der Bretagne in Nordfrankreich und Irland statt. Das Projekt umfasste 51 Institutionen aus 13 verschiedenen Ländern. Die Schweiz war mit drei Institutionen vertreten: der ETH Zürich, Meteo Schweiz und der Universität Bern.
Inzwischen ist Aemisegger wohlbehalten an die Universität Bern zurückgekehrt, zusammen mit ihrem Team und fünf Master-Studierenden, die sie in die Bretagne begleiteten. «Ziemlich ausgepowert» sei sie nach der Kampagne gewesen, sagt die Forscherin rückblickend. Trotz der Strapazen leuchten ihre Augen beim Erzählen. «Ich habe mich drei Jahre lang auf NAWDIC vorbereitet. Live mitzuerleben, wie das Laserspektrometer diese lang ersehnten Messungen aufzeichnet, war unbeschreiblich!»
Aemisegger und ihr Team haben nun gemeinsam mit Forschenden der ETH Zürich damit begonnen, die Daten auszuwerten. Die Forschenden greifen hierzu nicht nur auf die Messungen des Laserspektrometers zurück, sondern auch auf Regenproben, welche die Master-Studierenden mit Messbehältern gesammelt haben. Diese Messungen sollen mit Satellitendaten und hochaufgelösten Wettermodellen kombiniert werden.
So anstrengend die NAWDIC-Kampagne auch war – die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt, wie Aemisegger betont. Die Auswertung aller Daten dürfte mehrere Jahre dauern. Aemiseggers Begeisterung tut das keinen Abbruch. Unsicherheiten systematisch durch Klarheit zu ersetzen, darin sieht sie den Kern ihrer Aufgabe: «Als Wissenschaftlerin bin ich in einer privilegierten Position. Ich schaffe ein neues Verständnis für Prozesse, die in der Atmosphäre ablaufen. Ich kreiere Wissen.»
Die Diplomatin
Franziska Aemisegger wurde 1985 in Zürich als ältestes von drei Kindern geboren. Als sie vier Jahre alt war, zog die Familie nach Lausanne. Integrationskurse für Kinder gab es damals keine. Im Kindergarten und später in der Schule sprach ausser ihr niemand Schweizerdeutsch. Aemisegger begriff früh, dass sie rasch Französisch lernen musste, wenn sie den Anschluss an die anderen Kinder nicht verlieren wollte.
Von unschätzbarem Wert waren dabei die Bücher von Antoine Saint-Exupéry, die Aemisegger bereits in jungen Jahren verschlang. «Der Kleine Prinz» verhalf dem französischen Autor in den 1930ern zwar zu Weltruhm. Seine Leidenschaft galt aber zeitlebens der Fliegerei. Mehrfach endeten seine Versuche, Streckenrekorde aufzustellen, in Bruchlandungen – und Stoff für neue Romane und Novellen.
Zur Person
Franziska Aemisegger ist Klimaforscherin und befasst sich mit der Dynamik des atmosphärischen Wasserkreislaufs. Ihre wissenschaftliche Arbeit ist angetrieben von der Faszination für die Prozesse, welche ein Wassermolekül durchläuft – von der Verdunstung im Ozean, über den Transport durch Wettersysteme bis zur Wolkenbildung und Versickerung als Teil eines Regentropfens im Boden. Aemisegger promovierte 2013 am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich, wo sie bis 2023 forschte. 2024 gründete sie an der Universität Bern die Forschungsgruppe Cloud Dynamics. Die Gruppe ist am Geografischen Institut und am Oeschger Zentrum für Klimaforschung OCCR angesiedelt.
«Saint-Exupéry war von einem tiefen Entdeckungsdrang getrieben, der ihn die Erfahrung des Unbekannten suchen liess», sagt Aemisegger. Dieser Drang, gepaart mit der humanistischen Haltung des Autors, inspirierten und beeindruckten sie schon als Kind. «Ohne ihn wäre ich vielleicht nie in die Forschung gegangen», erzählt sie. «In seinen Büchern schildert er, wie er sich oben in den Wolken zwar klein fühlte, aber aufgrund seiner Kameradschaft zu anderen Piloten geborgen fühlte. Dieses Gefühl konnte ich während meiner Flüge für NAWDIC sehr gut nachvollziehen.»
Ihre Herkunft erweist sich bei der Messkampagne als grosser Vorteil für die Forscherin: Ihr Status als zweisprachige «neutrale Schweizerin» führte dazu, dass sie oft als Vermittlerin zwischen den verschiedenen Teams aus Deutschland und Frankreich fungierte. Die Wissenschaft als Brückenbauerin – das ist Aemiseggers Idealbild. Wissenschaft, so ihre Überzeugung, bringt Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen, Ländern und Kulturen zusammen: «Ohne interdisziplinäre und internationale Kooperation hätte ein derart grosses Projekt wie NAWDIC nicht funktioniert.» Gerade in der heutigen, von Konflikten geprägten Zeit, ist es ihr wichtig, dieses verbindende Element hervorzuheben.
Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung
Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es bringt Forscherinnen und Forscher aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen. Das OCCR forscht interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften. Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung wurde 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war.
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