Klimaforscher mit handwerklichem Hintergrund

Patrick Bigler hat als Klimawissenschaftler einen mobilen Messturm entwickelt, der eine präzisere Messung des Berner Stadtklimas ermöglichen soll. Und als gelernter Metallbauer konstruiert er ihn auch gleich selbst.

Als gelernter Metallbauer und Metallbaukonstrukteur ist Patrick Bigler beim Schweissen ganz in seinem Element.
Als gelernter Metallbauer und Metallbaukonstrukteur ist Patrick Bigler beim Schweissen ganz in seinem Element.

Es riecht nach Schmierfett, und es rauscht die Abluftanlage. Bevor Patrick Bigler die vier Stahlelemente auf seiner Werkbank zusammenschweisst, kontrolliert er deren Ausrichtung. Wenn beim Grundrahmen etwas nicht stimmt», erklärt er, «wird auch alles was, ich oben draufbaue, schräg.» Der Klimaforscher, der in seinem ersten Berufsleben Metallbauer und Metallbaukonstrukteur war, arbeitet an einer selbst entwickelten Konstruktion für Temperaturmessungen. In seiner vollen Grösse wird dieser modulare Messturm fünf Meter hoch sein und bei «Urban Climate Bern» zum Einsatz kommen, einem grossangelegten Projekt, in dem die Gruppe für Klimatologie des Oeschger-Zentrums an der Universität Bern seit 2018 das Stadtklima erforscht.  

Bis anhin wurden die dazu nötigen Messdaten mit einem Netz von rund 80 fixen Messstationen erhoben, deren Sensoren im Zehnminutentakt die Temperaturen aufzeichneten. Die Daten dienen nicht zuletzt als Grundlage für den «Bernometer», einer 2024 lancierten Hitze-App, an deren Entwicklung Patrick Bigler beteiligt war. 

Exportartikel Temperaturmessnetz 

Neben dem Berner Messnetz sind in den vergangenen Jahren Netze in Biel und Thun dazugekommen. Zurzeit werden nach dem Vorbild der Aarestadt auch in Neapel und Lyon Temperaturmessnetze aufgebaut. Die Vorteile des Berner Systems: die selbstgebauten Geräte sind leicht, damit unkompliziert zu installieren, und sie sind sehr kostengünstig. Ein Schwachpunkt: Die Temperaturen werden – möglichem Vandalismus wegen – ausschliesslich auf einer Höhe von drei Metern über Boden gemessen. Um festzustellen, welchen Temperaturen die Menschen darunter ausgesetzt sind, zum Beispiel an Hitzetagen, ist diese Messhöhe nicht ideal.

Zur Person

Patrick Bigler hat an der Universität Bern einen Master in Klimawissenschaften gemacht und arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut und am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung.

Mit dem Erfolg wachsen zudem die Ansprüche: «Die Städte, die uns mit Messungen beauftragen, möchten zunehmend wissen, ob die Massnahmen wirken, die sie gegen die Sommerhitze ergreifen», erklärt Patrick Bigler. «Dazu brauchen wir detailliertere Messungen.» Vor diesem Hintergrund reifte bei den Berner Stadtklimatologinnen und -klimatologen die Idee eines Messturms, mit dem sich dank unterschiedlicher Messhöhen eine Art Temperaturprofil erstellen liesse. Doch welche Firma könnten so einen Turm herstellen, ohne den eingeschlagenen Low-Cost-Ansatz zu gefährden?

«Mit einem Materialbudget von tausend Franken baue ich euch so einen Turm.»

Patrick Bigler

«Ich», erklärte Patrick Bigler an einer Sitzung der Forschungsgruppe seelenruhig. «Mit einem Materialbudget von tausend Franken baue ich euch so einen Turm.» Bigler, damals noch Master-Student, nahm nicht etwa den Mund voll, sondern brachte lediglich seinen besonderen Werdegang ins Spiel – Klimawissenschaftler und Metallbauer: eine ziemlich seltene Kombination. 

Ein Unfall machte einen Neuanfang nötig 

Tatsächlich trägt Patrick Bigler in der Metallwerkstatt des Departements für Chemie, Biochemie und Pharmazie der Universität Bern, wo er Gastrecht geniesst, graue Arbeitskleidung aus seiner Zeit als Handwerker. Nach Abschluss zweier Berufslehren arbeitete er während vier Jahren in verschieden Unternehmen in Entwicklung, Planung und Montage. Dass er anschliessend auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nachholte und an der Universität Bern Geografie mit Physik im Nebenfach studierte, war so nicht geplant – nach einem schweren Arbeitsunfall war er gezwungen, sich neu zu orientieren. «Physik interessierte mich zwar schon lange, vor allem der physikalische Aspekt des Klimasystems», sagt Bigler rückblickend, «aber ohne den Unfall hätte ich mir einen Neuanfang mit einem Studium vielleicht nicht zugetraut.»

«Wenn man schon einmal im Berufsleben gestanden ist und einen vollen Lohn hatte, ist die Umstellung gross.»

Patrick Bigler

Mit über dreissig an einer Maturitätsschule für Erwachsene die Schulbank zu drücken, danach bis zum Masterabschluss in Klimawissenschaften weitere fünf Jahre ein Studentenleben zu führen und sich zugleich im Nebenerwerb das Leben zu verdienen, war eine grosse Herausforderung. «Wenn man schon einmal im Berufsleben gestanden ist und einen vollen Lohn hatte, ist die Umstellung gross», so der heutige wissenschaftliche Mitarbeiter in der Gruppe für Klimatologie. Fakt ist: Obwohl die Schweiz ein durchlässiges Bildungssystem kennt, bleiben Karrieren wie jene von Patrick Bigler eine Ausnahme. Andere Studierende mit einem handwerklichen Hintergrund, sagt er, habe er an der Uni noch keine kennengelernt.

In der Metallwerkstatt entsteht ein Turm, mit dem sich Temperaturen auf verschiedenen Höhen messen lassen. Er kommt im Forschungsprojekt «Urban Climate Bern» zum Einsatz.
In der Metallwerkstatt entsteht ein Turm, mit dem sich Temperaturen auf verschiedenen Höhen messen lassen. Er kommt im Forschungsprojekt «Urban Climate Bern» zum Einsatz.

Doch der 38-Jährige stört sich keineswegs an seinem kurvenreichen Lebenslauf. Und für einmal wieder an einer Werkbank zu stehen, ist nicht Verdruss, sondern willkommene Abwechslung. Bei der Entwicklung und beim Bau dieses Messturms könne er alles, was er gelernt habe, einbringen: «Ein prima Gefühl. In diesem Projekt ergänzen sich meine Vergangenheit und meine heutigen Interessen perfekt.» 

Gute Temperaturmessungen sind anspruchsvoll 

Patrick Bigler ist ein Wissenschaftler, der alle Aspekte seiner Forschungsarbeit verstehen will. Und dazu gehören nicht nur die Auswertung, das Modellieren und die Interpretation von Klimadaten am Computer, sondern auch deren Erhebung im Feld. «In der Klimawissenschaft arbeitet man Tag ein Tag aus mit Daten, aber kaum jemand macht sich Gedanken darüber, was es braucht, um diese so korrekt wie möglich zu messen.» Möglichst kostengünstig qualitativ gute Messungen zu machen, sei alles andere als trivial. Genau das aber ist der Anspruch des neuen Messturms. Zudem soll er möglichst einfach zu transportieren und aufzubauen sein. Und aus Nachhaltigkeitsüberlegungen ist er so konzipiert, dass er sich einfach umrüsten liesse, sollten bei Urban Climate Bern künftig mehr als Temperaturdaten gefragt sein. 

Zum Projekt «Urban Climate Bern»

Seit 2018 betreiben Klimaforschende der Universität Bern ein Messnetz zur Überwachung der Lufttemperatur in und um die Stadt Bern. Ziel ist es unter anderem, herauszufinden, wie gross ist der Wärmeinseleffekt tatsächlich ist, und wo er sich bemerkbar macht.

Seinen ersten Einsatz wird der Turm, der die Temperatur auf fünf verschiedenen Höhen misst, diesen Sommer auf dem WIFAG-Areal im Berner Wylerquartier haben. Dort gibt es sowohl asphaltierte wie grüne Flächen. Deshalb lassen sich aussagekräftige Messungen zu den Temperaturen über versiegeltem und unversiegeltem Boden anstellen. Gemessen werden soll gleichzeitig mit zwei Türmen, weshalb auch der Prototyp zum Einsatz kommt, den Patrick Bigler bereits vor einem Jahr gebaut hat. 

Gefragte Fähigkeiten 

Entspannt wirkt der Stadtklimaforscher, im Reinen mit sich selbst und der Welt. Der Eindruck täuscht nicht. Bald wird er Vater, und auch seine berufliche Zukunft als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist bis 2028 gesichert. Was danach kommt? «Es gibt viele Firmen, die sich mit Umweltmessungen beschäftigen, das ist mein Ding, in diesem Bereich möchte ich auch künftig arbeiten.» Die seltene Kombination von Fähigkeiten eines Forschers und Handwerkers werden auch ausserhalb der Uni gefragt sein. 

Oeschger-Zentrum für Klimaforschung

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es bringt Forschende aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen. Das OCCR forscht interdisziplinär an vorderster Front der Klimawissenschaften. Es wurde 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927 – 1998), einem in Bern tätigem Pionier der modernen Klimaforschung.

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